Kadefors | Billie - Wer sonst? | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2, 176 Seiten, GB

Reihe: Billie

Kadefors Billie - Wer sonst?


Novität
ISBN: 978-3-8251-6161-3
Verlag: Urachhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 176 Seiten, GB

Reihe: Billie

ISBN: 978-3-8251-6161-3
Verlag: Urachhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit einiger Zeit lebt Billie bei ihrer Pflegefamilie auf dem Land. Mit Laubharken und nächtlichem Orientierungslauf bleibt das Leben in Bokarp für Billie eine Herausforderung. Auf ihren unerschütterlichen Optimismus und ihre Neugier ist jedoch Verlass! Als sie in ihrer Klasse gegen ihren Willen zur Vertrauensschülerin gewählt wird, initiiert sie als 'Flucht nach vorn' eine Projektwoche und schafft es damit prompt in die Zeitung. Einige Dinge bereiten ihr jedoch Kopfzerbrechen. Alvar und sein Cousin Douglas hassen sich richtig. Warum nur? Sie jedenfalls fühlt sich zu Douglas hingezogen - und er zu ihr, jedenfalls manchmal ... Hellhörig schildert Sara Kadefors das Alltagsleben der Jugendlichen mit einem besonderen Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen.

Sara Kadefors, geboren 1965 in Göteborg, ist Journalistin und Schriftstellerin. Ihr Jugendbuch 'Sandor Slash Ida' wurde mit dem August-Preis ausgezeichnet und ist bis heute das meistverkaufte Jugendbuch Schwedens. Seither hat die Autorin mehrere Romane für Erwachsene und Jugendliche verfasst. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Stockholm.
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Kapitel 1-23 Impressum


1


Ich schaffe es einfach nicht, jeden Morgen zur selben Zeit aus dem Haus zu gehen. Das ist geradezu ein Ding der Unmöglichkeit. Ich muss erst in aller Ruhe auf dem Klo sitzen und meine Gedanken zu Ende denken. Ich muss meine Sachen in meinem eigenen Tempo zusammensuchen. Ich muss einen Song zu Ende hören. Wenn der Morgen nicht jeden Tag anders abläuft, sterbe ich.

Petra klopft behutsam an die Klotür, damit ich weiß, dass ich mich beeilen muss. Aber sie will nicht allzu streng wirken, weil ich nicht ihr eigenes Kind bin. Ich trockne meine Hände lange an dem hellgelben Handtuch ab. Als ich endlich die Tür öffne, wirkt sie den Tränen nahe. Ist denn Pünktlichkeit wirklich so wichtig? Verglichen mit all den anderen Dingen, meine ich. Verglichen damit, dass den Leuten die Häuser zerbombt werden oder dass eine Familie über ein verstorbenes Kind schweigt.

Alvar ist schon längst losgezogen. Er bricht immer zwanzig Minuten vor Unterrichtsbeginn auf, obwohl es mit dem Rad nur zehn Minuten bis zur Schule sind. Viertel vor räumt er seinen Teller in die Spülmaschine, vierzehn vor geht er ins Badezimmer, sitzt höchstens bis acht vor auf dem Klo (ich höre die Spülung) und putzt sich bis fünf vor die Zähne. Dann bleiben ihm noch ein paar Minuten, um die letzten Dinge in die Schultasche zu packen, seine Jacke anzuziehen und sich auf den Weg zu machen.

Ich stolpere aus dem Haus, ohne meine Sneakers richtig zu binden. Winke dem Fenster zu, an dem Petra steht und nervös mit ihrer Halskette spielt. Ich kichere bei dem Gedanken, dass meine richtige Mutter nicht einmal wusste, wann mein Unterricht begann. Petra zuliebe werfe ich mich schnell aufs Fahrrad und trete kräftig in die Pedale. Sobald ich abgebogen bin, fahre ich langsamer. Ich versuche, mich an den Songtext zu erinnern, den ich gestern gehört habe. Außerdem muss ich noch über eine Frage nachdenken, die ich mir kürzlich gestellt habe: Was machen die Einwohner Bokarps an Sonntagen, wenn die Straßen vollkommen ausgestorben sind?

Als ich mich dem Gemeindehaus nähere, sehe ich jemanden, der in Schlangenlinien vor mir herradelt. Er scheint es auch nicht so eilig zu haben. Ich fahre etwas zügiger und hole ihn ein. Er wirft mir einen trägen Blick zu, sagt aber immerhin nicht »fuck you«. Dann konzentriert er sich wieder auf seine Schlangenlinien. Jedes Mal, wenn er auf mich zuradelt, muss ich aufpassen.

»Hast du verschlafen?«, frage ich Douglas.

