Iwoleit / Haitel | NOVA Science-Fiction 27 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 27, 290 Seiten

Reihe: NOVA Science-Fiction

Iwoleit / Haitel NOVA Science-Fiction 27

Themenausgabe "Neue Wege zur Utopie"
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95765-921-7
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Themenausgabe "Neue Wege zur Utopie"

E-Book, Deutsch, Band 27, 290 Seiten

Reihe: NOVA Science-Fiction

ISBN: 978-3-95765-921-7
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Themenausgabe 'Neue Wege zur Utopie' Idealgesellschaften mit kleinen Schönheitsfehlern Hoffnungsschimmer im Hoffnungslosen Themenausgaben sind in der Geschichte unseres Magazins immer problematische Vorhaben gewesen. Wir konnten nie sicher sein, ob eine Themenvorgabe von unseren Autoren so weit angenommen wird, dass genügend Geschichten zusammenkommen, um eine Magazinausgabe zu füllen. Nicht alle entsprechenden Ideen konnten realisiert werden. Das Thema der vorliegenden Ausgabe erwies sich als besonders schwierig. Seit unser früherer Mitherausgeber Frank Hebben die Idee zur Diskussion stellte, eine Ausgabe zum Thema Utopien und positiver Zukunftsbilder zusammenzustellen, sind über zwei Jahre vergangen. Wir waren nicht überrascht, dass einige unserer Autoren, als sie die Einladung erhielten, rundheraus abgewunken haben. Die Science-Fiction ist eine im Herzen pessimistische Literatur. Was sie an positiven, konstruktiven Impulsen enthält, wird meist durch das Kontrastmittel eines dystopischen Gegenbildes ausgedrückt: Sie zeigt nicht, wie die Welt sein müsste, sondern wie sie besser nicht werden sollte, und spricht sich damit indirekt für Wünsche, Werte und Hoffnungen aus. Der klassischen Utopie mit ihren Entwürfen eines idealen Gemeinwesens, die gewöhnlich in einem statischen, konfliktlosen Panorama präsentiert wurden, haftet heute etwas Verstaubtes an, die Aura einer leeren intellektuellen Übung, die nur für Elfenbeinturmbewohner von Interesse, aber als ernsthafte Herausforderung an die Wirklichkeit fruchtlos ist. Unsere Gegenwart ist zu kompliziert, zu konfliktreich, zu zählebig in ihren Machtstrukturen geworden, um noch aus ganzem Herzen an eine ideale, von Humanität, Gerechtigkeit und Vernunft bestimmte Welt glauben zu können. Die wenigen überzeugenden Utopien, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurden, lassen sich fast an einer Hand abzählen. Man denke hier vor allem an Ursula K. Le Guins The Dispossessed (1974), Ernest Callenbachs Ecotopia (1975) oder einzelne Erzählungen wie etwa John Varleys 'The Persistence of Vision' (1978).

Michael K. Iwoleit wurde 1962 in Düsseldorf geboren und lebt heute in Wuppertal. Er absolvierte eine Ausbildung als Biologisch-technischer Assistent, studierte Philosophie, Germanistik und Sozialwissenschaft und ist seit 1989 als Autor, Übersetzer, Kritiker und Herausgeber vor allem im Bereich Science-Fiction und fantastische Literatur. Er ist Mitbegründer und Mitherausgeber der Magazine Nova und InterNova, veröffentlichte fünf Romane, einen Erzähl- und einen Essayband sowie zahlreiche Erzählungen, die teils ins Englische, Italienisch, Spanische, Kroatische, Polnische, Rumänische und Bulgarische übersetzt wurden. In der Science-Fiction-Szene wurde er vor allem für seine Novellen bekannt, für die er fünfmal mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis und zweimal mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet wurde. Michael Iwoleit ist NOVA-Mitgründer, -Herausgeber und Gesamt- sowie Storyredakteur.
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Tobias Reckermann
Futur Drei


Fuge:Es sind da verschiedene Versionen im Umlauf. In einer davon warf ich einen gähnenden Blick auf meine Werkbank und das schon wieder angetrocknete Blau, das mir zuletzt die Nerven geraubt hatte. Lieber wollte ich aus dem Fenster sehen und nach purpurnen Wolken Ausschau halten. Mir drohte ein weiterer Tag der Unproduktivität und inneren Krise, also seufzte ich und trat an das Fenster, fand eine Wolke, deren Farbe eine ganz besonders leuchtende Intensität aufwies, und hielt mich im Geist daran fest, um nicht in Zweifel und Langeweile zu versinken.

Ein schöner Anblick war das, voll Möglichkeiten der Transzendenz, ein Versprechen der Ferne und des Abenteuers, doch natürlich war es die Farbe, die mich eigentlich interessierte, und mir war durchaus bewusst, dass ich so auf der Suche nach etwas anderem nur wieder nach dem Bekannten griff. Wie unschön. Wie langweilig!

