E-Book, Deutsch, Band 1, 534 Seiten
Reihe: Die Druidin
Jaeckel Die Druidin
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-394-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 534 Seiten
Reihe: Die Druidin
ISBN: 978-3-96148-394-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Birgit Jaeckel, geboren 1980, studierte Ur- und Frühgeschichte, Paläontologie und Alte Geschichte. Während sie ihre Magisterarbeit über eine Siedlung der Kelten in Süddeutschland schrieb, reifte in ihr der Plan, ihr umfassendes Wissen in einen Roman fließen zu lassen. So entstanden »Die Druidin« und die Fortsetzung »Die Tochter der Druidin«. Birgit Jaeckel arbeitete außerdem als PR-Consultant - unter anderem für den »Alternativen Nobelpreis« - und ist als Drehbuchautorin, Story-Coach und Beraterin für die Buch-, Film- und Kommunikationsbrache erfolgreich. Die Autorin im Internet: www.birgitjaeckel.com
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Der Abendwind wehte einen Hauch von verbranntem Fleisch über den zertrampelten Platz vor der Herberge. Kleine Rauchwolken kräuselten sich über verkohltem Ried und zerfaserten knapp über dem Boden in der Luft. Unter herabgestürzten Balken schwelten noch immer Flammennester. Schreie, die aus dem Inneren des halb zerstörten Hauses drangen, übertönten das verstohlene Knistern des Feuers.
»Wir sollten nicht hier sein!« Vebromara warf Bandagen voller Blut in den Kessel über der Feuerstelle. Heißes Wasser spritzte auf und zischte, als es in die Flammen tropfte. Talia trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.
»Luguaedon ist mein Lehrmeister. Es ist meine Aufgabe, hier zu sein!«
Vebromara sah sie aufgebracht an. »Du warst bis jetzt noch nicht einmal in diesem Haus!«, erinnerte sie Talia. »Du hast nicht gesehen, was dich da drinnen erwartet!«
Talia beobachtete, wie sich die feinen Härchen auf Vebromaras Unterarmen aufrichteten. Kurz darauf kroch die Gänsehaut auch ihr die Arme hinauf. »Kranke fühlen sich wohl in meiner Nähe«, sagte sie und ärgerte sich, wie dünn ihre Stimme klang. Die Schreie der Sterbenden drangen noch immer durch die herausgebrochene Tür des Hauses, peitschten über die blutbefleckte Schwelle hinweg und gegen die Nerven des Mädchens. »Sogar Luguaedon sagt das! Er sagt, Kranke würden in meiner Nähe ruhiger werden.«
»Diese hier nicht.« Vebromara wischte Talias Einwand mit einer Handbewegung weg. »Diese Männer sind nicht krank, Talia, sie sind verbrannt! Du hast ihre Wunden noch nicht gesehen, hast noch nicht den Gestank verkohlter Haare gerochen, sonst würdest du anders reden! Wenn die Haut Blasen wirft, aufplatzt und …«
Talia wandte sich ab. In der Ferne, am schmalen Saum zwischen Wald und Feldern, konnte sie die weißen und blauen Umhänge der Geweihten erkennen. Die Gestalten ihrer Schüler huschten zwischen ihnen hin und her, beladen mit Holz für das Feuer, das die Toten verschlingen sollte.
»… und wer weiß, ob die Boier nicht wiederkommen, um ihr Werk zu vollenden.« Vebromara rührte die eingeweichten Leinentücher um, als hinge ihr Leben daran. Ihre Lippen waren zusammengepresst, die Brauen unter dem von grauen Strähnen durchzogenen Haar gerunzelt.
Talia schüttelte den Kopf. »Weshalb sollten sie zurückkommen und uns angreifen? Luguaedon meint, unsere Druiden würden sich nicht an Kämpfen mit den Boiern beteiligen.«
»Und wenn es anders wäre, glaubst du, du würdest es als Erste erfahren?« Vebromara fischte eine der Bandagen aus dem Wasser und legte sie auf die hölzerne Brunneneinfassung. Sie berührte sie mit den Fingerspitzen, doch das helle Leinen war noch zu heiß, um es auszuwringen. Vebromara rieb sich die Hände am Saum ihres Hemdes ab und kramte nach ihrer Schere.
