E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Husain Zauberfrauen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30708-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Märchen aus allen Welten
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-293-30708-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hexen, Nixen, Feen und wundertätige Frauen finden in dieser Märchensammlung zusammen. Sie stammen aus allen Zeiten und Kontinenten und aus den unterschiedlichsten Kulturen. Sie lieben, hassen, segnen und verfluchen, bringen Rettung, Untergang, Reichtum, Not oder Glück. In tausend Gestalten begegnen sie den Irdischen. Nur eines ist ihnen gemeinsam: Niemand, und erst recht nicht ein Mann, kann sich ihrem Zauber entziehen.
Seit ihrer Kindheit ist die Herausgeberin Scharuk Husain diesem Zauber verfallen. Sie sammelte während zehn Jahren Mythen und Volksliteratur rund um die Welt und stellte dieses wahrhaft verwunschene Buch zusammen.
Weitere Infos & Material
Indravati und die sieben Schwestern
Indisch
Es lebte einmal ein König, und er und seine Frau hatten eine Tochter, eine Prinzessin, die schöner war als die Sonne, der Mond und die Blumen. Da sie sogar noch schöner war als die tanzenden Apsaras an Indras göttlichem Hof, beschloss die Königin, sie Indravati zu nennen. Sie dachte, wenn sie das Mädchen Indravati, also Tochter des Indra nannte, wäre es geschützt, wenn es von diesem Gott einmal Hilfe brauchte. Die Königin war eine kluge Frau, und sie wusste, dass ein so schönes Mädchen ganz bestimmt irgendwann im Leben vor den Lastern und bösen Absichten der Männer geschützt werden müsste. Wenn die Zeit käme, könnte sie ihn anrufen und brauchte keine Angst zu haben, aus dem Himmel zu fallen und sich wie der Ganges vor so langer Zeit – erinnerst du dich? – in Shivas endlosen Locken zu verwirren. Weil nämlich Indra ein frecher und lüsterner Gott war – was im Grunde und alles zu seiner Zeit nichts Schlimmes ist. Aber die Königin wollte nicht, dass ihre Tochter, wenn sie ihn um Hilfe bitten müsste, zu seiner Beute werde. Deshalb wählte sie diesen Namen.
Indravati wuchs heran, und man arrangierte mit dem sehr gut aussehenden Sohn eines anderen Königs eine Ehe für sie. Er war schön genug für sie und deshalb natürlich auch schön genug für die Feen. Ein Gesicht wie der Mond, Augen wie Sterne, weiche, geschmeidige Haut nicht nur im Gesicht, sondern am ganzen Körper, ein ganz klein wenig flaumig wie bei einem Pfirsich. (Er war sehr jung, und das Haar seiner Männlichkeit fing gerade erst zu sprießen an, musst du wissen. Oh! Es war jedes Mal eine Überraschung für ihn, wenn er diese Stellen betrachtete.) Ganz gewiss würde die Prinzessin im Hochzeitszimmer vor Lust erschauern, ihren jungfräulichen Appetit zu deutlich zeigen und ihre mädchenhafte Zurückhaltung und Schüchternheit nicht lange genug vortäuschen können. Aber er war ein Prinz, dessen Glieder so reizvoll waren, dass jede Frau schamlos ihre Scheu verlor.
