E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Kemal Salih der Träumer
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30794-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-293-30794-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
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1
Salih lag schon lange wach. Beim ersten Hahnenschrei sprang er aus dem Bett, klatschte sich Wasser ins Gesicht, und schon war er draußen. Alle im Haus schliefen noch. Traurig standen die Webstühle da, wie blutleere Leichen. Und doch hatte Salih auf dem Weg zum Meer das Klappern der Webstühle im Kopf, das Sausen der Schiffchen. Bald würden die Fischer, einer nach dem anderen, weit aufs Meer hinausfahren und, so empfand er es, dahinter verschwinden. Auch Käpt’n Temel würde mit seinem großen Kutter ablegen, der wie ein blauer Vogel aussah. So nannte Käpt’n Temel ihn auch zärtlich: mein blauer Vogel.
Als Salih am Kai anlangte, an seinem Beobachtungsposten in einer Felsenhöhle, fuhr auch schon der erste Kutter hinaus. Es gehörte Käpt’n Schwarzer Osman, einem Mann mit langem Hals, roten Wangen und einem Gesicht wie ein Raubvogel. Doch was war das für ein Kapitän, wenn kein Matrose es je bei ihm aushielt? Jeder fuhr nur einmal mit ihm aufs Meer hinaus und war dann heilfroh, wieder an Land zu sein. So hatte Käpt’n Schwarzer Osman nie mehr als zwei, drei Matrosen an Bord. Er war entsetzlich jähzornig. Immer und immer musste er recht haben, worum es auch ging. Jedes Geschöpf auf Erden schien ihm nur dazu da, ihn zu ärgern.
Im Winter und Frühling kamen vom Schwarzen Meer, vom Marmarameer und von den Dardanellen her viele Fischkutter in den Hafen, und es wimmelte am Kai vor Menschen.
Nach Käpt’n Schwarzer Osman fuhr die Tägliches Brot hinaus, ihr folgte die grüne Meeresrose. Nach und nach tuckerten auch die anderen Kutter los und zogen dabei lange Rauchschwaden hinter sich her.
Käpt’n Temel legte als Neunter ab, wie Salih aufmerksam zählte. Um den Hals hatte er wie stets ein rotes Taschentuch.
Allmählich wurde das Knattern der Motoren immer leiser, bis schließlich nichts mehr zu hören war. Nach einer Weile verschwanden die Kutter am Horizont, als kippten sie dort einfach weg. Das Meer lag wieder völlig leer da.
Von der Insel Dis flog ein Möwenschwarm auf, flatterte wie ein riesiges weißes Betttuch durch die Luft, bis er sich wieder auf die dunkle Insel herabsenkte und ihr hellen Glanz verlieh.
Salih starrte noch ein wenig auf das spiegelglatte Meer. Dann sah er den Möwen zu, die ihn aber auch bald langweilten, sodass er schwerfällig aufstand und den Strand entlang in Richtung Kumtepe schlenderte. Er trat dabei immer wieder auf vorzüngelnde Wellen, durch die der Sand adrig durchzogen war wie ein stark gemasertes Stück Holz. Geriffelte Muscheln standen daraus hervor, als habe der Strand eine Gänsehaut. Überall lagen Flaschen herum, Scherben, Holzstücke, Plastikbälle, Becher, Eimer, Kanister … Der Strand war mit Teer besudelt, auch die Insel war bis auf halber Höhe mit Teer bedeckt, und das ganze Meer roch danach.
Salih erblickte ein totes Kormoranjunges. Sein Leib steckte im Sand, während der kleine Kopf von den Wellen hin und her gespült wurde, als zuckte er noch. Salih sah sich an dem traurigen Anblick fest. Was war das, der Tod? Wie war er, und wo? Wie war das Vögelchen umgekommen, das sich wohl gestern noch im Meer getummelt hatte? Was war der Tod, wo kam er her? War er ein leibhaftiges Wesen?
Salih hob den toten Kormoran auf und kletterte damit mühsam auf einen Felsen. Dabei schürfte er sich die Knie und die linke Hand auf. Von oben schleuderte er den Vogel so weit wie möglich ins Meer hinaus. Der Kormoran traf auf eine große Welle, tauchte ein paar Mal unter und wieder auf, und trieb schließlich auf dem Meer dahin.
Schnell kletterte Salih wieder hinunter. Aus dem Ort hörte er von ferne Hammerschläge. Die Wellen schlugen bis an den Felsen heran, und Salih musste sich abstützen, um nicht zu Fall zu kommen. Da hielt er auf einmal inne. An einer ausgehöhlten Stelle sah er im flachen Wasser ein Möwenjunges mit den Flügeln schlagen. Klopfenden Herzens lief er darauf zu. Das Möwenjunge hatte den schwarzgelben Schnabel weit aufgesperrt und ließ die zerzausten Flügel ziellos flattern. Salih beugte sich zu dem Tier hinunter und nahm es auf die Hand. Einer der Flügel war gebrochen und die Federn daran stellenweise wie ausgerupft.
Salih barg die zitternde Möwe in seinem T-Shirt und sah ihr lang in die schönen Augen. Bis ihm kam, dass das Tier ja sterben konnte, während er es da tatenlos anstarrte.
