E-Book, Deutsch, 230 Seiten
Kamleiter Religion, Kirche und Staat
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-9652-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Religions- und Kirchenkritik als Voraussetzung für offene und liberale Gesellschaften
E-Book, Deutsch, 230 Seiten
ISBN: 978-3-7578-9652-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Noch immer wird Kirchen- und Religionskritik auch in westlichen Gesellschaften stigmatisiert. Dabei wären die modernen westlichen Verfassungen und demokratischen Gesellschaften, von denen auch religiöse Menschen profitieren, ohne diese - als zentrales geistiges Anliegen der Aufklärung - gar nicht erst entstanden. Der Philosoph Dr. Peter Kamleiter zeigt auf, dass die Kritik an Religion und deren Institutionen neben dem aktuellen gesellschaftlichen Aspekt auch in der Sache mehr als berechtigt ist. Aus philosophischer, historischer, naturwissenschaftlicher aber auch theologischer Sicht zeigt er im ersten Teil die profane Genese der Religionen, ihre intellektuellen und moralischen Unzulänglichkeiten sowie deren Widersprüche exemplarisch am Christentum auf. Im zweiten Teil erfolgt unter Bezugnahme auf das Religionsverfassungsrecht eine kritische Evaluation des aktuellen Verhältnisses von Religion, Staat und Kirche in der BRD. Beispielsweise hinterfragt Kamleiter, wie es noch zu rechtfertigen ist, dass die immensen Kosten, die mit einer nicht mehr zeitgemäßen Kirchenprivilegien verbundenen sind, von einer immer mehr anwachsenden Zahl von kirchenfernen Steuerzahlern finanziert werden müssen. Eine weitere zentrale Frage in diesem Zusammenhang betrifft die nach der Berechtigung des von den Kirchen in Anspruch genommenen Selbstverständnisses, als eine in unserer Gesellschaft immer noch maßgebliche moralische Instanz zu gelten. Damit nämlich begründen die Kirchen und die kirchenfreundlichen Politiker die hier in Frage gestellten Kirchenprivilegien trotz einer dramatisch ansteigenden Austrittssituation und einer sich immer mehr multireligiös aber gleichzeitig auch atheistisch entwickelnden Gesellschaft. Kamleiter untermauert diese Grundsatzfragen nach dem Verhältnis von Staat und kirchlichen Institutionen mit Zahlen und Fakten. Gleichzeitig fordert er die Schieflage zwischen Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit unter Berücksichtigung der sich dramatischen ändernden gesellschaftlichen Entwicklung endlich politisch zu begradigen.
Dr. Peter Kamleiter hat in Würzburg Philosophie, Musikwissenschaft und evangelische Theologie studiert. Seine Schwerpunkte liegen auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie und der Naturphilosophie, wie Kosmologie, Evolutionsbiologie und Hirnforschung (Leib-Seele-Problem). Mit seinen Vorträgen und Veröffentlichungen versucht er die freiheitlichen Ideale der Aufklärung gegen die Gefahren eines alten und neuen Irrationalismus zu stärken.
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TEIL I
Die inhaltlich-faktische Berechtigung der Religions- und
Kirchenkritik 1. Einleitung Eine sichere und auch nachweisbare Antwort auf die Frage, ob ein höheres Wesen (oder auch mehrere höhere Wesen) existiert, das die Welt erschaffen hat und lenkt, ist objektiv betrachtet noch keinem Menschen gelungen. Sie ist seriös auch nicht abschließend beantwortbar. Als eine mögliche Option wird sie aber seit Menschengedenken sowohl in den primitiven Religionen bis hin zu theologischen und (natur-)philosophischen Theorien in allen möglichen Varianten diskutiert. Sofern man dieses höhere Wesen rein abstrakt in Erwägung zieht, ohne die ihm in den Religionen zugeschriebenen Eigenschaften und (Wunder-)Geschichten, die der Mensch bzw. jede Kultur letztlich aus seinem/ihrem eigenen Wesen ableitet, ist die Hypothese einer rein abstrakten höheren Macht ohne Eigenschaften für jede Religionskritik unangreifbar. Denn jede Kritik benötigt konkrete Aussagen, auf die sie sich beziehen kann. Und diese finden wir in den traditionellen (monotheistischen) Religionen zuhauf. Sie bestehen aus ganz konkreten