E-Book, Deutsch, Band 12, 224 Seiten
Reihe: Ein Kristof-Kryszinski-Roman
Juretzka TrailerPark
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86789-603-0
Verlag: Rotbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 12, 224 Seiten
Reihe: Ein Kristof-Kryszinski-Roman
ISBN: 978-3-86789-603-0
Verlag: Rotbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jörg Juretzka, 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren, ist gelernter Zimmermann und baute Blockhütten in Kanada, bevor er sich aufs Schreiben konzentrierte. Sein Kryszinski Erstling Prickel erschien 1998 im Rotbuch Verlag und wurde mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Rotbuch die Romane Freakshow (2012) und TaxiBar (2014).
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Tot. Ich war tot.
Na, so gut wie. Noch wummerte mein Herz gegen den Brustkorb, noch schwitzten meine Poren, noch gruben sich meine Fingernägel in die Handflächen, noch hielt ich mich irgendwie senkrecht. Noch waren es nur meine Gedanken, die wie Querschläger kreuz und quer durch mein Schädelrund heulten. Noch.
Ich stand wie gelähmt, umgeben von Finsternis, eingekreist von einer schwer bewaffneten Einheit krimineller CRS-Beamter, belauert von einer fünfköpfigen Drogengang, verraten von der Frau, mit der ich mich nur Stunden zuvor in lustvoller Umklammerung über die Laken gewälzt hatte.
Meine Ermordung war beschlossene Sache, Zeitpunkt: sofort. Nur stellte man gerade zur allgemeinen Irritation fest, nicht bis zum Letzten geklärt zu haben, wer genau mich denn nun abkehlen sollte.
Inmitten einer an Abstrusität unüberbietbaren ›Nach Ihnen‹ /›Nein danke, nach Ihnen‹-Situation stand ich da, erstarrt in kaltem Entsetzen, und wartete darauf, dass sie anfingen, Streichhölzer zu ziehen.
*
Der alte Clark-Stapler ächzte, als ich die Ladung Krummholz vorsichtig auf den Böcken ablegte. Vorsichtig, weil die Böcke, wie der Stapler, schon bessere Tage gesehen hatten. Alles hier in der Werft war abgegriffen, leck, krumm, rostig, rissig, schadhaft, angeschlagen. Man kann sagen, ich fühlte mich ganz zu Hause.
Vorarbeiter Rafael hatte mir einen Stapel nummerierter Schablonen hingelegt. Ich nahm die oberste und glich sie unter Drehen und Wenden mit den Krümmungen der starken Äste und jungen Baumstämme ab, manche davon angekokelt und rußüberzogen, Reste der Waldbrände der letzten Jahre. Nach Monaten am Schneidbrenner, Monaten des Abwrackens einer alten Fähre sägte ich jetzt schon die zweite Woche in Folge Spanten für den Neubau, ein Fischerboot mit Holzrumpf, das Eusebio in Auftrag genommen hatte. Passten Schablone und Krummholz übereinander, schrieb ich die jeweilige Nummer mit Kreide aufs Kopfende. Anschließend zog ich das erste Holz auf die ›Ping-Pong-Tisch‹ genannte stählerne Arbeitsfläche und legte es auf die Seite. Sie haben hier in der Werft ihre eigene Methode, um auch ohne Sägewerk ein Rundholz rechtwinklig zu bekommen: Mit einem auf einen Holzklotz gelegten Bleistift fuhr ich über den Tisch und zog dabei der Länge nach eine Linie an der äußeren Krümmung entlang und wiederholte das dann auf der inneren Seite. Folgte ich den beiden Linien nun mit der flach gehaltenen Kettensäge, hatte ich schon mal eine Seite der zukünftigen Spante plan. Doch es ging nicht recht vorwärts. Kette stumpf. Yesus. Keine Ahnung, wie er das macht, aber der baumlange Eritreer braucht die Stihl nur anzusehen, und die Kette ist hinüber. Milde genervt griff ich zur Rundfeile, hockte mich hin, nahm das Kettenschwert zwischen die Knie und begann, die Zähne durchzufeilen, erst die Linken, dann die Rechten. Zündung an, Startleine gezerrt, Gas, Gas, Gas und … aah.
