Hurrelmann / Albrecht | Generation Greta | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 271 Seiten

Hurrelmann / Albrecht Generation Greta

Was sie denkt, wie sie fühlt und warum das Klima erst der Anfang ist
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-407-86628-8
Verlag: Julius Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Was sie denkt, wie sie fühlt und warum das Klima erst der Anfang ist

E-Book, Deutsch, 271 Seiten

ISBN: 978-3-407-86628-8
Verlag: Julius Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit der Klimabewegung fing es an, aber diese ist erst der Anfang. Die Generation Greta nimmt die Gestaltung der Zukunft selbst in die Hand. Die nach der Jahrtausendwende geborenen jungen Menschen wollen dabei keinen Generationenkonflikt, sondern gemeinsam mit der Generation ihrer Eltern dringend notwendige Veränderungen anstoßen. Was bewegt Hunderttausende Jugendlicher, auf die Straße zu gehen? Welche Werte, Ziele und Vorstellungen haben sie für ihr Leben und die Zukunft unserer Gesellschaft? Wie denkt die Generation Greta über Einwanderung, Heimat, Europa, soziale Gerechtigkeit, Bildung und Ausbildung, Partnerschaft und sexuelle Identität? Der bekannte Jugendforscher Klaus Hurrelmann und der Journalist Erik Albrecht schildern die Gedanken- und Gefühlswelt der Generation Greta anhand von Studien, Porträts und zahlreichen Gesprächen, die sie mit jungen Menschen geführt haben. Und sagen, wo wir sie unterstützen sollten, weil sonst Stillstand droht.

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann gehört zu den bekanntesten Kindheits- und Jugendforschern in Deutschland. Er ist seit 2009 Senior Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Zuvor war er Professor an der Fakultät für Pädagogik in Bielefeld. Er leitete von 1986 bis 1998 das Kooperationszentrum »Health Behavior in School Children« der WHO. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Sozialisation, Bildung und Gesundheit von Kindern in Familien und Schulen.
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Kapitel 2

Gretas Generation


Das Gesicht der Klimabewegung


»Greta kommt.« Trotz Ferienzeit sind etwa 2000 Menschen auf die Demo von Fridays for Future (FFF) in den Berliner Invalidenpark gekommen. Immer wieder fallen sie in Sprechchöre ein, tanzen, halten ihre Transparente hoch. Oben auf der Bühne wechseln sich in schneller Abfolge die Redner ab. Als sich ein Schüler verhaspelt, unterstreicht dies nur, wie eloquent jeder und jede die Botschaften auf den Punkt bringt.

Doch wer ausschließlich wegen Greta Thunberg gekommen ist, dürfte enttäuscht worden sein. Erst gegen Ende der Veranstaltung spricht die schwedische Klima-Aktivistin. Auf der Bühne wirkt sie trotz ihrer 16 Jahre zwischen den übrigen Jugendlichen fast kindlich, deutlich kleiner. Sie spricht frei, selbstsicher, aber nüchtern. Sie spricht auf Englisch. Erst zum Schluss startet sie selbst einen Sprechchor. Es wirkt, als hätte sie dabei ihre Komfortzone verlassen – und wäre ein wenig stolz darauf.

Die junge Schwedin ist das Gesicht der weltweiten Klimabewegung. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat sie der versammelten Wirtschaftselite ihr »I want you to panic!« entgegengeschleudert. Sie sprach auf der Klimakonferenz in Katowice, vor den Vereinten Nationen in New York und vor dem EU-Parlament in Straßburg. Die Reise nach New York kostete sie zwei Wochen. Thunberg reiste per Rennjacht, um CO2 zu vermeiden. Die Rückreise mit Katamaran zur Weltklimakonferenz in Madrid im Dezember 2019 dauerte drei Wochen.

Ohne Greta Thunberg wäre wohl kaum eine Schülerin auf die Idee gekommen, an einem Freitag für das Klima zu demonstrieren – zu einer Zeit, zu der normalerweise Schule ist. Doch hier im Berliner Invalidenpark redet Thunberg gerade einmal fünf Minuten – von »Greta-Kult«, wie die Wochenzeitung Die Zeit schrieb1, keine Spur. Greta ist eine von vielen, die sich zu Wort melden.

Fridays for Future will basisdemokratisch sein. Schon innerhalb der deutschen Bewegung gibt es immer wieder Kritik daran, dass sich eine kleine Führungsclique gebildet habe, die zu viel Einfluss besäße. Die etwa 600 Ortsgruppen arbeiten selbstständig. Wöchentliche Telefonkonferenzen zwischen ihnen koordinieren die Arbeit landesweit.

Auf Greta Thunberg angesprochen, rutscht einem jungen Fridays-for-Future-Aktivisten in Ludwigsburg spontan heraus: »Das ist gerade dieses Personenkult-Ding, oder?« Dann überlegt er kurz und fügt hinzu: »Ich finde es nicht schlimm, wenn Fridays for Future in Greta eine Art Repräsentantin hat. Aber sie ist immer nur die, die damit angefangen hat. Sie ist nicht die ganze Bewegung. Ihre Meinung sollte nicht auf uns alle übertragen werden.«

Generation Greta? Die Angehörigen der jungen Generation halten sich für viel zu individualistisch, um sich bedingungslos hinter einer Führungsfigur zu versammeln. Schon die Beziehung des klimabewegten Spektrums der Bewegung zu ihr ist ambivalent. In manchen Schulklassen geht bei »Generation Greta« ein Stöhnen durch die Reihen – obwohl ihnen Klimaschutz wichtig ist. Es sei schon schwierig, dass der Name Greta eine ganze Generation auf eine Person reduziere, gibt Paul zu bedenken, der in Berlin in der Sophie-Scholl-Schule ein Jahr vor dem Abitur steht. Und doch: Greta Thunberg ist zur Ikone der gesamten Bewegung geworden. An ihr kommen weder die Aktivisten noch der Rest der jungen Generation vorbei.