»Hab’ ich?«

»Der Unterricht hat doch schon angefangen?«

»Na und?«

Wir radeln nebeneinander weiter, als wären wir zusammen unterwegs. Ich will gewisse Dinge herausfinden und gebe nicht so schnell auf.

»Dein Vater ist also Petras Bruder?«

»Ihr Stockholmer seid aber clever!«

»Dann sind wir also beinahe verwandt.« Ich lächle einschmeichelnd. »Du bist mein Bonuscousin.«

Er schaut mich an. Seine Stachelfrisur hat sich in gewöhnliche Stirnfransen verwandelt. »Warum will dich deine Mutter nicht haben?«

»So ist das nicht.« Ich unterdrücke meinen Wunsch, ihn zu schlagen.

»Wieso wohnst du dann nicht bei ihr?«

»Weil sie krank ist.«

»Wie krank kann man schon sein?«

Die Wut kocht in mir hoch. »So krank, dass man MS hat und fast blind ist!« Ich fahre näher an ihn ran, mein Rad berührt seines, und er gerät ins Schwanken. »Und Mutter? Mag sie dich überhaupt? Wer will schon ein Kind haben, das gemeine Sachen sagt und sich wie ein Idiot benimmt? Wenn ich deine Mutter wäre, hätte ich dich schon längst über!«

Erstaunlicherweise kommt keine freche Antwort zurück. Ich hab das Gefühl, dass er blasser geworden ist.

»Entschuldige«, sage ich.

Er beugt sich über den Lenker und startet durch. Auch ich gebe Gas. Erreiche die Schule nur wenige Sekunden nach ihm. Renne über den Schulhof und durch Korridore. Vor dem Klassenzimmer hole ich ihn ein. Wir gehen zusammen rein, gleichermaßen verspätet. Douglas knallt sein Mathebuch nachlässig aufs Pult. Alvar wirft mir einen finsteren Blick zu, als hätte ich etwas Ungehöriges getan. Roya erklärt, dass wir nachsitzen müssen, wenn wir mehr als dreimal in der Woche zu spät kommen. So kann es nicht weitergehen.

»Ich weiß, dass ich mich zusammenreißen muss«, sage ich mit einem Seufzer, »aber es fällt mir sooo schwer!«

Es wird gelacht. Evins Eichhörnchenaugen funkeln. Douglas piekst Salim mit einem Stift, als hätte er mich nicht gehört. Aber nachdem alle ihre Bücher aufgeschlagen haben, dreht er sich um und schaut mich an. Würde er sich gerne aussprechen oder mich lieber umbringen? Schwer zu sagen.

In Bokarp machen Mädchen und Jungen fast alles getrennt. Die Mädchen können sich in Jungs verlieben, aber einfach nur befreundet sind sie fast nie. Vermutlich ist das der Grund, warum Mange gemischte Teams einführt. Einige sollen Federball spielen, aber Alvar und ich sind in der Basketballgruppe. Alvar steht ganz verloren in der Landschaft, während die anderen Jungs alles plattwalzen, ohne sich darum zu kümmern, ob jemand im Weg steht. Alvar tut mir leid, weil er ausgerechnet in Bokarp Junge sein muss, wo alle so dick auftragen.

Leider ist er im gleichen Team wie Douglas gelandet. Weil Alvar sein Hassobjekt nach Möglichkeit ausblendet, spielt er seine Bälle immer dem gegnerischen Team zu. Zuletzt reicht es Douglas, dass Alvar ihn immer um einen halben Meter verfehlt. »Blödmann!«, zischt er.

»Mach schon, Alvar!«, ruft Mange.

Plötzlich ist da etwas ungewöhnlich Aufsässiges in Alvars Blick. Er entreißt Max den Ball und sprintet auf seinen wackligen Zahnstocherbeinen Richtung Korb. Schon von Weitem ist ihm anzusehen, wie sehr er punkten möchte, wie sehr er Douglas und allen anderen zeigen möchte, dass er nicht immer versagt.

»Was machst du denn für einen Blödsinn? Idiot!« Douglas verzieht höhnisch das Gesicht. Die Sache ist nämlich die, dass Alvar das Dribbeln vergessen hat. Ich werfe Mange einen Blick zu, damit er kapiert, dass er gegen Douglas’ Beleidigungen einschreiten muss. Aber Mange schweigt einfach. Vielleicht will er Alvar nicht in Schutz nehmen, damit nicht der Eindruck entsteht, er würde seinen eigenen Sohn begünstigen. Sicherlich haben sich zwischen Alvar und Douglas oder zwischen Petra und Douglas’ Vater Dinge abgespielt, von denen ich nichts weiß, heikle Dinge.

