E-Book, Deutsch, 430 Seiten
Reihe: Wolckenstein-Chronik
Imbsweiler König von Wolckenstein
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95602-160-2
Verlag: Conte Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 430 Seiten
Reihe: Wolckenstein-Chronik
ISBN: 978-3-95602-160-2
Verlag: Conte Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marcus Imbsweiler, gebürtiger Saarländer, lebt in Heidelberg. Er studierte in Tübingen, München und Heidelberg Philosophie, Geschichte, Musikwissenschaft und Germanistik. Heute arbeitet er als freier Autor und Musikredakteur. Er hat zahlreiche Romane, Krimis und Kurzgeschichten veröffentlicht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Zweiter Teil
Erhöhung
Der Marktplatz bildet das Herz der Stadt Wolckenstein. Hier schürzen sich die verschlungenen, dem Mittelalter geschuldeten Gassen zu einem Knoten, treten die Häuser zurück, machen Platz für Marktstände, für den St.-Jakobs-Brunnen, für Bänke, Klohäuschen und Rabatten. Zwar ist das Rathaus das stattlichste Gebäude am Platz, doch entscheiden sich die meisten Wolckensteiner für einen Besuch der Konditorei Grabner nebenan, deren Beliebtheit nur noch von Frau Hammerschmidts Marktapotheke übertroffen wird. Auch der türkische Schnellimbiss hat seine Stammkundschaft, und das Hotel Zum ersten Ritter blickt auf eine über zweihundertjährige Tradition zurück. Ganz in der Nähe grüßt der schlanke Turm der Erlöserkirche, überragt vom Burgberg mit den Ruinen der Burg Wolckenstein.
An diesem Samstagvormittag drängten sich fünfzehn oder mehr Damen und Herren auf den Stufen des Rathauses, allesamt herausgeputzt, in Schlips und Kragen, mit Einstecktuch oder Handtasche. Der Duft von Parfüm, Aftershave und Kölnisch Wasser durchzog die morgendlich klare Luft, ein Gemisch, das so gar nicht zu den erdigen Gemüsekisten der Marktbauern, zu den eingelegten Oliven und Knoblauchpasten eines nahen Feinkoststandes passen mochte. Gut, dass der Thüringer Rostbräter seinen Grill noch nicht angeworfen hatte.
»Nun, was meinen Sie?«, fragte Renate Müller-Kersten den Fotografen, der sein Stativ einige Meter vor den Stufen aufgebaut hatte.
Der Fotograf kratzte sich am Kopf. »Das Licht ist gut«, sagte er schließlich.
»Sie wissen, was ich meine.«
»Ja«, sagte er, zog einen Kaugummi aus der Tasche, packte ihn umständlich aus und steckte ihn nicht weniger umständlich in den Mund. Eine lächerliche Prozedur, für die der Mann fast eine komplette Minute brauchte. »Das kriegen wir schon hin. Kein Problem. Wobei …«
»Ja?«
»Ich weiß nicht, was Sie Ihren Leuten bezüglich Kleidung gesteckt haben, aber ganz so feierlich hätte es nicht sein müssen. Jetzt sieht es ein bisschen nach Goldener Hochzeit aus, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Ich habe meine Leute gebeten, sich möglichst flott zu kleiden«, erwiderte Renate Müller-Kersten kühl. »Flott, nicht feierlich. Für die Umsetzung bin ich nicht verantwortlich. Ich kann ja schlecht in den Schränken meiner Parteikollegen herumwühlen.«
»Flott«, nickte der Fotograf. »Verstehe.«
Theo Tonseidel trippelte aufgeregt zwischen den übrigen Gemeinderatskandidaten der Demokratischen Mitte umher. Er wollte niemanden bei der Begrüßung übergehen, sich bei allen noch einmal persönlich für das Vertrauen bedanken und, wenn möglich, seine neue Krawatte ins rechte Licht rücken. (Eine echte Politikerkrawatte, hatte Tom gelästert.)
