Indriðason Tödliche Intrige
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8387-1267-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Island Thriller
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-8387-1267-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In diesem psychologischen Thriller von Arnaldur Indriðason über eine isländische Femme fatale geht es um Leidenschaft und Liebe - und um einen überaus raffiniert geplanten Mord.
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2
Am schlimmsten ist die Stille.
Einsamkeit und Stille und diese ganze endlose Zeit, in der nichts passiert. Ich habe keine Ahnung, wie lange die Untersuchungshaft jetzt schon dauert. Ich fragte meinen Rechtsanwalt, der vor zwei Tagen hierher kam, oder zumindest glaube ich, dass es vor zwei Tagen war, und er erklärte mir, wir seien in der zweiten Woche. Als säßen wir zusammen in Untersuchungshaft. Ich hätte am liebsten selbst meine Verteidigung übernommen, aber mit Verbrechen kenne ich mich nicht aus.
Nur mit diesem einen.
Die Zeit in dieser tiefen Stille verbringe ich damit, auf Geräusche zu achten. Zu horchen, ob jemand den Gang entlangkommt. Auf die Schritte der Gefängnisaufseher zu lauschen, die sehr unterschiedlich sind. Der Dicke tritt schwerer auf als die anderen, und manchmal hört man ihn schnaufen, wenn er an der Tür vorbeikommt. Er sagt nie einen Ton. Er macht die Tür auf, reicht mir das Essenstablett herein und schließt die Tür wieder. Ich weiß nicht einmal, wie er heißt.
Ich weiß, dass einer von ihnen Finnur heißt. Er ist beinahe gesprächig, wenn er mich zum Verhör bringt. Dann ist da noch Guðlaug. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es auch weibliche Gefängniswärter gibt. Wer denkt schon über Gefängnisaufseher nach? Sie erzählte mir von ihren beiden Kindern. Sie sagte mir auch, dass es den Aufsehern untersagt sei, sich mit mir oder den anderen Untersuchungshäftlingen zu unterhalten. Guðlaug hielt sich nicht daran. Wenn sie an der Tür vorbeigeht, klacken ihre Clogs, klick-klack, klick-klack. Ich zähle die Klick-klacks. Es sind achtundsechzig Schritte vom ersten Klick bis zum letzten Klack.
Guðlaug erzählte mir von einem Mann, der in Untersuchungshaft gewesen war, ohne dass er sich irgendetwas hatte zuschulden kommen lassen. Sie hielten ihn sieben Wochen lang fest. Als er herauskam, war er imstande, seine Arme exakt so weit auszustrecken, dass er von Hand zu Hand genau einen Meter umspannte, keinen Millimeter mehr oder weniger. Er war auch imstande, präzise sechzig Sekunden lang den Mund zu halten, auf die Zehntelsekunde genau.
Ich hatte immer in dem Glauben gelebt, das Untersuchungsgefängnis sei in Reykjavík, aber es befindet sich de facto in Litla-Hraun. Ich bin in Litla-Hraun. Was für ein grauenvoller Gedanke.
Ich denke an meine Familie. Was meine Mutter wohl über mich denkt. All die Sorgen, die ich ihr bereitet habe. Nicht nur wegen dieser Sache, sondern überhaupt. Und die Reaktion meines Bruders. Wir haben kein gutes Verhältnis zueinander. Ob er wohl aus England eingeflogen ist? Mein Rechtsanwalt behauptet, er hätte vor zu kommen, aber wenn das stimmt, wäre er doch bereits da. Was hätte mein Vater gesagt? Ich überlege auch, was in den Medien berichtet wird, obwohl es eigentlich nicht wichtig ist. Es ist lange her, dass ihnen ein solch fetter Brocken vorgesetzt wurde. Dieser Fall ist angeblich einmalig. Eine derart vorsätzliche Planung hatte es hierzulande fast noch nie gegeben.
Ich weiß es nicht. Wie gesagt, mit Verbrechen kenne ich mich nicht aus.