Das Schreien endete abrupt. Kurz darauf erklang Luguaedons ärgerliche Stimme. Irgendetwas fiel im Inneren des Hauses zu Boden, dann stolperte einer der Schüler über die Schwelle nach draußen. Neben den Pfosten des Vordachs stürzte er auf die Knie und übergab sich. Der Schatten seines Lehrers fiel auf ihn.
»Talia!« Luguaedon ignorierte die Würgegeräusche zu seinen Füßen. »Komm her! Du wirst mir helfen! Vebromara, sieh zu, dass wir endlich frische Verbände bekommen!«
Ohne auf eine Reaktion zu warten, drehte er sich um und verschwand im Inneren des Gebäudes. Wenig später trugen zwei ältere Schüler die Leiche eines Mannes nach draußen. Sie gingen gebückt unter der Last und mit unsicheren Schritten. Als sie an den beiden Frauen vorbeikamen, sah Talia die kleine Stichwunde in der Brust des Toten, direkt über dem Herzen. Aufgeplatzte Haut und Blasen bedeckten die Hälfte seines Oberkörpers, das Gesicht war vom Hals bis zum rechten Ohr bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Talia spürte, wie ein Schweißtropfen die Innenseite ihrer Schenkel nach unten rann. Ihr Magen verkrampfte sich.
Vebromara strich ihr über den Kopf und die plötzlich kalten Wangen. »Ich kann ihm sagen, dass du zu jung bist …«
»Ich bin vierzehn Jahre alt!« Talia riss sich los. Verärgert nestelte sie an den gelben Bändern in ihrem Haar und wich dem scharfen Blick ihrer Ziehmutter aus.
Vebromara stützte die Hände in die Hüfte. »Du bist ein Kind!«, schnappte sie. Einen Herzschlag später bereute sie ihre barschen Worte. Mit einer ausholenden Armbewegung deutete sie auf den zerstörten Hof, die angrenzenden Felder und den schmalen Pfad, der von der Straße fort in den Wald führte. Sanfter murmelte sie: »Du solltest einfach nicht hier sein! Wir beide sollten nicht hier sein.«
Talia kniff die Augen zusammen. Ihre Eingeweide zogen sich schmerzhaft zusammen, und ihre Stimme war heiser, als sie plötzlich begriff. »Es war hier, nicht wahr? Damals, als ich geboren wurde? Hier bei diesem Hof! Du hast immer gesagt, es wäre an der Straße von Menosgada nach …«
»Nein, es war nicht hier!« Vebromara zupfte an den weiten, mit bunten Karos bestickten Ärmeln ihres Kleides, die sich mit Wasser vollgesogen hatten. »Es war in der Nähe, aber nicht hier. Diesen Hof gab es damals noch nicht. Sonst wären deine Eltern hier abgestiegen, und ich wäre ihnen nie begegnet.«
Mit weit aufgerissenen Augen sah Talia zu dem Pfad hinüber, der zwischen den Bäumen verschwand. Beinahe glaubte sie, ihren Vater zu sehen, wie er auf seinem hochgewachsenen Rappen über die Felder floh. Der Mantel flatterte wie eine dunkle Wolke in seinem Rücken – der Schatten eines Feiglings.
Vebromara vergewisserte sich, dass niemand sie belauschen konnte, bevor sie sich vorlehnte und flüsterte: »Pass auf, dass du nicht zu nahe an den Fluss gehst, der hinter den Bäumen fließt. Vielleicht ist die Flussgöttin immer noch wütend, dass ich …«
»Wenn die Göttin glaubt, dass ihr etwas genommen wurde, soll sie es sich von meinem Vater holen!«
Der Hass in Talias Stimme ließ Vebromara einen Schritt zurückweichen. Langsam schüttelte sie den Kopf. »Manchmal frage ich mich, ob es nicht ein Fehler war, dir die ganze Geschichte zu erzählen.«
»Hättest du mich lieber mein Leben lang belügen wollen?«
»Manchmal sind Lügen gnädiger.«
In der unangenehmen Stille, die Vebromaras Worten folgte, steckte Luguaedon erneut seinen Kopf durch den Türbogen und rief: »Seid ihr taub? Wie lange möchtest du uns denn noch warten lassen, Talia? Hier sind Verletzte, hast du das vergessen? Und bring frisches Wasser mit!«
Luguaedons Kopf verschwand abermals im düsteren Inneren des Gebäudes. Talia blickte Vebromara noch einmal aufgebracht an, dann griff sie nach einem Eimer. Sie warf ihn in den Brunnen und zog das andere Ende des Seils durch den Haken am Gestell, während sie darauf wartete, dass er volllief. Sie dachte, dass Vebromara ihr helfen würde, ihn hochzuziehen, doch nichts geschah. Mit dem Seil in der Hand drehte Talia sich um.
