E-Book, Deutsch, Band 6, 358 Seiten, Format (B × H): 124 mm x 180 mm
James Sie dürfen den Nachbarn jetzt küssen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7363-0294-5
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 6, 358 Seiten, Format (B × H): 124 mm x 180 mm
Reihe: Staatsanwälte küsst man nicht
ISBN: 978-3-7363-0294-5
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Scheidungsanwältin Victoria Slade hat zwar schon genug hässliche Trennungen mitangesehen, um zu wissen, dass sie niemals heiraten will - aber nicht genug, um den Männern per se abzuschwören. Nur ihr neuer Nachbar Ford Dixon ist absolut tabu für sie, seit der atemberaubend attraktive Journalist sie in einem Fall um Unterstützung bat. Dass Ford die Suche nach der großen Liebe ebenfalls längst aufgegeben hat, kommt da gerade recht. Doch je mehr Zeit Victoria mit ihm verbringt, desto deutlicher spürt sie, dass ausgerechnet derjenige, der Gefühlen gegenüber genauso skeptisch ist wie sie, vielleicht der Mann fürs Leben sein könnte ...
Julie James hat an der University of Illinois Jura studiert und einige Jahre als Rechtsanwältin gearbeitet, bevor sie Drehbücher zu schreiben begann. Heute lebt und arbeitet sie als Schriftstellerin in Chicago. Ihre Romane wurden in zwölf Sprachen übersetzt.
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1
Einen Monat später
»Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir …«
Während der Priester seine Predigt beendete, fiel Ford Dixons Blick wieder auf das Foto von seinem Vater, das auf einem Ständer vor dem Sarg ruhte.
Sie hatten mit dem Bild Glück gehabt. Wie ihm, seiner Mutter und seiner Schwester Nicole bei der Vorbereitung dieses Gedenkgottesdiensts klar geworden war, hatte sich John Dixon nicht gern fotografieren lassen, besonders nicht in den letzten Jahren. Glücklicherweise hatten sie ein Foto zurechtschneiden können, auf dem er seine Enkelin, Fords Nichte, kurz nach ihrer Geburt im Krankenhaus hielt. Es war kein professionell aufgenommenes Foto – Ford hatte es mit seinem Handy gemacht –, aber sein Vater sah darauf glücklich und stolz aus.
Es war eine gute Erinnerung, eine, auf die er, seine Mutter und seine Schwester ohne das Unbehagen zurückblicken konnten, das so viele andere überschattete.
Gleich würde er seine Trauerrede halten müssen. Da es seine erste war, hatte sich der Enthüllungsjournalist in ihm natürlich entsprechend vorbereitet. Er sollte seine Ausführungen kurz, aber persönlich halten und sich auf eine besondere Eigenschaft seines Vaters konzentrieren, die er bewundert hatte, oder eine Geschichte über etwas erzählen, das sein Vater gerne getan hatte.
Doch die meisten Gäste dieser Trauerfeier wussten, dass es zwei John Dixons gegeben hatte: den legendär geselligen Mann, der immer für einen Spaß zu haben war – und dabei selten ohne ein Bier in der Hand gesehen wurde –, und den mürrischen, oft wütenden Betrunkenen, zu dem er werden konnte, wenn er ein paar Drinks zu viel intus gehabt hatte. Ford hätte über den ersten John Dixon ins Schwärmen geraten können, denn dieser Mann war sein Held gewesen, der Vater, der an den Wochenenden viele Stunden damit verbracht hatte, mit ihm Baseball zu spielen. Der Mann, der sich die besten Gutenachtgeschichten ausgedacht und sie mit unterschiedlichen Stimmen für die einzelnen Figuren vorgetragen hatte. Der Mann, der bei Familiengrillpartys Wasserballonschlachten für die Kinder organisiert hatte, der coole Dad, der ihm bei einem Spiel der Cubs seinen ersten Schluck Bier erlaubt hatte, der Kerl, der während Fords Baseballspielen in der Kinderliga immer die anderen Eltern zum Lachen gebracht hatte.
Aber der andere John Dixon?
Es fiel ihm ein wenig schwerer, sich für diesen Kerl zu begeistern.