»Schöne Fliege, Herr Weingart. Wirklich. Wo haben Sie denn die her?«
»Aus meinem Kleiderschrank.« Der Zahnarzt zog einen Kamm aus der Westentasche, um damit durch seinen schütteren Haarkranz zu fahren. »Ich habe sie bisher auf jedem Wahlplakat getragen. Aus Wiedererkennungsgründen sozusagen.«
»Aha.«
»Ich hoffe, das Licht heute Morgen ist nicht zu direkt für die Aufnahme. Wahrscheinlich kann man im Labor einiges nachbessern. Unter uns gesagt …« – Weingart senkte die Stimme – »… unter uns gesagt würde ich einigen Anwesenden davon abraten, beim Lächeln den Mund zu öffnen. Als Dentist hat man ja auch ein Bewusstsein für Ästhetik, nicht wahr?«
»Aufstellung, Leute!«, tönte August Probsts Stimme über ihre Köpfe hinweg. »Es geht los.« Man rückte zusammen, kichernd wie eine Sextanerklasse.
»Wer sind denn hier die Top-Faces?«, wollte der Fotograf von Frau Müller-Kersten wissen.
»Die was?«
»Na, die VIPs, die Strippenzieher, Alphatiere. Die ins Zentrum gerückt werden müssen.«
»Ich natürlich«, entgegnete die Frau verwundert. »Was dachten Sie denn? Der Rest der Mannschaft dient bloß als Staffage. Fototapete.«
»Soso.« Kaugummikauend musterte der Fotograf seine Gesprächspartnerin von oben bis unten. Sie war nicht sein Alter, nicht sein Geschmack, aber ihre Beine konnten sich sehen lassen. Verschiedene Gedanken schossen durch seinen Kopf, die er jedoch rasch beiseite schob. Er hatte schon mit ganz anderen Pin-up-Models zusammengearbeitet.
»Na gut«, sagte Renate Müller-Kersten, »wollen wir den Herren der Schöpfung noch ein letztes Mal die Gelegenheit geben, im Zentrum zu posieren. Passen Sie auf, da vorne der Dicke mit dem Bullenschädel ist unser Bürgermeister. Der muss in die Mitte.«
»Schön. Passt.«
»Wichtig sind außerdem der etwas kleinere Herr mit dem Vollbart …«
»Ich sehe nur einen Bart, und der ist nicht voll.«
»Genau der. Dann von den beiden, die sich gerade die Hände schütteln, der fülligere, last but not least meine Wenigkeit. Wie Sie uns platzieren, überlasse ich Ihnen.« Sie schmunzelte. »Aber achten Sie bitte darauf, die weiblichen Kandidaten möglichst gleichmäßig über das Foto zu verteilen.«
Der Fotograf hielt im Kaugummikauen inne. »Welche weiblichen …? Es sind doch bloß zwei.«
»Dann sollte es auch nicht so schwer werden.« Sie gesellte sich zu ihren Parteikollegen.
»Jaja«, murmelte der Mann und fingerte an seiner Kamera herum. »Lasst mich nur machen.«
Der Enthusiasmus des Fotografen hatte in langen Arbeitsjahren, Auge in Auge mit Konfirmanden, Hochzeitspaaren und Reisegruppen aus Fernost gelitten. Außerdem stammte er aus Greiffenhorst und fühlte sich im Herzen der Wolckensteiner Altstadt latent ungelitten, ohne sagen zu können, warum. Trotzdem war er professionell genug, die quirlig-diffuse Ansammlung von Lokalpolitikern vor ihm im Handumdrehen zu einer schlagkräftigen, optisch ansprechenden Gemeinschaft zu arrangieren.
Er klebte seinen Kaugummi auf ein Bein des Stativs und trat nach vorne.
