E-Book, Deutsch, Band 2, 470 Seiten
Reihe: Die Druidin
Jaeckel Die Tochter der Druidin
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-395-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 470 Seiten
Reihe: Die Druidin
ISBN: 978-3-96148-395-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Birgit Jaeckel, geboren 1980, studierte Ur- und Frühgeschichte, Paläontologie und Alte Geschichte. Während sie ihre Magisterarbeit über eine Siedlung der Kelten in Süddeutschland schrieb, reifte in ihr der Plan, ihr umfassendes Wissen in einen Roman fließen zu lassen. So entstanden »Die Druidin« und die Fortsetzung »Die Tochter der Druidin«. Birgit Jaeckel arbeitete außerdem als PR-Consultant - unter anderem für den »Alternativen Nobelpreis« - und ist als Drehbuchautorin, Story-Coach und Beraterin für die Buch-, Film- und Kommunikationsbrache erfolgreich. Die Autorin im Internet: www.birgitjaeckel.com
Autoren/Hrsg.
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Prolog
102 v. Chr.
Die von namenlosen Legionären festgetretene Erde der Straße hallte unter den Schritten des Mannes, der sie entlangwankte. Von Zeit zu Zeit streiften seine breiten Schultern das gespannte Leder der Mannschaftsunterkünfte, welche die Straße säumten, doch der Mann, der sein Volk zum Sieg über die Römer geführt hatte, war zu berauscht, um es zu bemerken. Seine ganze Aufmerksamkeit galt den Geräuschen, die über Graben, Wall und die Palisaden des Kastells hinweg an seine Ohren drangen: Gelächter, Lieder, das fröhliche Kreischen von Frauen und Kindern, Trinksprüche auf das siegreiche Heer und seinen König. Die Sprache des Triumphes. Die Sprache, die Boiorix am besten von allen beherrschte.
Die Zelte, in denen vor zwei Nächten noch römische Soldaten geschlafen hatten, verschwammen am Rande seines Gesichtsfelds. Genauso würde schon bald ganz Italien vor seinen Augen verschwimmen, dachte er trunken. Wie eine Flutwelle würden seine nordischen Krieger über das Land hereinbrechen, allen Staub und römische Arroganz hinwegfegen und ernten, was die Woge übrig ließ: Blut und Wein im Überfluss, Reichtum und unsterblichen Ruhm, dazu das fruchtbare Land für sein Volk. Offen wie die Schenkel einer Hure lag es vor ihm.
Sinnlose Wortfetzen trieben mit dem Abendwind an Boiorix’ Ohr, Fragmente der Siegessänge, die seine Männer über den heutigen Tag dichteten. Immer wieder hörte er seinen Namen heraus, begleitet vom triumphierenden Hall der Trompeten. Die Lieder erzählten, wie Boiorix seine Krieger zum Sieg über den römischen Konsul Catulus und dessen Heer an dem Fluss, den die Römer Athesis nannten, geführt hatte. Er hatte ihr Lager gestürmt und in seiner Großmut erlaubt, dass die römischen Soldaten unbehelligt abzogen. Er wollte, dass sie ganz Italien erzählten, dass die Kimbern sie wie Fliegen hätten zerquetschen können – trotz ihrer strengen Heeresorganisation, ihres Kastells und des von Barden besungenen militärischen Geschicks ihrer in blitzende Muskelpanzer gehüllten Anführer. Sie sollten ihre Niederlage nach Rom tragen, Schande und Angst verbreiten, bis auch der letzte römische Bettler aus Furcht vor den heranstürmenden Nordmännern unter den Rock seiner Mutter kroch und sich zitternd selbst benässte.
Der Gedanke ließ Boiorix den Druck in seiner Blase spüren. Er blieb stehen, um an den Schnüren zu nesteln, die seine Hose hielten. Dabei stellte er fest, dass seine rechte Hand noch immer ein Trinkhorn umklammert hielt, in dessen Inneren es verführerisch schwappte. Den Kopf in den Nacken gelegt, führte er das Horn an die Lippen. Schwerer dunkler Wein rann durch seinen Schnurrbart, spritzte ihm ins Gesicht und tropfte kühl auf seine Brust hinab. Rülpsend schleuderte er das Horn von sich und hörte befriedigt, wie es irgendwo in der einsetzenden Dunkelheit mit einem dumpfen Ton gegen eine Zeltwand prallte. Gerade wollte er sich wieder den Schnüren seiner Hose zuwenden, als er Stimmen hörte.