Grübelnd verließ ich den Werkraum und schwor mir, auch Wolken keinen weiteren Blick zu gönnen. Da so recht alles Sichtbare von Farbe erfüllt ist, die, wie ich nicht weiter ignorieren konnte, eigentlich nichts ist, lag es nahe, die Augen zu schließen. Ich sann über die Möglichkeit einer blinden Existenz nach, die sicher eine große Herausforderung wäre. Tastend, hörend, riechend sich durch die Welt zu bewegen und nicht auf den visuellen Anschein der Dinge einzugehen, sich nicht der Einfachheit der Oberflächen hinzugeben, sondern der Tiefe des Klangs, schien mir in diesem Moment sehr verlockend. Ich fing an, damit zu experimentieren, indem ich mir gleich nach dem Frühstück die Augen verband.

Es wurde ein Tag voller Missgeschicke, die mich zwar anfangs nicht entmutigten, mich schließlich aber doch so ermüdeten, dass ich die späteren Stunden nur noch in meinem Sessel verbrachte und Gedanken nachhing. Man fühlt sich einsam, wenn man nicht sieht. Das Vertraute beginnt sich in Fremdes zu verwandeln und bald wird der Drang unbändig, sich wieder sehend zu machen. Anders wäre es wohl, wenn man nicht könnte, da einem die Verlockung des einfachen Wegs aber ständig winkt, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, wirklich nicht-sehend zu werden. Anders ausgedrückt bleibt man sehend, auch wenn man sich das Sehen entzieht.

Mission:Mein Kommunikat vibrierte und erlöste mich aus meiner Enttäuschung. Eine Nachricht war eingetroffen, und ich wandte mich der willkommenen Ablenkung zu: Den Text überfliegend identifizierte ich das Schreiben als eine Einladung zu Futur Drei, einem Kongress – wie ich aus dem beiliegenden Faltblatt erfuhr –, der nach dem Willen der Instrumentalität »zur Erhaltung und Förderung in die Zukunft weisenden Denkens eingerichtet« ist und jährlich »zum Wohl der Allgemeinheit« in Teknopol abgehalten wird. Ich verstand die Einladung sogleich als die ersehnte Antwort auf meine Bitte um ein neues Tätigkeitsfeld, die ich, nachdem mich meine alten Aufgaben so sehr zu langweilen begannen, an den Sinngebungsdienst der Maschinengehirne gerichtet hatte. Ich sei ein Fall, so hatte man mir in diesem Zusammenhang gesagt, bei dem Vorsicht walten müsse, nicht meiner Natur wegen (die ich, sogar vor mir selbst, zu verbergen weiß), sondern weil, und so hieß es im Wortlaut, ». Sie ein Mann sind, den man im Auge behält, von höheren Ebenen aus«, was mir nicht bewusst gewesen war, mich indes aber auch nicht beunruhigte, schließlich ist es Teil unseres Wesens, unter ständiger Beobachtung zu stehen. Die Einladung war mit der speziellen Mission verbunden, auf Futur Drei zu der Frage zu referieren, wie man in einer real existierenden Utopie noch utopisch denken könne.

Eine derartige Problematik zu erörtern lag mir denkbar fern, denn ich war bis dahin nur mit der Rekonstruktion von Naturfarben betraut gewesen, nicht also mit Themen von gesellschaftlicher Tragweite. In dem Anhang des Schreibens stand nun meine neue Berufsbezeichnung: Futurologe und Fiktionaut der scientifischen Literaturen – nichts weniger Gewichtiges als das!

Zunächst ließ ich das Anschreiben sinken und horchte auf meine innere Stimme, die nach einem Räuspern und einer Pause sich langsam erwärmendes Interesse bekundete. Ich war schon in der Einladung mit einer Vielzahl mir unvertrauter Begriffe konfrontiert und spürte das Knistern einer Neugier in mir, die ich schon seit einer Weile verloren geglaubt hatte.

Im Aufwallen von Tatendrang öffnete ich die in Fußnoten verborgenen Hyperlinks und erfuhr auf diese Weise schnell Grundlegendes, das bei der mir bevorstehenden Recherche weiterhelfen würde. Ich begriff den Sinn der Frage und die Bedeutung der darin betitelten real existierenden Utopie als das Folgende: Da wir bereits in der besten aller denkbaren Welten leben, wie können wir da den Glauben an sozialen Fortschritt und den Mut zu diesem aufrechterhalten?

Die so entschlüsselte Frage fesselte mich, und schon war ich ihrer Erforschung ganz ergeben. Ich dankte der Instrumentalität für ihren Fingerzeig. Als Futurologe würde ich der Zukunft auf die Sprünge helfen und könnte den Kosmos angetrockneter Farben getrost hinter mir lassen. Ja, diese Aufgabe gefiel mir sehr.

