E-Book, Deutsch, 196 Seiten
Hula Dicke Luft
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99128-085-9
Verlag: Obelisk Verlag e.U.
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 196 Seiten
ISBN: 978-3-99128-085-9
Verlag: Obelisk Verlag e.U.
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Saskia Hula wurde in Wien geboren, erzählt, wie es Kinder mögen und Erwachsene genießen: witzig, unkompliziert, direkt. Vor Ideen sprühend, mit besonderem Einfühlungsvermögen und trockenem Humor greift sie Themen auf, die Kinder wirklich bewegen. Dabei sind ihre Geschichten so lustig, dass auch die vorlesenden Erwachsenen voll auf ihre Rechnung kommen. Saskia Hula lebt mit Kind und Kegel abwechselnd im Burgenland und in Wien. Dort ist sie mit viel Engagement Direktorin einer Volksschule.
Weitere Infos & Material
7.
Sie blieben noch zwei Mal stehen, aber nur ganz kurz, zum Pinkeln und zum Füße vertreten. Alle wollten jetzt endlich ankommen. Die Fahrt war so eintönig, dass man verrückt werden konnte. Draußen noch immer der gleiche Anblick: Wald, See oder Fluss, Straße, Haus. Der Himmel blieb trüb.
Um sechs Uhr am Abend bogen sie endlich in die Auffahrt zum Camp ein. Völlig steif schälten sie sich aus dem Auto. Nur Georg und Julia sahen noch verdächtig fit aus, nicht einmal ihre Hemden waren zerknittert. Daniels T-Shirt war verschwitzt und fleckig und klebte an seinem Körper. Alles an ihm roch nach zu wenig Platz im Auto und nach Viktoria.
Balu sprang schwanzwedelnd um das Auto herum.
Das Camp bestand aus einem großen Holzhaus und mehreren kleinen Häusern. Die kleinen Häuser standen am Waldrand, jedes von ihnen war in einer anderen Farbe gestrichen: rot, gelb, türkis, hellblau, weiß. Außerdem hatte jedes kleine Haus eine überdachte, winzige Terrasse mit einer Wäscheleine, auf der Pullover und Socken zum Trocknen hingen. Davor standen Schuhe und Stiefel.
Das große Haus war dunkelrot und hatte einen aufgemalten, weißen Elch über der Eingangstür. Es stand direkt am See, hatte eine große Terrasse, von der aus man auf den See schauen konnte, und einen verglasten Wintergarten.
Überall waren andere Kinder und Jugendliche in kleinen Gruppen. Sie trugen Kajaks und Paddel zum See oder vom See herauf, probierten Schwimmwesten an, fuhren auf Mountainbikes hin und her, kramten in ihren Rucksäcken, schnürten ihre Bergschuhe auf oder zu. Daniel schüttelte sich.
Nachdem es draußen noch immer nicht sehr warm war, aßen Daniel und die anderen im Wintergarten. Auf einem langen Tisch war für sie gedeckt, Teller, Gläser, Besteck. In einer Porzellanschüssel war Gulaschsuppe. Keiner von ihnen sagte etwas. Jeder kaute nur so vor sich hin. Georg und Julia sprachen im Vorraum mit dem Lagerleiter über die Ausrüstung. Man hörte sie lachen. Balu bellte, dann kamen alle drei herein.
„Na, schmeckt’s?“, fragte Julia.
Und Georg sagte: „Nach dem Essen bauen wir die Zelte auf der Wiese beim See auf. Heute übernachten wir hier, morgen geht es dann auf Tour.“
Daniel stöhnte auf. Hätten sie nicht wenigstens heute in einem der kleinen Häuschen schlafen können? In einem richtigen Bett? Mit einem Waschbecken oder einer Dusche?
„Am See gibt es auch Duschen“, sagte Julia. „Aber seid sparsam mit dem Wasser, das ist nicht mehr sehr warm. Also, denkt auch an die anderen, ja?“
Der Pfadfinder nickte fachmännisch. „Solaranlage“, sagte er. „Hab ich sofort gesehen.“
„Klar“, sagte Hikmet und wischte sich den Schweiß ab, den ihm die heiße Suppe auf die Stirn getrieben hatte. „Null Problem.“
Vicki nickte auch brav. Die anderen aßen einfach weiter.
Nach dem Essen schleppten sie sich und ihre Sachen auf die Wiese beim See. Sie holten vier Zelte aus dem Lager, außerdem Isomatten, Fahrräder und Packtaschen. Für die erste Woche. Die Fahrradwoche. Die Tour war in zwei Abschnitte geteilt, die Fahrradwoche und die Kanuwoche. Daniels Einschätzung darüber, welche die schlimmere war, änderte sich beinahe stündlich.
Die Fahrräder sahen nicht so schlecht aus. Trotzdem hatte Daniel nach einer Proberunde sehr schnell das sichere Gefühl, das schlechteste Fahrrad von allen erwischt zu haben. Obwohl der Sattel ganz unten war, war er ihm ein bisschen zu hoch. Außerdem war er steinhart, und die Gangschaltung klemmte.
