E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Kaplan Die Tierrechtsidee und ihre Feinde
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-8115-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit einem Geleitwort von Jörg Luy
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7562-8115-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die bisherige Bilanz der Tierrechtsbewegung ist vernichtend: Die Situation der Tiere ist de facto hoffnungsloser denn je. Dass dies dank einer effizienten Werbe- und Marketingmaschinerie (Bio,Tierwohl) nicht wahrgenommen wird, ist der GAU schlechthin. Aber die Tierrechtsidee hat auch mächtige Feinde: Tierproduzenten, Tierkonsumenten, Tierideologen und Tierphilosophen. Andererseits gibt es Fakten und Aspekte, die Tierrechte als große Hoffnung erscheinen lassen: In den 1970er-Jahren hat die Tierrechtsphilosophie - biologisch, psychologisch und evolutionstheoretisch fundiert - historisch erstmalig den Umgang mit Tieren als legitime und vollwertige Fragestellung in die Ethik integriert. Damit wurde die Basis für einen möglichen ethischen, rechtlichen, gesellschaftlichen und politischen Paradigmenwechsel zu Gunsten der Tiere geschaffen. Es kann überzeugend gezeigt werden, dass aus nachvollziehbar begründeten Menschenrechten konsequenterweise Tierrechte folgen. Und Tierrechte könnten faktisch sinnvoll, ethisch plausibel und rechtlich effizient an Menschenrechte angebunden werden: Viele Menschenrechte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte haben Vorbildfunktion für Tierrechte.
Helmut F. Kaplan hat ein abgeschlossenes Psychologie- und Philosophiestudium. Er war Berater mehrerer Tierrechtsorganisationen. Seine frühen Schriften haben wesentlich zur Einführung der Tierrechtsphilosophie in den deutschen Sprachraum beigetragen. Das Buch Leichenschmaus gilt als wichtigstes deutschsprachiges Tierrechtsbuch und wurde unter anderem ins Japanische übersetzt. 2019 legte Kaplan mit Menschenrechte und Tierrechte das erste philosophische Tierrechtsbuch mit dem Aufhänger Menschenrechte vor.
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Geleitwort
Liebe Leser*innen, 93 Prozent der Österreicher und 95 Prozent der Deutschen halten Tierschutz in der Landwirtschaft für wichtig, fand eine 2015 im Auftrag der Europäischen Union durchgeführte, repräsentative Befragung heraus. Etwa vier von fünf Befragten, 78 Prozent der Österreicher und 83 Prozent der Deutschen, sind der Ansicht, dass in ihrem Land das Wohlbefinden der Tiere besser geschützt werden müsste als dies gegenwärtig der Fall ist. In dieser Angelegenheit ist die große Mehrheit also theoretisch motiviert – nur engagiert ist sie leider nicht. Denn, auch wenn Tierschutz diesen Menschen wichtig ist, andere Dinge sind ihnen offenbar wichtiger. Das zeigt sich beispielsweise am Marktanteil von Bio-Fleisch, der auch heute noch, viele Jahre nach der Einführung dieses Marksegments, deutlich unter vier Prozent liegt. Das heißt, mehr als 96 Prozent des Fleisches stammen gegenwärtig aus der konventionellen Landwirtschaft, also genau den Haltungsformen, bei denen die, die es verzehren, von Tierschutzdefiziten ausgehen. Berücksichtigt man, dass Vegetarier und Veganer zusammen nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen, resultiert aus dieser Gegenüberstellung, dass bei der Ernährung gegenwärtig Wertvorstellungen und Verhalten in einem auffälligen Missverhältnis stehen. Dieses Missverhältnis lässt sich zwar erklären, es lässt sich aber interessanterweise weder bei anderen Menschen noch in Bezug auf das eigene Verhalten akzeptieren, da das menschliche Gerechtigkeitsempfinden für jede in Anspruch genommene Leistung eine angemessene Gegenleistung