E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Keller / Brodisch Auf Augenhöhe - ICF verständlich
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-456-76320-0
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Für Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung, Angehörige und professionelle Unterstützer
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-456-76320-0
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die ICF Schritt für Schritt erklärt – Bedarfe selbst formulieren und mehr Teilhabe erreichen!
Menschen mit Behinderung haben Anspruch auf Leistungen zur Teilhabe, wenn ihre gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigt ist. Dabei stehen ihre individuellen Wünsche und Bedürfnisse im Mittelpunkt. Dieses Recht ist in den Sozialgesetzen verankert. Aber was bedeutet es eigentlich, eine Behinderung zu haben? Und wie können wir sicherstellen, dass jeder Mensch die Unterstützung bekommt, die er wirklich braucht?
Der Austausch auf Augenhöhe zwischen Menschen mit Behinderung, ihren Angehörigen, Kostenträgern (z. B. Sozialversicherer) und Leistungserbringern (z. B. Ärzt*innen, Therapeut*innen etc.) erfordert ein gemeinsames Verständnis von Funktionsfähigkeit und Behinderung. Genau hier setzt die ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) an.
In diesem Buch werden die ICF und der Prozess der Bedarfsermittlung Schritt für Schritt erklärt:
Basiswissen ICF kompakt erklärt: Was bedeuten wichtige Begriffe wie Aktivitäten, Körperfunktionen, Körperstrukturen, Umwelt- und personbezogene Faktoren oder Funktionsfähigkeit? Wie hängen diese einzelnen Komponenten zusammen? Nach welchen Kriterien wird bewertet? Was ist durch die Sozialgesetze vorgegeben?
Persönliche Bedarfe selbst ermitteln: Wie lassen sich Wünsche, Ziele, Bedürfnisse und Bedarfe formulieren, erfassen und begründen? Zehn konkrete Beispiele (u. a. Schwerhörigkeit, Autismus, Epilepsie, Demenz) zeigen, wie die ICF in der Praxis angewendet wird. Zusätzlich enthält das Buch ein Arbeitsbuch, um die eigene Funktionsfähigkeit Schritt für Schritt aufzuschreiben.
Die UN-Behindertenrechtskonvention hat die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen mit Behinderung zum Ziel. Das bio-psycho-soziale Modell der ICF versteht Behinderung nicht als alleinige Folge einer Erkrankung. Vielmehr wird auch gefragt, welche Umweltbedingungen die gesellschaftliche Teilhabe behindern. Die ICF betrachtet also immer die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt.
Ob Sie selbst betroffen sind, in der Beratung arbeiten oder das Konzept besser verstehen möchten – dieses Buch gibt Ihnen das nötige Wissen an die Hand, um diese Wechselwirkungen zu erkennen und die ICF gezielt zu nutzen.
Die Arbeitsblätter zur Funktionsfähigkeit können nach erfolgter Registrierung von der Hogrefe Website heruntergeladen werden.
Zielgruppe
Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung und deren Angehörige oder Betreuende, Fachleute der organisierten Selbsthilfe oder Behindertenhilfe.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
213 ICF – Modell und Aufbau ihrer Bestandteile
3.1 Bio-psycho-soziales Modell
Die ICF ist in erster Linie eine Klassifikation. Die einzelnen Bestandteile (Komponenten) der ICF stehen miteinander in Verbindung. Es handelt sich um ein Wechselwirkungsmodell. Die WHO bezieht sich dabei auf ein bio-psycho-soziales Modell (bps-Modell).
Wer‘s genau wissen will
Das bps-Modell wurde nicht von der WHO erfunden. Erstmals beschrieben wurde es in den 1970er Jahren von George Engel (Engel, 1977). Er setzte das Modell als neue Sichtweise auf Erkrankungen, speziell auf psychische Erkrankungen, ein.
Behinderung wird nicht mehr als einfache Krankheitsfolge verstanden. Vielmehr stellt sie eine Interaktion zwischen einem Menschen mit Gesundheitsproblem und seinem Kontext dar. Dadurch wird die Behinderung eine Mensch-Umwelt-Wechselwirkung (? Kap. 3.8). Das bio-medizinische Krankheitsverständnis („bio“) wird um die Teile „psycho“ und „sozial“ erweitert. Als „bio“ kann man die direkten körperlichen Folgen eines Gesundheitsproblems2 verstehen. Der Teil „psycho“ hat einen Anteil bei den Körperfunktionen und bei den personbezogenen Faktoren. Der Teil „sozial“ des Modells bezieht sich auf die Kontextfaktoren, speziell auf die Umweltfaktoren (? Kap. 4.3 und Kap. 4.4).
3.2 Komponenten
Ganz konkret hat die WHO das bps-Modell auf vier Komponenten (Komponente = Bestandteil) aufgeteilt (Abbildung 3-1). Die gestrichelten Linien machen zusätzlich die Teilkomponenten kenntlich. In Kap. 4 werden die einzelnen Bestandteile des bps-Modells der ICF vorgestellt.
Die vier Komponenten sind:
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Körperfunktionen und Körperstrukturen
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Aktivitäten und Teilhabe
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Umweltfaktoren
-
Personbezogene Faktoren.