Am folgenden Tag schmolz ich die Werkbank und alles, das mit Farben zu tun hatte, ein und gestaltete meinen neuen Arbeitsraum, strich elektronische Tinte an die Wände und installierte Audiointerfaces. Ich schlug dann eine Reihe von Büchern auf und hatte bald mein erstes Aha-Erlebnis.

Wie sich herausstellte, hatten wir es am Ende des 21. Jahrhunderts nur geradeso geschafft, einer von uns selbst geschaffenen Vernichtung zu entgehen. Ein glücklicher Umstand der Synchronizität bescherte uns das Erwachen des ersten Maschinenbewusstseins genau in dem historischen Moment, an dem das Überleben unserer Spezies an seinem letzten seidenen Faden hing. Bis dahin waren Klimawandel und Knappheit der Ressourcen zu einem schier unlösbaren Problem angewachsen, aus dem uns nur die erhabene Intelligenz Laserheads, der ersten künstlichen Entität der Weltgeschichte, hatte erretten können.

Ich ließ meinen Blick sinken und spürte in mich hinein. Zweihundert Jahre nach Laserheads Geburt, heute also, ist einem das, was ich las, kaum noch bewusst. Wir stehen jenseits der Synthetischen Revolution und unsere Sorgen drehen sich nicht mehr um so Essenzielles wie das Überdauern der Menschheit. Was ich von den Leiden unserer Vorfahren erfahren hatte, stimmte mich nachdenklich und auch ein wenig traurig.

Jetzt erst begriff ich die Tragweite und Notwendigkeit utopischen Denkens. Es ging dabei um weit mehr als bloßes Gedankenspiel. Ich begriff auch, dass wir uns, wenn wir das Utopische zu verlieren drohten, möglicherweise ohne es zu wissen, in einer Krise befanden. Welche Aufgabe man mir da anvertraut hatte! Mir, einem einfachen Sinnsuchenden unter den paar hundert Millionen, die diesen Planeten bevölkern.

Fieberhaft ist das Wort, mit dem sich meine nun folgende Suche am besten beschreiben lässt. Die nächsten Tage verbrachte ich ohne Schlaf in einem Zustand heißester Anstrengung um ein Verstehen, um eine Durchdringung jenes geistigen Vorhangs, hinter dem ich mich befand.

Wir leben in einer vollendeten Zukunft, und unsere Geschichte ist ein abgeschlossenes Buch, das wir kaum noch aus dem Regal ziehen. Ich begann damit, Vergleiche anzustellen. Wie hatten die Menschen im 20. und frühen 21. Jahrhundert gelebt und wie unterscheidet sich unser heutiges Leben von dem damaligen?

Indizien:Zunächst einmal bestimmten damals Knappheit und die Maxime des Wachstums die Ökonomie. Das ist Geschichte. Heute sind wir in der Lage, beinahe alles bei minimalem Aufwand an Energie zu synthetisieren, und dem Wachstum haben wir eine ganze Reihe von Riegeln vorgelegt, angefangen damit, dass wir Menschen auf Habitate im All und auf andere Planeten exportieren. Ich selbst bin dieser Bestimmung als Erstgeborener entgangen und lebe auf einer Erde mit überschaubarer Bevölkerung, weiß aber auch, dass meine beiden Brüder und meine Schwester auf dem Mars kein schlechteres Leben führen.

Damals waren Städte wie unaufhaltsam wachsende Geschwüre auf dem Antlitz der Erde, heute beschränken wir die Bevölkerungszahl jeder städtischen Siedlung auf ein Maximum von einhunderttausend.

Ein Geldsystem haben wir beibehalten, allerdings für rein praktische und nicht für kultische Zwecke. Ein bedingungsloses Grundeinkommen versetzt uns in die Lage, dem Sinn und persönlichem Glück Vorrang vor dem Erfüllen stumpfer Pflichten zu geben, wie sie das Dasein vergangener Generationen bestimmten. Auch dass wir so schillernden Berufen wie dem meinen nachgehen, diese überhaupt erst erfinden können, verdanken wir dieser Institution.

Man vertraut jetzt auf die Erhabenheit maschineller Gehirne und überlässt der Robotik einen Großteil aller gefahrvollen Aufgaben.

Ein wenig erscheint mir unsere Gesellschaft doch den klassischen Utopien ähnlich zu sein. Wie der platonische ist unser Staat von Vernunft bestimmt, wenn auch wir den Dichtern einen höheren Stellenwert einräumen. Morus’ Insel und der Sonnenstaat, Nova Atlantis, die Charta der Menschenrechte und die vielen Entwürfe der Moderne, von allen haben wir etwas, das Beste, genommen und daraus eine vollendete Ordnung erschaffen.

Bei der Durchsicht der historischen Abläufe stieß mir allerdings immer wieder...



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