E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Kaib Love with Pride
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7336-0466-0
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0466-0
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lea Kaib ist 1990 geboren und wohnt in Leverkusen. Die studierte Germanistin empfiehlt als »Liberiarium« unzählige Bücher, Filme und Serien auf ihren Social-Media-Kanälen, insbesondere Jugendbücher, New Adult und Fantasy. Freiberuflich arbeitet sie als Journalistin. Lea wünscht sich, dass es mehr Werke wie »Not that kind of girl« von Lena Dunham gäbe. Die Autorin steht für Veranstaltungen zur Verfügung.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1 Davor
Nach und nach faltete ich einfarbige Shirts und legte sie in meine geräumige Umhängetasche. Es wanderten Jeans, Unterwäsche, Socken und auch ein schwarzes Kleid hinein. Bereits morgen um diese Zeit wäre ich nicht mehr hier in meinem Zimmer, sondern in dem kleinen Städtchen Haydensburgh an der Universität. Nur eine Autostunde von meinem Zuhause entfernt.
Es tat weh, meine gewohnte Umgebung zu verlassen, doch ich hatte es nicht anders gewollt. Ich packte ein paar Bücher in die Tasche und Kleinigkeiten, die mich an mein altes Leben erinnerten, wie meinen braunen Becher aus Kunstleder, in dem meine bunten Würfel umherklapperten. Ich ging zum Fenstersims und stellte meine Pilea, die ich Herbert getauft hatte, neben meine Reisetasche. Hoffentlich würde sie die Autofahrt morgen unbeschadet überstehen.
In diesem Augenblick drang ein Miauen an mein Ohr, und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen.
»Hallo Mrs Smitty«, begrüßte ich unsere Katze, beugte mich hinab und streichelte ihr durch das fleckige weiße und schwarze Fell. Wie zur Erwiderung schmiegte sie sich an mich. Es würde mir schwerfallen, sie hier zurückzulassen. Ich kannte sie schon mein ganzes Leben lang. Achtzehn Jahre. Mrs Smitty war wirklich wahnsinnig alt, ihr war sogar schon ein Zahn abgebrochen. Sie kam allein kaum noch auf die Couch im Wohnzimmer. Am liebsten hätte ich sie einfach eingepackt und mitgenommen, doch in den Wohnheimen waren keine Haustiere erlaubt.
Auch mein geräumiges Zimmer würde ich vermissen. Die türkisfarbenen Tapeten und die Bilder an den Wänden, die das Meer zeigten. Mein großes Bücherregal hatte keinen Platz in meinem neuen Zuhause, doch ich würde es mir nicht nehmen lassen, ein paar meiner Lieblingstitel einzustecken. Das war tatsächlich die größte Frage für mich: Welche Bücher sollte ich mitnehmen?
»Stella, kommst du zum Essen runter?«
Die glockenhelle Stimme meiner Mutter holte mich aus meinen Gedanken.
»Ich komme gleich«, rief ich durch den offenen Spalt meiner Tür nach unten.
Ich seufzte. Die Bücherfrage musste ich wohl vertagen. Stattdessen hob ich Mrs Smitty auf meine Arme, verließ mein Zimmer und ging die Treppen hinunter. Der wunderbare Duft des Abendessens stieg mir bereits in die Nase, und ich hörte, wie mein Bauch ein Knurren von sich gab. Ich ließ die Katze am Fußende der Treppe hinunter, und sie tapste mit langsamen Schritten ins Wohnzimmer.
Dass ich ein eigenes Zimmer nur für mich hatte, war ein Privileg, das ich sehr schätzte. Ich musste es mit keinen Geschwistern teilen. Manchmal war es ein Segen, Einzelkind zu sein. An der Universität würde ich mir mit jemandem das Zimmer teilen müssen, und ich war schon gespannt auf meine neue Mitbewohnerin. Ob sie wohl nett war? Würde ich mich gut mit ihr verstehen?
