Kiss | Dürre Engel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

Kiss Dürre Engel


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95890-206-0
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

ISBN: 978-3-95890-206-0
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ungarn, eine Kleinstadt in den 1980er-Jahren, die Zeit des Gulaschsozialismus. Die 40-jährige Volksschullehrerin Lívia wartet nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus auf ihren Prozess - sie hat ihren Ehemann Öcsi im Affekt erstochen. In der Rekonvaleszenz geht sie der Frage nach, wie es so weit kommen konnte, was zu der Tat geführt hat, an welchem Punkt ihr Leben völlig aus der Bahn geraten ist. Ihre Erinnerungen sind wie Glasscherben, der verzweifelte Versuch, Bruchstücke ihrer Vergangenheit zu sammeln und zu retten. Und so erzählt sie in Rückblenden, wie sie ihren Mann, den vielversprechenden Athleten, kennenlernte, wie sie ihn als Jugendliche ihrer Freundin Kati ausspannte und bereits als Studentin geheiratet hat, wie seine Eifersucht und ihre Kinderlosigkeit die Beziehung immer stärker belastet und schließlich in verbaler und körperlicher Gewalt endet, die beide, Mann und Frau, ertragen müssen. Noémi Kiss entwirft ein faszinierendes Bild vom ungarischen Alltag kurz vor Ende des Sozialismus bis in die erste Zeit nach der Wende. In ihrer gewohnt lyrischen, doch zugleich gnadenlos direkten Sprache lässt sie die Protagonistin Rückschau auf ihr Leben halten und in beeindruckender Offenheit ihre Tat schildern sowie die Umstände, die sie dazu gebracht haben. Dabei werden zahlreiche gesellschaftliche Fragen angesprochen, von Liebe über Leiden, Kinderlosigkeit, Ausbildung, Erziehung bis hin zu sexueller Freiheit und häuslicher Gewalt. Ein großartiger Roman einer aufstrebenden ungarischen Autorin.

Noémi Kiss, geb. 1974 in Gödöll? in der Nähe von Budapest, ist Autorin, Kritikerin und Essayistin. Sie studierte Hungarologie, Komparatistik und Soziologie an der Universität Miskolc, wo sie seit 2000 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Komparatistik arbeitet. 2003 promovierte sie mit einer Arbeit über Paul Celan und verbrachte im Rahmen ihrer Promotionsarbeit auch zwei Jahre an der Universität Konstanz. Ihre Werke wurden ins Deutsche, Englische, Schwedische, Bulgarische und Serbische übersetzt. Sie lebt in Budapest und ist Mutter von Zwillingen. In Deutschland wurde sie bekannt durch ihren Roman Was geschah, während wir schliefen sowie ihr literarisches Reisetagebuch Schäbiges Schmuckkästchen. Das Buch wurde 2015 von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats Juni gewählt.
Kiss Dürre Engel jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


EIN WENIG BLUT KOMMT MANCHMAL VOR


Ein Krankenhaus, ich liege seit Langem dort, mein Bett steht am Fenster, den Ellbogen schlage ich mir manchmal am Heizkörper an. Aus der Stadt kann man mit der S-Bahn hierherfahren. Es leuchtet von Weitem wie eine Lichterkette am Weihnachtsbaum, freundlich, warm. Aus der Lüftung dampft der Geruch angesengter Haut, Dünste von Schweiß. Gelb verglaste Balkone umgeben den sechsstöckigen Plattenbau. Er ist mitten in einer Einöde hochgezogen worden, von Arbeitern längst vergangener Zeiten. Nah an der Station, damit man nicht lang zu Fuß gehen muss. Für den, der ein Bein gebrochen hat, dem eine Niere fehlt, der am Kiefer operiert werden muss, oder für die Frau, die gerade kommt, um ihr Kind auf die Welt zu bringen, zieht sich der Weg dennoch ewig. In dem weitläufigen Park sprießen die Spiersträucher, ein paar grüne Zweige kämpfen sich durch die schwarze, nasse Erde. In der Nacht ist dies das Gebiet der Blindmäuse, die riesige Hügel hinterlassen, sich quer durch den Garten graben. Es ist ein gutes Gefühl, an diesen Ort zu kommen. Tief einzuatmen. Als ich wegen meines Herzens hierhergebracht wurde, schien mir das noch ganz unmöglich, ich freute mich, wenn ich es nach der Visite bis zur Betonbank schaffte. Nach einem Infarkt lassen sie einen nicht aus dem Krankensaal, dann konnte ich doch gehen, sie kümmerten sich nicht mehr um mich. Die Wochen vergingen, ich kam zu Kräften. Es traten der Reihe nach neue Krankheiten auf, vorerst bleibe ich. Bald, wenn ich wieder gesund bin, werde ich zwischen dem ungemachten Bett und den sich im Frühlingswind wiegenden Zweigen hin und her laufen. Ich mag diesen Weg, selbst dann, wenn mir das Laufen manchmal schwerfällt, hier fällt einem alles schwer, sogar das Atmen.