Es geschah jedoch, dass sieben Schwestern, die in einem heiligen Bobaum lebten, den Prinzen auf seinem Weg zur Hochzeitsfeier gesehen hatten. Bei diesen Frauen waren die Füße umgedreht, sodass die Fersen nach vorne schauten, einem Klumpfuß oder dem Spazierstock eines reichen Mannes ähnlich, und zwar von der Art, die unten eine kleine Messingkugel hat – verstehst du? Und ihre Zehen, die sich wie die Klauen eines Adlers spreizten, ragten nach hinten. Aber die Schwestern bedeckten ihre Füße mit ihren langen, fließenden Röcken. Und wer würde schon auf ihre Füße schauen, wenn ihr Antlitz so verführerisch war? Sie machten den Männern schöne Augen und nahmen dann die Zipfel ihrer Schleiertücher zwischen die Zähne, zwinkerten mit riesigen Augen und schlugen sie nieder, um ihre fächerartigen Wimpern vorzuführen. Sie taten es so, dass jeder Mann, der ihren gesenkten Blicken folgte – Gott vergib uns –, auf ihre schwellenden Brüste starrte. Sie verliebten sich in den Prinzen und wollten ihn für sich haben, diese … Hexen – Gott schütze uns, wir sollten dieses Wort nicht aussprechen. Sie könnten uns hören und kommen. – Jedenfalls folgten sie dem Prinzen zum Palast seiner Braut. Zuerst waren sie böse, als sie sahen, dass er im Begriff war zu heiraten, aber dann beruhigten sie sich wieder. Warum sollte eine Hexe sich von so etwas entmutigen lassen? Sie haben Zauberkräfte und kennen keine Moral. Sie folgten ihm und warteten, warteten auf den richtigen Augenblick.
Der Prinz und die Prinzessin heirateten mit viel Pomp und großer Feierlichkeit, und die Musiker spielten einen ganzen Monat lang, bis ihre Finger zerschunden und ihre Knochen steif waren. Die Köche kochten, bis die Hitze der Küchen das ganze Königreich erwärmte und die Mägen aller Leute und sogar der Aasgeier auf den Abfallhaufen zum Platzen voll waren. Es kamen auch viele Bettler aus anderen Königreichen zu den Bergen von Essensresten und beluden ihre Karren, um sie für ihre Familien nach Hause zu nehmen, weil sogar der Abfall ein Festmahl genannt werden konnte. Die Schwestern beobachteten den Prinzen und warteten ab. Schließlich waren Festmahl und Feier vorüber, und Indravati und der Prinz bestiegen ihren Wagen und machten sich auf den Weg zu seinem Königreich, wo sie sich endlich ungestört an ihren Körpern erfreuen wollten.
Sie waren fast den ganzen Morgen unterwegs, aber am Nachmittag wurde es heiß, und sie beschlossen, anzuhalten und sich auszuruhen. Das war unter dem Baum, von dem aus die sieben Schwestern den Prinzen zum ersten Mal gesehen hatten. Vielleicht hatten sie ihm die Idee in den Kopf gesetzt. Wir können es nicht wissen. Aber weil das Brautpaar es nicht erwarten konnte, einander zu entdecken, schickte es sein Gefolge weg.
»Einsamkeit!«, befahl der Prinz, und die Höflinge und Diener verstanden und gingen und machten Witze darüber, was der Prinz und die Prinzessin mit ihrer Einsamkeit anfangen würden.
Aber als der Prinz und die Prinzessin sich einander zuwandten, überwältigte sie der Schlaf. Die Schwestern, die in den Zweigen des heiligen Bobaums hockten, wussten, dass die Warterei nun bald ein Ende hätte. Ihre Zeit war gekommen. Sie beschlossen zu handeln, bevor der Prinz von seiner Braut kostete und sein fruchtbarer Regen ihren geschwollenen durstigen Lotus tränkte. Denn sie hatten seine Glieder und seine Jugend mit ihren Augen und Köpfen verschlungen und waren so lange geduldig gewesen, dass sie ihn jetzt unschuldig wollten.
Sie überlegten sich, wie sie ihn bekommen könnten, solange er noch unberührt war. Als das Brautpaar schlief, ließen sich die Hexen aus dem Baum fallen und trugen den Prinz und die Prinzessin in einen Turm hinauf, den sie für den Prinzen errichtet hatten. Die Prinzessin warfen sie aus dem Fenster, um sie zu töten, aber sie erwachte noch rechtzeitig vom Gegacker und Zischeln der Hexen und konnte sich an die Zweige eines Zitronenbaums klammern und ihren Sturz abfangen. Dann ließ sich die Prinzessin zum Fuß des Baumes hinabgleiten, kroch zum Turm und versteckte sich hinter einem Haufen Steine.
