E-Book, Deutsch, 455 Seiten
Kelman Im Falle meines Todes
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-179-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, 455 Seiten
ISBN: 978-3-98952-179-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren ihrer Bücher ist Judith Kelman eine Meisterin der psychologischen Spannung. Sie wurde für ihren Thriller »Fürchte dich vor mir« mit dem Mary Higgins Clark Award ausgezeichnet und war Vorsitzende der Mystery Writers of America. Sie lebt in New York City. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Thriller um Rechtsanwältin Sarah Spooner mit den Bänden »Wo das Dunkel herrscht« und »Wenn die Unschuld stirbt« sowie die Standalone-Thriller »House on the Hill«, »Schrei, wenn du kannst« und »The Black Widow«.
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KAPITEL 1
Er wartete auf die Angst.
Gut ein Dutzend Schritte vor der Brücke hielt Theodore Macklin inne und ließ seinen Blick über den bedeckten Himmel schweifen. Düstere Wolken ballten sich am dunkelgrauen Horizont zusammen, und nur hier und da bahnte sich das Funkeln eines Sterns seinen Weg durch die Finsternis.
Unter der Brücke schwappte die Brandung in ständig gleichem Rhythmus gegen das Ufer. Macklin wandte sich um und betrachtete die Häuser, die sich an die Küste Rhode Islands schmiegten. Die kleinen, vorgelagerten Inseln schienen ganz nah zu sein, näher als die Häuser entlang des Strandes. Auf einer Insel, die nur halb so weit entfernt war wie das große Strandhotel, thronte ein Leuchtturm, dessen Licht sich unablässig im Kreis bewegte. Sein Schein übte auf Macklin eine beruhigende Wirkung aus. Er sog die salzig riechende Luft ein und spürte, wie die Aufregung von ihm Besitz ergriff.
Er machte einen Schritt, ballte die Fäuste und wappnete sich innerlich gegen den Schrecken, der normalerweise in so einer Situation in ihm aufkeimte. Da nichts geschah, zwang er sich, die Brücke zu betrachten: die hoch aufragenden, sandfarbenen Türme, die langen, herabhängenden Brückentrossen, an denen die Brücke selbst aufgehängt war, die blaßgrünen, seitlichen Verstärkungen. Zwei Reihen hoher Straßenlaternen warfen ausgefranste Lichtkegel auf die Straße.
Am ersten Laternenmast hing ein blauer Zettel mit der Nachricht: Allein, deprimiert, durcheinander, selbstmordgefährdet? Darunter stand der Name und die gebührenfreie Nummer einer Einrichtung, die sich um Selbstmordprävention bemühte. Aber weit und breit war kein Telefon zu sehen. Die Ironie dieses Hilfsangebots ließ ihn höhnisch grinsen, während er seine Taschen nach einer Zigarette durchsuchte.
Macklin war ein Mann von stattlicher Statur voller Kanten und Ecken. Seit vielen Jahren schlug er aus seiner gebieterischen Erscheinung Kapital. Das tiefe Vibrato seiner Stimme, seine rauhen, stark konturierten Züge, sein fester Blick hatten ihm immer zum Vorteil gereicht. Und durch unhöfliches und barsches Benehmen gelang es ihm immer wieder, den verängstigten kleinen Jungen zu verbergen, der in ihm schlummerte.
Nur wenige Menschen, die diesen Mann sahen oder kannten, hätten so etwas überhaupt vermutet. Seit Macklin denken konnte, stand er unter dem Einfluß unterschiedlicher unüberwindbarer Ängste, die jeden seiner Schritte beeinflußten, sein Bewußtsein leiteten und seine gesamte Existenz in eine beklemmend enge Gefängniszelle verwandelt hatten, in der er zu ersticken drohte. Auch jetzt wieder mußte er an all das denken, wovor er sich fürchtete: Käfer, tote Tiere, Blitze, Fahrstühle und Brücken.
Brücken.
