E-Book, Deutsch, 132 Seiten
Kirchner / Lohstroh Inseln der Hoffnung
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-7015-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 132 Seiten
ISBN: 978-3-7534-7015-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
suchen, träumen, hoffen - unter diesen drei Begriffen sind immer wieder Menschen unterwegs, zu sich selbst, zu neuen Zielen. Auf Pellworm ist es eine Familie, bei der die Eltern auf der Suche heraus aus ihrem Ehekonflikt sind, während die Kinder nachts auf den Spuren von Ekke Mekkepenn auf Schatzsuche im Wattenmeer unterwegs sind. Goose Island, eine kleine Insel im Atlantik vor der Küste Kanadas, ist das Ziel des Aussteigers Robert, der mit seiner Umwelt gebrochen hat und das Leben in der Einsamkeit sucht. Allerdings wird er auf seiner Insel von der Vergangenheit eingeholt ...
Manfred Kirchner, 1949 geboren, schreibt seit etwa sechs Jahren aktiv in der Schreibwerkstatt der Universität des Dritten Lebensalters in Göttingen und hat schon einige Geschichten zu Anthologien, die in dieser Schreibwerkstatt entstanden sind, beigetragen. Zwei Geschichten von ihm wurden beim Literaturpreis Harz mit ausgewählt und sind auch dort in Anthologien erschienen. Daneben hat er einen geschichtlichen Führer zu seinem Heimatort Herzberg am Harz herausgegeben. Die Geschichte "Ekke Mekkepenn" ist ein sogenanntes Tandemprojekt, dass in der Schreibwerkstatt entstanden ist und in dem Manfred Kirchner und Jonas Lohstroh, ein junger Student an der Uni Göttingen, gemeinsam geschrieben haben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ekke Nekkepenn Skeptisch musterte Rieke das auf dem Flur aufgereihte Gepäck. Irgendetwas, so ihr Gefühl, fehlte. Laufschuhe, Shirts, Laufhosen, Badeanzüge, Freizeitkleidung, mehr wollte sie nicht mitnehmen. Und wenn sie dann noch etwas brauchten, war das nicht schlimm. Schließlich fuhren sie nur nach Pellworm zu ihren Eltern. Sie freute sich schon sehr auf ein Wiedersehen, hatte sie Vater und Mutter doch drei Jahre nicht gesehen. Und skypen, dazu konnte sie ihre Eltern nicht mehr überreden. Wie weit war der Hautkrebs bei Dad fortgeschritten oder geheilt? Wenn sie mit ihm am Telefon sprach, versuchte er, sie zu beruhigen und leitete dann schnell zu anderen Themen über, fragte nach den Enkeln und Giesbert. Und ihre Mutter antwortete auf ihre Fragen nach Vater nur: „Du kennst ihn doch. Bevor der klagt, muss es ihm wirklich schlecht gehen.“ Irgendwie ergänzten sich die beiden schweigend, fand Rieke. Und es machte ihr Sorgen, dass ihre Eltern allein auf der Insel lebten, in dem alten Bauernhaus beim Hörn. Als sie Pellworm vor fünfzehn Jahren verlassen hatte und mit Giesbert nach Göttingen gegangen war, verliebt bis über beide Ohren, war sie froh gewesen, von zu Hause weg zu sein. Diese Öde auf der Insel! Nichts los. Schon damals hatten ihre Eltern ihre Trauer schweigend unterdrückt. Schweigend hatte die Mutter ihr dann die Kette mit dem Amulett, ein Erbstück von ihren Großeltern, mit dem Bild von Riekes Eltern in die Hand gedrückt. Das Amulett! Das war es, was sie mitnehmen wollte. Sie schaute ihre Handtasche durch, ihren Schminkkoffer, für Merle Riekes Beauty Case, an dem sie sich immer mal bediente. Vergebens. Im Nachtschrank? Schnell hastete sie die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. Wie lange hatte sie diese Kette schon nicht getragen. