E-Book, Deutsch, 186 Seiten
Klan Der Spind, der Hüter
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-2461-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 186 Seiten
ISBN: 978-3-7557-2461-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Tagebuch eines trauernden Mädchens findet sie eine Liste mit den Namen der Schüler, die nacheinander sterben. Das Schuljahr fängt für die 15-jährige Christel Garb an, als sie den letzten, zerbeulten Spind vermietet bekommt. Durch ein Versteck fällt ihr ein geheimes Tagebuch in die Hände. Die emotionale Verfasserin Liane Hertz ist zwar nicht mehr auf der Schule, aber führt das Buch regelmäßig mit seltsamer werdenden Einträgen weiter, die Christel anregen, nachzuforschen. Es finden sich Nachrichten an ihren Geliebten, in denen sie ihre Rache an den Leuten, welche die Schuld an dessen Verlust tragen sollen, ankündigt. Zeitgleich kommen Schüler, die in Verbindung zueinanderstehen, auf mysteriöse Weisen zu Tode. Als Christel die Liste der Toten und die Wahrheit hinter dem Rachewunsch entdeckt, sieht sie sich gezwungen, zu handeln. Schafft sie es, ihre Angst vor dem Versagen zu überwinden und einzugreifen, bevor weitere Schüler sterben?
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03.09.2018, Montag Schon jetzt hingen die Plakate für das 50-jährige Jubiläum an den Schulwänden, dabei würde dies erst um den 20. September herum abgehalten werden. Die Vorstellung hinzugehen, löste keinen Reiz bei ihr aus. Sie wollte mehr Zeit mit Sienna verbringen. Ihre Freundin erlebte einige Unannehmlichkeiten zu Hause, äußerte sich darüber aber ungern. Christel hatte bloß erfahren, dass ihr großer Bruder ausgezogen war und die Ehe ihrer Eltern durch die Streitereien kriselte. Sie würde ihrer Freundin gerne helfen. Aber wie half man jemanden, der nicht mit einem sprach? Einige Leute in ihrem Alter trugen Zeitungen aus oder bereiteten sich darauf vor, Bewerbungen zu schreiben. Was sie mit ihrem Leben nach der Schule anstellte, schwebte in unerreichbarer Ferne. Das einzige Fach, indem sie in ihre Tagträume abschweifen konnte, war Kunst. Was solls. Sie setzten sich an einen Tisch in der Cafeteria. Christel gab Sienna ihre Hausaufgaben zum Abschreiben und blätterte dann ungestört im Tagebuch. Nachdem sie sich damit befasst hatte, war ihr einiges aufgefallen. Die Verfasserin war nur so von Problemen umzingelt. Christel hatte heraus gefiltert, dass ihre Eltern sie kontrollierten. Sie erinnerte sie an eines dieser Kinder in manchen Fernsehprogrammen, die sich abends mit ihren Freunden betranken und bis spät in die Nacht versuchen Leute abzuziehen, um am darauffolgenden Tag genug Geld für ihre Geschäfte mit Kriminellen zu haben. Jugendliche, die erst gegen vier Uhr morgens nach Hause kamen und ignorierten, dass ihre Eltern vergeblich versuchten, sie zu kontaktieren. Darauf gab es unzählige Andeutungen. Zudem fing sie im Laufe des Buches an, an einen Micah gerichtet zu schreiben. Eine einzige Person, der sie sich in dem Kreis von Problemen anvertraute. Und zuletzt ... die verwaisten Seiten. Oft folgten nach einigen normal aussehenden Blättern eine Reihe an weißem Papier. Und, wenn sie diese übersprang, fand sie ein paar Einträge verstreut im Buch. Völlig aus dem Kontext gerissen. Das war mittlerweile das größte Mysterium für sie. Wieso hatte die Tagebuch-Schreiberin immer wieder mit dem Schreiben aufgehört und dann einige Tage oder Wochen später wahllos auf anderen Seiten weitergeschrieben? Ein Junge mit dunkelblonden Haaren, es war Lukas, kam in ihr Sichtfeld. »Hi, was hast du da?« »Ach«, Christel blätterte langsam zurück zu dem letzten Eintrag, den sie gelesen hatte, »das ist dieses Tagebuch, das ich gefunden habe.« Sie hoffte, Lukas würde nicht weiter nachfragen und sich zu Sienna setzen. Er schob den Stuhl neben ihrer Freundin zurück. Wo sollte er sonst hingehen? Alle anderen Stühle waren besetzt. Christel erfreute es nicht, an großen Tischen zu sitzen. Er streckte seine Hand nach dem Buch aus, ehe sie es realisierte. Sie biss sich schmerzhaft auf die Zunge: besser sie sagte nichts. Was war schon dabei. Doch Lukas las nicht, er erfasste die Seitenränder, drehte das Buch ein paar Mal. »Schon seltsam, diese leeren Seiten, findest du nicht?« Die Frage kam überraschend. Hatte er sie zuvor dabei beobachtet, wie sie über dem Buch rätselte? Christel nickte und fragte sich, worauf er anspielte. »Vielleicht sind die Einträge verschlüsselt?« »Wie denn?« Lukas war ein seltsamer Kauz. Aber, wenn jemand das Mysterium lösen konnte, dann er. Christel erinnerte sich daran, wie er ihnen, damals, als sie in derselben Klasse waren, geheime Botschaften durch den Raum reichte, die sie entzifferten. Er hielt das Buch waagerecht vor seinem Auge. »Ich denke, da steht was. Ist dir aufgefallen, dass die leeren Seiten alle oben an der Seite minimal eingerissen sind?