»Kannst du noch kurz den Salat mit rübernehmen?«, fragte mich meine Mutter.
»Klar doch.«
Wir tischten gemeinsam auf, und in diesem Moment kam auch mein Vater zur Haustür rein.
»Hallo, ihr Lieben«, ertönte seine Stimme durch den Flur.
»Hey, Dad!«
Ich hörte, wie er seine Arbeitstasche auf dem Boden abstellte und sich die Schuhe auszog.
»Du kommst genau rechtzeitig, ich habe gerade gekocht. Es gibt Nudeln und Salat.« Es war nicht üblich, dass meine Mutter für das Abendessen zuständig war. Meist kochte mein Vater, wenn er nicht so spät von der Arbeit kam. Manchmal auch ich, obwohl ich kein großes Talent hatte. Sie würden sich daran gewöhnen müssen, dass ich demnächst nicht mehr in der Küche stand.
Mein Vater wusch sich die Hände, ehe er zu uns stieß. Wir nahmen alle am Tisch Platz und schenkten uns gegenseitig Getränke ein.
»Und, bist du schon aufgeregt wegen morgen?«
Ich nahm einen großen Schluck Wasser, ehe ich ihm antwortete. »Ziemlich, wenn ich ganz ehrlich bin.« Dass ich mir vor lauter Nervosität die Fingernägel runtergekaut hatte, erzählte ich ihm lieber nicht.
»Das wird schon werden, mach dir da keine Sorgen«, warf meine Mutter ein und reichte mir den Topf dampfender Nudeln. »Du wirst bestimmt viel Spaß an der Uni haben.«
Das sagte sie so leicht. Aber meine Mutter hatte auch keine Ängste. Nicht so wie ich.
Ich nahm mir eine Portion und gab den Topf weiter an meinen Vater. Dann bediente ich mich an dem Salat.
Wir aßen immer zusammen, wenn es möglich war. Ich hatte eine gute Beziehung zu meinen Eltern, und beim Abendessen konnten wir uns erzählen, was wir tagsüber erlebt hatten. Manchmal spielten wir danach noch gemeinsam Karten oder sahen einen Film an. Am liebsten eine romantische Komödie. Ich mochte Happy Ends. Heute Abend würde ich vermutlich mit dem Packen meiner restlichen Sachen beschäftigt sein.
»Hast du schon alles beisammen?«, meldete sich mein Vater mit dem passenden Stichwort.
»Nein, ich muss noch schauen, welche Bücher ich einpacken will.«
»Oh, also die ganz wichtigen Entscheidungen.« Er liebte es, mich ab und an zu necken. »Dabei will ich dich natürlich nicht stören.«
Meine Mutter erzählte von einem nervigen Kunden auf der Arbeit. Sie war Physiotherapeutin und konnte ihren Job einfach nicht im Büro lassen. Ständig ermahnte sie mich, gerade zu sitzen. Dad ging auf das neue Stichwort ein, auch er hatte heute im Büro des Autohauses nur mit seltsamen Kund*innen zu tun gehabt.
»Manchmal willst du den Tag einfach in die Tonne werfen«, schüttelte er den Kopf. Es tat gut zu wissen, dass auch meine Eltern schlechte Tage hatten. Dass es nicht nur mir so ging.
»Dafür schauen wir heute Abend diesen neuen Krimi, den du unbedingt sehen wolltest.« Meine Mutter strahlte über beide Wangen und schien sich schon auf den Filmabend zu freuen.
Als wir aufgegessen hatten, half ich meinen Eltern beim Abräumen und schrubbte zwei Pfannen. Anschließend ging ich wieder in mein Zimmer und kümmerte mich um das leidige Thema des Taschepackens.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich für die Bücher entschieden hatte, die mitkommen durften. Danach sortierte ich Schuhe aus. Es war schon leichte Herbststimmung, Anfang September, und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Temperaturen sanken. Ich entschied mich also für ein Paar schwarze Stiefel und zwei Paar Turnschuhe, die schon etwas abgewetzt aussahen.
