E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Jouhanneau Love Paris Dance
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0956-9
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-7517-0956-9
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Für die 16-jährige Mia geht ein Traum in Erfüllung: Sie hat einen Platz im Ferienprogramm des Pariser Balletts ergattert Damit ist sie dem Wunsch, Profi-Tänzerin zu werden, einen großen Schritt näher gekommen. Blöd nur, dass auch ihre Erzfeindin Audrey mit von der Partie ist. Kaum in Paris angekommen findet Mia jedoch schnell Verbündete, und ein großartiger Sommer beginnt. Dabei hat die Stadt der Liebe für Mia viel mehr zu bieten, als 'nur' Ballett. Vor allem, als sie auf den äußerst charmanten Franzosen Louis trifft, der ihr Herz zum Rasen bringt ...
Anne-Sophie Jouhanneau ist in Frankreich geboren und aufgewachsen. Nachdem sie 16 Jahre lang quer über den Globus gereist ist, hat sie ihr zweites Zuhause inzwischen in NYC gefunden. Hier lebt und arbeitet sie mit ihrem australischen Mann und einer amerikanischen Katze. Love, Paris, Dance ist ihr Debüt im ONE-Verlag.
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Kapitel 1
Ich renne in meinem modischen Fauxpas von Jogginghose durch den Flughafen, meine langen Haare flattern ungebändigt hinter mir her. Ein kreischender kleiner Junge versperrt mir den Weg, und ich springe mit einem mehr oder weniger eleganten grand jeté über ihn hinweg, um im nächsten Moment mit einer pirouette an einem Mann vorbeizuwirbeln, der mit seinem gigantischen Koffer kämpft.
»Faites attention!«, ruft mir eine Frau hinterher, nachdem ich ihr fast auf den Fuß getreten wäre. Gib Acht!
Die Sache ist nur die: Wenn ich achtgebe, komme ich zu spät, und da das nicht zur Debatte steht, müssen im Zweifelsfall eben ein paar Füße dran glauben. Dieses amerikanische Mädchen hier muss tout de suite ans andere Ende von Paris.
»Sorry!«, rufe ich also ein ums andere Mal, während ich durch den Charles de Gaulle Flughafen flitze. Mein Rucksack schlägt bei jedem Schritt gegen meinen Rücken.
Ich bin so spät dran, weil gestern Abend ein schwerer Sturm in New York gewütet hat und mein Flug sich erst um vier, dann um sechs Stunden verspätet hat. Danach habe ich zu zählen aufgehört, damit ich bei der Vorstellung, den ersten Schultag zu verpassen, nicht vor Panik in Ohnmacht falle. Wobei Schule es nicht wirklich trifft. Die Schule ist ein Spaziergang verglichen mit dem, was in Paris auf mich wartet.
Ich remple eine Gruppe von Kindern an, die sich über die gesamte Breite des Terminalgangs verteilt haben, und drohe ungebremst auf das Gesicht zu fallen, doch im letzten Moment gelingt mir ein rettender pas de basque. Oh, danke dir Muskelgedächtnis, trainiert in annähernd einer Million Stunden Ballettunterricht.
Ich gebe es zu, so hatte ich mir meine ersten Stunden in Paris nicht ausgemalt. Ich hatte dieses perfekte Bild im Kopf: Ich würde an einem warmen, sonnigen Morgen aus dem Flieger steigen. Selbst nach dem sieben Stunden langen Flug würden meine lockigen braunen Haare in schimmernden Wellen meine Schultern umspielen. Ich würde mir die zusammengebundenen Spitzenschuhe über selbige schwingen und mit perfekter Aussprache – dem Ergebnis monatelanger Übung – etwas Drolliges auf Französisch sagen, ehe ich elegant in den besten Sommer meines Lebens stolzierte: ein Intensivballettprogramm am renommierten Institut de l'Opéra de Paris. Ein Traum, non?