Lass mich in Ruhe, Junge. Hast du keine Freunde, die du nerven kannst?
Ford räusperte sich, als der Priester in seine Richtung sah.
»Ich denke, Johns Sohn Ford möchte uns jetzt etwas sagen.«
Ford stand auf und ging zum Rednerpult, das rechts vom Altar stand. Er betrachtete die nicht gerade kleine Menge aus Trauergästen. Er sah viele vertraute Gesichter, eine Mischung aus Bekannten der Familie, Verwandten und engen Freunden von ihm und seiner Schwester, die gekommen waren, um ihr Beileid auszudrücken.
Mit einem letzten beruhigenden Blick zu seiner Mutter und seiner Schwester in der ersten Reihe legte er seine Hände auf das Rednerpult. Er hatte sich keine Notizen gemacht, sondern verließ sich auf das Erzähltalent, das alle guten Journalisten in sich trugen – das Talent, das er von dem Mann im Sarg hinter sich geerbt hatte, dem Mann, der einst abends beim Zubettgehen epische Sagen über Fords Kuscheltiere erfunden hatte.
Dies war der John Dixon, an den er sich heute erinnern wollte.
»Am vierten Juli, als ich elf Jahre alt war, entschied mein Vater, dass wir das größte und beeindruckendste Feuerwerk der ganzen Nachbarschaft haben würden. Ah, ich sehe, einige von euch schmunzeln bereits … Ihr wisst genau, worauf diese Geschichte hinausläuft.«
Nach der Trauerfeier und dem anschließenden Leichenschmaus fuhr Ford seine Mutter zurück zum Haus seiner Eltern in Glenwood, einem nördlichen Vorort der Stadt. Seine Eltern – beziehungsweise jetzt nur noch seine Mutter – lebten in einer Nachbarschaft, die man die »Karrees« nannte, weil jedes Gebäude vier Wohneinheiten beherbergte. Auch wenn Glenwood als äußerst wohlhabender Vorort bekannt war – das Forbes-Magazin stufte es als zehntreichste Gegend der Vereinigten Staaten ein –, waren die »Karrees«, wo er aufgewachsen war, eindeutig ein Arbeiterviertel. Hier lebten hauptsächlich Familien, in denen beide Eltern berufstätig waren und die Gegend bewusst wegen ihres Zugangs zu den öffentlichen Schulen ausgewählt hatten, die zu den besten des Staates zählten.
»Ich mache mir Sorgen um deine Schwester«, sagte seine Mutter, als sie die Sheridan Road entlangfuhren, vorbei an den Alleen und millionenteuren Villen, die zwar noch zu seiner Heimatstadt gehörten, sich für ihn aber immer wie eine andere Welt angefühlt hatten.
Ford sah sie mit einer Mischung aus Bewunderung, Belustigung und Frustration von der Seite an. Die Bemerkung war so typisch für seine Mutter. Sie hatte gerade den Mann begraben, mit dem sie sechsunddreißig Jahre lang verheiratet gewesen war, und sorgte sich natürlich um jemand anders.
Er drückte ihre Hand. »Nicole kommt schon klar, Mom.«
Sie sah ihn streng an. »Komm mir jetzt bloß nicht mit diesen Plattitüden für trauernde Witwen. Von denen hab ich in den letzten Tagen schon genug gehört.«
Das brachte ihn zum Schmunzeln. Wie sie wollte. Im Gegensatz zu seinem Vater mit seinen wilden Stimmungsschwankungen hatte die pragmatische Maria Dixon immer fest mit beiden Beinen auf dem Boden gestanden. »Na gut. Ich mache mir auch Sorgen um Nicole«, gab er zu, obwohl er fest davon überzeugt war, dass seine Mutter heute nicht darüber nachdenken sollte.