Möwen fraßen Fische, also Möwenjunge wohl auch? Freudig durchzuckte es Salih. Und der gebrochene Flügel? Da musste wohl das Gleiche geschehen wie bei einem Menschen. Vielleicht aber auch nicht? Seine Großmutter war eine richtiggehende Plage, ein furchtbares Weib, böse auf ihn, böse auf jeden, böse auf die ganze Welt. Und natürlich auch auf jedes Tier, das da kreuchte und fleuchte. Doch obwohl sie am liebsten alles kurz und klein geschlagen und ausgerottet hätte, war sie auch imstande, heilende Salben zu mischen. Wäre mit Salben, die selbst Schusswunden in drei Tagen verheilen ließen, nicht auch der Flügel eines winzigen Vogels wieder gut geworden? Ihre Salben ließen jeden gesunden, das wussten alle im Ort, auf den Dörfern und die ganze Küste entlang. Selbst die Schmuggler und die Piraten auf dem Meer wussten, dass jene Salben sogar Tote wieder zum Leben erweckten. Wie aber sollte Salih der Großmutter dieses verletzte Vögelchen präsentieren? Er hatte sich so gefreut, es gefunden zu haben, und würde vor Freude vielleicht sogar verrückt werden, so herrlich anzuschauen waren diese Augen, die rauchgrauen Federn, die schneeweiße Brust.
Nun wurde Salih von großer Reue gepackt. Bereut hatte er schon zuvor, jetzt aber wurde die Reue unermesslich. Er hatte seiner Großmutter nämlich etwas Schlimmes angetan, etwas ganz, ganz Schlimmes. Nur gut, dass die alte Hexe daran nicht gestorben war. Oder vielmehr: Wäre sie doch gestorben! »Sollen sie doch sterben, solche Leute«, grummelte Salih. »Sollen sie sterben, anstatt jedermann Feind zu sein und in der Hölle zu leben.«
Immer wütender wurde Salih, und in Richtung Meer zischte er scharf: »Sterben sollen sie!« Aber so böse die Großmutter auch sein mochte, er hätte ihr das nicht antun dürfen, und getan hatte er es wohl nur, weil er noch ein Kind war. Sie aber hegte seither einen bitteren Groll auf ihn. Bestimmt war ihre Wut noch nicht verraucht. Vielleicht würde sie ihm eines Nachts die Gurgel umdrehen und ihn dann achtlos zu Boden werfen. Wenn sie so am Webstuhl saß, warf sie Salih Blicke zu wie vergiftete Kugeln; die gingen Salih durch und durch.
Das hatte er nun davon. Seinetwegen würde die arme Möwe sterben müssen. Hätte er seiner Großmutter das nicht angetan, so hätte sie ihm die Salbe vielleicht angerührt und vielleicht sogar mit eigener Hand den Flügel des armen Tiers damit bestrichen. Was heißt hier vielleicht, ganz sicher hätte sie das getan. Sie mochte jedem Tier grollen, dass es da gab, und sogar jeder harmlos blühenden Pflanze, doch war sie nun so alt, dass sie ihre Feindschaft manchmal vergaß, sodass ihr Gesicht plötzlich aufleuchtete wie das eines kleinen Babys, nur eben mit Runzeln darin wie Spinnweben. Und wenn Salih so einen Augenblick erwischt hätte, dann hätte er vielleicht die Salbe von ihr bekommen.
Weil sie auch allen immer nur Böses wollte! Er biss die Zähne zusammen. Ganz recht geschah ihr, was er getan hatte. Doch auszubaden hatte es der Vogel.
Es sei denn …
Gab es denn sonst niemanden, der so einen Flügel hätte heilen können? Eilig ging er die Bewohner des Ortes durch, einen nach dem anderen, aber verflucht und zugenäht, da war nun mal niemand außer seiner Großmutter. Menschen gab es genug, darunter auch sehr gute, doch mit einer Salbe einen Toten wieder zum Leben erwecken, das konnte einzig und allein das alte Weib mit dem Galgengesicht.
Manchmal mochte er die Frau sogar. Das konnte Salih sich aber nicht eingestehen. Es war ein Gefühl, das er gleich wieder beiseiteschob.
Er sah dem Vogel in die Augen, untersuchte eingehend den Flügel, und am liebsten hätte er das halb tote Tier, das ja doch nicht mehr zu retten war, einfach seinem Schicksal überlassen oder es von dem Felsen hinab ins Meer geschleudert wie den toten Kormoran, aber der Kormoran war eben tot gewesen, und dieses Dingelchen war noch lebendig, es konnte durchaus wieder gesund werden, vor allem, falls es die Salbe der Großmutter bekam, und so konnte er den Vogel nicht irgendwo liegen lassen.
»Ach, ich lass ihn einfach hier. Ich geh nicht hin zu der alten Hexe.«
»Du lässt ihn nicht hier liegen«, erwiderte er sich selbst.
»Tu ich doch.«
»Tust du nicht.«
Wer ihm aus der Ferne so zuhörte, hätte denken können, dass da zwei Leute, zwei Kinder, heftig miteinander stritten.
»Wer behauptet, ich könnte ihn nicht liegen lassen?«
»Du kannst es eben nicht.«
»Und ob! Was geht mich der Vogel an?«
»Du kannst es nicht!«
Salih streckte dem Jungen, der die Möwe liegen lassen wollte, die Zunge heraus und schnitt ihm Grimassen.
Auf die Wut des einen reagierte der andere mit Spott: »Du hast doch bloß Schiss vor deiner Großmutter!«
»Warum sollte ich?«
»Die erwürgt dich doch!«
Der Junge, der die Möwe nicht mitnehmen wollte, senkte beschämt den Kopf.
»Hm, vielleicht.«
»Und bloß deshalb willst du...