Um drei heulte die Sirene. Feierabend. Ich packte das Werkzeug zusammen, brachte es in den Schuppen, bürstete mir die Sägespäne ab, wusch mich flüchtig an der Wassertonne und reihte mich ein in die Schlange mit den anderen Illegalen. Samstag, Zahltag.
*
Obwohl es mich innerlich geradezu in Streifen schnitt, war es mir irgendwann als der einzige Ausweg erschienen, das Drogenpaket zurück an den Fundort nach Frankreich zu bringen, ehe noch mehr Leute – mich eingeschlossen – deswegen draufgingen. Gleichzeitig war ich nicht so naiv gewesen anzunehmen, dass man mich nach der Übergabe mit einem warmen Händedruck und einem freundlichen Schulterklopfen ziehen lassen würde. Nicht nach dem, was schon passiert war, nicht mit dem, was ich mittlerweile wusste. Also habe ich mir Rückendeckung in Form der schönen Zollinspektorin Ingrid Dessentrangle und ihrer Behörde verschafft.
Oder gedacht, ich hätte. Ja, Scheiße.
Ohne mich zu rühren – äußerlich blickte ich, ganz das Opfer, dumpf ins Nichts – suchte ich fieberhaft nach einer, einer einzigen, noch so winzigen Möglichkeit des Entkommens. Flucht beherrschte mein Denken. Heillose, kopflose, ziellose Flucht, nur weg und mich irgendwo verkriechen, wie ein Karnickel in seinem Bau. Ich hätte angefangen, den Asphalt unter meinen Sohlen mit bloßen Händen aufzureißen, wenn das nur die geringste Aussicht auf Erfolg versprochen hätte.
Ein nächtlicher Parkplatz in den Dünen der Atlantikküste, drumherum ein rasch aufgestelltes Geviert transportabler Sichtschutzzäune, darin ein Bus und ein Lkw der CRS mit einem gruseligen Sortiment von Äxten und Schaufeln an den Bracken, Ingrid Dessentrangles privater Citroen, der heruntergekommene Mitsubishi Evo der Drogentypen, mein rostbeuliger 77er Toyota mit offener Fahrertür, Schlüssel im Zündschloss, doch zwischen mir und meinem Auto die ringförmig angeordnete, zwölf Mann starke Einheit in Kampfanzügen und voller Bewaffnung, Finger an den Abzügen, alle Mündungen auf meine Beine, alle Blicke auf meinen Hals gerichtet. Hinter dem Zaun in westlicher Richtung ein Fußweg durch die Dünen zum Strand, in östlicher eine Fahrbahn durch die Dünen zur nahen Landstraße, und in jeder anderen Richtung ausschließlich Dünen, Dünen, Dünen.
Einer aus der Drogengang, ein kaum dem Teenie-Alter entwachsener Typ in Laufschuhen, Trainingshose und ärmellosem T-Shirt, mit seinen rotblonden Stoppeln der einzige Nicht-Schwarzhaarige seiner Bande, stand etwa anderthalb Meter rechts von mir. Uns gegenüber, nicht viel weiter als einen langen Schritt entfernt, reckte sich der Kommandant der CRS-Truppe in breitbeiniger Pose, Drogenpaket in einer Ikea-Tasche und Drogengeld in zwei Kühlboxen zu seinen Füßen. Er und der Rotblonde verhandelten. Es ging nicht um die Kaufsumme, die war vorher vereinbart und gerade eben ausgehändigt worden, sondern um – mich. Der Gangster sprach laut und in einem gewöhnungsbedürftigen Dialekt, der die Modulationsmöglichkeiten des weichen französischen ›n‹-Nasals verweigerte und durch ein geradezu abgehacktes ›ng‹ ersetzte. Südfrankreich, erinnerte ich mich, während meine Gedanken sich mehr und mehr auf die Gestalt des Kommandanten konzentrierten, Midi, entsann ich mich eines Urlaubs vor langer Zeit, vermutlich Marseille.
