E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Kern Wendepunkte des Lebens
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-1527-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schlüsselerlebnisse Teil 1
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7494-1527-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor Jan Kern, geboren 1968, lebt und arbeitet in Hamburg als Künstler.
Autoren/Hrsg.
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2.Kapitel
Nach einen ausgiebigen Frühstück setzte ich mich an das Notebook und eröffnete meine Lebensbilanz mit meiner Ankunft auf einen Planeten namens Erde. Zielort des Reisetrips: Bundesrepublik Deutschland, Stadt Hamburg, Stadtteil Barmbek, Krankenhaus Finkenau. Der Zeitpunkt des Ereignisses war Montag, der 15. Juli 1968 zwischen 6.30 Uhr und 7.00 Uhr morgens. An die präzise Uhrzeit dieses wagemutigen Vorhabens kann sich niemand genau erinnern. Nicht einmal meine Mutter kann es. Hingegen an die tragischen Umstände meiner Ankunft konnte sie sich sehr gut entsinnen. Bekannt ist, dass meine Landung im wahrsten Sinne des Wortes eine schwere Geburt repräsentierte. Nach den Angaben meiner Mutter, die ich ab sofort Hanna nennen werde, verlief es hochdramatisch und alles geriet unter starken Turbulenzen. Ich bin im Geburtenkanal steckengeblieben und verfügte über keine Chance, aus eigener Kraft herauszukommen. In diesem Augenblick schnappte ich wahnsinnig nach Luft und drohte zu ersticken. Mein Körper lief blau an, weil mein Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde. Der Countdown für die Lebensrettung lief währenddessen unnachgiebig weiter.
Für das nähere Verständnis der Leser muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass eine Rettungsaktion mithilfe des Kaiserschnittes damals noch niemand kannte. Daher bin ich das Ergebnis einer sogenannten Zangengeburt. Alles geschah im Wettlauf gegen die Zeit. Fast wäre mein Geburtstag auch mein Sterbetag gewesen. Glück oder Pech gehabt? Eine Frage, die mir schon mehrfach in diesem Zusammenhang gestellt habe. Eindeutig beantworten kann ich sie mir bis heute nicht.
Ist der Verlauf meiner abenteuerlichen Geburt symbolisch oder sogar charakteristisch für mein ganzes bisheriges Dasein? Zumindest leicht hatte ich es meistens nicht in meinem Leben. Eine Folge der schweren Geburt wurden die schmerzhaften Krämpfe, unter die anschließend litt. Erst starke Medikamente brachten meine Krämpfe allmählich zur Ruhe. Ich kam zu Beobachtung auf die Wachstation des Krankenhauses. Der Neurologe der Station bezeichnete meinen Zustand als zerebrales Krampfleiden mit epileptisch-ähnlichen Anfällen. Bei stärkeren Anfällen verlor ich die Kontrolle über meinen Körper. Es zeigten sich die gleichen Symptome, wie bei meiner Geburt. Der Körper verkrampfte sich total und verfärbte sich blau. Die Anfälle zeigten keine erklärlichen Auslöser. Sie blieben ein Rätsel und kamen überraschend und völlig unerwartet, wie ein Blitzschlag. Meine Eltern mussten mich in bestimmten zeitlichen Intervallen schnell ins Krankenhaus bringen, da sonst akute Lebensgefahr für mich bestand. Für sie eine schwierige und sorgenvolle Zeit. An ihrer Stelle hätte ich ehrlich gesagt die Rollen nicht unbedingt tauschen wollen. Es lastete eine große Verantwortung auf ihren Schultern, die nur wenige tragen können.
Vor allem wenn einer der Stationsärzte zu Hanna sagt: „Entweder Ihr Sohn stirbt oder er wird ein Idiot“.
Mit dieser Aussage der Mediziner wollte sich Hanna nicht abfinden und noch weniger anfreunden. Stattdessen vertraute sie auf ihre Intuition als Mutter. Auf eigene Verantwortung nahm sie mich gegen das Anraten der Ärzte mit nach Hause. Bei ihr entstand das Gefühl, dass ich im Krankenhaus nicht mehr gut aufgehoben war. Ab sofort wurde unser Balkon über mehrere Monate mein Kinderzimmer draußen im Freien. Nur zu den Mahlzeiten holte mich Hanna in die Wohnstube. Sie vertrat die Auffassung, dass frische Luft gut für meine Gesundheit sei. Bei jedem Wetter befand ich mich unter dem Freilichthimmel. Mein Immunabwehrsystem wurde gestärkt und zeitweilig verringerten sich sogar die Krämpfe. Rückblickend würde ich sagen, dass meine Mutter mit ihrem intuitiven Handeln mir vermutlich das Überleben absicherte. In dieser Hinsicht habe ich ihr viel zu verdanken. Dies ist auch meines Erachtens ein Beleg dafür, dass der Instinkt einer Mutter eine wunderbare Einrichtung der Natur ist. Ich würde sogar behaupten wollen, dass er den meisten hochintellektuellen Wissenschaftlern in Sachen Sozialkompetenz überlegen ist. Vielleicht mag es für einige eine gewagte These sein, aber meine Lebensgeschichte ist der beste Beweis für die Richtigkeit meiner Argumentation.
Trotz der kontinuierlichen Sauerstoffzufuhr brauchte ich weiterhin meine Medikamente gegen die Krämpfe. Als Hanna das Rezept dafür in der Apotheke in der Brucknerstraße einlösen wollte, weigerte sich Herr Lose die Tabletten herauszugeben.
