E-Book, Deutsch, 159 Seiten
Huysmans Gegen den Strich
2. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1684-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 159 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1684-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gegen den Strich (Alternativtitel: Gegen alle; Originaltitel: À rebours) ist das bekannteste Werk des französischen Autors Joris-Karl Huysmans. Mit dem 1884 erschienenen Roman brach Huysmans endgültig mit dem Geist seiner früheren, realistischen Werke und setzte dem Begriff der Dekadenz ein Denkmal. À rebours wurde für die Anhänger und Vertreter von Dekadenzdichtung, Symbolismus und L'art pour l'art bald zum Kultbuch. Die minimale Handlung kreist um einen dekadenten und neurotischen jungen Aristokraten namens Jean Floressas Des Esseintes. Dieser zieht sich zunehmend aus der für ihn unbefriedigenden sozialen Realität zurück. Er spinnt sich in seinem Vorstadthäuschen in eine artifizielle Welt des Ästhetizismus und Mystizismus ein und landet allmählich am Rande geistiger Umnachtung. Der Roman war eigentlich als naturalistische Studie eines erblich belasteten und krankmachend lebenden 'dekadenten' Individuums gedacht, das viele Züge des Autors selber trägt.
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Achtes Kapitel.
Von jeher hatte der Herzog für Blumen geschwärmt.
Seit langem schon verachtete er die gewöhnlichen Pflanzen, denen man wohl in den flachen Körben auf den Pariser Märkten in angefeuchteten Töpfen unter den grünen Zelttüchern und roten Schirmen begegnet.
Wie sich sein literarischer Geschmack und sein Kunsturteil verfeinert und sich sein Überdruß an allgemein verbreiteten Ideen verstärkt hatte, so hatte sich auch seine Zärtlichkeit für Blumen von jedem Bodensatz und jeder Hefe losgemacht und geklärt.
Er verglich den Laden eines Gärtners mit einem Mikrokosmus, wo alle Klassen der Gesellschaft vertreten sind: jämmerliche, elende und erbärmliche Blumen, die sich nur auf den Fensterbrettern der Dachkammern wohl befinden, deren Wurzel oft in Milchtöpfe und alte Schalen gesteckt wird, wie zum Beispiel der Goldlack; anspruchsvolle und dumm gefallsüchtige Blumen, wie sie von jungen Mädchen auf Porzellantöpfe, wie zum Beispiel die Rose, gemalt werden; schließlich die Blumen hohen Geschlechts, wie die Orchideen, zart und reizend, zitternd und fröstelnd, exotische Blumen, die, nach Paris verbannt, in warmen Glaspalästen gezüchtet werden, Prinzessinen des Pflanzenreichs, die, für sich lebend, nichts gemein haben mit den Pflanzen der Straße und dem bürgerlichen Blumenflor.
Nichtsdestoweniger fühlte er ein gewisses Mitleid mit den niedern Blumen, die durch die Ausströmungen der Kloaken und Dünste aller Art in den ärmlichen Vierteln entkräftet werden; seine wirkliche Augenfreude waren die vornehmen und seltnen Pflanzen von weither, die mit größter Sorgfalt durch künstliche Ofenwärme erhalten werden.
Dieser entschiedne Vorzug der Treibhausblume hatte sich ebenfalls durch den Einfluß seiner allgemeinen Ideen ausgebildet. Damals in Paris hatte ihn seine natürliche Vorliebe für das Künstliche dahin geführt, die wirkliche Blume gegen ihr treu nachgeahmtes Bild aufzugeben, das dank den Wundern des Gummis, des Drahtes, des Taffets, des Papiers und des Sammts sein buntes Scheinleben führte.
Er besaß eine wunderbare Sammlung künstlicher tropischer Pflanzen, von den Händen tüchtiger Arbeiter angefertigt.
Diese bewunderungswürdige Kunst hatte ihn lange bezaubert, aber er träumte jetzt von der Zusammenstellung einer andern Flora.
Er machte sich daher daran, die Treibhäuser der Avenue de Châtillon und des Dorfes d'Aunay zu besuchen, kam todmüde nach Hause, die Börse leer, aber entzückt über die Tollheiten der Pflanzenwelt, die er gesehn hatte.
Er dachte nur noch an die Sorten, die er erworben hatte, ruhelos verfolgt von dem Gedanken an die prachtvollen und seltsamen Blumenbeete.
Zwei Tage später kamen mehrere Wagen. Mit der Liste in der Hand rief der Herzog seine Einkäufe auf und prüfte einen nach dem andern.
Die Gärtner hoben von ihrem Karren eine Sammlung von Caladien, die an gedunsenen haarigen Stielen enorme schildförmige Blätter trugen. Alle hatten einen Zug von Verwandtschaft miteinander, ohne sich indessen gleich zu sein.
Es waren darunter ganz ungewöhnliche rosenfarbige, solche wie die Virginale, die aus Wachstuch oder englischem Pflaster geschnitten zu sein schien; ganz weiße, wie der Alban, den man aus einer durchsichtigen Schweinsblase hergestellt wähnte; einige, besonders Madame Mama, sahen aus wie Zink, auf dem kleine Stückchen gestanzten Metalls glänzen, in kaisergrüner Farbe, wie mit Tropfen Ölfarbe, rotem Bleioxyd oder Bleiweiß bespritzt; andre, wie der Bosporus, glichen täuschend gestreiftem Kattun, rot und myrtengrün gesprenkelt; wieder andre, wie die Aurora Borealis, breiteten ihre fleischfarbnen Blätter aus, mit purpurroten Rändern und violetten Fäserchen, ein aufgeschwollnes Blatt, das rötlichen Wein und Blut schwitzte.
