E-Book, Deutsch, Band 1, 176 Seiten, GB
Reihe: Billie
Kadefors Billie
Novität
ISBN: 978-3-8251-6153-8
Verlag: Urachhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Abfahrt 9:42
E-Book, Deutsch, Band 1, 176 Seiten, GB
Reihe: Billie
ISBN: 978-3-8251-6153-8
Verlag: Urachhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sara Kadefors, geboren 1965 in Göteborg, ist Journalistin und Schriftstellerin. Ihr Jugendbuch Sandor Slash Ida wurde mit dem August-Preis ausgezeichnet und ist bis heute das meistverkaufte Jugendbuch Schwedens. Seither hat die Autorin mehrere Romane für Erwachsene und Jugendliche verfasst. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Stockholm.
Weitere Infos & Material
1-22
Der Zug hält an einem Ort, von dem ich noch nie gehört hatte, bevor ich das Ticket dorthin in der Hand hielt.
Das Einzige, was ich mit Sicherheit darüber weiß, ist, dass er sieben Stunden von meinem Zuhause entfernt ist. Ich nehme meine schwere Tasche und steige vor Cecilia aus.
»Wie geht’s, Billie?«
Eigentlich ist an Cecilia nur auszusetzen, dass sie in ihrer Ausbildung gelernt hat, ich würde sie brauchen. Es ist ein Problem, dass Leute wie sie lernen, alle sogenannten Kinder wären gleich. Sie glauben, ich hätte die gleichen Bedürfnisse wie andere Zwölfjährige, die am Wochenende mit ihren Eltern aufs Land fahren und sich freitagabends eine Chipstüte mit drei anderen teilen.
Ich lasse meine Tasche mit einem dumpfen Knall zu Boden fallen und sehe mich um. Der Bahnhof besteht aus einem älteren Ziegelgebäude und drei Gleisen. Die anderen Mitreisenden, die hier ausgestiegen sind, verschwinden Richtung Parkplatz. Ich habe keine Ahnung, wie die Leute aussehen, nach denen ich Ausschau halten soll. Wir haben nur einmal am Telefon miteinander geredet. Der Zug fährt an. Auf dem Bahnsteig ist es auf einmal sehr still, und ich beginne beinahe, , mich ein wenig zu fürchten. Eine Krähe sitzt oben auf der Bahnsteigleuchte und starrt mich an, als würde sie sich überlegen, was ich da unten mache.
»Vielleicht warten sie ja auf der anderen Seite«, sagt Cecilia. Ich sehe ihr an, dass denkt, sei jetzt doch noch froh, sie dabeizuhaben. Aber mich freut vor allem, dass sie zu spät kommen. Vielleicht sind sie nicht ganz so perfekt, wie ich erwartet hatte.
Wir betreten das kleine Bahnhofsgebäude und verlassen es wieder auf der anderen Seite. Eine offenbar sehr kleine Stadt liegt vor uns. Die meisten Häuser sind gelb und zweistöckig. In einiger Entfernung sehe ich eine Mutter mit einem Kinderwagen, einen in sich zusammengesunkenen Mann mit einer grünen Plastiktüte und eine ältere Dame mit einer Handtasche. Während wir warten, singe ich »I Want You Back« von The Jackson Five. Das mache ich immer, wenn ich mir die Zeit vertreiben muss.
Cecilia ist vollauf damit beschäftigt, sich Sorgen zu machen. Sie holt ihr Handy heraus. Bevor sie die ganze Nummer eingetippt hat, biegt ein eisblauer Wagen auf den Parkplatz ein und hält mit quietschenden Bremsen vor uns. Zwei Personen steigen eilig aus.
»Entschuldigt …«
Die Mutter betrachtet mich mit eindringlichem Blick. Sie ist groß und blond und trägt weite, weiße Kleider. Der Vater mit einem winzigen Pferdeschwanz murmelt etwas, das wie »Verzeihung« klingt.