Vebromaras Blick ging an ihr vorbei und nach oben. Kaum merklich deutete sie mit dem Kinn in die Richtung. Talia sah zum Stall hinüber, dessen Tür ebenfalls herausgebrochen war. Das verdrehte Bein einer toten Kuh lag hinter dem Eingang, umschwirrt von einer Wolke aus Fliegen. Talia wollte Vebromara schon fragen, was sie meinte, dann bemerkte sie es.
Eine Eule saß auf der Kante des Stallgiebels. Sie war klein und zerzaust und blickte aus großen, goldfarbenen Augen zu den beiden Frauen hinunter. Die Büschel an den Ohren zuckten im leichten Wind, und die scharfen Klauen bohrten sich so fest in das Dach, dass das Holz splitterte. Talia fuhr zusammen, als eine Welle aus Schmerz durch ihren Unterleib schoss, so als würden die Klauen des Vogels sich in ihr Innerstes krallen und es zerreißen.
»Wieso zeigt sie sich uns?«, flüsterte Vebromara an Talias Ohr. »Wir sind keine Seher! Was hat das zu bedeuten?«
Talia zuckte mit den Schultern. Sie wusste nicht viel über Eulen und die Botschaften, die sie brachten, denn sie war kein Druide, und dieses Wissen war geheim. Eigentlich hätte sie sich sogar abwenden sollen, erinnerte sie sich, denn es war Uneingeweihten verboten, einer Eule in die Augen zu sehen. Aber sie konnte den Blick nicht losreißen. Der Schnabel der Eule stand leicht offen, so als würde sie lachen. Talia glaubte, ein leichtes Blitzen um ihren Kopf herum zu sehen – wie aufstiebende Funken eines hungrigen Feuers –, doch als sie blinzelte, war der Eindruck verflogen. Einen Moment später breitete die Eule die Flügel aus. Sie tauchte in einem sanften Bogen nach unten und flog dicht an den beiden Frauen vorbei. Talia meinte einen Augenblick lang, eine leichte Berührung wie von Federn an ihrer Schläfe zu spüren, aber es war nur ihr eigenes dichtes Haar. Kurz darauf verschwand die Eule in der Dunkelheit des Waldes auf der anderen Straßenseite.
»Ich lasse es besser Ientus wissen«, murmelte Vebromara nach einem weiteren Moment, in dem sie zu der Stelle gestarrt hatten, wo die Eule zwischen den Kiefern verschwunden war. »Sollen sich die Druiden darüber Gedanken machen, was dieses Omen bedeuten mag!«
Talia verwischte, ohne hinzusehen, einen weiteren Schweißtropfen zwischen den Knien. Sie erinnerte sich an das Seil in ihrer Hand und begann, den Eimer hochzuziehen. Als sie ihn schließlich zum Haus schleppte, war Vebromara bereits auf halbem Weg über die Felder.
Im Inneren des Gebäudes war es nur unmerklich dunkler, aber deutlich wärmer. Hitze strahlte von den verkohlten Balken im hinteren Teil nach vorne, wo die Verwundeten versorgt wurden. Der beißende Gestank von verbranntem Fleisch und Haaren hing noch immer in der Luft. Die Brise, die draußen wehte, schien ihn im Inneren des Hauses einschließen zu wollen. Holz knackte und bildete eine düstere Geräuschkulisse zum abgehackten Atmen der Verwundeten. Über allem...




