E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Kasper / Hilber krank – heil – gesund
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7030-6583-5
Verlag: Universitätsverlag Wagner
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Medizingeschichte(n) aus dem Montafon
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-7030-6583-5
Verlag: Universitätsverlag Wagner
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marina Hilber, Mag.a Dr.in, Doktoratsstudium Geschichte, Lehramtsstudium Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, Anglistik und Amerikanistik sowie Bachelorstudium Europäische Ethnologie in Innsbruck. Seit 2022 Assistenzprofessorin am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Michael Kasper studierte Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, Geographie und Wirtschaftskunde sowie Katholische Religion in Innsbruck. Seit 2011 als kulturwissenschaftlicher Bereichsleiter beim Stand Montafon tätig (zuständig für die Montafoner Museen, das Montafon Archiv und kulturgeschichtliche Projekte). Obmann des Heimatschutzvereins Montafon und des Geschichtsvereins Region Bludenz.
Autoren/Hrsg.
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Wenn der Glaube helfen soll
Medizinisch wirksame Schutzheilige in den Montafoner Kirchen und Kapellen
Es bleibt ein menschliches Phänomen bis in unsere Tage, dass der Glaube an die Wirksamkeit bestimmter guter Gedanken am Ende tatsächlich hilfreich ist. Die Medizin ist voll von Beispielen. Placebos auf der einen Seite, eine positive Lebenseinstellung auf der anderen Seite können durchaus hilfreich sein, wenn es um das Gesundsein und das Gesundwerden geht. Dabei gibt es noch immer Schutzheilige, die angerufen werden, wenn es um überirdische Hilfe in schwierigen Situationen geht. So wird der hl. Christophorus auch heute noch als Ansprechperson für Autosegnungen herangezogen, der hl. Florian gilt weiterhin als Brandschutzbeauftragter und der hl. Antonius wird als wirksamer Vertreter des Fundamtes geschätzt. Und wie oft muss der Schutzengel ganz allgemein herhalten, wenn es darum geht, einem Kind den unsichtbaren Begleiter zumindest für die jungen Jahre mitzugeben?
Lange bevor es die staatlichen und privaten Versicherungsvereine und -gesellschaften gab, vertrauten die Menschen in eigentlich allen Lebenslagen auf ihre Lebenserfahrung, ihren Instinkt, auf traditionelle Hausmittel und je nach religiöser Einstellung ganz besonders auf die ihnen bekannten himmlischen Instanzen. Schutzheilige erfreuten sich sowohl in mittelalterlicher Zeit als auch in der Frühen Neuzeit bis weit in das 19. Jahrhundert hinein großer Beliebtheit. Im Montafon genügt wie in allen anderen katholisch geprägten Gebieten ein Blick in die Kirchen und Kapellen sowie darüber hinaus auch in die Kulturlandschaft, um zu erkennen, welche Personen wofür verehrt und angerufen wurden. Dieses Anrufen in Form eines Gebetes oder eines Gelübdes konnte vor, während oder nach einer schwierigen Situation geschehen. Bei medizinischen Problemen dürfen wir heute sogar die Feststellung wagen, dass in historischer Zeit die Anrufung einer himmlischen Instanz vielfach bessere Hilfe erwarten ließ beziehungsweise weniger Schaden anrichtete als der Gang zum mehr oder weniger versierten Kurpfuscher.
Seuchenheilige
Wie uns die Pandemie der vergangenen Jahre gelehrt hat, haben wir es längst vergessen, was ein gesundheitliches Problem bedeutet, das zur gleichen Zeit die gesamte Gesellschaft trifft. Seuchen gab es zumindest in unseren Breitengraden schon lange nicht mehr, und die jährlich wiederkehrende Grippewelle war uns entweder egal oder wurde mit einer Impfung mehr oder weniger erfolgreich bekämpft. Die Schutzheiligen und die Häufigkeit ihres Vorkommens beziehungsweise ihre Zuständigkeiten vermitteln uns ein Bild über frühere Krankheitsbilder und vor allem auch über Seuchenzeiten, zumindest so lange, wie man ihre Vermittlungsdienste bei der göttlichen Anrufung in Anspruch nahm.1
Das interessanteste Beispiel im Montafon und weit darüber hinaus ist die Verehrung des hl. Sebastian und seiner einschlägigen Mitstreiter. Sebastian ist uns historisch als römischer Soldat überliefert, der sich dem Christentum zuwandte und dafür Martyrien unterschiedlichster Art erleiden musste.2 Die bekannteste Legende ist jene, die kunstgeschichtlich am häufigsten dargestellt wurde: Sebastian steht mit entblößtem Oberkörper an einen Baum gebunden, die Pfeile in seinem Körper verweisen auf eines seiner erlittenen Martyrien. Im Zuge der spätmittelalterlichen Pestwellen legten die Menschen die Pfeile Sebastians als die Pest aus, die nun als Strafe Gottes auch über sie alle gekommen sei. Der hl. Sebastian wurde so zum ersten Pestpatron, den die Menschen über alles verehrten und anriefen, um Schutz gegen die Seuche zu erbitten.
Der Blick in die Montafoner Kirchen und Kapellen zeigt rasch, dass in der Zeit um 1630 die Pest ein weiteres Mal gewütet haben muss. Kunsthistorisch wird jene Zeit dem Frühbarock zugeordnet und die Darstellungen der Pestaltäre und vor allem des hl. Sebastian sind kennzeichnend für jene Jahre. Die Pfarrkirche von Bartholomäberg hatte einst eine eigene Pestkapelle, deren Relikte vor allem in Form des hl. Sebastian noch im Vorzeichen zu sehen sind. Auch in der Kirche ist ein Seitenaltar den Pestheiligen gewidmet, sehen wir hier doch auch den hl. Rochus, der im Unterschied zu Sebastian historisch tatsächlich mit einer Pesterkrankung in Verbindung gebracht wurde: Der entblößte Oberschenkel zeigt die Pestwunde. Manchmal ist dem Heiligen auch ein Hund oder ein Engel beigefügt, die der Legende nach dem Heiligen das Brot brachten. Die Quarantäne war immer schon ein Thema.
