E-Book, Deutsch, Band 2, 403 Seiten
Reihe: Die Rechtsanwältin ermittelt
Kelman Wenn die Unschuld stirbt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-046-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller: Die Rechtsanwältin ermittelt 2 | Ein Triebtäter schlägt zu - ein Wettlauf gegen die Zeit
E-Book, Deutsch, Band 2, 403 Seiten
Reihe: Die Rechtsanwältin ermittelt
ISBN: 978-3-98952-046-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren ihrer Bücher ist Judith Kelman eine Meisterin der psychologischen Spannung. Sie wurde für ihren Thriller »Fürchte dich vor mir« mit dem Mary Higgins Clark Award ausgezeichnet und war Vorsitzende der Mystery Writers of America. Sie lebt in New York City. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Thriller um Rechtsanwältin Sarah Spooner mit den Bänden »Wo das Dunkel herrscht« und »Wenn die Unschuld stirbt« sowie die Standalone-Thriller »House on the Hill«, »Schrei, wenn du kannst« und »The Black Widow«.
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Kapitel 1
Von allen Opfern war Libby in der schlimmsten Verfassung. Sie hatte den leeren und erschreckten Blick eines verwundeten Tieres und kauerte in einem Mantel eisiger Distanz vor mir, in den sich nur ein Mensch hüllt, der Schutz sucht, aber nicht mehr daran glaubt. Ein matter Nebel bedeckte ihre glanzlosen Augen, wie Eis sich auf ein Fenster legt. Das Grauen hatte jede Farbe aus ihrem Gesicht verscheucht, die Haut war milchig weiß, und ihre jungen, zarten Gesichtszüge waren schlaff, als wären sie wie Wachs unter einer zerstörerischen Sonne geschmolzen. Grobe, tiefblaue Adern tanzten auf ihrer Schläfe wie ein Paar verführerisch dahingleitender Schlangen. Der Rest ihres Körpers war wie aus Stein, eine Statue nackten Entsetzens, beleuchtet von dem bleichen Licht des Wintertages, das durch das verschmierte Fenster eines Büros drang.
Ich saß neben ihr und wußte, daß ein einziges unglücklich gewähltes Wort dieses tief verletzte kleine Mädchen ein für alle Mal zerstören konnte.
»Libby?« Ich bemühte mich, ruhig zu sprechen, nicht zu laut und nicht zu leise. Ich mußte mehr als vorsichtig sein – als handelte es sich um eine schwierige Operation, bei der es auf Millimeter und Sekunden ankam. »Deine Mama hat mir gesagt, daß du bereit bist, mit mir darüber zu reden, mein Schatz.
Kannst du mir deine Geschichte erzählen – und am besten so genau wie möglich?«
Das kleine Mädchen blinzelte. Mit ungeheurer Behutsamkeit setzte sie sich wieder auf dem klobigen Stuhl zurecht, faltete mit peinlicher Sorgfalt die Hände, schlug die dünnen Beine übereinander und strich ihren kurzen Jeansrock glatt. Als sie damit fertig war, zog sie einen Mundwinkel nach hinten und starrte schweigend auf das Durcheinander in meinen Regalen, als suche sie dort nach einem Anhaltspunkt, den sie verloren hatte.
»Welche Geschichte?« fragte sie schließlich leise.
»Die Geschichte, die du auch der Polizei erzählt hast, erinnerst du dich? Du hast den Polizeibeamten doch erzählt, was geschehen ist.«
»Ich habe ihnen von meinem Traum erzählt, das war alles. Es ist nicht in Wirklichkeit passiert.«
Ich war dabei, mich mit bloßen Füßen auf einen Teppich voller Glasscherben zu wagen. »...Na gut, mein Schatz. Dann erzähl mir deinen Traum. Es war doch ein ganz besonderer Traum, nicht wahr?«
Sie sah mich an. Ihre dunklen Augen wurden groß und bittend.