»Hallo Billie, ich bin Petra.«
Man sieht, dass sie nicht weiß, ob sie mich umarmen soll oder nicht. Ich will es ihr leicht machen und werfe mich in ihre Arme. Sie ist dünn und etwas knochig, riecht aber gut. Während wir uns umarmen, höre ich ein Geräusch, das ihrer Kehle entschlüpft, und merke, dass ich sie vielleicht zu fest drücke. Ich lasse sie los und umarme den Vater, aber nicht ganz so fest. Er sagt, er heißt Mange, also Magnus.
»Wir verspäten uns eigentlich nie«, sagt er.
»Nein«, ergänzt Petra, »aber manchmal geschehen unerwartete Dinge im Leben.«
Sie wirkt so ernst, dass es fast schon wieder lustig ist.
»Das macht nichts«, antworte ich.
Petra lächelt nett. »Wir haben noch schnell bei der Sporthalle gehalten, um ein paar Sachen zu holen, aber Magnus wurde von einem Vater aufgehalten, und tja …« Sie wirft Mange einen raschen Blick zu. Er scheint sie nicht gehört zu haben.
Dass Mange Sportlehrer ist, leuchtet mir durchaus ein, aber Petra sieht überhaupt nicht wie eine Pfarrerin aus. Obwohl ich natürlich noch nie eine Pfarrerin getroffen habe. Niemand in meinem Bekanntenkreis hat je einen Pfarrer oder eine Pfarrerin getroffen. Was machen die wohl tagsüber, wenn keine Hochzeiten oder Abschlussfeiern stattfinden?
»Trägst du denn kein Kreuz?«
Petra sieht mich mit weit geöffneten Augen erstaunt an.
»Ein Kreuz?«
»Ich dachte, Pfarrer tragen immer ein Kreuz um den Hals. Oder einen weißen Kragen. Aber ich kenne mich mit heiligen Dingen nicht so aus.«
Petra schluckt und lächelt wieder so nett. »Den Kragen trage ich eher selten, aber ein kleines Kreuz habe ich tatsächlich um.« Sie fährt sich mit einem Finger den Hals entlang und zieht eine dünne Kette unter dem Pullover hervor. »Hier.«
Mange ergreift meine Tasche, und ich lasse es geschehen, weil es ihm ganz offensichtlich wichtig ist. Cecilia und ich nehmen auf der Rückbank Platz. Im Auto riecht es sauber, und nirgendwo liegen Verpackungen von Süßigkeiten herum. Ich will die hellen Sitze nicht schmutzig machen und lege meine Hände sicherheitshalber in den Schoß.
Sobald der Wagen die kleine Stadt verlässt, fällt mir ein, dass die Familie Persson ja gar nicht hier, sondern einige Kilometer außerhalb wohnt.
»Wie lange wohnt ihr schon in Bokarp?«, frage ich.
»Elf Jahre«, antwortet Petra. »Wir sind hierhergezogen, als Alvar ein Jahr alt war.«
»Warum gefällt es euch da?«
Petra dreht sich zu mir um. Ihre Augen sind wirklich unnatürlich groß. »Weil es so ruhig und nett ist. Und weil wir alle Leute kennen.«
»Und was ist so gut daran, alle Leute zu kennen?« Sie schielt zu Mange hinüber, der sich vollkommen aufs Fahren konzentriert.
»Nun, … ich denke, es verleiht ein Gefühl der Sicherheit.«
»Was ist an Sicherheit so gut?«
»Billie!«
Cecilia wirft mir einen strengen Blick zu. Vielleicht denkt sie ja, dass ich frech sein will, aber das stimmt gar nicht. Ich frage mich wirklich, warum Sicherheit so gut sein soll. Wenn ich mich zwischen »sicher« und »lustig« entscheiden müsste, würde ich allemal »lustig« wählen. Bevor ich meine Gedanken in Worte fassen kann, reißt Cecilia das Gespräch an sich. Sie erkundigt sich nach Alvar und seiner Schwester, die Tea heißt. Ich erfahre, dass Alvar Tischtennis spielt und es liebt, im Gartenhäuschen zu basteln, und dass sich Tea gerne verkleidet. Ich versuche, mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
»Das klingt doch nett, nicht wahr, Billie?«
»Unbedingt«, antworte ich.
