Kim | Miracle Creek | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Reihe: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

Kim Miracle Creek

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-446-26740-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Reihe: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

ISBN: 978-3-446-26740-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie weit würden wir gehen, um unsere schamvollsten Geheimnisse zu bewahren? 'Mit durchdringender Menschenkenntnis führt Angie Kim tief in das Innenleben ihrer Charaktere.' (Los Angeles Times) In der Kleinstadt Miracle Creek in Virginia geht ein Sauerstofftank in Flammen auf. Zwei Menschen sterben - Kitt, die eine Familie mit fünf Kindern zurücklässt, und Henry, ein achtjähriger Junge. Im Prozess wegen Brandstiftung und Mord sitzt Henrys Mutter Elizabeth auf der Anklagebank. Und die Beweise sind erdrückend. Hat sie ihren eigenen Sohn ermordet? Während ihre Freunde, Verwandten und Bekannten gegen sie aussagen, wird klar: In Miracle Creek hat jeder etwas zu verbergen.

Angie Kim wurde in Südkorea geboren und kam als Teenager nach Baltimore. Sie studierte Jura in Stanford und Harvard und arbeitete als Anwältin. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Virginia. 2020 erschien ihr viel beachteter und mehrfach preisgekrönter Roman 'Miracle Creek' bei hanserblau.
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YOUNG YOO

Sie kam sich vor wie eine Braut, als sie den Gerichtssaal betrat. Ihre Hochzeit war das letzte – und bisher einzige – Mal gewesen, dass ein ganzer Raum voller Menschen verstummt war und sich nach ihr umgedreht hatte, als sie hereinkam. Wenn hier nicht so viele unterschiedliche Haarfarben versammelt und die geflüsterten Kommentare, während sie den Mittelgang hinunterschritt, nicht auf Englisch gewesen wären – »Sieh mal, die Besitzer«, »Die Tochter lag monatelang im Koma, die Ärmste«, »Er ist gelähmt, wie schrecklich« –, hätte sie glatt meinen können, noch in Korea zu sein.

Der kleine Gerichtssaal sah sogar aus wie eine alte Kirche, mit knarzenden Holzbänken beiderseits des Mittelgangs. Sie ging mit gesenktem Kopf, wie bei ihrer Hochzeit vor zwanzig Jahren. Normalerweise stand sie nie im Mittelpunkt des Interesses, es fühlte sich falsch an. Bescheidenheit, Anpassungsbereitschaft, Unsichtbarkeit: Diese Eigenschaften machten eine gute Ehefrau aus, nicht Auffälligkeit und Allbekanntheit. Trugen Bräute nicht genau deshalb Schleier? Um sie vor aufdringlichen Blicken zu schützen, um die Röte ihrer Wangen zu dämpfen? Sie sah zu beiden Seiten. Rechts, hinter der Staatsanwaltschaft, entdeckte sie ein paar bekannte Gesichter, es waren die Angehörigen ihrer Patienten.

Nur ein einziges Mal waren die Patienten zuvor alle zusammengekommen: letztes Jahr im Juli, als sie vor der Scheune eine Einführung erhielten. Youngs Mann hatte die Türen geöffnet, um ihnen die frisch blau gestrichene Druckkammer zu zeigen. »Das«, sagte Pak und sah dabei sehr stolz aus, »ist unser Miracle Submarine – das U-Boot der Wunder. Reiner Sauerstoff. Überdruck. Heilung. Gemeinsam.« Alles klatschte. Mütter weinten. Und jetzt saßen dieselben Leute hier, mit düsteren Mienen, in denen keine Hoffnung auf Wunder mehr stand, sondern die Neugier von Menschen, die an der Supermarktkasse nach den Boulevardblättern griffen. Und Mitleid – ob mit ihr oder mit sich selbst, wusste sie nicht. Sie hatte Wut erwartet, aber die Patienten lächelten, als Young vorbeiging, und sie musste sich in Erinnerung rufen, dass sie eins der Opfer war. Sie war nicht die Angeklagte, ihr wurde nicht zur Last gelegt, für die Explosion verantwortlich zu sein, bei der zwei Patienten ums Leben kamen. Sie sagte sich das, was Pak ihr jeden Tag sagte: Dass sie beide an jenem Abend nicht in der Scheune gewesen waren, war nicht der Grund für das Feuer, und er hätte die Explosion auch nicht verhindern können, wenn er bei den Patienten geblieben wäre. Young versuchte, das Lächeln dieser Menschen zu erwidern. Ihre Unterstützung tat gut. Und war wichtig, das wusste Young. Aber diese Unterstützung fühlte sich unverdient an, falsch, wie ein Preis, den sie durch Mogeln gewonnen hatte, und darum gab sie Young keinen Auftrieb, sondern belastete sie zusätzlich, weil sie befürchtete, Gott würde die Ungerechtigkeit sehen und korrigieren, sie in irgendeiner Weise für ihre Lügen bezahlen lassen.