»Muß ich wirklich alles noch einmal erzählen, Mrs. Spooner? Die ganze Geschichte?«
»Du kannst ruhig Sarah zu mir sagen«, schlug ich vor. Die Kleine sollte sich entspannen. Ich wollte, daß sie mir ein wenig Vertrauen schenkte, obwohl sich ihre Mutter, Mrs. Marshak, wirklich alle Mühe gegeben hatte, gleich zu Beginn alles zu vermasseln. Kaum hatte sie den Fuß in mein Büro gesetzt, hatte sie auch schon ihren Zeigefinger wie eine geladene Pistole auf mich gerichtet und eine Salve abgefeuert. Ihre einfühlsamen Worte schwebten auch jetzt noch über uns wie eine bedrohliche dunkle Wolke: »Libby, das ist die Anwältin, die die Sache mit den Triebtätern aufklären soll. Sie wird dafür sorgen, daß dieses Monster, dem wir deinen Zustand verdanken, seine gerechte Strafe bekommt. Sie bringt solchen Abschaum wie diesen Kerl hinter Gitter, und zwar für immer. Stimmt doch, oder, Mrs. Spooner?«
Ich versuchte, die Wortsalve zu entschärfen: Triebtäter, Monster. Und ich als professioneller Rächer, dazu auserkoren, die Gesellschaft von menschlichem Abschaum zu befreien. Diese Beschreibung meiner Tätigkeit behagte mir nicht besonders. Als stellvertretende Staatsanwältin für Sexualdelikte sah ich mich gern als Fürsprecherin der Opfer. Seit ich im Anwaltsbüro von Manhattan arbeitete, hatte sich die öffentliche Meinung über Sexualverbrechen Gott sei Dank geändert. Frauen waren nicht mehr unbedingt selbst dafür verantwortlich, wenn ein Mann über sie herfiel. Eine Vergewaltigung war nicht die natürliche, verständliche Reaktion auf tief ausgeschnittene Kleider, dick auf getragene Wimperntusche oder Nahtstrümpfe; das sahen die meisten inzwischen ein. Auch vor Gericht wurden Vergewaltigungsopfer nicht mehr gezwungen, ihr Sexualverhalten zu verteidigen. Heutzutage konnten die Frauen, die mit den traumatischen Folgen dieses brutalsten aller Verbrechen zu kämpfen hatten, auf Unterstützung und Verständnis zählen. Und ich war stolz auf den Beitrag, den ich selbst zu dieser Veränderung geleistet hatte.
Ich versuchte also, das Mädchen zu beruhigen. »Es gehört zu meinem Beruf, daß ich dir helfe, deine Geschichte zu erzählen. Das ist alles.«
Damit zog ich den Holzstuhl, auf dem ich saß, näher zu Libby heran, schlug ihre Akte auf und überflog einige Zahlen ihrer ersten auf Tonband aufgezeichneten Aussage. Mein Blick fiel auf den medizinischen Bericht. Kein Wunder, wenn es dem kleinen Mädchen schwerfiel, jemals wieder Vertrauen zu einem Menschen zu gewinnen.
Ich sprach weiter in dem besänftigenden Ton, in dem ich früher immer meinen Kindern Allison und Nicky zur Schlafenszeit vorgelesen hatte: Märchen, lustige Gedichte, stimmungsvolle Geschichten mit einem guten Ende.
Wenn ich doch nur solche netten kleinen Geschichten auch Libby erzählen könnte! Aber dafür war es zu spät. Dunkle, drohende Schatten lagen nun über ihrer Kindheit. Namenloses Grauen hatte sich in die verborgene Welt der Seele dieses neunjährigen Mädchens eingegraben.
»...Du warst also in einem ganz, ganz dunklen Raum«, half ich nach. »Und die Wände waren aus weichem, schwarzem Samt ...«
Libby trommelte mit den Fingern auf die Armlehne ihres Stuhls. Ihre Augen verschleierten sich wieder, und ihre Stimme war kaum hörbarer als ein Windhauch.
»... Die Wände waren aus weichem, schwarzem Samt. Und es spielte diese hübsche Musik.« Sie summte zögernd einige Töne einer altbekannten, eingängigen Melodie.