Vorstellungen und Erzählungen, die mit einem absoluten Wahrheitsanspruch verbunden sind, den es um des Seelenheilswillen zu glauben gilt. Umso konkreter die Glaubensinhalte und Geschichten in den heiligen Büchern sind, um so besser lassen sie sich fassen und überprüfen. Somit geht es in der Religionskritik primär gar nicht um die Frage, ob ein höheres Wesen prinzipiell existiert oder nicht, sondern darum, ob die konkreten Angaben, die Religionen und deren zugrunde liegenden heiligen Bücher machen, plausibel und glaubhaft sind, ob sie einer kritischen Evaluation der Vernunft und der Wissenschaften standhalten können. Und hier zeigt sich eben anhand einer kritischen und wissenschaftsbasierten Evaluation, dass auch Religionen mit ihren Geschichten, Gottes- und Weltbildern ganz profan der kulturellen Evolution unterliegen, dass sie sich völlig kausal als letztlich psychologisch, soziologisch, politisch, kulturell und historisch ausweisbare Produkte der Menschheitsgeschichte herleiten lassen. Damit werden sie in ihren transzendent begründeten Glaubens- und Machtansprüchen freilich stark infrage gestellt, womit durchaus individuelle, Trost spendende und mit paradiesischen Glaubensvorstellungen verbundene Hoffnungen zerbrechen können. Der mit ihrer Entzauberung allerdings auch einhergehende positive Effekt zeigt sich darin, dass Religionen mit der Aufklärung und der dieser zugrunde liegenden Religionskritik ihre Macht und ihren immensen gesellschaftlichen Einfluss im irdischen Dasein immer mehr verloren haben. Das war eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung von theokratischen Gesellschaftsmodellen hin zu freiheitlichen säkularen Verfassungen und Gesellschaften. Die „Karriere“ Jahwes beispielsweise, von einer ursprünglich regional begrenzten und unbedeutenden Gottheit unter vielen anderen hin zum alleinigen omnipotenten Weltenschöpfer, sie lässt sich rein kulturhistorisch und ohne Hinzuziehung übernatürlicher Spekulationen sehr plausibel nachzeichnen. In Nicäa (325) wurde Jesus als „Gottessohn“ dogmatisiert und in Konstantinopel (381) folgte, nach jahrzehntelanger Diskussion, das Dogma vom dreieinigen Gott, indem der „Heilige Geist“ als Teil des Göttlichen festgelegt wurde. Am 1. November 451 erhält Christus in Chalkedon seine zwei Naturen als "wahrer Mensch und wahrer Gott". Somit lässt sich historisch sehr stringent nachvollziehen, wie die Karriere Jahwes unter ganz profanen Voraussetzungen verlaufen ist. Er avancierte zunächst von einer ehemaligen unbedeutenden regionalen Berggottheit zu einem Kriegsgott, dann zum Vater eines Sohnes (Jesus Christus), der später zusammen mit dem Heiligen Geist eine trinitarische Einheit darstellt, mit dem Anspruch nun auch noch als alleiniger allwissender, allgütiger und allmächtiger Schöpfer des gesamten Universums zu gelten. Auch die damit verbundene biblische Vergöttlichung und Adaption Jesu durch den alttestamentarischen Gott hat nur noch wenig mit dem historischen Jesus zu tun. Zurecht unterscheidet man in der Theologie deshalb den Jesus des Glaubens, so wie er in der Bibel dargestellt und vergöttlicht wird, von dem historischen Jesus, also dem Menschen, wie er wirklich gelebt und gewirkt hat. Mehr noch als von naturwissenschaftlicher oder philosophischer Seite sind es mittlerweile die Erkenntnisse einer kritisch-historisch vorgehenden Theologie selbst, die essentielle Glaubensgrundlagen kompetenter infrage stellt, als es andere Disziplinen je tun könnten. Ohne argumentative Umwege, wie in der Philosophie oder den Naturwissenschaften, setzt sie mit der historischen Infragestellung und Analyse zentraler Glaubensaussagen in den heiligen Büchern und den daraus entstandenen dogmatischen Konstrukten die Axt direkt am Stamm des Baumes an, an dem sich die vielzähligen Verästlungen der theistischen Religionen mit dem Judentum, Christentum, Islam und ihren zahlreichen Erscheinungsformen seit der Entstehung des (abrahamitischen) Monotheismus auf ganz profane Weise verzweigt haben. Aus einer historischen Sichtweise heraus