Jackson Dunkle Liebe - Hoffnung
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7363-0087-3
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 02, 480 Seiten
Reihe: Dunkle-Liebe-Reihe
ISBN: 978-3-7363-0087-3
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"ICH SEHE EINEN MANN, DER SEINE ENTSCHEIDUNGEN BEREUT, DER WIEDERGUTMACHUNG LEISTET UND SEIN LEBEN WEITERLEBEN MÖCHTE. ICH SEHE EINEN MANN, DER ANGST DAVOR HAT ZU VERTRAUEN, ES SICH JEDOCH SEHNLICHST WÜNSCHT. ICH SEHE HOFFNUNG." Max O'Hare wird von seiner Vergangenheit verfolgt: seiner Drogenabhängigkeit, der Trennung von seiner Freundin, dem Verlust ihres ungeborenen Sohnes. Verzweifelt kämpft er Tag für Tag gegen seine Dämonen - die Hoffnung auf ein normales Leben oder gar Liebe hat er längst aufgegeben. Doch dann begegnet er Grace Brooks. Nach außen hin lebensfroh und optimistisch, hat auch Grace ihre Geheimnisse, die sie vor der Welt verbirgt ...
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1
Zum ersten Mal dachte Max O’Hare darüber nach, sich das Leben zu nehmen, als man seinen Vater beerdigte. Es war einer dieser tristen Oktobermorgen gewesen, an denen einem der Wind ins Gesicht peitscht und es nicht regnet, sondern in Strömen gießt und selbst den sorglosesten Menschen dazu bringt, sich zu fragen, warum er überhaupt je fröhlich gewesen war.
Max hatte zugesehen, wie man den Sarg seines Vaters in die Erde hinabsenkte, gleich neben Hazel O’Hare, Max’ Mutter. Der schöne Grabstein über ihrer letzten Ruhestätte, der mit goldenen Lettern verriet, dass sie bei ihrem Tod durch einen Frontalzusammenstoß auf dem Weg zur zweiten Geburtstagsfeier ihres Sohns erst sechsundzwanzig gewesen war, hatte nun einen Nachbarn bekommen. Im Alter von fünfundvierzig und nach qualvollen achtzehn Monaten hatte Connor O’Hare seinen tapferen Kampf gegen den Bauchspeicheldrüsenkrebs verloren und ließ Max als Waise zurück.
Eine Waise, die sich fragte, was zum Teufel sie mit ihrem Leben anstellen sollte.
Sicher, da war der Familienbetrieb, eine spezialisierte Autowerkstatt, in der Max voller Begeisterung und Heldenverehrung das Mechanikerhandwerk von seinem Vater erlernt hatte … doch als Connor schließlich nicht mehr arbeiten konnte, wurde dieser ganze Scheiß überflüssig. All die heißen Schlitten und brüllenden Motoren – nichts davon war mehr wichtig. Das einzig Wichtige war, wann die nächste Runde Chemo anstand und zu welch absurden Beträgen sich die Arztrechnungen auftürmten.
Nicht dass sich Max’ Vater jemals darüber beschwert hätte. Als Max anfing, sich wegen Geld und Terminen zu stressen, hatte er nur gelächelt und gesagt, dass das Leben zu kurz sei, um sich über Kleinigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Aber so war Connor O’Hare nun mal gewesen. Vielleicht war er deshalb nie ausgeflippt, wenn Max als Teenager von der Polizei nach Hause gebracht worden war oder als man ihn wegen Drogenbesitz und Autodiebstahl verhaftete. Du wirst deinen Weg schon finden, hatte sein Vater mit einem enttäuschten Schulterzucken gesagt, das Max vor Schuldgefühlen mit den Zähnen knirschen ließ, das sind nur Schlaglöcher in der Straße des Lebens, Sohn.
Max war sich da nicht so sicher. Er hatte keine Ahnung, warum er immer wieder solchen Mist baute. Aus Langeweile vielleicht? Verdammt, er konnte nicht mal beschissene Familienverhältnisse als Entschuldigung vorschützen. Sein Vater war ein guter Mann, der sein Bestes gab, um seinen Sohn allein großzuziehen. Nein, Max war sein eigener schlimmster Feind. Er wollte so stark sein wie sein Dad, so großmütig und engagiert, aber er versagte jedes verdammte Mal.