« Er gab ihr das Buch zurück. Zuerst wollte sie ihm vorschlagen, sich eine Brille zu beschaffen, dann sah sie es. »Warum hat sie die Seiten markiert? Ist da was streng geheimes oder was hatte sie vor? Aber womit hat sie dann geschrieben? Mit unsichtbarer Tinte?« »Klar, natürlich! Ich weiß sogar, wie wir das lesen können! Komm mit. Wir haben zehn Minuten.« Verwirrt steckte Christel das Tagebuch in ihre Tasche und stolperte Lukas hinterher. Er verließ das Schulgebäude und schlug den Weg in Richtung des Kiosks ein, der neben der Schule stand. »Was woll’n wir da?« »Wirst du gleich sehen.« Sie betrat den Kiosk hinter ihm. Der Kioskbesitzer musterte sie kurz und widmete sich dann wieder der Kasse. »Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es hier diese magische Knete. Ich weiß nicht, ob es die unsichtbaren Stifte auch gibt, aber ... ah egal, hier müsste sie sein«, murmelte er. Er deutete auf eine Ecke, in der Kleinkram und die erwähnten, >magischen< Kneten herumlagen. »Such mal diese, die mit UV-Licht leuchten.« Christel hob jede Dose einzeln hoch. Die sich ändernde Farbe, die Unzerstörbare. Die, die du essen und wieder hochwürgen kannst. Genau. »Hier, ich hab’s. Die hat eine UV-Licht-Lampe.« Sie warf einen Blick auf die altmodische Uhr, die über der Tür hing. Ihnen blieben fünf Minuten. »Pass mal auf, dass der Kassierer nicht guckt.« Perplex starrte sie auf Lukas, der dabei war, die Verpackung zu entfernen, dann auf den Kioskbesitzer. Sie waren in der Pause nicht die Einzigen im Kiosk. Doch der Besitzer sah ab und zu grimmig in ihre Richtung. Wer weiß, was Lukas hier schon mal angestellt hat. »Was soll das werden?« »Ich klau’ das, was sonst.« Er sah sie an, als wäre es das Normalste der Welt in einen Kiosk zu gehen und Knete wegen einer UV-Licht-Lampe mitgehen zu lassen. »Guck doch nicht so. Das war ein Scherz. Ich möchte nur sichergehen, dass diese Einträge wirklich mit einem UV-Stift geschrieben wurden, bevor du diese Knete kaufst.« Christel klappte ihren Mund auf. Dann wieder zu. Bevor ich sie kaufe? Soll ich wirklich? Offensichtlich wollte jemand nicht, dass ich die Einträge lese, dachte sie im Stillen. Der Kioskbesitzer bereitete ihr Sorgen. Sie stellte sich im Versuch, unauffällig zu wirken, vor Lukas, sodass er nicht sah, was sie hier taten. Sie hatte das Gefühl, als versuche sie einen Mord zu vertuschen. »Hab’s«, murmelte er. Christel zog das Tagebuch hervor und reichte es Lukas. Sie positionierte sich so, als würde sie sich die Comichefte anschauen, die gleich daneben lagen. »Bingo.« Der Kioskbesitzer öffnete den Mund, doch eher er etwas sagte, gab Lukas ihr das Buch zurück. »Komm, wir bezahlen besser.« »Und ... was steht da so?« Wäre es schädlich, wenn sie ihn einweihte? Bis sie sich entschieden hatte, wandte sich Lukas ab und redete mit Sienna. Tatsache war, dass es funktionierte. Sie sah genau auf das leere Papier. Nichts. Langsam schaltete sie die Lampe wieder an und hielt sie über das Blatt. Die Seite war ununterbrochen beschrieben worden. Ihr war es nicht einmal in den Kopf gekommen, dass die Schreiberin einen geheimen Stift verwendete, um sicherzugehen, dass man ihre Einträge nicht las. Aber warum hatte sie dann nicht das ganze Buch damit vollgeschrieben? Was verbarg sich auf diesen Seiten? »Was starrst du denn wieder so auf dieses Tagebuch?« Bevor sie die Gelegenheit hatte, weiter nachzudenken, unterbrach sie Sienna, die sie so anstarrte, wie als würde sie mit einem Geist sprechen. Lukas war weg. Das Abschreiben, sowie das Gespräch mit Lukas hatte sie beendet. »Nichts. Ich hab bloß nachgedacht«, antwortete Christel. Sie hatte nicht vor, Weiteres zu sagen. Stattdessen klappte sie das Buch zu und widerstand dem Verlangen, darin zu lesen. Nicht der geringste Antrieb erfüllte sie, es Sienna zu erklären. Wenn sich die Gelegenheit ergab, würde sie es später tun. Sie bevorzugte es, keinen Gedanken mehr daran zu vergeuden. Vor allem nicht in der Schule. Es läutete und sie suchte flink ihre Sachen zusammen, bevor die verwirrte Sienna die Gelegenheit bekam, mehr Fragen zu stellen. In der folgenden Mittagspause war die Verlockung der geheimen Seiten zu groß. Sie kaufte sich ein belegtes Brot, setzte sich an einen Tisch und las. Hamburg, den 30.05.2018 Lieber Micah, ich habe es getan. Lange masst du nicht mehr warten, der erste Teil meines Plans ist vollbracht. In Liebe Liane »Sag mal, hast du noch andere Hobbys außer dieses Buch?« Vor Schreck zuckte Christel merklich zusammen. Sienna hatte sich unbemerkt von hinten angeschlichen. Sie seufzte auf. »Wenn ich ehrlich bin, momentan nicht.« »Was ist so besonders daran, in dem Leben einer Unbekannten zu lesen?« Wenn du wüsstest. Christel sprach es nicht aus. Stattdessen setzte sie an: »Es ist ... ich weiß nicht ... faszinierend. Erst hat sie so glücklich gewirkt, aber plötzlich fing alles an, schief zu laufen. Also manche Tage scheinen...