Die Hexen legten den Prinzen ganz oben im Turm auf ein Bett, das weich wie eine Wolke war. Und er glaubte zu schweben. Mit ihren klingelnden Glöckchen tanzten sie für ihn und sahen schön aus – wunderschön, erschreckend schön. Und sie verzauberten ihn, sodass er sich immer ein wenig berauscht fühlte und nicht bemerkte, dass ihre Füße umgedreht waren, woran man Hexen erkennt. Oder dass ihre Augen wollüstiger blickten als die einer normalen Frau – sogar wollüstiger als die Augen jener wunderbar liederlichen Frauen, die den Männern während der ihnen auferlegten nächtlichen und täglichen Geschäfte Freude bereiten. Denn der Glanz der Wollust in deren Augen hat mit ihrem Können zu tun, während es bei den sieben Schwestern Geilheit war.
Jedenfalls tanzten sie für den Prinzen und enthüllten beinahe die geheimsten Stellen ihrer Körper. Sie wanden sich und ließen ihre Röcke hoch genug wirbeln, um die schwankenden Baumstämme, aber nicht die Blüten zu zeigen, die sich oben in die Zweige schmiegten. Sie ließen die Träger ihrer Mieder fallen, aber nicht genug, um die vollen, wogenden Brüste zu entblößen, die jetzt von der Begierde, die in ihrem Innern toste, noch geschwollener waren und sich wie rasende, donnernde Wogen über und unter dem Nabel in schäumender Lust brachen. Sie versuchten in dieser Nacht – oh, wie sie sich bemühten –, seine jungfräulichen Glieder (so geschmeidig!) und seine goldene Pfirsichhaut (so verführerisch!) mit den eigenen Körpern zu vereinen, sich wie wilde, üppig wuchernde Schlingpflanzen umeinander zu winden, wie Ranken und Kletterpflanzen unentwirrbar verflochten, wie Knospen, die platzen, um Weidenkätzchen hervorzubringen, die in Öffnungen und Höhlen dringen und sie durchtränken mit Flüssigkeiten, die sich mischen mit Blüte und Frucht; an ihm zehren, bis er ausgetrocknet wäre, leer und vorübergehend erschöpft, sie dagegen zum Platzen voll.
So planten sie, ihn zu benutzen, sich von dieser Frucht zu ernähren, den Saft mit Körper und Zunge aufzusaugen, bis die Frucht welkte und schließlich für immer verdorrte. Jeden Tag brachten sie ihm Speisen, denen sie starke Aphrodisiaka wie zerriebenen Tigerzahn, Heilkräuter und Menstruationsblut beigegeben hatten. Sie ließen das Essen die ganze Nacht stehen, aber der Prinz rührte es nicht an, und jeden Morgen, bevor sie sich entfernten, warfen sie es weg. Denn wenn die Speisen wirkten, während sie fort waren, würden die Säfte, die seine Lenden füllten, sich ja vielleicht anderweitig ergießen. Deshalb warfen sie das Essen aus dem Fenster.
Die Sachen fielen tief hinunter – dorthin, wo die Prinzessin saß –, und die Prinzessin zwang sich, ein paar Bröckchen zu essen, gerade so viel, um zu überleben, nicht mehr. Und jeden Morgen, wenn die sieben Schwestern zu ihrem Baum flogen, kletterte sie auf den Zitronenbaum und stieg in den Turm des Prinzen und umsorgte ihn und sprach zu ihm, strich ihm über die Stirn und flehte ihn an, aufzuwachen. Aber das konnte er natürlich nicht. Und die Prinzessin wurde immer wütender und wütender, bis sie meinte, nicht länger einfach nur dasitzen und abwarten zu können. Ich muss etwas unternehmen, dachte sie.
Und sie unternahm etwas.
Sie wartete, bis die Hexen am nächsten Tag die Kammer ihres Ehemanns verlassen hatten. Und als die Hexen zu ihrem Baum kamen, stand sie darunter und umklammerte seine Wurzeln, und sie hielt...