Allein das Wort beschwor in ihm einen Wirbelsturm von Ängsten herauf, auf die er jetzt auch wieder voller Neugier und Anspannung wartete. Er wußte, daß in solchen Momenten sein Herzschlag dem Trampeln wilder Pferde glich und seine Kehle sich krampfartig zusammenschnürte. Er erwartete, das Gefühl für die Realität zu verlieren. Dieser Zustand überkam ihn ohne Vorwarnung und verwandelte ihn in ein Blatt, das von einem gewaltigen Sturm davongetragen wurde.
Die Angst war unerträglich, aber das Warten war noch viel schlimmer.
Macklin machte ein paar Schritte. Sein Schatten kroch über den Betonboden der Brücke. Er ging weiter, streckte die Hand aus und fuhr mit seinen Fingern über das feuchte und kalte Geländer, das ihn seltsamerweise beruhigte. Das metallene Rohr umklammernd, atmete er tief durch und wagte sich auf den furchteinflößenden Brückenkörper vor.
Die Psychiaterin in der Phobien-Klinik hatte ihm geraten, sich auf die Furcht einzustellen und mit ihr zu rechnen. Er sollte lernen, sie zu akzeptieren. Sie hatte ihn gedrängt, seinen nutzlosen Widerstand aufzugeben und die Angst zu durchleben. Der Schrecken werde nur eine oder zwei Minuten andauern, hatte sie ihm unbekümmert versichert. Und sie hatte ihm geschworen, daß die Panik nur über seinen Geist Macht habe und ihm etwas vorgaukele. Wirklich anhaben könne sie ihm nichts.
Trotz der Erleichterung und der Freiheit, die Macklin verspürt hatte, war es ihm schwergefallen, ihren Worten Glauben zu schenken. Er hatte sich in ihre fähigen Hände begeben, obwohl sie ihm viel zu jung und begehrenswert schien, um für ihn eine Leitfigur oder Autorität darstellen zu können. Anderseits hatte sie einen einwandfreien Ruf.
In Wahrheit erinnerte sie ihn an eine Frau, deren Bild auch nach Jahrzehnten noch immer in ihm lebendig war. Dieselben Augen: grüne Murmeln mit bernsteinfarbenen Einsprengseln. Wie ihr war es der Psychiaterin ohne große Mühe gelungen, seine Lust zu entfachen.
Während ihrer Sitzungen hatte sich seine Aufmerksamkeit immer wieder auf ihre üppigen Brüste, ihre verführerischen Schenkel, ihren flachen Bauch konzentriert. Wenn er auf der Ledercouch in ihrem Büro lag und ihr seine beschämenden Ängste und Schwächen gestand, sah er sie im Geist rittlings über seinem Körper knien. Auf ihm sitzen. Ihn in ihren Mund nehmen.
Aus diesem Grund hatte er beschlossen, sich gerade von dieser Ärztin behandeln zu lassen. Natürlich wußte er, wie wichtig es war, sein tödliches Verlangen im Zaum zu halten. Wenn er nur einen Moment die Übersicht verlor, endete alles möglicherweise so wie beim letzten Mal. Dann bekam die ganze Sache eine gewisse Eigendynamik, entzog sich seiner Kontrolle und verwandelte sich in einen bluttriefenden Alptraum.
Die Erinnerung an das letzte Mal half ihm, seine Begierde zu unterdrücken. Er zwang sich, die vorgefertigten Ratschläge und niedlichen Theorien der Ärztin anzuhören. Und er absolvierte das demütigende Therapieprogramm, obwohl keiner der dummen Tricks, keines der Hilfsmittel und keine Übung etwas zu bewirken schienen. Als der zehntägige Intensivkurs in der Klinik zu Ende ging, hielt er – einmal abgesehen von einer Rechnung – nichts Greifbares in Händen.
Zumindest hatte er das geglaubt.
Und dennoch fühlte er sich jetzt merkwürdig entspannt. Keine Panik. Nicht die leiseste Aufregung. Sein Atem ging langsam und gleichmäßig, sein Herzschlag glich dem zahmen Flügelschlag einer kreisenden Motte. Seine Muskeln waren locker. Kein Schwindel. Das Blut floß gemächlich in seinen Adern.