fordert. Eine Gegenleistung, die wir den Tieren bislang schuldig bleiben. Obwohl also 96 Prozent des vermarkteten Fleisches aus Haltungsformen stammt, bei denen die, die es kaufen, Tierschutzdefizite vermuten, stimmten im August 2017 in einer für Deutschland bevölkerungsrepräsentativen Studie der Universität Göttingen 94 Prozent der Befragten der Aussage zu, „wenn wir Tiere nutzen, sollten wir ihnen ein gutes Leben ermöglichen“, 5 Prozent entschieden sich für „teils/teils“, abgelehnt haben diese Aussage 0 Prozent. Wir stellen also nicht nur fest, dass Wertvorstellungen und Verhalten einander widersprechen, sondern beobachten überdies eine für die betroffenen Menschen unbehagliche Dissonanz zwischen moralischem Urteil und eigenem Handeln. Da große Bevölkerungsteile den gegenwärtigen Umgang mit Tieren als inakzeptabel empfinden, während sie die „Tierproduktion“ durch die eigene Nachfrage weiter anfachen, ist die Selbsteinschätzung zum Fleischkonsum quer durch die Bevölkerung von selbstbetrügerischer Dissonanzreduktion geprägt: „Ich kaufe Fleisch nur beim Metzger, nicht das Abgepackte aus der Massentierhaltung.“ Oder: „Bei uns kommt nur Fleisch aus der Region auf den Tisch; da weiß man, was man hat.“ Dies charakterisiert in etwa die „Erfolgsbilanz“ von 200 Jahren Tierethik. Nicht mehr und nicht weniger. Die damals vollkommen neue Botschaft der Aufklärung, dass Rücksicht zu nehmen ist, nicht allein auf Menschen, sondern auf alle „empfindungsfähigen Wesen“, ist also als Theorie nachweislich in der Breite der Gesellschaft angekommen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wäre das Statement aus der Göttinger Studie von der Bevölkerung wohl mehrheitlich abgelehnt worden. Das gegenwärtige Problem betrifft die Praxis. Bei der Auseinandersetzung mit der Frage, was die Menschen daran hindert, ihr Verhalten ihren Einsichten anzupassen, ist in den letzten Jahren auch über „Sucht“ nachgedacht worden. In der Tat ähnelt die Situation des Konsumenten der des Rauchers, der um die Nebenwirkungen seines Verhaltens weiß, und doch nicht damit aufhören kann. „Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft“ verlautete es vor einiger Zeit im Hinblick auf die Gefahr staatlicher Interventionen in kritischer Selbsterkenntnis aus der Fleischindustrie. Weil das gegenwärtige Konsumentenverhalten von Dissonanzreduktion bestimmt wird, verwundert es nicht, dass auf der Angebotsseite ein Marketing-Wettkampf um die friedlichsten Bilder und die freundlichsten Assoziationen entbrannt ist, denn der innerlich zerrissene Kunde dankt für diese ethische Entlastung mit einem ungehemmten Konsum. Um billigen Nachschub made in Germany sicherzustellen, wurde 1971/72 sogar das Tierschutzgesetz an die Erfordernisse der „Massentierhaltung“ angepasst, die „im letzten Jahrzehnt weltweit erfolgte“ und von der damaligen Regierung „als ökonomisch gegeben“ postuliert wurde. Vor diesem selbstwidersprüchlichen Hintergrund aus theoretischer Zustimmung und praktischer Verweigerung diskutiert Helmut Kaplan die Frage, welche Faktoren es sind, die bislang den fairen Umgang mit Tieren verhindern, und welchen Anteil die Tierethiker der jüngeren Vergangenheit an diesem Misserfolg haben. Als Reaktion auf die sich ab den 1950er und 60er Jahren in den Industriestaaten schnell ausbreitende Massentierhaltung und den quantitativ stark zunehmenden „Tierverbrauch“ der Forschung entstand vor etwa 50 Jahren innerhalb der Hochschulethik ein neues Feld, das man als appellierende Tierethik bezeichnen könnte. Deren Kernargument betont die Gleichheit von Menschen und anderen Tieren in Bezug auf das Empfinden von Freud und Leid, einen von naturwissenschaftlicher Seite inzwischen vielfach bestätigten