Hosp Anders leben - anders reich
1. Auflage 2024
ISBN: 978-88-6839-802-6
Verlag: Athesia-Tappeiner Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten von Leuten
E-Book, Deutsch, 160 Seiten, Format (B × H): 165 mm x 235 mm
ISBN: 978-88-6839-802-6
Verlag: Athesia-Tappeiner Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
„Dieses Buch enthält Texte, die zu meinem Bild von Südtirol gehören. Sie sind konstituiert von Erinnerungen, Erfahrungen und Studien zu Menschen (vor allem zu Menschen!) und Gegenden des Landes, in das ich vor mehr als einem halben Jahrhundert durch Heirat eingewandert bin und in dem ich mich mit der Neugier der Publizistin und mit Interesse für Land und Leute umgeschaut habe.“
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Vorwort
Dieses Buch enthält Texte, die zu meinem Bild von Südtirol gehören. Sie sind konstituiert von Erinnerungen, Erfahrungen und Studien zu Menschen (vor allem zu Menschen!) und Gegenden des Landes, in das ich vor mehr als einem halben Jahrhundert durch Heirat eingewandert bin und in dem ich mich mit der Neugier der Publizistin und mit Interesse für Land und Leute umgeschaut habe. Wenn ich eine Metapher finden sollte, um die Lage, die Position und zugleich die topografische Qualität des Landes zu bezeichnen, dann würde ich immer noch Südbalkon der Alpen darüberschreiben, obwohl es eine Fremdenverkehrsmetapher ist. Eine von den vielen, die über Südtirol in Umlauf sind. Diese ist noch am besten zu verdauen: Der Südbalkon ist ein bevorzugter Platz am Haus: luftig, sonnig, die Sicht geht weit hinaus und hinunter, da wird die Wäsche duftig trocken, der Mief der Nacht dunstet aus, und mit Fleiß und Dünger wachsen aus schmalen Blumenkästen Blütenkaskaden. Andere Topoi sind schwerer zu verdauen: Südtirol, das Land, wo sich Knödel und Spaghetti auf engem Raum begegnen (auf einem Teller womöglich? Wie abscheulich!). Diese Mischkulanz von „nördlicher“ und „südlicher“ Speise bescherte mir die Merian-Redaktion vor Jahren als Kopftext zu meinem Leitartikel für ihr Südtirolheft: Wo Italien beginnt, aber noch Deutsch gesprochen wird, wo alpine und mediterrane Kultur, Knödel und Spaghetti sich auf engem Raum begegnen … – Kulturbegegnung von Gnaden der Gastronomie. Heute ist diese Werbelinie nicht mehr ganz so undelikat wie früher, da heißt es, in Südtirols Küche verbinde sich auf dem Teller alpine Bodenständigkeit mit mediterraner Eleganz, oder so ähnlich. In meiner oberbayerischen Jugend fuhr ich oft ins Tiroi, wie man sagte. Das war eine Fahrt ins Nahe, weil ich nahe der Tiroler Grenze aufgewachsen bin, nichts Besonderes also. Immerhin war da eine bewachte Grenze und eine andere Währung. Aber das Besondere an Tirol war doch immer Südtirol, denn das war alpine Vertrautheit unter südlicher Sonne, wo man Italien schon spürte, ohne sich mit der Fremdsprache plagen zu müssen. So irgendwie das Angenehmste von beidem: gewissermaßen Italien ohne Italiens Schwächen. Neuerdings von jener Marketing-Gesellschaft, die Südtirol zu verkaufen hat, bei der Werbung Richtung Norden noch betont durch die Angabe Südtirol. Italia. Man möchte einerseits nicht mit dem österreichischen (Nord-)Tirol verwechselt werden. Andererseits profitiert man von der Assoziation Süden. Ein Marktvorteil. Klimagunst- und Vorbotenland. Das zieht, sagen die Meinungsforscher. Umgekehrt wirbt Südtirol in Italien drunten (Österreich ist draußen) mit den nicht-italienischen Gemüts-Ingredienzen im Geltungsbereich des Italienischen. Sauber, seriös und sehr anders, aber si parla italiano. Besonders zur Adventszeit, wenn die Weihnachtsmärkte mit ihrer Binnenexotik aus Loden, Schafwolle, Glühwein und Flitterkram in den Städten und Städtchen Südtirols Hunderttausende Italiener von drunten in Pkws, Bussen und Wohnmobilen anziehen. Oder im Sommer, nicht nur wie früher rund um Ferragosto, den Hochunserfrauentag, sondern seit der TV-Soap Un passo dal cielo und seit der Erhöhung der Dolomiten zum UNESCO-Welterbe den lieben Sommer lang. Wahrscheinlich ist Südtirol nicht nur eine der meist bereisten, sondern auch eine der meistbeschriebenen, -gefilmten, -fotografierten Gegenden Europas. Und wer aus dem europäischen Norden kommend (Norden als alles, was in Europa nördlich der Alpen liegt) Italien zustrebt und nicht absichtlich hohe Alpenübergänge ansteuert, muss zwangsläufig durch Südtirol durch. Als es noch Grenzbarrieren gab am Brenner, also zur Pass- und Zollkontrolle angehalten werden musste, da tranken die deutschen Italienurlauber dort ihren ersten Espresso und radebrechten: Uno espresso prego, manche schrieben auch eine erste Ansichtskarte (Bacci di Italia). Und dann nix wie hinunter an die Adria – oder ihren Vorposten, den Lago di Garda. Ostern bis Oktober, mindestens. Solche Eile, solche Ungeduld! Die