E-Book, Deutsch, 230 Seiten
Jager Sinabell. Zeit der Magie
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-646-60191-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein wunderschönes, modernes Märchen
E-Book, Deutsch, 230 Seiten
ISBN: 978-3-646-60191-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jennifer Alice Jager schrieb ihr erstes Buch während der Ausbildung zur Mediengestalterin. Schnell erlangte sie Bekanntheit durch ihre erfolgreichen Märchenadaptionen und Fantasyromane bei Carlsen Impress. Nachdem sie eine Zeit lang in Japan lebte, wohnt sie heute wieder in ihrer Heimat, dem Saarland. Dort widmet sie sich hauptberuflich dem Schreiben und verbringt ihre Freizeit am liebsten mit ihren Tieren in der Natur.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Gefangen
Firinya ging aufgeregt in Sinabells Zimmer auf und ab. Warum ihre kleine Schwester bei ihr war, wusste sie nicht. Nur, dass Firinya sie vom Lesen abhielt.
»Das ist doch auch nicht verwunderlich, oder?«, fragte Firinya und der unverhohlene Vorwurf klang in ihrer Stimme mit.
Sinabell wusste, worauf sie hinauswollte, fragte aber dennoch nach. »Was ist nicht verwunderlich?«
Sie klappte ihr Buch zu, nun schon zum dritten Mal, seit Firinya zu ihr gekommen war, und legte es zur Seite.
»Na, das mit Kirali und ihrem Zukünftigen«, antwortete sie schnippisch und deutete auf das Fenster in Sinabells Rücken, gleich so, als müsste man dort draußen Kirali sehen, wie sie ihren Liebsten innig küsste.
Eigentlich war das gar nicht so abwegig. Drei Tage lag der Tanzball nun schon zurück und an jedem einzelnen dieser Tage hatte der Großherzog Kirali seine Aufwartung gemacht und sie waren stundenlang durch die Gärten flaniert.
»Sie hat so schöne Kleider! Sie hatte immer die schönsten von allen! Auf dem Ball hat jeder nur Augen für sie gehabt!«
Sinabell seufzte und schlug ihr Buch wieder auf. Sie sah die Wörter, die Zeilen und Absätze und suchte noch einmal Muster darin. Sie gab es nicht gerne zu, doch sie konnte sich nicht auf das konzentrieren, was dort geschrieben stand. Sie wusste nicht, woran es lag, aber seit dem Tanzball konnte sie keine Geschichte mehr in den Bann ziehen. Alles wirkte hohl und leer auf sie und jedes Mal, wenn sie versuchte, sich auf die Abenteuer einzulassen, die sie zwischen den Zeilen erwarten würden, wanderten ihre Gedanken zu dem jungen Prinzen und der Wärme seiner Berührung. Sie hätte sich dafür verfluchen können und schrieb es dem Mitleid zu, das sie für ihn empfand.
»Hörst du mir überhaupt zu?«, beschwerte Firinya sich.
Sinabell verdrehte die Augen.
»Gönn ihr doch ihr Glück«, sagte sie schließlich und schob ihre Gedanken beiseite. »Vater wird ohnehin nicht ruhen, bis wir alle verlobt sind.«
»Aber bis dahin werden die besten Männer schon vergeben sein!«
Sinabell lachte.