Es war kein Geheimnis, dass seine fünfundzwanzigjährige Schwester seit der Geburt ihrer Tochter Zoe vor vier Monaten Probleme als alleinerziehende Mutter hatte. Sie arbeitete sich hauptberuflich in einem Kindertheater und nebenher als Schauspielerin den Rücken krumm, oftmals auch abends und am Wochenende, verdiente jedoch kaum genug, um ihre kleine Familie zu ernähren. Ford hatte bereits mit ihr darüber gesprochen, Unterhalt von Zoes Vater einzuklagen – einem Musiker, mit dem Nicole vor einem Jahr ein paar Monate lang zusammen gewesen war. Als Nicole ihm von der Schwangerschaft erzählt hatte, war er offenbar vollkommen ausgerastet und nach Los Angeles abgehauen, ohne ihr eine Nachsendeadresse zu hinterlassen.
Ford hatte den Scheißkerl nie kennengelernt, aber sein Kiefermuskel zuckte jedes Mal, wenn er daran dachte, wie dieser Kerl seine Schwester im Stich gelassen hatte.
»Ich habe versucht, mit ihr zu reden, aber in letzter Zeit ist es so schwer, sie zu erwischen«, sagte seine Mutter. »Ich wollte sie eigentlich diese Woche auf der Arbeit besuchen, aber dann ist dein Vater …« Ihre Unterlippe zitterte, und ihre Stimme verlor sich.
Oh Mann. Es brach ihm das Herz zu sehen, wie seine Mutter gegen ihre Tränen ankämpfte. Und auch wenn er die Vergangenheit nicht ändern konnte – was ihm angesichts der Situation zwischen ihm und seinem Vater zum Zeitpunkt von dessen Tod zu schaffen machte –, gab es zumindest eine Sache, die er in dieser Situation tun konnte.
Als er an einer roten Ampel hielt, drehte er sich also zu seiner trauernden Mutter um und sah ihr in die Augen.
»Ich werde mich um Nicole und Zoe kümmern, Mom. Das verspreche ich.«
Ein paar Stunden später fuhr Ford in die Tiefgarage seines Wohngebäudes in Wicker Park. Er hatte sich während der Fahrt nach Hause mit Musik abgelenkt, aber sobald er den Motor abgestellt hatte, herrschte nur noch Stille.
Dies war der Moment, vor dem er sich in den letzten paar Tagen gefürchtet hatte. Die Vorbereitungen für die Beerdigung waren vorbei, und er musste nicht länger bereitstehen, nicken, Small Talk betreiben und sich bei allen für ihre Beileidsbekundungen bedanken. Der Moment, in dem er schließlich wieder allein war und ihm nur seine Gedanken Gesellschaft leisteten.
Ein Mann trat vor sein Auto und winkte. »Hey, Ford.«
Oder … vielleicht war dieser Moment doch noch nicht gekommen.
Ford stieg aus und begrüßte seinen Nachbarn Owen. »Tut mir leid. Ich hab dich gar nicht gesehen.«
Owen schüttelte ihm mit einem mitleidigen Blick die Hand. »Wie ist es gelaufen?«
Ford wusste es zu schätzen, dass Owen bei der gestrigen Totenwache vorbeigeschaut hatte. Sie waren vier Jahre lang Nachbarn gewesen und hatten manchmal auch etwas zusammen unternommen. In letzter Zeit weniger, seit Owen zu seiner Freundin gezogen war und die Eigentumswohnung zum Verkauf anbot. »Es war ein netter Gottesdienst, danke.« Schnell wechselte er das Thema. »Was führt dich in die alte Nachbarschaft?«
»Ich wollte nur schnell meine Post abholen.« Owen deutete auf den Stapel aus Zeitschriften und Briefen, den er trug. »Ich hab dich gesehen und dachte, ich sollte dir Bescheid sagen, dass meine Maklerin die Wohnung über den Sommer vermietet hat.«
»Du vermietest sie?« Das war eine Überraschung.
»Ich weiß. Es ist nicht meine erste Wahl.« Owen zuckte mit den Schultern. »Aber ich habe kein einziges Angebot bekommen, das auch nur annähernd meiner Preisvorstellung entsprach. Also dachten wir, dass wir sie ein paar Monate lang vermieten könnten, um sie dann im Herbst wieder auf den Markt zu werfen. Ich wollte dich nur vorwarnen, falls du eine Fremde aus meiner Haustür kommen siehst.«
»Klar.« Ford nickte. Eine unangenehme...