Stattdessen drängle ich mich an ein paar Leuten vorbei, um mir meinen Koffer vom Gepäckkarussell zu schnappen. Dann suche ich die Schilder über meinem Kopf nach dem Wort taxi ab. In dem Moment passiert etwas völlig Verrücktes.
»Mia?«
Ehm, wie bitte? Woher weiß jemand in Paris, wie ich heiße?
»Mia? Bist du das?«
Ich brauche einen Augenblick, bis ich die Stimme wiedererkenne. Ich drehe mich um, und da steht sie. Meine Erzfeindin. Na ja, sie wäre es zumindest, wenn ich an so etwas wie Erzfeindschaft glauben würde.
»Mensch, Audrey! Was machst du denn hier?« Wie blöd meine Frage ist, wird mir erst klar, nachdem die Worte meinen Mund verlassen haben.
»Dasselbe wie du, nehme ich an«, antwortet sie überrascht. Als ich mein Ticket gebucht habe, war ich baff, wie viele Flüge es jeden Tag nach Paris gibt. Ich schätze, wir haben in verschiedenen Maschinen gesessen, die beide durch den Sturm verspätet waren. So oder so kann ich sie praktisch denken hören: Wie hat Mia es geschafft, in eines der exklusivsten Sommerballettprogramme der Welt aufgenommen zu werden?
Weil ich mir den Arsch aufgerissen habe, würde ich am liebsten sagen.
Ich werde nicht lügen. Audrey ist eine der besten Balletttänzerinnen unseres Jahrgangs in der Tri-State-Area, aber das bin ich auch. Das weiß ich, weil wir in jedem wichtigen Tanzwettbewerb gegeneinander angetreten sind, seit wir praktisch Babys waren. Ich lebe in Westchester, außerhalb von New York City, und Audrey in Connecticut, daher gehen wir nicht auf dieselbe Ballettschule (dem Himmel sei Dank!), aber mehrere Male im Jahr muss ich erleben, wie Audrey mir Rollen wegschnappt, mit Preisen überhäuft wird und fast jedes Mal das entscheidende bisschen vor mir landet.
»Das Institut de l'Opéra de Paris hat dir einen Platz gegeben?«, fragt Audrey mit perfekter Aussprache und einer zweifelnd hochgezogenen Augenbraue. Ich sehe, dass ihr die Frage sofort leidtut, denn sie fügt schnell hinzu: »Ich meine, in welche Stufe haben sie dich gesteckt?«
Ich räuspere mich, um Zeit zu gewinnen. Es gibt fünf Stufen in dem Programm, und Ballettschüler aus aller Welt werden den Fähigkeiten nach eingeteilt, die sie in ihrem Bewerbungsvideo unter Beweis gestellt haben.
»Vier«, sage ich mit festem Blick.
Vier ist großartig. Ich habe mich so darüber gefreut. Ehrlich gesagt war ich überglücklich, überhaupt genommen zu werden, besonders nachdem ich eine Absage des American Ballet Theatre in New York kassiert hatte. Ich habe mein ganzes Leben auf einen Platz in einem solchen Programm hingearbeitet. Das Ballett liegt meiner Familie im Blut, jedenfalls der Legende nach, und ich weiß, wie traurig meine Großmutter gewesen wäre, wenn ich es in keins der Sommertrainingsprogramme geschafft hätte, auch wenn ihre Enttäuschung nichts verglichen mit meiner gewesen wäre.
»Oh, das ist ja toll«, sagt Audrey. Der einzige Hinweis darauf, was sie wirklich denkt, ist die Art, wie ihre Finger plötzlich den Griff ihres Koffers umklammern. Yep, ich bin gut genug für Stufe Vier.
»Und du bist in ...?«, frage ich, obwohl ich mir die Antwort denken kann.
»Fünf«, erwidert sie überlegen.
Ich nicke. Ringe mir ein Lächeln ab. Natürlich ist sie in Stufe Fünf. Das geht in Ordnung. Wirklich. Audreys Technik ist makellos, das muss ich ihr lassen.