Boiorix wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und blinzelte. Trotzdem dauerte es einige Herzschläge, bis sich sein Blick klärte und er die beiden Männer und das Mädchen unterscheiden konnte, die den Platz vor den Stabszelten überquerten und sich ihm langsam näherten. Er spürte eine Bewegung hinter sich, aus den Augenwinkeln nahm er einen geschmeidigen, schwarzgekleideten Schatten wahr, der schräg hinter ihn trat, bereit, zu den Waffen zu greifen und seinen König zu verteidigen.
Auf diesen Jungen ist immer Verlass! Boiorix gestattete sich ein zufriedenes Schnauben, das sich allerdings unter seinem Schnurrbart verlor, bevor es die warme Luft kräuseln konnte. Der Mann im Schatten hörte es dennoch. Weiße Zähne blitzten in einem stolzen Lächeln auf und verschwanden sofort wieder, als der geneigte Kopf eine Verbeugung andeutete.
Boiorix wandte sich wieder der kleinen Prozession mit den zwei Männern aus seiner Leibgarde zu. Heute Nachmittag, als er seine über die Wanderjahre hinweg angehäuften Kostbarkeiten in das mit luxuriösen Möbeln eingerichtete Zelt des römischen Feldherrn hatte schaffen lassen, hatte er diesen beiden Männern und einer Handvoll anderen die Bewachung seiner Beuteschätze anvertraut. Daher gefiel es ihm überhaupt nicht, sie jetzt wie unterwürfige Diener in Begleitung dieses Mädchens zu sehen.
Boiorix trat von der Zeltwand, an der er sich hatte erleichtern wollen, weg und auf den Platz vor dem Hauptquartier. »Was wird das?«, fragte er, und nichts in seiner Stimme verriet den Wein, der durch seine Adern rauschte. Mit einer abgehackten Handbewegung deutete er auf die Trage, welche die zwei Männer trugen, und auf das von einem feinen Tuch verhüllte Gefäß auf ihr. Einer der Träger hatte eine Fackel angezündet; in ihrem Schein leuchtete reichverziertes, kühl schimmerndes Silber unter bestickter Seide.
»Es ist der Kessel, den die Skordisker Euch geschenkt haben.« Es war das Mädchen, das ihm antwortete. Mit anmutigen Schritten, bei denen die Füße kaum den Boden zu berühren schienen, schob es sich an den Kriegern vorbei und baute sich vor Boiorix auf. Es reichte ihm nicht einmal bis zur Brust, und obwohl der schmale Körper unter dem leichten, fließenden Gewand noch kaum Brüste und Taille zeigte, war sein Tonfall genauso herrisch wie der des Königs. Das Mädchen sprach den keltischen Dialekt der Tiguriner, die Sprache seines eigenen Volkes, und die Arroganz, mit der es annahm, dass der Anführer des Nordvolks ihm in derselben Sprache antworten würde, ärgerte Boiorix.