Ich verbringe die Zeit damit, zurückzudenken.
An Bettý zu denken.
*
Mein Vortrag war der letzte an jenem Tag, und sie lud mich zu einer Tasse Kaffee ein. Ich schaute auf die Uhr, um es so aussehen zu lassen, als hätte ich anderes und Wichtigeres zu tun, aber sie schien irgendwie zu spüren, dass im Büro gar nichts auf mich wartete. Ich suchte nach einer Ausrede, aber auf die Schnelle fiel mir nichts ein, deswegen nickte ich zustimmend. Bestimmt hatte sie mein Zögern bemerkt, anders konnte man ihr Lächeln nicht interpretieren. Sie gab nicht auf. Sie drängte sich auf, ohne unhöflich zu sein. Stand vor mir, lächelte und wartete darauf, dass ich sagte: In Ordnung.
»In Ordnung«, sagte ich. »Vielleicht eine halbe Tasse.«
Sie war es gewohnt, dass die Leute »in Ordnung« zu ihr sagten.
Wir gingen zum Hotel Saga hinüber. Man kannte sie dort. Sie erklärte mir, dass Reeder aus den anderen Landesteilen, die etwas auf sich hielten, im Hotel Saga übernachteten. Der Service dort sei am besten. Das war auch nicht übertrieben. Die Kellner scharwenzelten um uns herum. Es ging auf den Abend zu, sie bestellte Kaffee, dazu einen guten Likör und ein kleines Stück Schokoladentorte. Sie brachten die Sachen und stellten sie vor uns auf den Tisch, ohne dass man überhaupt merkte, dass serviert wurde.
»Soll ich es auf die Zimmernummer setzen?«, fragte der Oberkellner. Er rieb sich die Hände, und ich sah, dass es eine völlig unbewusste Bewegung war.
»Ja, vielen Dank«, erwiderte sie.
»Wir besitzen auch ein Haus in Reykjavík«, sagte sie zu mir, »es wird gerade renoviert. Im Þingholt-Viertel. Mein Mann hat es vor zwei Jahren gekauft, aber wir sind noch nicht eingezogen. Er hat mit dem Gedanken gespielt, ob er es abreißen und ein neues auf das Grundstück setzen lassen soll, aber dann hat er sich die Ideen des Innenarchitekten angeschaut und …«
Ihr Achselzucken gab zu verstehen, dass es keine Rolle für sie spielte, ob das Haus stünde oder fiele.
»Mmmh …«, murmelte ich mit der köstlichen Schokoladentorte im Mund.
Ich dachte an meine kleine Wohnung. Meine Kommilitonen hatten nach dem Jurastudium sofort ein eigenes Haus bezogen. Sie besaßen große, teure Autos, fuhren zum Skiurlaub nach Österreich, zum Badeurlaub nach Italien und zum Shopping nach London. Vielleicht sehnte ich mich auch nach einer solchen Karriere, nach Besitztümern und Geld. Vielleicht bin ich deswegen hier. Ich habe nie mit Geld umgehen können. Die Studiendarlehen, die ich zurückzuzahlen hatte, waren gigantisch. Meine kleine Wohnung gehörte nicht mir, sondern den Kreditinstituten. Mein Auto sprang nicht immer an, wann ich wollte.
Das sollte sich alles ändern.
»Wir sind nicht viel in Reykjavík«, sagte Bettý. Sie öffnete ein flaches Etui und zog eine Zigarette ohne Filter heraus. Später erfuhr ich, dass es griechische Zigaretten waren, die speziell für sie importiert wurden. Die griechischen Hersteller weigerten sich, die Warnungen aufdrucken zu lassen, obwohl die Schadstoffmenge bestimmt die amerikanischen Sorten um ein Vielfaches übertraf. Sie zündete sie mit einem goldenen Feuerzeug an. Sie nahm sie zwischen die Lippen, und ihr roter Lippenstift zeichnete sich auf dem weißen Zigarettenpapier ab.