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht, als sie dann endlich das Schmuckstück in ihrem Nachtschrank entdeckte. Spontan legte sie die Kette um ihren Hals. Ein Blick in den Spiegel: Ja, so gefiel sie sich mit ihrer luftig leichten gelben Sommerbluse. Ein wenig hätte sie sich schminken sollen, fand sie. Dafür war aber jetzt keine Zeit mehr. Die letzten Wochen nur im Labor im Institut kaum Tageslicht, wenig Sonne, dann zu Hause Küche, die Kinder Johannes und Merle – zum Sport, zur Musikschule, zur Freundin kutschieren, hierhin und dahin, Hilfe bei den Schulaufgaben – ein Mann, anscheinend unabkömmlich bei der Sparkasse; ihr Gesicht war recht blass geworden. Sie freute sich auf die Nordsee, auf Pellworm, auf ihre Eltern. Erneut huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, ja, ihre blasse Haut würden Sonne und Seeluft schnell übermalen. Als Rieke die Treppe herunterkam, hatte Giesbert schon die meisten Koffer, Taschen und Beutel im Auto verstaut. „Wo warst du denn? Wir müssen jetzt bald los, wenn wir die Fähre um sechzehn Uhr noch bekommen wollen! Merle, Johannes, habt ihr alles?“ „Paps, mein Lenkdrachen! Ich glaube, der liegt noch auf dem Boden. Den wollte ich doch so gern mitnehmen. Ich beeil’ mich auch.“ „Kinder, ihr treibt mich noch zum Wahnsinn“, schimpfte Giesbert, als dann auch Merle verschwunden war, auf der Suche nach irgendetwas. Angespannt lief Giesbert auf dem Flur auf und ab, nervös mit den Fingern an jede Tür und jeden Schrank tippend. Nach weiteren zehn Minuten waren dann alle wieder da, das Gepäck einschließlich Lenkdrachen war im Auto verstaut, die Kinder auf der Rückbank, Rieke auf dem Beifahrersitz, die Haustür abgeschlossen. Giesbert ging einmal schnell um das Haus, ja, alle Fenster und Türen waren zu. Nur die Nachbarin, der er den Hausschlüssel bringen wollte, öffnete nicht. Dabei hatte sie doch zugesagt, auf sein Haus aufzupassen, während sie im Urlaub waren. Er traf sie schließlich im Garten, als sie die Blumen goss. „Oh, entschuldigen Sie. Da habe ich nicht mehr dran gedacht. Ihre Telefonnummer habe ich ja schon ..., falls was ist. Einen schönen Urlaub und viele Grüße an Ihre Frau!“ Das kann ja heiter werden, dachte Rieke, als Giesbert sich hinter das Lenkrad klemmte und mit Vollgas die Straße hinunterbrauste, stumm und geladen wie eine Kanone. Nur jetzt nicht an der Lunte zündeln. Und so schwiegen Rieke und die Kinder. Giesbert fuhr sich ein auf der A7 nach Norden und wurde wieder locker, nachdem er die ersten Baustellen ohne Stau passieren konnte. „Sieht ganz gut aus ..., kein Stau bei Walsrode, Elbtunnel frei ..., bleibt hoffentlich so. Wann braucht ihr ‘ne Pause? Fahrerwechsel wäre dann auch nicht schlecht.“ „Wie sieht’s aus, Kinder? Läuft doch ganz gut. Lasst Papa noch ein Stück fahren! Dann machen wir kurz vor Hamburg Pause?“ Johannes und Merle hatten andere Probleme. Wo war die Mitte der Sitzbank? Warum hatte Merle ihr Buch auf Johannes’ Seite abgelegt? Ihm gefiel es überhaupt nicht, wenn seine zwei Jahre ältere Schwester versuchte, ihn zu gängeln oder zu erziehen. Sie hatte eine Grenze überschritten. Immer wieder flammte der Streit zwischen den beiden auf. Und dann: „Wie lange fahren wir noch?“ „Wann sind wir endlich da?“ Giesbert polterte los: „Wenn ihr nicht gleich Ruhe gebt, setze ich euch beim nächsten Parkplatz aus!“ „Bert“, so nannte Rieke ihren Mann gelegentlich, „bitte, warum bist du so barsch?“ „Die Arbeit. Eigentlich hätte ich noch zwei Termine abarbeiten müssen ... Hoffentlich machen das die anderen richtig!