Bewegungen wie Fridays for Future sind der Stoff, aus dem Generationen entstehen. Sie erreichen nie alle Gruppen der Bevölkerung. Das ist auch nicht nötig, um Veränderungen anzustoßen. Auch bei den Studentenprotesten von 1968 war bei Weitem nicht die gesamte Jugend auf der Straße. Im Gegenteil: Etwa zehn Prozent der Studierenden waren damals genug, um die bundesdeutsche Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Schon damals hat das nicht allen gefallen. Konservative Politiker erklärten sich gar im Nachhinein zu »alternativen 68ern«.2

Ohne Greta Thunberg gäbe es die Klimabewegung Fridays for Future so nicht. Sie hat der Bewegung den Namen gegeben, sie ist der Grund dafür, dass zum ersten Mal in der Geschichte Schüler eine einflussreiche Rolle im gesellschaftlichen Diskurs spielen. Dass ausgerechnet ein damals 15-jähriges Mädchen eine politische Bewegung mit einer solchen Wirkung lostreten konnte, sagt einiges über ihre Generation. Zumal sie auch ein Jahr nach Beginn ihres Skolstrejk för klimatet immer noch nichts von ihrer moralischen Autorität verloren hat – das ist deutlich länger, als manche Parteivorsitzende in der bundesdeutschen Politik es derzeit schaffen.

Schon lange sind Umweltschutz und Klimapolitik die wichtigsten Themen für den Großteil der Jugendlichen. Greta Thunberg hat ihre Generation gezwungen, eine Haltung zur Klimapolitik und den Protesten von Fridays for Future zu entwickeln. So machte sie ihre Generation zur »Generation Greta«.

Der Generationenbegriff


Die Sozialwissenschaften sprechen seit den 1920er-Jahren von Generationen. Damals konzipierte der Soziologe und Philosoph Karl Mannheim diesen Begriff.3 Seine Annahme: Menschen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums aufwachsen, werden in ihrer Jugendzeit von den Zuständen ihrer Gesellschaft in einer solchen Weise geprägt, dass sich auffällig viele gemeinsame Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen ausbilden. Besonders deutlich wirke sich diese Prägung bei Menschen aus, die in Krisen- und Kriegszeiten erwachsen werden.

Mannheim formulierte seine Theorie unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, der als historisches Großereignis junge Männer – für Mannheim standen vor allem sie im Fokus – nachhaltig formte. Aber auch einschneidende technische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Ereignisse oder Entwicklungen können ihre Spuren hinterlassen. Die erwähnte Studie von Helmut Schelsky über die Jugend nach dem Zweiten Weltkrieg hat diesen Ansatz zum ersten Mal empirisch aufgenommen.

Die entscheidende Forschungsfrage ist: Welche Entwicklungen sind stark genug, um junge Menschen nachhaltig zu prägen? Nicht jedes Großereignis forme automatisch eine junge Generation, gibt die Historikerin Ulrike Jureit zu bedenken. So fehle in Deutschland etwa eine Generation der 1989er, obwohl das Ende des Kalten Krieges als globales Großereignis gelten müsse. Welche Zuschreibungen funktionierten und welche nicht, sage damit nicht nur etwas über die jeweilige Generation aus, sondern auch über die Gesellschaft als Ganzes.4

Der Generationenbegriff ist also mit Vorsicht einzusetzen. Zumal bis heute empirisch nicht nachgewiesen ist, dass Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen aus der Jugendzeit ein Leben lang erhalten bleiben.

Kritiker sprechen deshalb auch von einem »Generationenmythos«5 und warnen davor, den Begriff ohne genaue Definition in der wissenschaftlichen Diskussion zu verwenden. Mehrere Analysen weisen darauf hin, dass junge Leute zwar durchaus von ihren Lebensumständen geprägt werden, sich hierin aber immer auch ganz allgemeine zeitgeschichtliche Effekte spiegeln, die irgendwann auf alle Altersgruppen der Bevölkerung zutreffen. Auch die Abgrenzung von historischen Zeiträumen mit jeweils verschiedenartigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einflüssen ist oft willkürlich.6

Tatsächlich aber ist der Generationenbegriff im Alltag inzwischen so populär, dass ganz unterschiedliche Phänomene darunter verstanden werden. Marketing-Experten oder Journalisten rufen schnell einmal die »Generation Umhängetasche« oder die »Generation Maybe« aus, um Modetrends oder neue Konsumgewohnheiten abzubilden. Mit dem differenzierten Generationenbegriff Karl Mannheims hat das nichts mehr zu tun.

Trotz der berechtigten Kritik verwenden wir in diesem Buch den Generationenbegriff im Sinne von der modernen Sozialisationsforschung. Sie versteht die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen als ständige produktive Verarbeitung der inneren und der äußeren Realität, also der körperlichen und psychischen Dispositionen auf der einen und der sozialen und ökologischen Lebensbedingungen auf der anderen Seite. Diese aktive Auseinandersetzung, diese intensive Arbeit an der eigenen Person, hat ihren Kulminationspunkt im...



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