Erwartungsgemäß kämpfte Max’ Vater wacker gegen seine Krankheit und blieb tapfer bis zum Ende, doch sein Tod war nicht der eines Kriegers. Er war nicht romantisch. Es gab keine geflüsterten liebevollen Worte, keine Lebensweisheiten oder Worte des Bedauerns, da er nicht mehr in der Lage gewesen war zu sprechen – der Krebs hatte schon seine Lunge und seine Kehle angegriffen. Max konnte einfach nur zusehen, wie sein Vater immer mehr von der Krankheit zerstört und dieser robusten Lebendigkeit beraubt wurde, die Max immer gekannt und geschätzt hatte. Alles, was blieb, war die gealterte Hülle eines Mannes, der still im Schlaf hinüberglitt, während Max am Krankenhausbett wachend seine Hand hielt.
Der Kummer hatte Max so fest im Griff, dass er nicht einmal weinen konnte. Seine Augen blieben hartnäckig trocken, so als blockiere die Trauer jeden Teil von ihm, jede Tränendrüse, jede Vene und Arterie.
Natürlich hatte er Freunde. Freunde, die eher wie eine Familie für ihn waren und sich für ihn ein Bein ausreißen würden. Was immer wir tun können. Ich bin hier, wenn du reden willst. Herrgott, er schaffte es kaum, morgens aus dem Bett zu kommen, und die erwarteten, dass er redete. Er wusste es zu schätzen, sicher, aber ihre Worte waren nichts als ein bloßes Flüstern in einem Wind, der Max mit der Zeit in eine tiefe Depression trieb. Diese Dunkelheit gipfelte darin, dass er eine Flasche Wodka kippte, ein Dutzend Linien Koks schnupfte und stumpf auf eine Packung Tabletten starrte, die er in den Sachen seines Vaters gefunden hatte.
Es wäre so einfach, hatte er gedacht.
So verdammt einfach.
Und schmerzlos.
Das wollte er mehr als alles andere: eine Existenz ohne Schmerzen.
Doch er hatte es nicht durchgezogen. Feigheit war nichts, auf das Max stolz war, aber wie sein bester Freund Carter ihm erklärt hatte: Er war zwanzig Jahre alt und hatte noch sein ganzes Leben vor sich. Und gelebt hatte er es. Er hatte sich zugedröhnt, Frauen gevögelt, sich auf Dinge eingelassen, die ihn nichts angingen, er wurde zum Dealer, angeschossen, verhaftet, auf Kaution freigelassen … und dann das Ganze wieder von vorne.
Weniger ein Leben als vielmehr ein endloser Kater, unterbrochen von Delirien. Er hielt die Werkstatt mit dem Geld über Wasser, das er durchs Dealen verdiente, bezahlte damit seine Angestellten und feierte von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Und während die Monate verstrichen, verebbte der Schmerz, den Max seit dem Tag der Beerdigung gespürt hatte, ganz allmählich. Zurück blieb eine Taubheit, in der er sich ungehemmt suhlte. Er spürte keinen Schmerz. Herrgott, er spürte überhaupt nichts mehr. Und das war gut so.
Er bezweifelte, dass er je wieder etwas spüren würde. Er war sich nicht einmal sicher, ob er das überhaupt wollte.
Bis sie in sein Leben stolperte …
Max schaute von dem hochwertigen cremefarbenen Teppich unter seinen Füßen hoch zu dem Mann, der ihm gegenübersaß. Elliot wartete geduldig, dass Max noch etwas sagte, aber Max wusste, dass er fertig war. Er hatte schon mehr gesagt, als er wollte. Er hatte schon lange nicht mehr über seinen Vater gesprochen, und an dieser speziellen Narbe zu kratzen war immer noch so qualvoll wie am Tag der Beerdigung vor acht Jahren.
Er griff nach dem Wasserglas auf dem kleinen Holztisch neben seinem Sessel und trank einen großen Schluck. Die erwartungsvolle Stille war erdrückend und ließ Max unruhig auf seinem Sitz herumrutschen.