Gegenwelt, weiterhin prospekttauglich, ist indessen noch immer da. Fotografen und Filmleute verbreiten weiterhin gern ihr Südtirol-Bild: Der abgelegene Einzelhof auf seiner Rodungsinsel, der so gut wie von Hand bearbeitet werden muss, und keine Zufahrt, allenfalls eine Materialseilbahn ins Tal hinunter hat. Der Selbstversorgerhof, auf dem man allenfalls Zucker, Salz und Tabak zukaufen muss. Die Grundstoffe der meisten Speisen waren Mehl und Schmalz, dagegen trat der Genuss von Gemüse und Fleisch weit zurück … Gekauft wurde auf dem Bauernhof nichts außer einem Sack feinem Weizenmehl, Salz und einem Zuckerhut, Kaffee und Gewürze erstand sich die Bäuerin aus dem Eiergeld. Der das schreibt, der Volkskundler und Museumsdirektor Hans Grießmair (1938–2022), berichtet, was in seiner armen Jugend noch üblich war. Weil Krieg, Not und Bargeldmangel dazu zwangen. Das genügsame Leben starker Menschen, die sich an die Felsen klammern (für eine „Scholle“ reicht die Humusschicht ja kaum), bodenständig seit Jahrhunderten, nicht wegzukriegen und daher heimattreu bis in den Tod. Ein Bild, das zwar nicht falsch ist und, bezogen auf die Höfe (geschlossene Höfe, die als Ganzes an einen Erben weitergegeben, also nicht zerstückelt werden) auch weiter gilt, aber, bezogen auf Menschen, historisch nur für ein Segment der Bevölkerung Südtirols galt: eben für Bauern und ansässige Handwerker, nicht für Dienstboten, nicht für all jene, die, zur Arbeitsmigration gezwungen, eigentlich ihr Leben lang unterwegs sein mussten. Ein Bild, das mit Autoren wie Karl Schönherr und mit Selbstdarstellern wie Luis Trenker vergangen sein sollte, aber als Klischee am Leben gehalten wird. Wie der alte Duft aus einer leeren Parfumflasche. Und es lässt sich gut brauchen: Filmteams, wann immer sie Südtirol schildern oder preisen oder besingen lassen (mit Beiträgen aus dem Werbeetat des Landes), gehen nach wie vor gern auf die hohen und steilen Berge, zu den hohen und steilen Einzelhöfen. Da ist zwar das Leben jetzt leichter und eine Zufahrt gibt es auch. Aber die Kamera kann immer noch Bilder von altersbraunen Balkonen, holzgetäfelten Stuben, rauchgeschwärzten Küchen und aufwendigen, langwierigen Arbeiten machen, besonders gern von der Bäuerin, wenn sie bis zu den Ellbogen im Brotteig steckt oder flink den Teig ausradelt zu intensivem Slow Food, das Schlutzkrapfen heißt und leicht einen halben Tag Arbeit braucht. Noch vor 50 Jahren hatten Spaghetti und Pizza, jedenfalls bei alten Leuten, etwas von Landesverrat. Heute geht sogar der Seniorenclub zum Pizzaessen, und bei der Landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft kaufen die Bauern nicht nur Viehsalz und Kunstdünger, sondern auch Pasta im Großen und die Pelati für den Tomatensugo. Wenn ich auch darauf wetten würde, dann dass in Deutschland inzwischen häufiger Spaghetti Bolognese auf dem Tisch stehen als in Südtirol und in ganz Italien (am häufigsten als Fertiggericht, fürchte ich). Auch die Rustikalmode holt ihre Lieblingsstücke aus dem Museum zurück: schwere Schuhe, als wären's die alten Grobgenagelten, lange Frauenkittel, geschnürte Mieder und Edelweiß: gestickt, gewebt, appliziert, gar nicht genug Edelweiß … Und Alpen-Musik: gar nicht zu denken ohne Trachten! Das frühe 19. Jahrhundert hatte seine Rainer-Familie, das späte 20. hat die Kastelruther Spatzen. Die Lieder und was sie besingen sind zwar unecht, aber die Tracht ist echt! Und die Abstammung! Immer noch vom Bergbauernhof. Da steckt bei aller flachen Kopie geschmäcklerischer Reize doch noch viel drin von dem alten Euphemismus: Auf dem Berg ist der Mensch noch Mensch. Die Bergwelt, die ist noch immer die „andere“ Welt der Bürger; da sagt man sich DU, das hat sich so eingebürgert. Das unverdorbene Volk der Alpen, beharrte der aus dem Kaiserhaus ausgebürgerte Erzherzog Johann, sei das beste in unserem erschöpften Welttheile, woraus sich Europa erneuern könne. Heute ist das Verkaufsphilosophie: Andreas Hofer forever. Treu, bodenständig, zäh. Gar nicht zäh genug kann es für uns sein. Härte fürs Guinness-Buch, das aus Südtirol immer wieder bedient wird. Und heruntergekommen zur Wahlwerbung: STARK. Das war das Lieblingswort des vorletzten Südtiroler Landtagswahlkampfs. Wer tiefer gehen, weiter sehen will, auch die Risse im gelackten Bild sehen will, muss zu anderen Quellen greifen, zu literarischen etwa, und da immer noch am besten zu Franz Tumler und seiner Liebe auf Abstand. Ich gebe es zu: Meine Vorstellung von Südtirol spielt neuerdings erst recht in und mit dem Vergangenen. Dafür gibt es keine andere Erklärung als die, dass ich selbst aus sehr viel Vergangenheit und sehr wenig Zukunft bestehe. Wenn sich das Gestalten aufhört, bleibt das Betrachten übrig. Hoffentlich auch zum Nutzen derer, die noch viel...




