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E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Key / Verlag Rahel


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7541-8240-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

ISBN: 978-3-7541-8240-6
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Rahel Varnhagen von Ense, geborene Levin, war eine deutsche Schriftstellerin und Salonnière jüdischer Herkunft. Rahel Varnhagen gehörte der romantischen Epoche an und vertrat zugleich Positionen der europäischen Aufklärung. Sie trat für die jüdische Emanzipation und die Emanzipation der Frauen ein.

Ellen Karolina Sophie Key war eine schwedische Reformpädagogin und Schriftstellerin.
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II. Persönlichkeit.


Wie bei jeder andern ausgeprägten Persönlichkeit lassen sich auch bei Rahel gewisse Bestandteile nachweisen, die aus Rasse und Familie resultieren; und man kann auch den Prozeß des Gusses ahnen. Aber der Verlauf, durch den aus diesen Bestandteilen und dieser Behandlung, die bei anderen ganz andere Formen ergeben hätten, gerade diese Persönlichkeit entsteht, bleibt ewig ein Rätsel. Die besonderen Züge der Persönlichkeit, ihr eigentümlicher Stil, ihr einziger Zauber läßt sich bei dem lebendigen Kunstwerk – der menschlichen Persönlichkeit – ebensowenig beschreiben oder begreifen, wie bei der Statue aus Bronze. Nicht nur das Kunstwerk ist, wie ein Denker sagt, »aus dem Schoß einer flammenden Phantasie entsprungen«: auch die Individualität entspringt einem solchen Schoße, dem der Natur selbst. Ihre Phantasie arbeitet ebenso heiß wie die des Genies, und ihr Stil läßt sich ebenso unmöglich mit den losen grauen Maschen der Worte einfangen. Mehrere von Rahels größten Zeitgenossen haben ihre Persönlichkeit zu schildern versucht. Die dies am besten vermochten, dürften auch zugleich ihrer eigenen Selbstanalyse am nächsten gekommen sein. Denn wenn man von irgend einem Menschen sagen kann, daß er sich selbst wirklich gekannt hat, so ist es Rahel. In der ganzen Frauenwelt gibt es niemand, der sich an Entdeckermut und Entdeckerlust in der eigenen Seele, an Eifer der Selbsterforschung und Ehrlichkeit der Selbstmitteilung mit Rahel vergleichen kann außer Marie Bashkirtseff. Daß Schamlosigkeit nicht mit Ehrlichkeit, Mitteilsamkeit nicht mit Selbsterkenntnis gleichbedeutend ist, das muß ich durch verschiedene moderne Frauenbeichten veranlaßt, scharf betonen.

Rahels nach ihrem Tode herausgegebenen Briefe waren für ihre Zeitgenossen ebensosehr die Offenbarung eines neuen Frauentypus wie Maria Bashkirtseffs Tagebuch für unsere Zeit. Wie verschieden die beiden Naturen auch voneinander sind, so begegnen sie sich doch darin, daß ihr Seelen- und Willensleben so eigenartig, so ausgeprägt war, daß es sich so unmittelbar und zugleich so bewußt offenbarte, daß es mit einem Schlage eine geistige Macht wurde, zu der man in ein, sei es sympathisches, sei es antipathisches Verhältnis treten mußte. Nur Gleichgültigkeit war unmöglich.

Im übrigen ist die Manier der beiden Selbstporträts so verschieden wie die Zeiten, in denen sie hervortraten. Die junge Russin malt sich »plein air«, in schonungslosem, alles verratendem Morgenlicht; Rahels Bild hebt sich von jenem clair-obscur ab, in dem man immer mehr entdeckt, je länger man hineinblickt

***

Wenn ich versuchen will, meinen Eindruck von Rahels Persönlichkeit wiederzugeben, bin ich ihrer eigenen Worte eingedenk: daß wir uns selber konkav sehen, andere aber konvex: daß, wenn wir versuchen, uns in einen Menschen zu versetzen, um ihn zu beurteilen, wir immer auf uns selbst stoßen und dies eine wirkliche Objektivität unmöglich macht Denn die Aehnlichkeit, schließt Rahel, die zwischen allen Menschen besteht, »geht nur bis zu den Grenzen des Wesens«! ... Und in diesen tiefen Worten Rahels liegt eben das Geheimnis der Individualität, ihre Unbeschreiblichkeit eingeschlossen.