»Einen wunderschönen guten Morgen, die Herrschaften, die Sonne lacht, die Natur lacht, und gleich werden Sie auch lachen, im Dienste der gemeinsamen Sache natürlich, denn noch nie hat in diesem Land ein Politiker eine Wahl gewonnen, wenn er nicht vorher von einem Wahlplakat gestrahlt hat, nicht wahr, und deshalb rücken wir jetzt alle ein wenig enger zusammen, nein, nicht ein wenig, sondern viel, viel enger, Sie wollen doch alle mit auf das Bild, oder? So, jetzt sieht das schon besser aus, jetzt müssen wir das Ganze nur noch etwas anpassen, zurechtschnippeln und ordnen, ich schlage vor, dass die Dame in Blau, falls Frau Müller-Kersten da vorne stehen bleibt, sich in die zweite Reihe orientiert, dafür kommt der Herr im karierten Sakko in Reihe eins, und der Herr mit der schicken Krawatte tauscht mit seinem Nebenmann den Platz, nein, nicht Sie, sondern hinter Ihnen der Herr, bitteschön.«
Bin ich nicht gemeint?, dachte Theo und strich über seine Krawatte. Der muss mich doch gemeint haben.
»Ja, das ist viel besser. Das kommt schon ganz gut.« Der Fotograf kniff die Augen zusammen und schritt zurück. Er hätte gerne zwei Dicke zur Abrundung an die Flanken der Gruppe gestellt, mit dem Bürgermeister als Spiegelachse mittendrin, und den Rest mit Dünnen aufgefüllt, aber dazu gab es nicht genug Dünne in dieser Partei. Die beiden Frauen waren schlank, sie mussten unbedingt hervorgehoben werden. Ja, das könnte gehen.
Hoppla, was war denn das?
»Entschuldigung, darf ich fragen, was Sie da machen, Herr Bürgermeister?«
»Ich repräsentiere«, antwortete Probst strahlend. Er war eine Stufe herabgestiegen und hatte die Arme ausgebreitet.
»Wieso denn das?«
»Ich bin der Bürgermeister, und das muss man doch sehen.«
»Das sieht man auch so. Bleiben Sie bitte bei Ihren Leuten.«
»Das sieht man nicht.«
»Und ob man das sieht. Fotografisch ist das überhaupt kein Problem. Sie haben diese … diese natürliche Ausstrahlung, verstehen Sie?« Die natürliche Ausstrahlung von aufgeblasenen Fettsäcken, setzte der Fotograf im Geiste hinzu.
»Aber man muss doch sehen, dass ich es bin, der den Trupp anführt. Glauben Sie mir, das wirkt, ich kenne mich aus. Bin ein alter Hase im Politikmetier. Von mir wurden schon mehr Plakate aufgehängt, als Sie Ihr Lebtag Fotos machen werden.«
Der Fotograf nahm gedankenlos den kalten Kaugummi vom Stativ und steckte ihn sich in den Mund. Allmählich ahnte er, warum sich die Kollegen vor diesem Job gedrückt hatten.
»August«, schaltete sich Renate Müller-Kersten ein. »Der Mann hat Recht, und er hat die Erfahrung. Deine Gesten wirken in diesem Zusammenhang ein wenig übertrieben. Appellativ, verstehst du?«
»Appellativ, genau«, murmelte der Fotograf. »Meine Rede.«
»Ach was«, sagte Probst, die Hände immer noch ausgebreitet. »Lasst es uns einfach ausprobieren. Bei Digitalfilmen kann man knipsen und gleich wieder löschen, wenn es dämlich aussieht. Das sind doch Digitalfilme, nicht wahr?«
Der Fotograf nickte.
»Na, also. Kenne mich aus bei so was. Knipsen Sie erst meine Variante, dann Ihre. Anstatt hier lange herumzureden.«
»Da oben kommt eine Wolke«, rief jemand. »Eine ziemlich große Wolke.«
Der Fotograf steckte die Hände in die Hosentaschen und zog die Nase hoch. Der Kunde war König, klar. Andererseits hatte auch er seinen Stolz. Nicht eben viel, aber genug, um sich nicht auf Befehl eilfertig hinter seinem Arbeitsgerät zu verkriechen. Außerdem hatte er bisher nur mit der langbeinigen Blonden verhandelt. Er suchte Augenkontakt...