Sachverhalt. Peter Singers „Animal Liberation“ gilt für viele als das erste Buch der appellierenden Tierethik, kurz darauf folgten weitere, wie Tom Regans „The Case for Animal Rights“, welches die Tierrechtsbewegung auslöste. Der Appell Singers und seiner Kolleg*innen, das Konsumverhalten zu ändern und die Interessen der Tiere als gleichberechtigt anzuerkennen, ist allerdings fast vollständig verpufft. Wie groß bzw. klein die Verhaltensänderung ausgefallen ist, demonstrieren das Bio-Fleisch-Beispiel und die Zahl der Vegetarier. Es ist fraglich, ob bei der Seltenheit dieses Verhaltens die Publikationen von Ethikern überhaupt eine nennenswerte Rolle gespielt haben, schließlich lehnte ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung die Massentierhaltung auch schon vorher bzw. von Anfang an ab. Das Scheitern des Aufrufs zur Verhaltensänderung wirft die Frage auf, welche strategischen Fehler den Tierethikern der jüngeren Vergangenheit unterlaufen sind. Wer oder was hat außerdem noch Anteil am Verpuffen ihrer Argumente? Und wie könnte das Ruder noch herumgerissen werden? – Das sind die Fragen, denen Helmut Kaplan in diesem Essay, der auch als prickelnd-provozierende Vorlesung über Anfang und Ende der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung gelesen werden kann, nachgeht. Dass der Autor, um einen seiner Kritikpunkte selbst zu beherzigen, dafür eine allgemeinverständliche Sprache und intuitiv zugängliche Argumente verwendet, unterstreicht die Redlichkeit seines Vorhabens. Helmut Kaplan will überzeugen. Er ist selbst ein Vertreter der an Vernunft und Anstand appellierenden Tierethik, vielleicht der konsequenteste im deutschsprachigen Raum. Seit Jahrzehnten hält er an der Grundüberzeugung der Aufklärung, aus der im 18. Jahrhundert die Tierethik entstanden ist, fest: Gutes und richtiges Handeln wird von Motiven bestimmt, die vernünftiger Argumentation zugänglich sind! Jede Klärung der Gedanken sollte infolgedessen zu besseren Handlungen führen. Betrachtet man aber die knapp 50 Jahre tierethischer Appelle als ein großes gesellschaftliches Experiment, mit dem die Richtigkeit der aufklärerischen Grundannahme überprüft wird, dass gut und richtig Handeln von der Einsicht in gute und richtige Überlegungen bestimmt wird, dann finden wir uns heute bei der Auswertung dieses Experiments in dem Dilemma wieder, entweder zugeben zu müssen, dass gute und richtige Handlungen argumentativ nicht erzwungen werden können, oder dass bislang nicht die richtigen Argumente dafür gefunden worden sind. Gutes und richtiges Verhalten gegenüber Tieren kommt jedenfalls seltener vor als das Gegenteil. Das macht nachvollziehbarerweise jeden Menschen wütend, der sich verpflichtet fühlt, auf empfindungsfähige Wesen, seien es Menschen oder andere Tiere, Rücksicht zu nehmen. Die Ursache dieser Wut ist Empörung, Empörung über Ungerechtigkeit und über Untätigkeit angesichts dieser Ungerechtigkeit. Diese Affekte stellen sich bei empathiefähigen Individuen spontan ein, wenn andere so behandelt werden, wie sie selbst nicht behandelt werden wollen, würden sie in der Haut des anderen stecken. Anders gesagt: Diese Affekte entstehen bei moralisch reifen Menschen immer dann, wenn sie eine entsprechende Behandlung ihrer Person als inakzeptabel zurückweisen würden. Affekte sind motivierende Gefühle. Von Empörung begleitete Ungerechtigkeitsempfindungen zählen zu den stärksten Motiven menschlichen Handelns. Diese Affekte nötigen einen dazu, sowohl das eigene Verhalten rücksichtsvoll zu gestalten als auch Maßnahmen zum Schutz der ungerecht Behandelten und zur Verhaltensänderung der ungerecht Agierenden zu ergreifen. Bei den meisten Menschen wird diese uneigennützige Motivation...