Eine Versammlung aller bekannten Pestheiligen zeigt auch der linke Seitenaltar im Venser Bild, der idyllisch gelegenen Kapelle am Ortsrand von Vandans. Die Kapelle selbst ist eine Votivkapelle, die aufgrund der überlieferten Gründungsgeschichte mit der Seuche und dem Jahr 1613 in Verbindung zu bringen ist. Der hl. Sebastian ist hier als zweiter Kapellenpatron überliefert.3 Neben dem bereits erwähnten Sebastian und Rochus taucht hier auf dem 1631 gemalten Predellagemälde auch der hl. Pirmin auf, der als Bischof dargestellt wird und um dessen Bischofsstab sich eine kleine Schlange windet. Pirmin soll ein mittelalterlicher Missionar gewesen sein, bei dessen Ankunft auf der im Bodensee gelegenen Reichenau alle Schlangen und sonst als giftig überlieferten Tiere das Weite suchten. Als Pestheiliger eignete er sich bestens, und dass er bei Schlangenbissen, bei Vergiftungen aller Arten und bei Rheuma angerufen wurde, überrascht auch nicht wirklich.4
In etwa der gleichen Zeit entstand auch die Kapelle Maria Schnee in Gaschurn, ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Gemeinde in der Innerfratte. Die Gründungslegende bringt sie mit dem legendären und inzwischen durch den Historiker Manfred Tschaikner auf vier Personen aufgeschlüsselten Lukas Tschofen (in diesem Fall „der Zweite“) in Verbindung. Maria Schnee ist ein Patrozinium, das im 17. Jahrhundert alpenlandweit durchaus häufig zum Zuge kam, was wohl auf eine Verbindung mit den kälter werdenden Zeiten jener Jahre schließen lässt. Interessant ist, dass die Legende einen Zusammenhang zwischen dem Namen Maria Schnee und der um 1630 auch in Gaschurn wütenden Pest hervorbringt. Lukas Tschofen wird nämlich in einer Erzählung als einst sehr krank bezeichnet und in seiner Verzweiflung habe er gelobt, eine Kapelle dorthin zu bauen, wo es im Sommer schneie – übrigens ein Aspekt, der mit der Ursprungslegende zu Maria Schnee, zugetragen im 5. Jahrhundert in Rom, in Verbindung gebracht werden kann. Ein beeindruckendes Barockgemälde in Maria Schnee gibt diese römische Geschichte wieder und mag die Erzählung vom kranken Tschofen und seinem Gelöbnis beeinflusst haben. Maria Schnee und seine Umgebung dienten dann auch als Seuchenfriedhof und bekamen zur Bekräftigung eine Sebastiansreliquie.5
Die alte Bartholomäberger Pestkapelle soll lange auch einen Altar beherbergt haben, der bis vor wenigen Jahren in der Pfarrkirche im Chor zu sehen war und der seit einiger Zeit in der neuen Kapelle im Ortsteil Bartholomäberg-Platta steht. Der Altar ist wohl zwischen 1650 und 1660 entstanden – zumindest lassen sich die Skulpturen dem Tiroler Bildhauer Michael Lechleitner zuschreiben und damit eine Entstehung in jener Zeit annehmen – und zeigt interessanterweise nicht die bekannten Pestheiligen. Vielleicht brauchte man sie in jenen Jahren auch nicht mehr. Der oder die Stifter aber hatten jedenfalls größere Probleme mit ihren Augen und ihren Zähnen, wurden doch die hll. Ottilia und Apollonia als Heilige ausgewählt, die genau für jene Leiden angerufen wurden, die mit den angesprochenen menschlichen Organen beziehungsweise Teilen davon in Verbindung standen. Die beiden Heiligen wurden erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts auch für eine Kapelle in Tschagguns-Krista ausgewählt. Eine wunderbare Darstellung einer Ottilia zeigt übrigens der Altar der Kirche in Bludenz-Rungelin, wo uns die Augen der Heiligen als Extrazugabe auch vom beigefügten Buch entgegenblicken. Die hl. Apollonia in der Kirche St. Martin von Ludesch wurde hingegen vor Jahrzehnten gestohlen und mit der Annahme, dass sich die Skulptur in irgendeiner Zahnarztpraxis befindet, dürfte man nicht fehlgehen.
Nothelfer für und gegen alles
Das Montafoner Heimatmuseum zeigt ein Gemälde der 14 Nothelfer, das eine Leihgabe der Kirche in Lorüns darstellt.6 Einem Fußballteam vergleichbar präsentieren sich die Heiligen in zwei Reihen, die vorderen sechs knien und die hinteren acht dürfen wir uns stehend vorstellen. Die ganze Szenerie ist auf eine Wolkenbank gesetzt und spielt sich somit im Himmel beziehungsweise auf dem Weg zum Himmel ab. Das Auge Gottes wacht über allem und verstärkt damit noch mehr die Mittlerrolle, welche die Schutzheiligen seit jeher zwischen dem gläubigen Volk auf der Erde und den himmlischen Instanzen eingenommen hatten. Den Hostienkelch, den die hl. Barbara als ihr Attribut bei sich trägt, hält sie demonstrativ und prominent in der Bildmitte in die Höhe. Ein weiterer Hinweis auf eine himmlische Instanz, steht doch das Motiv für die in barocker Zeit hoch verehrte...