Wenn man seinen Eindruck einer Persönlichkeit nicht unmittelbar wieder mitteilen kann, versucht man es durch Bilder zu tun. So kann ich z. B. sagen, daß Rahel für mich dieselbe tiefviolette, beinahe schwarze Farbe hat wie Eleonora Duse; daß der Duft, der ihrem Wesen am nächsten kommt, der der gelben Tazette ist während die Musik, die sie am vollsten ausdrückt, Beethovens Apassionata ist. Aber mit diesen Bildern habe ich höchstens jenen, die von dieser Farbe, diesem Duft und dieser Musik Eindrücke mit derselben Gefühlsbetonung wie meine eigene empfangen, eine Ahnung von meiner Empfindung für Rahel gegeben. Stets ist das Bild im Verhältnis zu der großen mystischen Wirklichkeit – der einzigen Persönlichkeit – das, was in der Hieroglyphenschrift das ägyptische Lebenszeichen im Verhältnis zum lebendigen Leben ist. Es gibt nur eine einzige Art, eine persönliche Eigenart zu zeichnen: die eigenen Aussprüche und Handlungen der Persönlichkeit mit dem Eindruck zu vergleichen, den diese Persönlichkeit auf ihre Mitwelt gemacht hat. Denn die eigenen Worte betrügen häufig, die eigenen Handlungen nicht selten, die Urteile anderer am häufigsten. Aber stimmen alle drei überein, dann kann man mit Sicherheit wissen, daß in dem vorliegenden Fall wenigstens die Einheit und Geschlossenheit der Persönlichkeit unzweifelhaft gewesen ist. Und gerade diese oben erwähnte Uebereinstimmung zwischen dem Eindruck, den Rahel auf andere machte, und dem Einblick, den sie in ihr eigenes Wesen gibt, berechtigt zu dem Schlusse, daß sie das war, was sie zu sein behauptet, daß man sich aus ihren eigenen Bekenntnissen das beste Bild von ihr macht.

***

Was Rahel vor allem und immer betont, ist, daß »Gott und die Natur« es gut mit ihr gemeint haben, aber daß das Schicksal und das Glück gegen sie gewesen sind; daß die Natur groß, ja übermütig war, als sie zur Welt kam; daß sie eine »Hochgeborene« hätte werden sollen und daß die sprudelnde Kraft zum Glück, die sie besaß, nur ein wenig Befreiung von unmittelbaren Leiden gebraucht hätte, um ihr Lebensfähigkeit zu zeigen. Sie weiß sich dazu geschaffen, das Leben zu genießen, es nicht nur zu durchleiden. Diese Lichtquelle in Rahels Natur, ihre gesunde, schöne Sinnlichkeit, ihr Sonnenwille, ihre »Freude an den nächsten Dingen«, ihre Freude an dem Glück aller Glücklichen macht Rahel so unmittelbar erwärmend. Und nur mit dieser Lebensenergie als Wesensgrund ist ein wirklich tiefes Leiden denkbar, einer Lebensenergie, die sich gegen die Qualen sträubt, die bald besiegt wird, bald siegt, aber niemals dem Schmerz das Recht einräumt, der Sinn des Lebens zu sein. Rahel nennt sich selbst einen »gesünderen, munteren, brünetteren Hamlet«, und ihr Jugendfreund Veit sagt, daß sie mit Philinens fröhlicher Laune Aureliens Geist und Herz verband, ihre Gutmütigkeit und ihren Hang zur Schwermut ... Alle, die Rahel tief verstanden haben, vor allem Varnhagen, heben das, was ich das clair obscur in Rahels Wesen nannte, als das Geheimnis ihres Zaubers hervor. In einem Brief von Jean Paul an Rahel, der mit den Worten beginnt: »Geflügelte – in jedem Sinn« – sagt er: Sie behandeln das Leben poetisch und das Leben daher Sie. Sie bringen die hohe Freiheit der Dichtkunst in die Gebiete der Wirklichkeit und wollen die Schönheiten dort auch als Schönheiten hier wiederfinden.« ...Dies ist ein zentrales Urteil über Rahels Wesen.