Das perlende Lachen des Mädchens verriet ihm, dass er seinen Gedanken laut ausgesprochen hatte. »Ich sehe, der Wein löst Eure Zunge, König der Kimbern. Oder ist es der Siegesrausch? Freut Euch nicht zu früh, denn dies war nur eine gewonnene Schlacht. Sollten Eure Freunde, die Teutonen und Ambronen, nicht ebenfalls über die Römer siegen, werdet Ihr den heutigen Tag womöglich noch verdammen, Boiorix. Dann, wenn Ihr Euch plötzlich alleine findet in einem feindlichen Land, umgeben von römischen Legionen, die gierig darauf sind, ihre frühere Schmach wettzumachen.«
»Unsere Brüder werden gewinnen!«, stellte Boiorix gereizt klar. »Wahrscheinlich haben sie die Berge bereits überquert und die römischen Armeen, die sie aufhalten sollen, überwältigt. Wir werden uns schon bald wieder vereinigen!«
»Und wenn nicht?«
»Dann werden wir hier in Italien viel Platz haben.«
Das Mädchen legte den Kopf schief. Die Bewegung löste den Knoten, der sein Haar gehalten hatte. In einer Kaskade aus Feuer flossen die roten Strähnen den Rücken hinab bis zu den schmalen Knöcheln. Die Männer, die hinter dem Mädchen standen und es beobachtet hatten, schnappten hörbar nach Luft. Einer von ihnen murmelte den Namen der Tigurinerin, eine für Boiorix unaussprechliche Folge halbgesungener Laute, doch womöglich war es auch ein Titel. Er wusste es nicht genau. Die einzigen Wörter, die er erkannte und verstand, waren Feuer und Schwan. Niemand hatte sich bisher die Mühe gemacht, ihm das Mädchen vorzustellen, oder seine Anwesenheit erklärt. Nicht dass dieses Kind den König interessiert hätte; er verstand nur nicht, weshalb es seinen Onkel, einen der höchsten Druiden der Tiguriner, begleiten musste. Die Druiden waren hier, von ihrem eigenen Stamm entsandt, um Boiorix zu Nutzen zu sein, nicht um ihren Gören die Welt zu zeigen! Einmal, als das Mädchen erneut an einer Besprechung mit den Druiden teilgenommen hatte, hatte Boiorix seinen Unmut über die Anwesenheit eines Kindes geäußert, doch die Tiguriner hatten ihn einfach ignoriert. Das Mädchen hatte gelächelt und geschwiegen, aber er hatte den überlegenen Spott in seinen keltischen Zügen erkannt. Am selben Abend hatte eine Priesterin von Boiorix’ eigenem Volk das Geheimnis gelüftet und ihm zugeraunt, warum das Mädchen niemals von der Seite seines Onkels wich: um mit ihm, in der Nacht, in der es zur Frau wurde, ein Kind zu zeugen.
»Diese Inzucht beleidigt unsere Götter!«, hatte Rascil gezischt. »Wodan wird das nicht zulassen. Er wird Unglück über uns bringen, wenn wir dieser Lästerung tatenlos zusehen! Schickt die Druiden und das Mädchen fort!«
»Wenn wir die Berge hinter uns gelassen haben«, hatte er geantwortet. »Wenn Rom vor uns liegt und es einzig die schwachen Götter der Römer sind, die wir herausfordern, dann werde ich sie fortschicken.«
Vielleicht war dieser Zeitpunkt nun gekommen. Catulus floh mit seinen Legionen zum Padus und hatte den nördlichen Rand der Ebene bis zu den Bergen den Kimbern überlassen. Die Zeit – waren es siebzehn Jahre? Achtzehn? Er wusste es nicht mehr –, in der das Nordvolk auf der Suche nach Land und Beute in der keltischen Welt umhergezogen und auf die Unterstützung keltischer Stämme angewiesen gewesen war, war endgültig vorbei.
Während Boiorix den Gedanken noch abwägte, richtete er sich zu seiner vollen, beeindruckenden Höhe auf. Er überragte das Mädchen auf eine Weise, als wolle er es mit einem Schritt unter seinen Füßen zermalmen. »Wo ist dein Onkel, Kind? Er hat das hier angeordnet, nicht wahr?«
»Die Kraftströme sind stark heute Nacht.« Das Mädchen senkte die Lider und deutete auf den verhüllten Kessel hinter sich. »Mein Onkel möchte in die Zukunft sehen und in die Gegenwart. In diesem Kessel wird er das Wasser aus einem Quell mit dem Blut der heute Gestorbenen im heiligen Dreiwirbel vereinen. Wenn sich das Mondlicht auf dem Wasser bricht, wird es ihm Bilder zeigen von dem, was ist und was sein wird.«
»Dieser Kessel soll die Zukunft zeigen? Das denkst du dir aus!«
»Der Wert dieses Kessels übersteigt Eure Vorstellungskraft, Boiorix.«
»Tatsächlich? Demnach sollte ich wohl vermuten, dass ihr...