»Ach Schwesterchen, das sind doch keine Schuhe, von denen du da sprichst! Außerdem kannst du sie nicht danach bewerten, auf welche hübschen Ballkleider sie am ehesten anspringen. Kleider, Schmuck, Schuhe. Das ist doch alles nicht wichtig!«
»Doch! Genau das ist es!«, widersprach Firinya. »Es ist das Wichtigste überhaupt! Du bist da anders. Du hast Köpfchen und liest Bücher und dir ist es egal, dass du wie eine Vogelscheuche aussiehst. Aber eine Frau ist dazu da, die Zierde des Hauses zu sein. Es ist unsere Aufgabe, immer hübsch auszusehen und in Schönheit und Anmut zu erstrahlen. Wir müssen sein wie die Rosen in den Gärten: wunderschön und zart, mit lieblichem Duft. Und Kirali ist nun mal die schönste Rose von allen!«
Sinabell schüttelte den Kopf. Was hätte sie dazu noch sagen sollen? Dass sie mehr von Firinya erwartet hätte? Das hatte sie nicht. Sie war genauso wie all die Frauen in diesen quälend langweiligen Liebesgeschichten, von denen sie schon zu viele gelesen hatte. Ihre Schwestern waren alle so. Kirali, weil es ihre Art war, Firinya und Evalia, weil sie noch zu jung waren, um eigene Gedanken zu haben, und Malina – Malina war vielleicht anders, aber dank Vaters Wunsch, sie alle schnellstmöglich zu verheiraten, würde sie wahrscheinlich auch als Rose im Garten irgendeines Grafen enden.
Doch vielleicht urteilte sie auch zu hart über ihre Schwestern. Sie liebte sie – jede einzelne von ihnen und jede auf ihre Art. Doch manchmal, wenn sie in ihren Büchern las, wie gutgläubig und leichtsinnig sich junge Frauen auf den nächstbesten Verehrer einließen, musste sie an ihre Schwestern denken und an all das, was sie mit diesen Frauen gemein hatten.
Vielleicht war es die Angst, sie zu verlieren. Das musste es sein. Nicht nur, sie nicht mehr in ihrer Nähe zu wissen, in ihrer vertrauten Umgebung, sondern auch, dass sie sich selbst verlieren würden, ohne sich je richtig kennengelernt zu haben.
»Wenn du so unbedingt ein neues Kleid haben willst, dann lass dir doch den Schneider kommen«, schlug sie ihrer Schwester schließlich vor.
Firinya schürzte die Lippen, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich auf den Boden plumpsen.
»Evalia hat den Schneider in Beschlag genommen«, murrte sie.
Das erklärte natürlich, warum sie bei ihr und nicht bei ihrer Zwillingsschwester war.
Sinabell lachte.
»Dann geh doch einfach in die Stadt. Dort gibt es auch Schneider«, riet sie ihrer Schwester.
»Hast du den Verstand verloren?«, fragte Firinya bestürzt. »Ich will mich nicht in Lumpen kleiden!«
»Ich bin mir sicher, dass die Schneider in der Stadt dir ein ebenso schönes Kleid zaubern können wie der Hofschneider.«
Firinyas Augen weiteten sich. Sinabell konnte förmlich sehen, wie in dem Mädchen ein Gedanke entflammte, der sich schließlich als Lächeln auf ihren Lippen abzeichnete.
»Ich weiß etwas viel Besseres«, rief sie aus und sprang wieder auf.
Sinabell lächelte und suchte mit dem Finger die Stelle, an der sie in ihrem Buch stehengeblieben war. Firinya aber nahm es ihr aus der Hand und warf es achtlos auf eines der Sitzkissen.
»Du kommst mit!«
Firinya zog sie auf die Beine und grinste sie breit an. Sinabell rollte mit den Augen und tat so, als würde Firinyas Übermut sie so gar nicht anstecken können. Doch tatsächlich schlug ihr Herz schneller, als ihre kleine Schwester sie durch den Raum und in den Gang hinauszog.
Sie liefen durch die Korridore des Schlosses, rannten mit angehobenen Röcken und als Firinya ins Schlittern geriet, während sie um die Ecke schossen, begannen sie zu lachen.
Oh ja, sie liebte Abenteuer, sie liebte es zu rennen, zu lachen und zu tanzen – vor allem zu tanzen. Doch wenn sie das tat, dann oft, viel zu oft, allein, in ihrem Zimmer. Vielleicht lag es daran, dass Malina oft zu ruhig und schüchtern war, Kirali zu kühl und die Zwillinge ein untrennbares Gespann. So kam es häufig vor, dass Sinabell in ihrem Zimmer saß und Bücher las, während sie ihre Schwestern nur durch das Fenster beobachten konnte.
