Kerschgens / Schubert | Schulklassen verstehen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 167 Seiten

Kerschgens / Schubert Schulklassen verstehen

Soziologische und gruppenanalytische Perspektiven auf Interaktionen in der Schule
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-8600-3
Verlag: Julius Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Soziologische und gruppenanalytische Perspektiven auf Interaktionen in der Schule

E-Book, Deutsch, 167 Seiten

ISBN: 978-3-7799-8600-3
Verlag: Julius Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch ermöglicht ein Verstehen von Gruppendynamiken in Schulklassen. Es bietet mit kompaktem Wissen und spannenden Fallbeispielen neue Perspektiven auf Gruppenphänomene wie das Entstehen von Zusammengehörigkeit, aber auch von Vorurteilen, Spaltungen und destruktiven Konflikten. Dabei nehmen die Autorinnen Kinder- und Jugendlichengruppen in den Blick, die Beziehung zwischen Lehrkraft und Gruppe und die Arbeit mit Elterngruppen. Mit einem soziologischen und gruppenanalytischen Verständnis von Gruppen stellt der Band ein hilfreiches Handwerkszeug für die Arbeit mit Schüler*innen zur Verfügung.

Anke Kerschgens, Dr. phil., Soz. M.A., lehrt als Professorin für Psychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Fliedner-Fachhochschule in Düsseldorf. Sie hat eine Gruppenanalytische Weiterbildung und ihre Arbeitsschwerpunkte sind Entwicklungspsychologie, Familie und Psychoanalytische Pädagogik.
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3Fallbeispiel: Der kaputte Fußball


Die Schüler*innen der nachfolgend vorgestellten Klassenratsstunde sind in der der fünften Klasse, einer Integrationsklasse einer Gesamtschule in einer mittelgroßen Stadt (Namen, Orte und Angaben zu Personen wurden anonymisiert). Die Klassenratsstunde wird im wöchentlichen Turnus von der Vertrauenslehrerin der Schule geleitet, die die Klasse im Übrigen nicht unterrichtet. Grundlage der Fallanalysen sind deren Protokolle der Klassenratsstunden, Protokolle von Gesprächen zwischen Klassenlehrerin und Vertrauenslehrerin sowie Notizen zu Einzel- und Kleingruppengesprächen mit Schüler*innen. Wegen des besonderen Förderbedarfs ist die Vertrauenslehrerin damit beauftragt, die Schüler*innen in ihrem Findungsprozess als Klassengruppe und ihrer psychosozialen Entwicklung zu begleiten. Die Klassenratsstunde ist eingebettet in ein sozialpädagogisches Pilotprojekt. Es ist Teil des Konzeptes, den Schüler*innen einen möglichst selbstbestimmten Raum zu gewähren, weswegen die Stunde nur minimal strukturiert ist. Selbst gewählte Spiele der Schüler*innen und Gruppengespräche wechseln sich in der Regel ab, wobei sich die Vertrauenslehrerin möglichst zurücknimmt, um vorhandene Potenziale und konstruktive Selbstbildungsprozesse der Gruppe wirksam werden zu lassen. Sie bezieht sich dabei auf gruppenanalytische Konzepte und Methoden der gruppenanalytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (Ballhausen-Scharf/Lehle 2021; Lehle 2018; Stumptner 2022), um zum einen das zuzulassen, was von den Schüler*innen und der Gruppe selbst geklärt und bewältigt werden kann. Zum anderen nimmt sie die Aufgabe wahr, den Rahmen der Klassenratsstunde zu halten, die Spiele, Interaktionen und die Gruppendynamik verantwortlich zu begleiten.

Die heterogen gemischte Klassengruppe setzt sich aus Schüler*innen zusammen mit Leistungsstärken, Leistungsschwächen, Entwicklungsauffälligkeiten und besonderem psychosozialen und schulischem Förderbedarf. Die Klassengruppe besteht aus elf Mädchen und dreizehn Jungen im Alter von 11–13 Jahren. Im Folgenden werden die Lebenswelten der Schüler*innen, die an der Szene ‚Der kaputte Fußball‘ beteiligt sind und sich im Laufe des Konfliktes einmischen, kurz skizziert.

3.1Die Protagonist*innen


Die Protagonisten Matteo und Manfred stehen für den Teil der Klassengruppe, deren Eltern ohne Bildungsabschluss ihren Kindern eher wenige Bildungsaspirationen mitgeben können, vor dem Hintergrund eigener Enttäuschungen und Marginalisierungserfahrungen. Auch wenn Matteo von seinem Vater angehalten wird, es besser zu machen als er selbst und Matteo wenigstens einen schulischen Abschluss schaffen soll, bleibt die väterliche Botschaft ambivalent. Matteo ist sich auch aufgrund der langen Arbeitszeiten der Eltern viel selbst überlassen und muss sich während der Abwesenheit der Eltern um seine kleine Schwester kümmern. Zugleich verbringt er viel Zeit auf der Straße mit älteren Jugendlichen.

Manfred hat von seinem Vater viel handwerkliches Geschick mit auf den Weg bekommen. Dass die kinderreiche Familie seit langem von Sozialleistungen lebt, während der Vater nebenberuflichen Tätigkeiten als Hauswart nachgeht, ist für Manfred eine lebensweltliche Gegebenheit, die ihn weniger für schulische Belange motiviert.