»Und wo wohnt ihr sonst?«, fragte ich.
»In Akureyri. Mein Mann besitzt eine Reederei. Er stammt aus Ostisland, ich bin aus Reykjavík. Wir leben seit sieben Jahren zusammen.«
»Und er braucht also Rechtsbeistand?«
»Ja. Er ist im Augenblick auf einer Sitzung beim Reederverband, aber ich erwarte ihn bald zurück.«
»Und währenddessen nimmst du an einer Konferenz über Fischfangmanagement und die EU teil.«
Sie lachte.
»Er wusste, dass du auf dieser Konferenz sein würdest, und hat mich gebeten, mit dir zu sprechen. Manchmal kann ich mich für das Unternehmen nützlich machen. Vor allem, wenn es darum geht, andere Reeder und die Aktionäre von all diesen kleinen Aktiengesellschaften zu unterhalten, oder Ausländer, zu denen er geschäftliche Verbindungen hat. Meistens Deutsche.«
»Und er hat dich darum gebeten, Verbindung mit mir aufzunehmen?«
»Könntest du dich heute noch mit ihm treffen? Morgen fliegen wir wieder nach Akureyri, aber heute Abend ist eine große Gala beim Reederverband. Hier im Hotel. Falls du Interesse hast, könnte ich … Aber womöglich hast du keine Zeit. Oder du möchtest vielleicht gar nicht?«
»Wozu braucht er juristischen Beistand?«
»Wegen der Ausländer. Er muss wissen, wo er steht, wegen der Europäischen Union. Du weißt doch alles über dieses bürokratische Ungetüm. Und dann versteht er die Verträge nicht. Die sind in dieser Juristensprache, die außer Eingeweihten niemand kapiert. Du weißt, wie so etwas läuft. Er versteht nämlich kaum Englisch.«
Sie drückte die Zigarette aus.
»Er bezahlt gut«, sagte sie. Die Zigarette musste wirklich stark sein, denn ihre Stimme, die an und für sich schon heiser, tief und sexy war, hörte sich noch rauer an. »Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, fuhr sie fort. »Entschuldigung«, sagte sie dann, »du rauchst vielleicht auch? Ich hätte dir eine anbieten sollen.«
»Nein, danke, ich rauche nicht.«
»Noch etwas Kaffee?«
»Nein danke, unmöglich«, sagte ich. »Ich muss weiter.«
»Seh ich dich dann heute Abend?«
Wieder dieses höfliche Drängeln. Am liebsten hätte ich ihr geraten, sich das Ganze aus dem Kopf zu schlagen, um dann aufzustehen und zu gehen, denn da war etwas an ihr, was mich störte. Es war, als passte ich nicht zu ihr. Genauso wenig passte ich zu ihrem Mann und seinem riesigen Fischereiunternehmen im Norden und ihrem Reichtum und dem Haus im Þingholt-Viertel, das sie ganz nach Belieben dem Erdboden gleichmachen konnten oder nicht. Als passte ich nicht in diese Welt, wo Kellner mit kleinen Kuchentellern vor einem katzbuckelten.
»Ich weiß, dass mein Mann großes Interesse daran hat, dich zu treffen«, sagte sie.
Erneutes Drängeln.
»Also …«, stammelte ich, nach den richtigen Worten suchend. »Es hört sich zwar alles ganz verlockend an, aber ich weiß nicht, was da wirklich dahinter steckt. Ich habe keine Ahnung, wer du bist, ich treffe dich heute zum ersten Mal. Ich weiß, wer dein Mann ist, und kenne auch sein Unternehmen ein wenig, genau wie wahrscheinlich alle anderen Isländer. Falls er Interesse daran hat, mich zu beschäftigen oder mir einen Auftrag zu geben, kann er sich im Büro mit mir in Verbindung setzen, genau wie alle anderen. Vielen Dank für den Kaffee.«
Ich stand auf, und sie erhob sich ebenfalls, indem sie mir die Hand...