»Psst!«, zischte Firinya und lugte um die Ecke.
Sie waren bis hinunter in das Kellergeschoss gelaufen, vorbei an den Quartieren der Bediensteten, an der Küche und den Waschräumen. Nun standen sie am Treppenabgang in die Kellergewölbe und Sinabell ahnte noch nicht, wo ihre Schwester sie hinführen wollte.
Firinya packte sie bei der Hand und sie liefen gemeinsam nach unten. Dunkel war es dort, feucht und kalt. Nur spärlich erhellten Fackeln ihren Weg vorbei an Weinkellern und Lagerräumen. Sie passierten Dutzende schwerer Holztüren, die mit gusseisernen Schlössern verhangen waren, hinter denen sich die Waffenkammern und Zugänge zu den Schatzkammern verbargen.
Jede dieser Türen war für sie verboten. Allein hier unten zu sein war schon Grund genug, sie eine Woche bei Brot und Wasser in den Sündenturm zu sperren.
Die Tür, vor der Firinya am Ende stehen blieb, war keine dieser einfachen Eichentüren, wie die, hinter denen sich die Schätze aus Gold, Silber und Edelsteinen verbargen, oder aber Schwerter und Lanzen. Sie war mehr als doppelt so breit, bestand zur Gänze aus Eisenholz und war über und über mit silbernen Beschlägen verstärkt. Diese bildeten die Silhouette eines Waldes und luden dazu ein hindurchzutreten, wären da nicht die schweren Ketten, die ihnen das Weitergehen verwehrten.
Fast unmerklich schüttelte Sinabell den Kopf. Sie war noch nie hier unten gewesen, sah diese Tür zum ersten Mal und ahnte doch, was sich dahinter verbergen mochte. Dabei konnte das unmöglich sein. Nicht hier, nicht im Kellergewölbe.
Firinya sah sich flüchtig um, hob dann das Schloss, das die Kette hielt, an und öffnete es.
»Es ist nicht verschlossen?«, fragte Sinabell erstaunt.
»Durchgerostet«, antwortete ihre Schwester breit grinsend.
Noch einmal sah sie sich um, dann schob sie den schweren Flügel einen Spaltbreit auf und schlüpfte hindurch. Sinabell folgte ihr.
Obwohl es keinen Grund dazu gab, flüsterte sie, als sie beide durch den Gang liefen, der sich hinter der Tür erstreckte. »Woher wusstest du, dass das Schloss durchgerostet ist?«
Sie hatte immer geglaubt, sie wäre die Rebellin unter den fünf Schwestern, dabei schien Firinya auch mit allen Wassern gewaschen zu sein. Als Antwort auf ihre Frage schenkte sie ihr ein hämisches Grinsen, das im Dunkel des langen Ganges bloß durch das kurze Aufblitzen ihrer Zähne zu sehen war.
»Nicht alle von uns können sich stundenlang mit Büchern beschäftigen. Die Tage sind lang und das Schloss ist groß.«
Sinabells Herz schlug schneller, als sie sich dem Ende des Ganges näherten. Vor ihnen war bereits ein schmaler Streif Licht zu sehen, der durch eine eiserne Tür fiel. Auch hier war die Silhouette eines Waldes abgebildet.
Sinabell strich über das filigran gegossene Laub, atmete tief durch und stieß sie dann auf.
Gleißendes Licht blendete sie und tränkte ihre Lider in ein warmes Rot. Es umspielte ihre Finger, die sie schützend vor das Gesicht gehoben hatte, wie weicher Samt. Sie wagte es erst nicht, die Augen wieder zu öffnen, doch zu sehr brannte in ihr das Verlangen zu sehen, was ihr verboten war.
»Unglaublich, nicht wahr?«, hauchte Firinya neben ihr.
Sinabell senkte die Hand. Ja, es stimmte, sie konnte es nicht fassen. Der Anblick, der sich vor ihr auftat, war tatsächlich nicht zu glauben, kaum zu begreifen und...