Klassifikation
Für die einzelnen Komponenten stellt die WHO jeweils Item-Listen zur Verfügung. Es gibt dabei einige Besonderheiten. Für die Körperfunktionen und Körperstrukturen werden zwei eigene Item-Listen bereitgestellt. Hier hat jede Teilkomponente eine eigene Liste. Für Aktivitäten und Teilhabe (Teilhabe = Partizipation) wird eine gemeinsame Item-Liste genutzt. Zu den Möglichkeiten und Problemen der gemeinsamen Item-Liste steht unten mehr (? Kap. 4.1). Für die personbezogenen Faktoren gibt es von der WHO keine Item-Liste. Weil diese Komponente jedoch wichtig ist, kann man in eigenen Worten wichtige Punkte dazu aufzählen. Man kann auch die in Deutschland entwickelte Liste (Grotkamp et al., 2020) für diese Komponente nutzen.
3.3 Ebenen
Die einzelnen Komponenten der ICF sind hierarchisch aufgebaut. Es gibt Überpunkte, Punkte und Unterpunkte. Die WHO spricht dabei von Ebenen. Bei der Nutzung der Klassifikation kann man auf jeder dieser Ebenen Aussagen machen oder Sachverhalte einordnen. Ähnlich verhält es sich bei der ICD. Dort kann man z.?B. eine Diagnose aus dem Kapitel psychische Erkrankungen in unterschiedlicher Genauigkeit einordnen. „F“ ist dort der Buchstabe für alle psychischen Erkrankungen. „F2“ ist dann schon genauer: es handelt sich um eine psychotische Störung. Und mit „F20“ wird klar, dass es sich um eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie handelt. Nicht alle Erkrankungen aus 23„F“ sind auch „F20“. In der anderen Richtung stimmt jedoch der Zusammenhang: jede „F20“ ist eine Erkrankung aus „F“.
Mit der steigenden Zahl der Ebene der ICF wird die Genauigkeit größer. Informationen können jedoch auch auf der 1. oder 2. Ebene eingeordnet werden.
Bei einigen Items (? Kap. 3.4) stellt die WHO zusätzlich eine 4. Ebene zur Verfügung. Diese wird in diesem Buch aufgeführt, jedoch nicht vertiefend berücksichtigt.
Betrachten wir ein Beispiel aus der (Teil-)komponente Aktivitäten. Dort gibt es auf der 1. Ebene das Item „d6“ „häusliches Leben“.
Auf der 2. Ebene gibt es dazu mehrere Unterpunkte. Beispiele sind „d610“ „Wohnraum beschaffen“, „d640“ „Hausarbeiten erledigen“ und „d660“ „Anderen helfen“. Alle diese Items (es gibt noch mehr Items auf der 2. Ebene) sind Unterpunkte zu „d6“ „häusliches Leben“. „d660“ „Anderen helfen“ bezieht sich somit auf das „häusliche Leben“ und nicht auf alle anderen Lebensumstände.
Schließlich gibt es noch die 3. Ebene. Betrachten wir Unterpunkte zu „d640“ „Hausarbeiten erledigen“. Dort finden wir z.?B. „d6400“ „Kleidung und Wäsche waschen und trocknen“, „d6402“ „den Wohnbereich reinigen“ und „d6405“ „Müll entsorgen“. Das Item „d6405“ „Müll entsorgen“ bezieht sich auf „Hausarbeiten erledigen“ und damit auf das „häusliche Leben“. Die Arbeiten eines Müllwerkers sind an einer anderen Stelle verortet, denn seine Arbeiten gehören nicht zum „häuslichen Leben“.
Mit jeder weiteren Ebene kann man mehr ins Detail gehen. Es gibt Umstände, in denen es ausreichen mag, zu „d6“ „häusliches Leben“ eine Aussage zu machen. In einer anderen Situation ist es vielleicht wichtig, speziell zu „d6405“ „Müll entsorgen“ etwas zu sagen.
Weiter oben haben wir das Bild der Schubladen zur Erklärung einer Klassifikation aufgegriffen.
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Die 1. Ebene einer Komponente stellt eine große Schublade dar.
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Diese Schublade ist in einige kleinere Schubfächer unterteilt. Dies ist die 2. Ebene.
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In vielen dieser Schubfächer befindet sich dann noch eine Unterteilung. Dies stellt die 3. Ebene dar. Im Beispiel der Küchenschubladen ist die Besteckschublade unterteilt in einem Fächer für Messer, Gabeln und Löffel.
Die 1. Ebene wird auch als Kapitel der jeweiligen Komponente oder Teilkomponente bezeichnet.
1. Ebene = Kapitel.
3.4 Items
Die einzelnen Schubladen, Schubfächer und Unterteilungen der ICF werden Items genannt. Die WHO hat versucht, alle Items mit „neutralen“ Namen zu benennen.
24Bei den Körperfunktionen gibt es als Beispiel den Punkt „Schlafqualität“, jedoch nicht „Schlafstörung“. Die „Schlafqualität“ kann ganz normal sein. Sie kann auch durch ein Gesundheitsproblem vom Normalen abweichen. Dann spricht man in der ICF von einer „Schädigung der Schlafqualität“.
Wer‘s genau wissen will
Die WHO erklärt für die einzelnen Items, was sie genau bedeuten. Dazu sind Definitionen bei fast allen Items auf allen Ebenen erstellt. Dies ist wichtig für den Fall, dass die einzelnen Items genutzt werden sollen. Es stellt sicher, dass jeder das gleiche Verständnis für die einzelnen Items hat. Lediglich in der Teilkomponente Körperstrukturen (? Kap. 4.2.3) hat die WHO auf Definitionen verzichtet. Sie geht davon aus, dass diese bereits weltweit gut definiert sind.
Ausnahme: Es gibt einige wenige Items, die nicht neutral formuliert sind. Dies sind in erster Linie Begriffe, für die es in vielen Sprachen keine neutralen Begriffe gibt. ...