Als Young das Holzgeländer erreichte, kämpfte sie gegen den Impuls an, drüber zu springen und am Tisch der Verteidigung Platz zu nehmen. Sie setzte sich zu ihrer Familie hinter der Staatsanwaltschaft, neben Matt und Teresa, zwei der sechs Personen, die an jenem Abend im Miracle Submarine feststeckten. Sie hatte die beiden lange nicht gesehen, seit dem Krankenhaus nicht. Aber keiner grüßte. Alle sahen zu Boden. Sie waren die Opfer.

*

Das Gericht befand sich in Pineburg, der Nachbarstadt von Miracle Creek. Die Namen beider Städte waren kurios – genau das Gegenteil dessen, was man erwartet hätte. Miracle Creek sah nicht aus wie ein Ort, an dem sich je Wunder zutrugen, außer vielleicht jenes, dass Menschen hier jahrelang lebten, ohne vor Langeweile durchzudrehen. Aber das Wunder im Namen und die damit verbundenen Marketingmöglichkeiten (sowie billiges Land) hatten Pak und sie überzeugt, sich dort niederzulassen, obwohl sonst keine Asiaten – wahrscheinlich überhaupt keine Einwanderer – dort lebten. Es war nur eine Autostunde von Washington entfernt, von dicht konzentrierter Modernität wie dem Dulles Airport, fühlte sich aber so isoliert an wie ein Dorf weitab jeglicher Zivilisation, wie eine ganz eigene Welt. Unbefestigte Straßen statt betonierter Gehsteige. Kühe statt Autos. Heruntergekommene Holzscheunen statt Hochhäuser aus Stahl und Glas. Es war, als würde man in einen alten Schwarz-Weiß-Film stolpern. Miracle Creek wirkte wie einmal benutzt und weggeworfen; als Young es zum ersten Mal sah, hatte sie Lust, jedes Fitzelchen Abfall aus ihren Taschen zu kramen und so weit zu schmeißen, wie sie nur konnte.

Pineburg dagegen nahm sich seinem schlichten Namen und seiner Nähe zu Miracle Creek zum Trotz sehr reizvoll aus, die schmalen Kopfsteinpflasterstraßen wurden von Läden in bunt gestrichenen Holzhäusern gesäumt. Der Anblick der Geschäfte auf der Main Street erinnerte Young an ihren Lieblingsmarkt in Seoul und seine legendären Auslagen – spinatgrün, paprikarot, beterot, persimoneorange. Das hörte sich ziemlich grell an, doch das Gegenteil war der Fall – als würde das Nebeneinander der Knallfarben ihren jeweiligen Effekt dämpfen und so eine elegante, angenehme Wirkung entstehen.

Das Gerichtsgebäude lag am Fuß einer Anhöhe, zu beiden Seiten flankiert von Weinstöcken, die in geraden Linien den Hügel hinauf gepflanzt waren. Diese geometrische Präzision strahlte eine gewisse Ruhe aus, und es wirkte angemessen, dass ein Gebäude, in dem Recht gesprochen wurde, inmitten ordentlicher Reihen von Wein stand.

Als Young an diesem Morgen das Gerichtsgebäude mit den hohen weißen Säulen betrachtete, war ihr durch den Kopf gegangen, dass sie dem Amerika, das sie sich früher vorgestellt hatte, noch nie so nah gewesen war. Als Pak seinerzeit in Korea beschlossen hatte, dass sie zusammen mit Mary nach Baltimore ziehen sollte, war Young in verschiedene Buchhandlungen gegangen und hatte sich Bilder von Amerika angesehen – das Kapitol, die Wolkenkratzer von Manhattan, der Inner Harbor. Seit fünf Jahren war sie nun schon in den USA, und sie hatte keinen dieser Orte mit eigenen Augen gesehen. Die ersten vier Jahre hatte sie in einem Lebensmittelgeschäft zwei Meilen vom Inner Harbor entfernt gearbeitet, in einem Viertel, das die Leute »Ghetto« nannten, mit verrammelten Häusern und Glasscherben überall auf der Straße. Eine winzige Höhle aus Panzerglas: Das war ihr Amerika gewesen.