„Frau Krüger, das Medikament kann ich Ihnen für Ihren Sohn nicht aushändigen“, gab er ihr mit Besorgnis zu verstehen.
„Warum nicht“, fragte Hanna verwundert.
„Für einen Säugling ist es nach meiner persönlichen Auffassung zu stark. Der Arzt muss sich vertan haben“, untermauerte der Apotheker seinen Standpunkt.
Herr Lose hielt es für ein Versehen, dass ein Säugling ein so heftiges Medikament verschrieben bekommt. Das Medikament, welches ich etwa bis zum elften oder zwölften Lebensjahr einnehmen musste, hieß übrigens Zentropil. Im Krankenhaus wurden sämtliche Drogencocktails ausprobiert, um mein Krampfleiden unter Kontrolle zu bringen. Diesbezüglich bekam ich die Rolle eines menschlichen Versuchskaninchens zugedacht. Ich möchte gar nicht wissen, welche Experimente die Ärzte mit mir durchführten, um die richtige Arznei zu finden. Einfach gruselig an dieser Stelle, wieder an dieses Kapitel meines Lebens erinnert zu werden, aber ich konnte es nicht ignorieren. Es gehörte einfach dazu. Letztlich half nur Zentropil gegen meine Anfälle. Erst als mein damaliger Kinderarzt Dr. Heinz Reimer die Richtigkeit des Rezeptes bestätigte, wurden Hanna die Tabletten ausgehändigt.
„Der Kinderarzt hat es mir bestätigt, dass es sich hierbei um das richtige Medikament handelt. Trotzdem habe ich immer noch eine gewisse Skepsis“, meinte Herr Lose bei der Übergabe.
Die Vorsicht des Apothekers erwies sich als verständlich und zeugte von großem Verantwortungsbewusstsein. Zwar konnte Zentropil meine Krämpfe unter Kontrolle bringen, aber es benebelte auch meinen Verstand. Auf meine Mitmenschen wirkte ich oftmals geistesabwesend und vielfach auch seltsam oder sonderbar. Diese Tatsache machte mich in dieser ehrenwerten Gesellschaft zum Einzelgänger und Außenseiter. Meist gab es nur wenige oder gar keine Freunde in der Schule. Hänseleien blieben für mich an der Tagesordnung. Oftmals musste ich mir Beschimpfungen anhören, wie z. B. „Du Idiot“, „Bist du geistig behindert“ oder „Du Spastiker“. Diese Form der Diskriminierung fraß mich innerlich auf und machte mich rasend vor Wut. Ich entwickelte einen massiven Hass auf die Menschheit. Diese Ablehnung richtete sich auch gegen mich selbst. Denn meine schulischen Leistungen schienen die Werturteile meiner Mitschüler zu bestätigen. Sie reichten gerade aus, um nicht sitzenzubleiben. Und die Versetzung von der zweiten in die dritte Klasse erfolgte laut Vermerk im Zeugnis nur aus pädagogischen Gründen. Häufig standen in den Zeugnissen auch Kommentare wie „unaufmerksam im Unterricht“, „schlampige Heftführung“, „leicht reizbar“ oder „arbeitet im Unterricht nur mit, wenn ihm das Thema interessiert“. Durch solche Statements fühlte ich mich wie ein Mensch zweiter oder dritter Klasse. In meiner Schulzeit wurde mir als Kind die menschliche Würde genommen. Mein Selbstvertrauen erreichte in diesem Lebensabschnitt seinen ersten emotionalen Tiefpunkt.
Meine damalige Klassenlehrerin Frau Barbara Kiel, die mich in der zweiten Klasse unterrichtete, wusste überhaupt nicht, wie sie mit mir umgehen sollte. Sie war schlichtweg überfordert. Statt sich Hilfe von einem Profi zu holen, machte es sich die sogenannte schulische Spitzenkraft lieber einfach und bequem, indem sie versuchte, mich loszuwerden. Und solche Lehrer werden nach dem Studium auf die Menschheit losgelassen? Für mich zweifelsfrei ein bahnbrechender Skandal, der leider nie öffentlich gemacht wurde. Die Schule entlarvte sich für mich daher oftmals als ein Käfig voller Narren, der von der Gesellschaft viel zu ernst genommen wurde. Ich kann es keineswegs nachvollziehen, dass solche unfähigen Leute für die spätere Zukunft eines Kindes prägend und mitentscheidend sind. Nach meinen persönlichen Empfinden handelt es sich vielmehr um eine globale Katastrophe, die unsere Wertegemeinschaft viel zu stark kontrolliert und beherrscht. Über die massiven Schäden, die solche Missstände verursachen, möchte ich erst gar nicht vertiefend nachdenken müssen. Die Lehrer sind nicht immer ausreichend auf ihre Aufgaben im Beruf vorbereitet. Ein trauriges und erschreckendes Fazit. Übrigens: Schadensmeldungen, die sich mit dieser Problematik beschäftigen, werden in den Medien selten veröffentlicht. Warum? Eine berechtigte Frage, die für mich unbeantwortet bleibt.
Zu meiner Mutter sagte Frau Kiel: „Ihr Sohn ist nicht einmal für die Sonderschule geeignet“.
Hanna empörte sich über diese Anmaßung.
„Es ist eine Unverschämtheit, was Sie sich herausnehmen. Wie...