Ich habe einen Mord und eine Ehe hinter mir, aber die Verhandlung wurde vertagt. Die Uhr der Behörde war stehen geblieben, dabei hatte ich in den ersten Wochen noch aufgeregt auf einen Brief gewartet. Dann lag ich wie erstickt in meinem Kissen versunken. Ich kam nicht einmal in Untersuchungshaft, vor allem, weil ich krank geworden war. In einer Zelle hätte ich wirklich ein schönes Bild abgegeben, ein Bündel, an den Nägeln kauend. Es wurde mir ein Anwalt bestellt, aber der kommt auch nur selten, ruft eher an. So kann ich mich in dem Krankensaal verstecken, hier habe ich einen Platz, mein Laken ist immer warm. Sitze da und erinnere mich. Baue mir ein Nest mitten auf dem Eisenbett, bohre mit der Faust eine Kuhle und flattere auf. Wenn es mir im Kreuz sticht, dann stopfe ich mir das Kissen in den Rücken. Gestern ist mein Fieber nicht gestiegen. Glassplitter, ich setze sie zusammen, sie zerkratzen, sie kitzeln mich. Sie sind wie meine Gedanken, ich schlafe gern mit ihnen ein.

Als die Sträucher gewachsen waren, hüllte sich der Spierstrauch in weiße Blütenpracht, ich ging gern zwischen den engstehenden Büschen hindurch, die Zweige schnitten mir in die Haut, die Stellen wurden rot. Ich kratzte sie auf mit den Fingernägeln, es juckte. Aus dem Fenster des Krankensaales betrachte ich die Weite oder gehe dazu heimlich auf das Dach. Hinter dem Krankenhaus liegt Niemandsland, hier endet die Stadt, hier endet das Leben. Ich sehe die leere Äderung der Landschaft, wie die zerstückelte Wiese aufbricht, die gelbe Erde in der Dämmerung unter den roten Wolken verschwindet. Durch das Fenster dringt der Geruch von feuchter Erde, wenn der Wind von den Feldern her weht. Ich sehe mir das Nichts gern von hier oben an.

Jemand durchbricht plötzlich das Bild, rennt über den Hügel, keucht. Stolpert in einer Kuhle und fällt hin. Ein paar streunende Hunde jagen einer läufigen Hündin nach, bellen, heulen. Zigeuner beim Schrottsammeln, Kinder laufen mit Stöcken den Horizont entlang, oder es kommen Pilzsammler mit Plastiktüten. Auch Schneckensammler habe ich einmal gesehen. Es kam vor, dass ich wegen der Migräne tagelang kaum bei mir war, dann hüllte sich die Erde in Nebel. Im Garten des Krankenhauses stehen schön sorgfältig in eine Reihe gepflanzt Thujen, Tannen und Akazien, am Ende des Gehwegs die Fenster des Schwesternwohnheims mit grünen Kunststoffvorhängen.

Endlich lerne ich die lange Glückseligkeit der Krankenhäuser kennen. Die Ruhe der Behandlungszimmer, die mich als Kind so verstört und zum Weinen gebracht hat, gibt mir jetzt plötzlich starken Halt. Der Morgenmantel aus dem Krankenhaus verdeckt die Narben. Seit dem Tod meines Mannes suchen mich immer öfter Wesen auf. Sie schlüpfen in meinen Kopf und toben. Einmal haben sie sogar gerufen: Was hast du mit deinem Mann gemacht, du alte Schlampe? Oder: Na, was ist, hast du die Hosen voll, du dumme Gans? Nimm das Messer! Stich zu! Töte ihn!

Nachts, wenn ich nicht einschlafen kann, lehne ich oft am Fensterbrett. Schaue zu, wie in dem Schwesternwohnheim neben uns die jungen Frauen im ersten Morgengrauen duschen. Schatten wiegen sich hinter dem Milchglas, Schenkel und Brüste zeichnen sich ab, Hände zwischen den Beinen, Finger an den hängenden Busen und in den Mündern, der Dampf zieht durch den Spalt neben dem Fenster, manchmal spritzt sogar Wasser hinaus, die ganze Wand ist nass. Sie waschen sich gegenseitig den Rücken, lachen laut und rufen, ich mag es, wie sie auf dem Waschbecken sitzend in aller Ruhe rauchen. Danach machen sie sich auf den Weg, Bettpfannen auszuspülen und Infusionen anzulegen.

Tagsüber rennen die OP-Pfleger wie die Ameisen völlig kopflos auf und ab. Ihre Clogs klappern. Sie laufen zu einem Notfall oder nehmen in Handschuhen mit nach Gummi riechenden Händen am Tor einen Umschlag entgegen. Sie leben vom Dankesgeld, von tödlichen Krankheiten, Krebszellen. Ein anderes Mal rollen Sanitäter die Kranken vor sich her. Sie pendeln zwischen dem Haupteingang und dem Gebäude mit den Schornsteinen, den ganzen Tag ein Kommen und Gehen. Wenn eine Schwester nach dem Arzt ruft, schreit sie aus voller Kehle, das Schreien ist von allen Betten aus zu hören. Sogar den Namen des Patienten und sein Leiden brüllt sie laut heraus. Wir schlafen mit einem Blinddarm ein und wachen mit einem Frühchen auf.