»Und dann hast du ein Kitzeln gespürt?«
Sie riß die Augen ruckartig auf, ihr Gesicht verzerrte sich verächtlich. »Ein Streicheln war es, kein Kitzeln. Es war wie ... wie ...« Sie blies die Backen auf, hielt einen Moment den Atem an und ließ dann die Luft mit einem erleichterten Prusten wieder entweichen. »Es war wie warmer Pudding. Wie warmer Erdbeerpudding, den man im Topf rührt, damit er keine Klumpen kriegt.« Gierig sog sie die Luft ein und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, so lebhaft steigerte sie sich in ihre Phantasievorstellung hinein. »Dicker, warmer süßer Erdbeerpudding, in dem man rührt und rührt. Und dabei zuschaut, wie er Blasen wirft. Ein Streicheln, verstehen Sie?«
Ich nickte behutsam und versuchte weiterhin, in einem möglichst normalen Ton zu reden. »Eine sanfte Berührung?«
Voller Entrüstung stieß sie die Luft durch die Lippen heraus. »Nein. Ein Streicheln, das hab’ ich Ihnen doch gesagt.« Diesmal schlossen sich ihre Augen, die Lider flatterten wie Blätter im Wind.
»... Später, als er abgekühlt war, durfte ich welchen probieren, und er schmeckte wie süßer, kühler Schnee, erfrischend und weich und klebrig. Weil er so gut war, hab’ ich viel zuviel gegessen – so viel, daß ich ein bißchen Bauchschmerzen gekriegt habe, aber nicht besonders schlimm.«
»Bauchschmerzen hast du bekommen?«
»Es war ja nicht schlimm«, antwortete sie mit scharfer, ungeduldiger Stimme. »Ich habe kurz die Augen zugemacht, wie ich es sollte, und da gingen die Bauchschmerzen gleich weg. Und als ich die Augen dann wieder aufmachte, da sah ich diese wunderschöne, riesige purpurrote Blume mitten in dem Zimmer aus Samt. Sie hatte ein rosafarbenes Licht in der Mitte. Wie ein Stern.
Und ganz weiche Blütenblätter, mit denen sie einen umarmen konnte.«
»Hast du im Traum irgendjemanden gesehen?«
Sie zog ein mürrisches Gesicht. »Es war ein Traum ohne Leute. Das habe ich der Polizei auch schon gesagt. Es war niemand da außer mir. Und es ist nichts Schlimmes passiert. Es ist überhaupt nichts passiert. Es war bloß ein Traum. Ein dunkler, süßer, samtener Blumentraum mit Erdbeeren. Das war alles.«
»Und niemand hat dir weh getan?«
»Es war niemand da. Nur ich allein, das hab’ ich Ihnen doch gesagt. Es war so ein dusseliger Traum. Weiter nichts! Ich weiß nicht, warum alle so viel Trara darum machen. Wieso könnt ihr mich denn nicht alle in Ruhe lassen?«
»Wir möchten doch nur wissen, wie du verletzt worden bist, Libby. Wir wollen ganz sichergehen, daß dir so etwas nicht noch einmal zustößt. Weder dir noch jemand anderem.«
Libbys Augen zogen sich zu wütenden Schlitzen zusammen; Haß sprühte aus ihnen hervor. »Ich habe doch schon dem Polizisten gesagt, daß ich einen kleinen Unfall oder so etwas gehabt haben muß. Ich erinnere mich nicht mehr. Aber es ist schon viel besser jetzt. Kein Grund zur Aufregung.«
Ein kleiner Unfall. »Was für ein Unfall könnte das denn gewesen sein? Kannst du mir etwas darüber sagen?«
Sie war jetzt so wütend, daß sich rote Flecken auf ihrem Hals zeigten und ihre Stimme bebte: »Nein, kann ich nicht. Das habe ich doch schon hunderttausendmal gesagt. Ich kann mich nicht daran erinnern, ich kann mich nicht daran erinnern, ich kann mich nicht daran erinnern. Würden Sie mich jetzt bitte, bitte in Ruhe lassen!«
»In Ordnung. Beruhige dich. Wir wollen nicht mehr darüber reden. Ich möchte dich nur noch darum bitten, daß du dir dieses Buch hier anschaust, von dem dir der Polizeibeamte schon erzählt hat. Das Buch mit den Bildern. Sag mir einfach, ob dir irgendjemand darin auch nur ein kleines bißchen bekannt vorkommt.«
Libby seufzte und senkte resigniert den Kopf. Ich holte das große schwarze Album aus dem Schreibtisch und legte es ihr...