Dass wir Bokarp erreichen, merke ich gar nicht. Ich glaube allen Ernstes, dass uns die Landstraße noch irgendwo hinführt.
»Wir sind da«, sagt Petra plötzlich.
Im gleichen Moment bremst Mange, und der Motor wird ausgeschaltet. Ist das wirklich möglich? Wir haben vor einem braunen Haus gehalten, das sich wirklich nur als braunes Haus beschreiben lässt. Irgendwie gibt es nicht mehr darüber zu sagen. Ich sehe mich um. Überall stehen fast identische Häuser, nur in anderen Farben. Widerstrebend steige ich aus.
Eine ältere Frau nähert sich und schiebt so ein Wägelchen für alte Leute vor sich her. Sobald sie Petra erblickt, hellt sich ihr Gesicht auf.
»Vielen Dank für deine schönen Worte. Ich könnte dir bis in alle Ewigkeit zuhören.«
»Ich hoffe, das bleibt dir erspart«, erwidert Petra. »Geht’s Lennart gut?«
»Ja, schon, aber die Hüfte macht ihm leider immer noch Kummer …«
»Ich schaue in den nächsten Tagen bei euch vorbei. Und bringe Rhabarbersaft mit.«
Die Frau freut sich sichtlich, und Petra winkt ihr noch zum Abschied zu. Dann nehmen Cecilia und sie mich in ihre Mitte und geleiten mich zur Türe, als bräuchte ich ihre Stütze.
Ich kann es nicht fassen, dass ich hier wohnen soll! In dieser Langeweile! Ich weiß natürlich von solchen Wohngegenden, aber ich noch nie in einer. Die kleine Stadt, in der der Zug gehalten hat, erscheint mir plötzlich wie ein Paradies. Ich ergreife Cecilias Hand und stelle mich auf die Zehenspitzen. »Du, das geht nicht«, flüstere ich ihr ins Ohr. »Das geht echt nicht.«
Im Inneren des braunen Hauses ist alles weiß gestrichen. Es ist so weiß, dass es unbewohnt wirkt. Niemand scheint hier je gespielt zu haben oder an eine Wand gestoßen zu sein. An den Wänden hängen Trockenblumen und ein Landschaftsbild in langweiligen Farben. Auf dem Fußboden stehen die Schuhe ordentlich aufgereiht, und an den Haken hängen vier Jacken.
»Hier kannst du deine Jacke hinhängen«, erläutert Mange überflüssigerweise.
Petra ruft die Kinder und schaut dabei die Treppe hinauf. Ich merke, dass sie nervös ist. Werden ihre Kinder mich wohl mögen? Werde ich die Kinder mögen?
Im ersten Stock sind Schritte zu hören, und im nächsten Augenblick erscheinen Füße auf der Treppe. Ein Mädchen mit rosa Leggings und hoch sitzendem Pferdeschwanz hüpft die Stufen herunter. Hinter ihr erscheint ein Junge mit einem Pony, der ihm in die Augen hängt. Sein Körper schreit förmlich, dass er weg will. Kein Wunder. Bislang habe ich in diesem Haus noch keine gemütliche Ecke entdeckt. Außerdem ist es kalt hier. Ich habe keine Lust, meine Schuhe auszuziehen.
Mange stellt uns einander vor und klingt dabei unangemessen fröhlich. Tea legt mir etwas in die Hand.
»Willkommen.«
Ich sehe mir den rosa Gegenstand an. »Shiny lips« steht darauf. Ein Willkommensgeschenk? Das ist aber nett. Ich bedanke mich ordentlich, obwohl ich kein Lipgloss benutze. Tea glitzert mich wie ein Püppchen an. Petra mit den unnatürlich großen Augen und der durchsichtigen Haut wirkt ebenso unwirklich. Ihre dünne Bluse hängt wie auf einem Kleiderbügel. Ihr Haar wird von einer silbernen Spange im Nacken perfekt geformt und zusammengehalten.
Als...