„Probiert so lang, bis ihr ein Fahrrad habt, das euch passt!“, rief Georg. „Ich habe keine Lust, mir das Gejammer anzuhören, wenn es zu spät ist!“
Daniel betrachtete die übrigen Fahrräder. Es waren fast nur mehr Damenräder da. Das einzige Herrenrad, das noch in Frage kam, hatte keine Luft im Vorderreifen. Vielleicht musste man es nur aufpumpen. Aber vielleicht hatte es auch ein Loch. Daniel hatte nicht mehr die Nerven, einen Reifen zu wechseln, abgesehen davon, dass er gar nicht wusste, wie man das machte. Und er hatte nicht die geringste Lust, es zu lernen. Nicht jetzt. Nicht heute. Es würde schon irgendwie gehen mit dem großen Fahrrad.
Als Daniel mit seinem Fahrrad zum Zeltplatz kam, waren die anderen schon beim Aufstellen. Immer zwei teilten sich ein Zelt. Georg und Julia, Carmen und Vicki. Nils und Hikmet.
Daniel war beim Pfadfinder gelandet. Er verdrehte die Augen. Auf den Wichtigtuer hätte er gut verzichten können. Aber immerhin kümmerte er sich um das Zelt. Daniel musste nur hochheben, wenn er „Hochheben!“ schrie. Und ein paar Heringe in den Boden stecken. Alles andere machte der Pfadfinder. Anschließend kroch er hinein, breitete die Schlafsäcke aus, stellte die Rucksäcke unter das Vordach und zog das Moskitonetz zu. So einfach ging das.
Mittlerweile war es halb neun, aber noch immer taghell. Daniel wäre am liebsten schlafen gegangen, aber keine Chance: Jetzt kam noch das Lagerfeuer.
Der Pfadfinder übernahm wieder die Leitung.
„Ich brauche Birkenrinde!“, sagte er. „Die brennt am besten.“
Die anderen schauten sich zögernd um. Daniel bückte sich nach einem Stück Rinde, das sicher keine Birkenrinde war. Soweit er das beurteilen konnte, gab es hier überhaupt keine Birken. Trotzdem sammelte er, was er finden konnte. Der Pfadfinder nahm ihm die Rindenstücke kopfschüttelnd aus der Hand.
„Mit denen ist echt nichts anzufangen“, sagte er, meinte aber offensichtlich nicht die Rindenstücke, sondern Vicki, Nils und Hikmet, die unentschlossen nebeneinander standen und ihnen zusahen.
„Hm“, sagte Daniel.
Mit viel Blasen kriegte der Pfadfinder die Rinde schließlich zum Brennen.
Daniel versuchte, nicht im Weg zu stehen und gleichzeitig die Mücken zu verscheuchen, die um seinen Kopf schwirrten.
„Gegen die Mücken hilft nur undurchlässige Kleidung“, sagte der Pfadfinder, während er dem Feuer mit einem Karton Luft zufächelte. „Sonst stechen sie einfach durch. Das sind andere Mücken als bei uns!“
Stolz zeigte er auf sein Hemd. Mückenundurchlässig. Das hätten sie uns auch früher sagen können, dachte Daniel und schlug nach einer Mücke.
„Schmiert euch mit Mückenmilch ein!“, rief Julia aus ihrem Zelt. „Das hält sie eine Zeit lang ab!“
Natürlich hatte Daniel eine Mückenmilch. Er wusste nur nicht, wo. Sie war blau mit weißer Aufschrift, er hatte sie gerade erst gesehen.
Während er in seinem Rucksack wühlte, hielt ihm Vicki ihre Mückenmilch unter die Nase. „Willst du?“ Sie lächelte schon wieder ihr unsicheres Lächeln.
Daniel schüttelte den Kopf. „Ich hab selbst eine.“
Die Mücken surrten um seinen Kopf. Sie machten ihn wahnsinnig. Bis er seine Mückenmilch endlich gefunden hatte, war er bereits völlig zerstochen. Er sprühte sich von oben bis unten ein, auch die Kleidung, die durchlässige. Die Mückenmilch roch nach Benzin, aber das war noch immer viel besser, als aufgefressen zu werden.
Inzwischen schrie der Pfadfinder nach dem Rost, dem Wasserkessel und dem Tee. Daniel schaute sich suchend um, konnte jedoch nichts davon entdecken. Der Pfadfinder seufzte wieder und holte alles selbst. Er füllte den Wasserkessel mit Wasser, stellte ihn auf den Rost, hängte zwei Teebeutel hinein.
„Das kann ja heiter werden“, murmelte er.
Georg und Julia kamen und setzten sich zu ihnen.
„Oh, fein, ihr habt Tee gemacht!“, sagte Julia.
„Toll.“ Georg räusperte sich und sagte: „Nun, es wird Zeit für ein paar grundlegende Sätze zu unserer Tour. Sind alle da?“
Natürlich waren nicht alle da. Carmen hockte in ihrem Zelt und hörte Musik. Und Hikmet war zum See gegangen und schaute zum anderen Ufer hinüber. Als gäbe es dort irgendetwas zu sehen.
„Hallo, Leute! Alle herkommen!“, rief Julia. „Aber ein bisschen flott!“
Hikmet drehte sich folgsam um und trottete zurück. Mit seinem Mondgesicht, den Knopfaugen und der Stoppelfrisur sah er aus wie ein Teddybär. Nur die Bärenohren fehlten.
Carmen rührte sich nicht. Sie hatte Julia vermutlich nicht einmal gehört. Georg stand auf und ging zu ihrem Zelt. Mit einer einzigen Bewegung öffnete er den Reißverschluss und griff hinein. Als er seinen Arm wieder herauszog, hing Carmen daran und zappelte empört.
„Was willst du von mir, lass mich sofort los, bist du durchgeknallt?“, schrie...