Evin wirft mehrere Körbe und ist die beste Spielerin auf dem Feld. Ich werfe auch einen, und das fühlt sich gut an. Wenige Minuten vor der Pause hat Alvar wieder den Ball. Aber gerade als er sich zum Korb hochschwingen will, kommt Douglas angeschossen und reißt ihm den Ball aus der Hand. Alvar steht einfach nur da und schaut zu, wie Douglas zwei Punkte erzielt.

»Douglas …«, sagt Mange lahm. Aber dann scheint er gleich wieder an andere Dinge zu denken. »Zeit zum Duschen! Beeilt euch!

»Du musst eingreifen!«

Mange beginnt, die Badmintonnetze wegzuräumen. Ich gehe auf ihn zu.

»Hörst du nicht? Er ist so gemein zu Alvar. Die ganze Zeit!«

»Genau!«, pflichtet mir Evin bei, die direkt hinter mir steht. »Na, so schlimm ist es nun auch wieder nicht!«

»Doch«, erwidere ich. »Man muss doch eingreifen, wenn jemand ungerecht behandelt wird!«

»Oder?«, fügt Evin hinzu.

Verwirrt schaut Mange Alvar hinterher, der auf dem Weg zur Tür ist. Einige Neugierige sind stehen geblieben. Douglas steht mit dem Basketball im Arm da und schaut interessiert zu, als ginge ihn das alles nichts an. Mange sieht erst mich und dann Alvar an. Schließlich seufzt er und geht mit zögernden Schritten auf Douglas zu.

»Das war vielleicht nicht so gut … du musst auf die Gefühle anderer Rücksicht nehmen.«

»Übertrieben sensible Leute«, erwidert Douglas.

Mange lächelt kumpelhaft.

»Ein sensibel ist doch wohl erlaubt, oder nicht?«

»Alvar ist nicht sensibel«, wende ich ein. »Es ist ganz normal, sauer zu sein, wenn man andauernd geärgert wird.«

»Er ist ein lausiger Spieler!« Mit einer geübten Bewegung dreht Douglas den Ball auf seinem Zeigefinger. »Er ruiniert alles.«

» ruinierst alles«, sage ich.

»Ja«, pflichtet mir Evin bei.

»Ja«, sagt auch Wilma.

»Genau«, stimmt Larissa ein.

Rasmus nickt zustimmend. Ich sehe, dass auch Douglas das sieht. Wütend wirft er den Ball an die Wand, der prallt zurück, in meine Richtung. Ich muss ausweichen, um nicht getroffen zu werden. Hat er sie nicht mehr alle?

Evin kommt in die Dusche. Sie mustert meinen Körper, ihr Blick gleitet von meinem Busen zu meinen Hüften. Ich schäme mich nicht über mein Aussehen, aber es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man angestarrt wird.

»Weißt du eigentlich, wie cool du bist?«

»Klar doch!« Ich drehe den Duschkopf in ihre Richtung. Sie kreischt und lacht. Sofort kommen die anderen dazu und eine Wasserschlacht ist in vollem Gang. Es ist allen egal, dass ihre Haare nass werden. Hier wird nach dem Turnen immer geduscht, kaum jemand scheint kapiert zu haben, dass Nacktsein peinlich ist. An meiner alten Schule haben sich alle die Kleider über die verschwitzten Körper gestreift.

Insgeheim betrachte ich meine Mitschülerinnen. Filippa hat überhaupt keinen Busen, Evin hingegen wirkt beinahe erwachsen. Wenn ich mich nicht ganz täusche, habe ich seit meiner Ankunft in Bokarp ein paar Haare mehr zwischen den Beinen bekommen.

Nadine ist die Einzige, die beim Duschen zur Wand schaut. Ihr langes braunes...


Kadefors, Sara
Sara Kadefors, geboren 1965 in Göteborg, ist eine schwedische Schriftstellerin und Journalistin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Stockholm. Ihr Jugendbuch »Sandor Slash Ida« (2001) wurde mit dem August-Preis ausgezeichnet und ist bis heute das meistverkaufte Jugendbuch Schwedens. Seither hat die Autorin mehrere Romane fu¨r Erwachsene und Jugendliche verfasst.

Rüegger, Lotta
Lotta Rüegger

Sara Kadefors, geboren 1965 in Göteborg, ist Journalistin und Schriftstellerin. Ihr Jugendbuch "Sandor Slash Ida" wurde mit dem August-Preis ausgezeichnet und ist bis heute das meistverkaufte Jugendbuch Schwedens. Seither hat die Autorin mehrere Romane für Erwachsene und Jugendliche verfasst. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Stockholm.



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