Schon seltsam, wie dringend sie dieser schäbigen Welt entkommen wollte – und wie sehr sie ihr jetzt fehlte. Miracle Creek war eine Insel, die Einwohner lebten schon sehr lange dort (seit Generationen, hieß es). Young dachte, sie bräuchten bloß etwas länger, um aufzutauen, und konzentrierte sich darauf, mit einer besonders nett wirkenden Nachbarsfamilie Freundschaft zu schließen. Im Laufe der Zeit begriff Young aber, dass die Familie nicht nett war, sondern auf höfliche Weise unfreundlich. Young kannte die Sorte. Ihre eigene Mutter hatte zu dieser Art Mensch gehört, die ihre Unfreundlichkeit mit guten Manieren kaschierte, wie manche Leute mit Parfum versuchten, ihren Körpergeruch zu überdecken – je schlimmer der war, desto mehr künstlichen Duft benutzten sie. Ihre steife, übertriebene Höflichkeit – die permanent zu einem Lächeln zusammengekniffenen Lippen der Frau, das zuvorkommende Ma’am am Anfang oder am Ende jedes Satzes des Mannes – sorgte für Distanz und unterstrich Youngs Position als Zugereiste. Ihre Stammkunden in Baltimore waren streitsüchtig gewesen, hatten geflucht und sich immer über irgendetwas beschwert – mal über die viel zu hohen Preise, mal über die zu warmen Getränke, mal über die zu dünnen Aufschnittscheiben –, aber ihre Ruppigkeit hatte etwas sehr Ehrliches an sich gehabt, ihr Gezeter eine angenehme Vertrautheit. So wie sich zankende Geschwister. Geradeheraus. Unverstellt.

Als Pak dann letztes Jahr auch nach Amerika kam, wollten sie gerne nach Annandale ziehen, die »Koreatown« im Großraum Washington, von Miracle Creek aus mit dem Auto gut zu erreichen. Das Feuer hatte alle diese Pläne durchkreuzt, sie befanden sich immer noch in ihrer »vorübergehenden« Bleibe. Eine heruntergekommene Hütte in einer heruntergekommenen Kleinstadt, die so gar nichts mit den Bildern in den Büchern zu tun hatte. Bis heute war das schickste Gebäude, das Young auf amerikanischem Boden betreten hatte, das Krankenhaus gewesen, in dem Pak und Mary nach der Explosion mehrere Monate verbrachten.

*

Im Gerichtssaal war es laut. Nicht die Menschen – die Opfer, die Anwälte, die Journalisten und so viele andere –, sondern die beiden altmodischen, in die Fenster hinter dem Richtertisch montierten Klimaanlagen lärmten. Sie knatterten wie Rasenmäher, wenn sie sich ein- und ausschalteten, was sie natürlich, da sie nicht aufeinander abgestimmt waren, immer zu unterschiedlichen Zeitpunkten taten – erst die eine, dann die andere, dann wieder die eine, wie die Balzrufe seltsamer mechanischer Tiere. Wenn beide Apparate liefen, ratterten und brummten sie auf verschiedenen Frequenzen, und Young juckten die Trommelfelle. Am liebsten hätte sie den kleinen Finger tief ins Ohr gesteckt, bis zum Gehirn, und hätte sich gekratzt.

Auf der Tafel in der Eingangshalle stand, dass das Gerichtsgebäude zweihundertfünfzig Jahre alt und von großer historischer Bedeutung war, und dass Spenden an den »Verein zur Erhaltung des Gerichtsgebäudes in Pineburg« willkommen waren. Young hatte beim Gedanken an diesen Verein den Kopf geschüttelt – eine Gruppe von Menschen, die sich nur darum kümmerten, die Modernisierung dieses Gebäudes zu verhindern. Die Amerikaner waren so...


Heimburger, Marieke
Marieke Heimburger, 1972 in Tokio geboren, studierte in Düsseldorf "Literaturübersetzen" für Englisch und Spanisch. Seit 1998 übersetzt sie aus dem Englischen, seit 2010 auch aus dem Dänischen.

Kim, Angie
Angie Kim wurde in Südkorea geboren und kam als Teenager nach Baltimore. Sie studierte Jura in Stanford und Harvard und arbeitete als Anwältin. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Virginia. 2020 erschien ihr viel beachteter und mehrfach preisgekrönter Roman "Miracle Creek" bei hanserblau.



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