»Deinem Schweigen nach nehme ich an, wir sind fertig für heute.« Elliot lächelte und kritzelte rasch etwas auf den Block, der wie immer auf seinen Knien lag.
Max antwortete nicht, sondern atmete tief durch, weil er wusste, dass Elliot ihn vom Haken gelassen hatte. Er hatte schnell erkannt, dass Dr. Elliot Watts ein hartnäckiger alter Bastard war. Ja, er war Therapeut, und dieser Mist war sein Job, doch er war von Anfang an unerbittlich gewesen. Nichtsdestotrotz musste Max zugeben, dass er den Doc mochte, ganz egal, welche dunklen Pfade der Vergangenheit er ihn zu betreten bat.
»Du hast heute wirklich gute Fortschritte gemacht, Max«, fuhr Elliot mit einem kleinen Nicken fort. »Ich weiß, es ist nicht leicht, über deinen Vater zu reden.«
Oh ja, ohne Scheiß.
Kritzel, kritzel. »Also, du bist jetzt seit fünfzehn Tagen hier. Wie kommst du mit den Medikamenten zurecht?«
Max zuckte mit den Schultern. Er hatte eine Unmenge bunter Pillen bekommen, die er jeden Morgen schlucken musste: Antidepressiva, Ritalin, Amantadin. Jede erfüllte eine spezielle Aufgabe und sollte ihm gegen die quälende Verzweiflung, die schlaflosen Nächte und den Suchtdruck helfen. Und das taten sie auch. Größtenteils. Verdammt, Medikamente waren schließlich auch nichts anderes als Drogen.
Es waren nicht die Drogen, die er wollte, die Drogen, von denen er wusste, dass sie seiner Unruhe in den Arsch treten würden, die Drogen, die verhindern würden, dass sein Schwanz nichts als schlaffe Zeitverschwendung war, die Drogen, die den ungeheuren Appetit unterdrücken würden, der ihn an Hüftspeck zulegen ließ, die Drogen, die jedes Mal wie mit dem verdammten Lockruf einer Sirene nach ihm riefen, wenn er nachts versuchte, ein Auge zuzutun.
Aber Medikamente waren auch nichts anderes als Drogen.
Bei jedem halbherzigen Schlag seines Herzens floss das Blut nur träge durch seinen Körper. Es sehnte sich nach dem Feuer einer Line, dem Leben, dem euphorischen Losgelöstsein. Herrgott, er brauchte einen Hit. Nur einen einzigen verdammten Hit.
Elliot setzte sich ein wenig aufrechter, als spüre er den Hunger, der Max praktisch von innen lähmte. »Was machen die Albträume?«
Durchdringende Furcht erfasste Max. Er schluckte und rang nervös die Hände. Sein Unbehagen sprach Bände. Die Albträume waren genau das: albtraumartig und so lebhaft und beängstigend, dass es Max schon beim bloßen Gedanken an Schlaf eiskalt wurde. Sie hatten nur wenige Tage nach seiner Einweisung eingesetzt, wenige Tage nachdem er vom Stoff runter war, und trotz Elliots verordneter Medikation ließen sie nicht nach. Die Ringe unter seinen Augen waren der Beweis dafür.
»Wir können deine Dosis erhöhen, wenn es nötig ist, Max«, sagte Elliot leise. »Du brauchst deinen Schlaf.«
Max seufzte mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken. Die Angst vor dem, was ihn erwartete, wenn er schlief, wog schwerer als sein Stolz.
»Okay. Dann werde ich das für dich veranlassen.«
»Danke.« Max’ Stimme war leise, doch seine Dankbarkeit unermesslich.
»Möchtest du über die Albträume reden?«
»Nein.« Max rieb sich die Schläfen, hinter denen die grotesken Bilder, die ihn nachts überfielen, hevorzubrechen drohten. Elliots Schweigen brachte ihn dazu, den Kopf zu heben. »So schlimm.«
Max zog die Kapuze seines Sweatshirts tiefer ins Gesicht. Er trug die...