»Kommst du?«, fragt sie geschäftsmäßig und wendet sich zum Gehen. »Wir können uns ein Taxi teilen. Es wäre Quatsch, zwei zu nehmen. Wir haben schließlich dasselbe Ziel«, fügt Audrey hinzu, als spräche sie mit einem Kind.
»Stimmt«, räume ich widerwillig ein. »Aber wir sind wahrscheinlich nicht im selben Wohnheim, oder?«
Ich hole die Adresse des Wohnheims auf den Bildschirm meines Handys, und Audrey liest über meine Schulter mit. Sie stößt einen tiefen Seufzer aus. »Da bin ich auch. Sie haben doch hoffentlich nicht alle amerikanischen Schüler zusammengesteckt.«
»Sieht ganz danach aus«, sage ich, ohne mir die Mühe zu geben, meinen Frust zu verbergen. Über einhundert Mädchen und Jungen im Alter von vierzehn bis achtzehn nehmen an dem Programm teil, und die Wohnheime sind über die ganze Stadt verteilt. Als ich das Willkommenspaket mit der Adresse erhielt, dachte ich, ich hätte die Paris-Lotterie gewonnen. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Wir erreichen den Taxistand.
»Boulevard Saint-Germain«, sage ich zum Fahrer, sobald wir auf dem Rücksitz eines silbergrauen Autos mit Ledersitzen Platz genommen haben. In Paris sind selbst die Taxen schick.
Aus dem Rückspiegel sieht mich der Mann fragend an, und ich weiß mir nicht anders zu helfen, als seinen Blick ebenso fragend zu erwidern. Ich habe keine Ahnung, was zu tun ist. Mein Kopf ist völlig leer. Selbst wenn ich im Flieger geschlafen hätte, würde Audreys Gegenwart ausreichen, mich aus dem Konzept zu bringen.
Sie schüttelt den Kopf. Dann reicht sie dem Fahrer ihr Telefon, auf dem die Karte mit der Adresse unseres Wohnheims geöffnet ist. Schlagartig wird mir mein Anfängerfehler bewusst: Ich habe so viel über Paris gelesen, dass ich mich frage, wie ich vergessen konnte, dass der Boulevard Saint-Germain eine der längsten Straßen der Stadt ist. Er schlängelt sich den größten Teil des Rive Gauche entlang, des Teils von Paris, der südlich der Seine liegt. Im Grunde ist es so, als würde man einem New Yorker Taxifahrer sagen, er solle einen zur Fifth Avenue bringen.
Audrey wirft mir einen vielsagenden Blick zu. Gut, dass ich dabei bin.
Ihr Handy klingelt, als wir auf die Autobahn fahren. Ein Face-Time-Anruf ihrer Mutter. Ich bin ihr nie begegnet, aber ich weiß, wer sie ist – eine Primaballerina im Ruhestand, die ihre ganze Karriere am Bolschoi-Theater in Moskau getanzt hat. Während ich Audreys endloser Litanei darüber lausche, wie der verspätete Flug fast ihr Leben ruiniert hätte, fällt mir auf, dass ich meinen Eltern noch nicht einmal mitgeteilt habe, dass ich gelandet bin. Ich schicke ihnen eine kurze Nachricht, damit sie wissen, dass es mir gut geht. Dad antwortet sofort.
Alles Gute für die Einführungsveranstaltung! Zeig ihnen, wer der Boss ist! Ich liebe dich.
Ich lächle und antworte:
Mach ich. Ich liebe dich auch.
Aber dann: nichts von Mom. Ich starre mein Handy an, fragend, hoffend, wünschend. Sie ist immer noch wütend. Grandma hat geschworen, sie würde darüber hinweggekommen sein, bis ich mich auf den Weg nach Paris machte, aber da hat sie sich wohl getäuscht.
Seit ich ein kleines Mädchen war, ist Tanzen mein Leben. Für meine Mom war es jedoch immer nur ein Hobby, etwas, das man nebenher zum Spaß macht....