Luca hingegen ist sehr leistungs- und erfolgsmotiviert. Lucas Familie hat mit der Migration der Familie mütterlicherseits einen sozialen Aufstieg gemacht. Lucas Vater ist IT-Spezialist und teilt mit dem Sohn die Liebe zu E-Gitarre und Musik. Im Vergleich zu seinen Mitschülern ist er von seiner körperlichen Statur her ein noch eher kleiner Junge. In der kumpelhaften Nähe zu Lenny, einem großen muskulösen Jungen, erlebt er Schutz und Stärke.

Lenny kommt aus einer deutsch-amerikanischen Familie. Er hat zwei ältere Brüder. Lennys Vater hat im Sportbereich eine profilierte Position. Luca und Lenny sind Nachbarn und wohnen in einem gut situierten Neubauviertel.

Für Jeffrey ist die Zeit, als die Eltern noch zusammen mit ihm und dem älteren Bruder in einem schönen Haus lebten und sein Vater noch nicht nach Amerika zurück ist, die gute Zeit. Jeffrey lebt jetzt mit Mutter und Bruder in einer kleinen Wohnung. Die Mutter hat hohe Erwartungen an Jeffrey und seine schulische Karriere, die Jeffrey wenig annehmen kann. Jeffrey ist in therapeutischer und ärztlicher Behandlung mit einer ADHS-Diagnose.

Anne und Adis, die mit wenig privilegierten und unsicheren Lebensverhältnissen zurechtkommen müssen, sind ehrgeizig und bildungsmotiviert. Adis traumatisierte Mutter hat einen ungesicherten Aufenthaltsstatus und wird von der Tochter umsorgt. Sie hat sich jedoch erfolgreich gegen eine seitens der Grundschule drohende Überweisung Adis auf eine Förderschule zur Wehr gesetzt. Dies hat Adis offenbar zu guten schulischen Leistungen motiviert.

Marc ist ein sehr sensibler, kluger und aufmerksamer Junge mit einer partiellen Störung der Affektkontrolle. Er ist, nach Angaben der Klassenlehrerin, der Seismograf der Klassengruppe. Marc hat eine schwierige Beziehung zu seinem getrenntlebenden Vater und eine nicht minder schwierige Beziehung zu seinem Stiefvater. Wegen des Umzugs der Familie nimmt Marc einen weiten Anfahrtsweg zur Schule in Kauf, um in seiner Schulklasse bleiben zu können.

3.2Die Szene: Der kaputte Fußball


Die Gruppe hat im Meditationsraum einen Stuhlkreis gestellt und getrennt nach Geschlechtern zu beiden Seiten der Vertrauenslehrerin Platz genommen. Die Gruppe spricht laut durcheinander und es ist schwer zu verstehen, worum es geht. Als Lenny zu sprechen beginnt, wird die Gruppe zunehmend leiser und er erklärt, dass es keine Probleme zu besprechen gäbe und sie spielen wollten. Die Gruppe scheint Lennys Einschätzung nicht ganz zu teilen, sie zeigt sich zögerlich. Lenny und auch Anne können niemanden für die von ihnen vorgeschlagenen Spielideen gewinnen.

Nun beginnt Lenny sich über Manfreds Vater zu beschweren, der gestern in der Pause da war und ihn und Luca wegen des kaputten Fußballs angesprochen habe. Manfred und Matteo schalten sich rechtfertigend ein und werfen Luca und Lenny vor, dass Manfreds mitgebrachter neuer Lederfußball in der Pause absichtlich kaputt gemacht worden sei. Es entfacht sich ein Streit unter den vier Jungen. Dabei provoziert Luca Manfred mit eloquenten Äußerungen. Es sei reiner Zufall und keine Absicht gewesen. Manfred habe da halt Pech gehabt mit seinem Privat-Fußball. Luca bagatellisiert die Beschädigung, die für Manfred keine Bagatelle ist. Der Streit zwischen Manfred und Matteo auf der einen Seite und Lenny und Luca auf der anderen spitzt sich verbal weiter zu.

Lenny argumentiert, dass Manfred eh nur Billigsachen von Aldi kaufe, dass der Fußball deshalb nichts Besonderes gewesen sein könne. Manfred brauche sich deshalb auch nicht so aufzuspielen. Luca wendet den Vorwurf der absichtsvollen Beschädigung gegen Manfred selbst und Luca und Lenny versuchen mit gespielter Überheblichkeit den Vorwurf der Schuld von sich zu weisen. Matteo und Manfred hätten in der Pause schließlich damit angefangen, sie zu beleidigen. Luca und Lenny versuchen Manfred und Matteo mit Anspielungen auf den eigenen besseren schulischen Leistungsstand und höherwertigen Lifestyle herabzusetzen: Manfred habe auch sein Gehirn bei Aldi gekauft. Sie beide, Lenny und Luca, würden doch lieber „gute Anziehsachen“ tragen. Luca fügt dem hinzu, dass er nur Markenkleidung trage.

Matteo und Manfred nehmen als Gegenrede die ökologische Orientierung, die Markenkleidung und die vermeintliche schulische Leistungsstärke von Luca und Lenny aufs Korn: Die beiden hätten ihr Gehirn wohl aus der Biotonne.

Die Vertrauenslehrerin richtet ihre Aufmerksamkeit in die Klassengruppe, die die Auseinandersetzung aufmerksam verfolgt. Sie greift nicht direkt in die Auseinandersetzung der Kontrahenten ein, zeigt jedoch Verständnis für Manfreds Wut und äußert ihr Unverständnis darüber, dass es in der Klasse immer wieder zu solchen Zusammenstößen kommt, die auf dem...



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