Mit ungewohnter Gewandtheit setzte er zum Marsch über die Brücke an, wurde schneller, lief einmal auf die andere Seite und eilte dann zu seinem Ausgangspunkt zurück. Seine Sinne waren geschärft. Sein Geist befand sich in freudiger Erregung.
»Ja!«
Euphorie schwang in seiner Stimme mit. Sanft strich Macklin über das Geländer und zitterte vor Freude über den Sieg. Er trommelte mit den Fingern auf den Verstrebungen wie auf einem Xylophon. Er legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den durchbrochenen, sich verjüngenden Pfeiler. Keine Nebenwirkungen. Nicht ein Hauch von Schwindel oder Übelkeit. Keine Spur von Angst. Er stellte sich vor, ein Vogel zu sein, der seine Flügel spreizt und ungehindert der Unendlichkeit entgegenfliegt.
Macklin schlüpfte aus seinen handgearbeiteten, schwarzen Schuhen und marinefarbenen Seidensocken. Hektisch löste er die Krawatte und riß den gestärkten Kragen seines Hemdes auf. Nachdem er seine Anzugjacke abgelegt hatte, zog er sich auf das Brückengeländer hoch, saß für einen Augenblick ganz ruhig da und starrte in die undurchdringliche, schwarze Tiefe, die sich unter ihm ausbreitete.
Die Stille, die ihn umgab, entsprach seiner Stimmung. Er war eins mit sich und fühlte sich zum ersten Mal seit Ewigkeiten frei. Nur seine momentane Situation zählte, alles andere war völlig unbedeutend, selbst die vielen Probleme der vergangenen Woche. Sie hatten ihn erwischt, und nun war er dazu verdammt, sich den vernichtenden Konsequenzen zu stellen: Anklage, Verhandlung, öffentliche Ächtung und Gefängnis. Die einzige Ablenkung, die ihm eingefallen war, war diese hoffnungslose, furchteinflößende Flucht nach vorn.
Aber jetzt wurde er von einem atemberaubend guten Gefühl überwältigt. Seltsam.
Wunderbar.
Sich wieder am Geländer festhaltend, richtete er sich auf und fand das Gleichgewicht. Mit ausgestreckten Armen setzte er einen Fuß vor den anderen.
Eine sanfte Brise beflügelte seinen Tatendrang. Leichten Fußes setzte er zu einem kühnen Sprung an. Er war ein Akrobat mit Clownsnase, der auf einem Seil unter dem Zeltdach eine Vorstellung gab, seinen Schirm schwenkte und die gaffende Menschenmenge mit seiner Waghalsigkeit bezirzte.
›Meine Damen und Herren, ich möchte Sie bitten, Ihre Aufmerksamkeit auf den Mittelkreis zu richten, wo der weltbekannte Magnificent Macklin auf dem Hochseil unglaubliche Taten vollbringen wird, die todesverachtenden Mut erfordern. Bleiben Sie dabei bitte ganz leise.‹
Seine eigene Begleitmusik pfeifend, führte er ein paar kurze, tollkühne Pirouetten aus und landete auf den Fußballen.
»Ta – da!«
Macklin setzte zu einem übermütigen Sprung an, drehte sich vor Freude in der Luft und griff nach einem der Drahtseile. Nur noch ein kurzes Stück bis zur Straße dort hinten.
Außer Atem warf Macklin einen Blick über die Schulter und ließ seinen Blick über die Strecke schweifen, die er bereits zurückgelegt hatte. Dann blickte er zum Himmel hoch und hob herausfordernd die Faust. Als er wieder nach unten blickte, wurde er des reglosen Antlitzes der stillen Bucht gewahr.
Und plötzlich schlug wie eine Flutwelle der Schwindel über ihm zusammen. Die Wände der Welt begannen zu zittern und auseinanderzubrechen. Verzweifelt suchte er Halt, griff aber nur in die Weite des aufbrechenden Himmels.
Seine bloßen Füße führten einen verzweifelten Tanz...