Die Gärtner brachten neue Varietäten, die einer künstlichen Haut, von roten Adern durchzogen, glichen; und die Mehrzahl, wie zerfressen von Aussatz, spannten ihr bleiches Fleisch aus, gefleckt mit Ausschlag und behaftet mit Flechten; andre hatten den hellen rosa Ton von sich schließenden Wunden, oder die bräunliche Färbung des sich bildenden Schorfes; noch andre waren wie von Ätzmitteln verbrüht und von Brandwunden zerstört; wieder andre zeigten eine haarige Haut wie von Geschwüren ausgehöhlt und vom Krebs zerfressen; noch andre schienen mit Verband belegt, mit quecksilberhaltiger schwarzer Schmiere und grüner Belladonnasalbe bestrichen, mit dem gelben Glimmer des Jodpulvers gesprenkelt.
"Potztausend!" rief er entzückt aus.
Eine neue Pflanze von gleichartigem Modell wie das des Caladium, die Alocasia Metallica begeisterte ihn noch mehr. Sie war wie mit einer Schicht grüner Bronze überstrichen, über die silberne Reflexe hinliefen; es war ein Meisterwerk der Unnatürlichkeit, man möchte sagen, es gliche einem Stück Ofenrohr, von einem Töpfer aus grünem Eisen gefertigt.
Die Leute luden dann rautenförmige, flaschengrüne Blattpflanzen ab, in deren Mitte ein Stäbchen aufstieg, an dessen Ende ein großes Herzas schwankte, gelackt wie die spanische Pfefferschote. Wie um die alltäglichen Erscheinungen der Pflanzen zu verhöhnen, sprang aus der Mitte von scharfem Rot ein fleischiger, faseriger, weiß und gelber Schwanz hervor, aufrecht bei den einen, bei den andern geringelt wie der Schwanz eines Schweines.
Es war das Anthurium, eine Arumart, kürzlich von Kolumbia nach Frankreich eingeführt; sie bildete einen Teil dieser Familie, zu der auch ein Amorphophallus gehörte; eine Pflanze aus Kochinchina mit fischstecherartig geschnittnen Blättern mit langen schwarzen, mit Narben bedeckten Stielen, gleich vernarbten Gliedern eines Negers.
Herzog Jean frohlockte.
Man hob einen neuen Schub von Ungeheuern aus dem Wagen: Echinopsen, deren in Watte gehüllte Blüten das häßliche Rosa eines verstümmelten Gliedes hatten; Nidularium, das in Säbelscheiden eine gähnende Öffnung zeigte; Tillandsia Lindeni, die schartige Messer von dicker, roter Farbe hervorsteckte; Cypripedium, mit wirrigen, zerrissnen Rändern, eine wahnsinnige Hervorbringung der Natur. Sie glichen einer kleinen Schale, einem Holzschuh, über dem sich eine menschliche Zunge aufschürzte mit ausgestrecktem Zungenband, wie man sie wohl in Werken, die Hals- und Mundkrankheiten behandeln, abgebildet findet. Zwei kleine Flügelchen, rot wie Ebereschen, die einer Kindermühle entnommen zu sein schienen, vervollständigten dieses lächerliche Gesamtbild.
Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien kommenden Orchidee. Die Gärtner, die sich infolge der Verzögerungen langweilten, fingen jetzt an, mit lauter Stimme die an den Töpfen steckenden Zettel selbst vorzulesen.
Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hörte nahezu bestürzt die rauhen Namen der grünen Pflanzen ankündigen: Encephalartos Horridus, eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man sie auf die Türen der Schloßmauern steckt, um das Übersteigen zu verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig von hohen Blättern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni, eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkäse in Heideland gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspießen besät; Cibotium Spectabile, das alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form überbietet; aus einem palmigen Blätterwerk schießt der enorme Schwanz eines Orang-Utangs heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu einem Bischofsstab abgerundet.
Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die Serie von Pflanzen ab, die ihn vor allen bezauberten, die vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfänger der Antillen, mit dem faserigen Rand, der eine Verdauungsflüssigkeit absondert und mit gebognen Stacheln versehn ist, die sich übereinander krümmen und ein Gitter über dem Insekt bilden, das er einschließt; die Drosera des Torflandes, mit drüsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus mit seinen offnen, gefräßigen Hörnchen, fähig, wirkliches Fleisch zu verdaun und aufzuzehren; schließlich noch Nepenthes, dessen Phantasien alle Grenzen der exzentrischen Form überschreiten.
Er wurde nicht müde, den Topf in seinen Händen zu drehn und umzudrehn, aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an den Gummibaum, von dem sie auch die länglichen Blätter hatte, mit ihrem dunkeln metallischen Grün; aber am Ende dieses Blattes hing ein grüner Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen läßt und eine grünliche Urne trägt, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder sonderbares Vogelnest, das sich ruhig hin und her wiegte und ein mit Haaren besetztes Innre zeigte.
"Die hat es weit gebracht," murmelte der Herzog.
Er mußte sich seinem Entzücken entreißen, denn die Gärtner, die es eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde.
Der Herzog bemerkte, daß noch ein Name auf der Liste blieb. Der Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflügelte...