lässt sich nämlich mühelos aufzeigen, dass alle Religionen von älteren Kulturen, also auch von anderen Religionen und vor allem auch von politischen Ereignissen beeinflusst wurden. Auch Religionen unterliegen somit einem „evolutiven“ Entwicklungsprozess. Die geographische Lage zu benachbarten Kulturen, die klimatischen Verhältnisse und die damit verbundene Lebensweise, dies und noch vieles mehr spielt eine Rolle bei der Herausbildung von Religionen. Nomadenvölker haben andere Gottesvorstellungen als Bergvölker oder sesshafte Kulturen, in denen sich eine schriftliche Fixierung religiöser Vorstellungen herausbilden konnte. Die unterschiedlichen lebensweltlichen Verhältnisse wie geographische Lage, Klima, politische Bündnisse, gewonnene oder verlorene Kriege, die damit verbundenen spezifischen Lebenssituationen, gegenseitige kulturelle Beeinflussungen, Sorgen, Nöte, Hoffnungen usw., alle diese natürlichen und menschlichen Einflüsse unterliegen einem ständigen Wandel und prägen im Laufe der Geschichte die Religionen unterschiedlicher Kulturen. Diese natürliche, nämlich anthropologische, soziologische, psychologische oder historische Erklärung für die Entstehung unterschiedlichster religiöser Systeme und ihren Heiligen Schriften steht natürlich im Gegensatz zu deren behaupteter göttlichen Provenienz und dem damit verbundenen Absolutheitsanspruch. Dabei ist der Eingottglaube nicht einmal die Erfindung der abrahamitischen Offenbarungsreligionen. Er wurde wahrscheinlich von Echnaton im 14. Jahrhundert v.u.Z. in Ägypten erstmals in der Geschichte der Menschheit eingeführt und erst später von den Juden in veränderter Form und unter Einfluss benachbarter Religionen wie dem Zoroastrismus übernommen. Denn für das frühe Israel ist die Verehrung mehrerer Götter archäologisch wie exegetisch nachweisbar. Aber auch diese Religionen wurden, ebenso wenig wie der Jahweglaube, nicht aufgrund ihrer intellektuellen Plausibilität verbreitet und angenommen, sondern neben den gerne angenommenen paradiesischen Versprechungen eines ewigen Lebens für ihre Anhänger musste noch gewaltig mit dem Schwert nachgeholfen werden. Zahlreiche grausam vollzogene Zwangsmissionierungen, die als Alternative nur den Tod oder die Taufe kannten, waren ebenfalls dazu notwendig. Die Liste und die Schilderungen der Grausamkeiten, die im Namen der monotheistischen Offenbarungsreligionen verübt wurden, ist lang und schockierend. Die religiösen Systeme des Judentums, Christentums und des Islam, ihre Macht, ihr Reichtum, ihr gesellschaftlicher und politischer Einfluss, all das existiert nicht aufgrund irgend eines tatsächlich sich in diesen offenbarenden Gottes, sondern zu einem ganz erheblichen Teil aufgrund eines intoleranten Wahrheitsanspruchs, der mit unerbittlicher Gewalt durchgesetzt wurde. Hat also Nietzsche aus heutiger Sicht nicht Recht, wenn er die rhetorische Frage stellt, ob man sich mit dem Christentum (aber ebenso auch mit allen anderen auf Offenbarung beruhenden monotheistischen Schriftreligionen) „nach dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis“ überhaupt noch einlassen kann, „ohne sein intellektuales Gewissen heillos zu beschmutzen“? Diese suggestive, aber keinesfalls unberechtigte Frage müsste aufgrund des heutigen Kenntnisstandes über die „Kriminalgeschichte“ der monotheistischen Religionen sogar noch auf das „ethisch-moralische“ Gewissen bezogen und erweitert werden. Im Nachfolgenden soll eine kurze Zusammenfassung einer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Betrachtungsweise heiliger Schriften am Beispiel des Alten und Neuen Testamentes gegeben werden.4 1.1 Das Alte Testament Der Name des alten biblischen Gottes JHW taucht erstmals in einer ägyptischen Ortsnamensliste um 1350 v. Chr. auf. Die Rede ist dort von Jahwe-Beduinen. Abgeleitet wird diese Bezeichnung sowohl von dem von dieser Gruppe verehrten Gottesnamen als auch dem Berg, auf dem dieser Gott verehrt wurde. Land, Bewohner und Gott hatten also den gleichen Namen. Daraus lässt sich folgern, dass Jahwe...