Als ich das nächste Mal auf mein Handydisplay sah, war es bereits zehn Uhr. Heute wollte ich nicht so spät ins Bett gehen, damit ich morgen fit wäre. Mir stand ein aufregender Tag mit vielen neuen Eindrücken bevor, und es würde wahrscheinlich ziemlich anstrengend werden.
Mit einem Ruck schloss ich die schwere Reisetasche und rieb mir danach zufrieden die Hände. Endlich war das erledigt.
Ich ging rüber ins Badezimmer, putzte mir die Zähne und wusch das Gesicht, ehe ich meinen Kulturbeutel für die Abreise vorbereitete. Die kleine durchsichtige Tasche mit Shampooflaschen und Toilettenartikeln würde ich erst morgen kurz vor der Abfahrt einpacken, da ich sie am Morgen noch mal benötigte.
Die Treppen knarzten, als ich sie hinunterstieg. Für eine halbe Stunde wollte ich mich noch zu meinen Eltern auf die gemütliche graue Couch setzen. Sie schauten noch immer den Krimi, von dem meine Mutter beim Abendessen berichtet hatte. Mrs Smitty hatte sich zu ihnen auf das Sofa gesellt und schlief. Sofort breitete mein Dad die Arme aus, und ich ließ mich neben ihn auf die Couch sinken. Er drückte mich fest an sich.
»Was werde ich dich vermissen, wenn du morgen schon nicht mehr bei uns bist, Spätzchen.« Ich rollte mit den Augen. Ich mochte es nicht, wenn mein Vater mir peinliche Spitznamen gab. Ich fühlte mich dann immer wie ein kleines Kind.
»Ich bin doch nicht aus der Welt«, gab ich zurück und wand mich aus seiner Umarmung.
»Du weißt, dass du jederzeit mit dem Bus zu uns fahren kannst, wenn du das möchtest, oder?«, schaltete sich meine Mutter ein.
»Ja, schon klar. Und ihr kommt mich am Wochenende besuchen, wenn ich das mit euch ausmache.« Dabei nahm ich mir jetzt schon vor, dass es nicht dazu kommen sollte. Meine Eltern mussten nicht wegen mir durch die Gegend fahren. Wenn, dann wollte ich für ein Wochenende mal nach Hause kommen und würde den Bus nehmen. Allerdings wollte ich Besuche, so gut es ging, vermeiden. Mir fiel es nicht leicht, Veränderungen zuzulassen, und jetzt stand quasi die größte Veränderung geradewegs vor mir. Aber auf der anderen Seite war es genau das, was ich immer gewollt hatte. Ich musste raus aus dieser Stadt.
»Hast du alles fertig gepackt?«, wollte mein Dad von mir wissen, und ich nickte.
»Super!«
Gemeinsam sahen wir uns den Krimi noch zu Ende an, auch wenn ich keine Ahnung hatte, worum es in dem Film ging. Am Ende wurde der Mörder gestellt und von der Polizei abgeführt, so viel bekam ich gerade noch mit.
Ich wünschte meinen Eltern eine gute Nacht und ging hinauf in mein Zimmer. Das würde endgültig die letzte Nacht zu Hause sein. In meinem alten Leben. Hoffentlich würde ich gut schlafen und nicht vor lauter Magenschmerzen und wach liegen.
In meinem Zimmer schlüpfte ich in ein großes labbriges Shirt mit einem Einhornmotiv und eine hellblaue Schlafhose, ehe ich mich unter die Bettdecke legte. Auf meinem Nachttisch leuchtete ein kleines Licht, so dass ich noch ein oder zwei Kapitel in meinem Buch lesen konnte. Ich versank sofort zwischen den Seiten, und meine Ängste schienen plötzlich meilenweit entfernt. Es tat so gut, in eine andere Welt abzutauchen. Deswegen las ich auch am liebsten Fantasybücher oder Geschichten mit magischem Realismus. In meinem Buch...