“ „So, so, deine Arbeit also. Du hast doch so eine tüchtige Kollegin. Sucht dich während des gesponserten Wellnesswochenendes im Negligé in unserer Suite auf, während ich jogge und will mit dir irgendwelche Abschlüsse beraten. Ich muss doch mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn ich das glauben soll.“ „Rieke, bitte nicht jetzt, die Kinder ... “ „Oh nein, ich lasse mich nicht mundtot machen. Und dann erzählst du mir, deinen Ring habe bestimmt jemand vom Poolrand mitgehen lassen, eine Möwe oder so. Fehlt nur noch, dass ihn Ekke Nekkepenn geholt hat. Warum hast du denn den Ring überhaupt ... Pass doch auf, beinahe wärst du auf den vor uns aufgefahren!“ „Schluss jetzt, ich muss mich konzentrieren“, brach Giesbert den Streit ab. Rieke schaute schmollend zum Seitenfenster hinaus, spielte auffällig mit ihrem Amulett. Doch er nahm das nicht wahr. Johannes und Merle schwiegen auf der Rückbank und spielten Videospiele. Rieke hatte ihren Mann vor Hamburg abgelöst und war zügig bis Nordstrand gefahren. Sie hatten noch etwas Zeit bis zur Abfahrt der Fähre um 16:40 Uhr. Giesbert war zerknirscht im Auto sitzen geblieben, während Rieke und die Kinder zum Hafen gegangen waren und dort Fischkutter ansehen wollten. Tief sog Rieke die Seeluft ein, die sie früher nicht gemocht hatte. Die Enge der Insel, keine Disco, nur wenige Freunde, diese Erinnerung verband sie mit dem Geruch. „Du, Mama, wohnt hier auch eine Meerjungfrau wie Sursulapitschi?“ „Ach Hannes, Meerjungfrauen gibt es doch nur in Märchen oder in Geschichten wie bei Jim Knopf.“ „Aber du hast vorhin doch von Ekke Nekkepenn gesprochen, der den Ring von Papa genommen hat. Wer ist das denn?“ „Ekke Nekkepenn ist auch nur eine Märchenfigur, Hannes. Opa kennt viele Geschichten von Ekke. Er hat mir immer wieder davon erzählt, wenn er mich abends ins Bett gebracht hat. Ich fand diese Märchen furchtbar und wollte sie nicht mehr hören. Prinzessinnen und Barbies waren viel interessanter. Er wird euch sicher gern einige dieser Legenden erzählen, denke ich.“ Die Kinder zogen auf Entdeckungsreise entlang der Kaimauer zu den Fischerbooten. Rieke hatte sich auf eine Bank gesetzt, die Beine weit ausgestreckt, die Augen geschlossen und genoss die Nachmittagssonne. Und immer wieder huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie freute sich auf ihr Zuhause, auf ihre Eltern, auf eine Kutschfahrt auf der Insel mit ihrem Vater, auf die morgendliche Joggingrunde durchs Watt und über die Deiche mit ihren Schafen, auf die deftige friesische Küche ihrer Mutter. Erschrocken richtete sie sich auf, als sie von Merle angetippt wurde. Die Fähre war im Hafen eingelaufen, Zeit, zum Auto zurückzugehen. Eine kurze Überfahrt, noch ein paar Kilometer mit dem Auto, dann waren sie auf dem Hof von Keno und Gesine Petersen angekommen, am Johannishörn auf Pellworm. Nach einer herzlichen Begrüßung bezogen die Kallmeiers ihre Zimmer, oben unterm Reetdach mit herrlichem Blick aufs Watt und zur Hallig Hooge, besonders romantisch bei Sonnenuntergang. Giesbert war mit den Kindern in den Stall zu den beiden Isländern gegangen. Vor allem wollte Merle unbedingt heute den Pferden Brötchen geben, die sie heimlich vom Reiseproviant abgezwackt hatte. Rieke stand lange am Fenster und schaute verträumt aufs Watt hinaus. Sie war froh, dass sich ihr Vater nach dem letzten Krankenhausaufenthalt wieder gut erholt hatte. Was hatte sich doch alles hier verändert seit ihrem letzten Besuch vor drei Jahren. Tief in ihre Gedanken versunken erschrak sie, als sie von ihrem Vater zum Abendessen gerufen wurde. „Vielleicht habt ihr morgen Glück, wenn wir...