Rahel fühlte, daß dieser ihr ursprünglicher Charakter auch ihr Schicksal hätte werden müssen. Nun wurde dieses – infolge der schon erwähnten Ursachen – ein ganz anderes. Sie kann nicht nach ihrem Charakter leben, aber sie stirbt wenigstens danach, so wie es nach ihren Worten im Grunde jeder Mensch tut. Sie weiß: jeder Mensch »hat ein ganz eigenes Schicksal«, da er »ein Moment des Ganzen ist, der nur einmal existieren kann«; und wenigstens dieses ihr besonderes Unglücksschicksal verlangt sie vom Dasein, wenn es ihr ihr Glücksschicksal versagt. So schrieb sie während der Cholera in Berlin: »Ich verlange ein besonderes persönliches Schicksal. Ich kann an keiner Seuche sterben wie ein Halm unter anderen Aehren auf weitem Felde, von Sumpfluft versengt. Ich will allein an meinen Uebeln sterben; das bin ich, mein Charakter, meine Person, mein Physisches, mein Schicksal.«

Und so wie jeder sein Schicksal hat, so war Rahel überzeugt, daß jeder auch seine Eigenart besitzt. Originalität, sagt sie, ist viel häufiger als Ehrlichkeit; ja die meisten könnten originell sein, wenn sie nur wahr sein wollten! Sie kann von sich selbst – ohne daß ihr jemand widerspricht – sagen, daß sie sich einem Gott, der Wahrheit, hingegeben hat; und jedesmal, wenn sie aus dem Elend des Lebens erlöst wird, ist es durch diesen Gott geschehen. Auf keine Frage kommt sie in ihren Briefen häufiger zurück als auf die der Originalität; und wo sie diese findet, verzeiht sie fast alles. »Wer ehrlich fragt und sich selbst antwortet, ist immer mit Wirklichkeiten beschäftigt und entdeckt unaufhörlich ... Um zu denken, bedarf es vor allem der Ehrlichkeit.« ..

Was sie am allermeisten haßt, ist Pedanterie, denn ihr Ursprung ist innere Leere, und darum klammert sie sich an die Formen.

»Ein Mensch, der nicht wahr, ehrlich und unschuldsvoll ist, kann weder Dichter noch Künstler, Philosoph, Mensch, Freund, Familienmitglied, Gesellschaftsmensch, Geschäftsmensch, Regent sein ... Wahrheitsliebe fehlt uns; das ist der kranke Punkt der Menschheit, der Grund all unsrer Seelenepidemien ... Es hängt von uns selbst ab, Menschen (Originale) zu werden. Aber dazu bedarf es eines unendlichen Mutes ... Es ist ganz einerlei, wie man ist, sobald man nicht sein kann, wie man will.« »Ein Teil der Menschen hat zu wenig Verstand, die Wahrheit in sich zu finden, ein anderer nicht den Mut, sie zu gestehen, und die allermeisten weder Mut noch Verstand. Und irren und lügen und tappen oder ruhen das ganze Leben entlang bis nach der Gruft!« Ein andermal ruft sie aus: »Ich bin außer mir: so nennt man es, wenn das wahre Herz spricht!«

Ehrlichkeit ist für sie die Voraussetzung bewahrter Jugendlichkeit:

»Ehrlich sein im Denken: dann ist man wahr. Und nur bei Wahrheit ist Heil! Wer ohne sie ist, altert; die Runzeln allein...



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