Flucht. Ich hatte nichts, womit ich drohen, worum ich feilschen, was ich zum Tausch anbieten könnte dafür, am Leben gelassen zu werden. Ich besaß keinerlei Verhandlungsposition. Flucht war meine letzte verbliebene Hoffnung. Flucht durch den Kreis der Polizisten und in mein Auto und dann ab durch die Mitte, und all das, ohne schon im Ansatz gepackt, niedergeknüppelt oder über den Haufen geschossen zu werden … Hm. Sprint durch den Kreis der Polizisten, und dann schwungvoll über den instabilen Zaun aus groben Drahtmaschen und glatter Kunststoffbahn gehechtet … Zweimal ›Hm‹, vor allem was das ›schwungvoll‹ anging. Ich hatte mehrere wirklich robuste Attacken auf meine Person hinter mir, und noch war längst nicht alles wieder abgeschwollen.
Blieb der Kommandant und die Pistole in dem Holster an seinem Gürtel, knapp oberhalb der rechten Arschbacke, gehalten von einem Lederriemen, den ein simpler, durch einen Schlitz gedrückter Knopf sicherte. Ich musste mich zwingen, nicht darauf zu starren wie ein Reiher auf seine nächste Mahlzeit.
Ein Satz nach vorn, den Riemen losrupfen, die Waffe packen, aus dem Holster zerren, hochreißen und augenblicklich um mich schießen. Packen, hochreißen und so viele wie möglich umnieten, mitnehmen ins Verderben … Hm. Selbst in meinem Zustand am Rande panischer Umnachtung entging mir nicht der eine oder andere Schwachpunkt in meinem Plan, angefangen bei der Tatsache, dass der Ausgang für mich unverändert letal ausfallen dürfte, bis hin zu meiner nahezu völligen, fast schon anrührenden Unkenntnis, was Schusswaffen und ihre Handhabung angeht. Nie gelernt, das. Nie gewollt, wenn ich ehrlich bin. Wahrscheinlich wäre ich schon zu einem Klumpen blutigen Fleischs zusammengesackt, bevor ich auch nur herausgefunden hätte, wie man das Biest entsichert.
Die Waffe packen, aus dem Holster zerren und sie ohne zu zögern dem Kommandanten an den Hals setzen, und scheiß drauf, ob sie nun entsichert war oder nicht. Ihn lautstark bedrohen, gewaltsam mit zum Auto schleifen und in den Kofferraum zwingen. Und dann mit Vollgas abhauen. Das war sie, das war meine letzte Chance.
Der Rotblonde machte jetzt einen Vorschlag. Alle ringsum scharrten mittlerweile mit den Hufen, wollten weg, doch nicht, solange ich noch in der Lage war, eine Aussage zu machen, mit dem Finger zu deuten, das CRS-Kommando, die schöne Zollinspektorin und die jugendliche Drogengang in die Kacke zu reiten. Oder, anders ausgedrückt: zu atmen.
»Ssänke mille, eh ang le liquid eh l’angterr dang leh dühn«, bot er an. Zumindest klang es so. ›Fünf Mille und wir machen ihn platt und verscharren ihn in den Dünen‹, sinngemäß übersetzt.
Der Kommandant zog ein abwägendes Gesicht.
Bei drei, entschied ich.
Eins …
*
Ich zählte nach. Eusebio entlohnt seine Leute immer in kleinen Scheinen, weil das, wie er hofft, nach mehr aussieht, und dabei vertut er sich bekanntermaßen ganz gern und – seltsam – immer zu seinen Gunsten.
»Stimmt«, sagte ich und steckte das Geld ein.
Eusebio blätterte in seiner Kladde und wog den Kopf hin und her, ein allsamstägliches Ritual. Er...