Aber am meisten hat mich das Heizhaus des Krankenhauses überwältigt. Ein dreißig Meter hoher Rauchfang. Zuerst hielt ich es für ein Krematorium. In Gedanken verbrannte ich schon darin, doch am Ende floss immer nur mein Speichel auf das Kissen. Das ist für mich der Tod, ein kribbelndes Gefühl, ein Kitzel, ein Spiel. Dort drinnen wird jeden Morgen eingeheizt. In anderen Momenten fürchte ich mich vor dem Schornstein, so sehr, dass ich zittere, ich schließe die Augen, wenn ich an ihm vorbeigehe, drehe mich weg oder gehe so im Park spazieren, dass ich ihn nicht sehe. Einmal wurde mir schlecht von seinem Gestank, er spie dichten, gelben Rauch, ich erbrach mich in den Abfalleimer am Eingang.

Als würde ich auf eine ägyptische Pyramide starren, so setze ich mich hin und betrachte den Rauchfang. Plötzlich erwachsen ihm Arme, er beugt sich vor, nimmt mich auf den Schoß und zieht mich in sich hinein. Verschluckt mich, es gibt mich nicht mehr. Wie es wohl sein mag, in einem Ofen zu verbrennen? Wenn die Haut lodert, angesengt wird, die Flammen sie abziehen? Glut zu sein oder etwas anderes, jemand anderes, nur nicht ich. Schicht um Schicht reißt die glühend heiße Hauthülle auf, dann schrumpft sie und verschmilzt schließlich zu geruchloser Asche.

Letzte Woche konnte ich schon in den Park hinuntergehen. Ich vermied die Gehwege, schlenderte stundenlang umher, das war mein einziges Vergnügen. Das Lüften der Freiheit. Ich zündete mir sogar eine Zigarette an, mein Arzt hatte keinen Bereitschaftsdienst. Auf dem Gehweg reihen sich Aschegruben, über mehrere Meter liegen gerauchte und angenagte Kippen unter die Büsche geworfen. Ärzte und Schwestern schmeißen ihre Zigarettenkippen hierhin. Angeblich kommen die Männer auch im Winter im Pyjama in den Park. Den Frauen sieht man es nach, wenn sie auf der Toilette rauchen und die Kippe auf dem Spülkasten ausdrücken.

Das Zimmer ist heiß, als stünde es in Flammen, die Sonne strahlt sengend durch die Scheibe. Ein Gemisch aus Schweiß und ätzendem Ammoniumgestank: Lauge, Chlorreiniger, Menstruation. Im Frühling wird es noch schwüler, noch unerträglicher. Die Patienten sollen sich nicht erkälten, das ist die wichtigste Regel. Lieber ersticken. Das Fenster bitte schließen. Dreimal am Tag lüften wir. Die Zeitpunkte sind genau vorgegeben und auch die Dauer. Nach dem ersten Lüften am frühen Morgen baden wir in Öl und Fett, denn vom Morgengrauen bis zum späten Nachmittag werden am Eingang Langosch gebacken. Der Geruch von verbranntem Öl steigt auf, als hätte er sich gerade unser Zimmer ausgesucht. Der Rauch wabert regelrecht vor unserer Fensterscheibe. Morgens um sechs legen sie los. Drei Frauen, die Haare hochgesteckt, in weißen Kitteln und hochgeschnürten Arbeitsschuhen. Sie rauchen dabei, damit das den Ölgeruch ein wenig überlagert. Die Patienten und die Arbeiter der umliegenden Betriebe stehen mit gesenkten Köpfen vor der Langoschbude Schlange, die erst am Abend abnimmt, wenn der Imbiss um sechs Uhr schließt.

Es gibt auch seltsame Ereignisse, unerklärliche Dinge, die mir jedoch das...


Noémi Kiss, geb. 1974 in Gödöll? in der Nähe von Budapest, ist Autorin, Kritikerin und Essayistin. Sie studierte Hungarologie, Komparatistik und Soziologie an der Universität Miskolc, wo sie seit 2000 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Komparatistik arbeitet. 2003 promovierte sie mit einer Arbeit über Paul Celan und verbrachte im Rahmen ihrer Promotionsarbeit auch zwei Jahre an der Universität Konstanz. Ihre Werke wurden ins Deutsche, Englische, Schwedische, Bulgarische und Serbische übersetzt. Sie lebt in Budapest und ist Mutter von Zwillingen. In Deutschland wurde sie bekannt durch ihren Roman Was geschah, während wir schliefen sowie ihr literarisches Reisetagebuch Schäbiges Schmuckkästchen. Das Buch wurde 2015 von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats Juni gewählt.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.