E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Knapp Der Gipfeldieb
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-492-97218-5
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-492-97218-5
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Radek Knapp, 1964 in Warschau geboren, lebt als freier Schriftsteller in Wien und in der Nähe von Warschau. Nach seinem mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichneten Erzählungsband »Franio« gelang ihm mit dem Roman »Herrn Kukas Empfehlungen« ein großer Publikumserfolg. Außerdem erschienen von ihm unter anderem »Reise nach Kalino«, »Gebrauchsanweisung für Polen« sowie »Der Gipfeldieb«.
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Ich hielt mein Versprechen und zog mir das neue Hemd für die Verleihung an. Es war allerdings auch nicht so, dass ich große Alternativen gehabt hätte. Allerdings verschwieg ich meiner Mutter, dass ich mit dem Fahrrad zur Staatsbürgerschaftsverleihung fuhr. Sie hätte das für eine Art Blasphemie gehalten, aber es gab in der Verfassung nirgendwo einen Paragrafen, der es verbot, zu einer Staatsbürgerschaftsverleihung zu radeln. Ich wollte dadurch keineswegs die U-Bahn vermeiden. Ich mochte das Rad nicht einmal besonders, es war ein ziemlich unbequemes Verkehrsmittel, und noch weniger konnte ich mich für andere Radfahrer erwärmen. Aber das Rad war eine perfekte Abgrenzungsmaschine. Man suchte sich ein eigenes Tempo und war sofort vom übrigen Verkehr ausgeklammert. So wie ein X in einer Gleichung, dem die anderen Ziffern nichts anhaben konnten. Man war da und doch nicht da, genauso wie der Soldat Schwejk, der sich in einer Schlacht auf einem Baum versteckte und beide Armeen gleichzeitig anfeuerte.
Als ich an diesem Vormittag durch die Straßen Richtung Rathaus radelte, verbarg ich mich wieder in dieser Klammer und ließ den Blick schweifen. Da war ich schon so lange in der Plüschstadt und wusste noch immer nicht, was ich von ihr halten sollte. In der Zeitung stand, dass das eine der lebenswertesten Städte der Welt war. Und das stimmte auch, wenn man ein Tourist war oder ein Oligarch. Die ganze Welt glaubte, dass die Straßen Wiens voller Menschen waren, die tagsüber nur in Kaffeehäusern saßen, ihren Veltliner tranken und über das Wetter redeten. Und je mehr sie herumsaßen und übers Wetter redeten, desto besser sahen sie aus und desto mehr Geld hatten sie.
In Wahrheit aber war Wien ein stilles Wasser. Was hinter den schmucken Fassaden passierte, stand in keinem Reiseführer. Eigentlich war Wien ein großes Museum, in dem zwei Millionen Museumswärter auf engstem Raum lebten und fortwährend über den Tod redeten. Das Leben war in den Keller gewandert und fand unterirdisch statt. Die Zeitungen berichteten ständig von Leuten, die jahrelang ihre Wohnungen nicht verlassen wollten, sodass man sie schließlich sogar mit Gewalt ans Tageslicht holen musste.
Als ich zum Schottentor kam, erblickte ich einen weiteren Bewohner, über den man nicht in Zeitungen schrieb. Eine Ratte lief den Gehsteig hinunter und war nicht menschenscheu. Sie benahm sich, als wäre sie kurz aus ihrem Bau gesprungen, um ein paar Einkäufe zu erledigen. Zuerst kam sie zu einem Handygeschäft, für das sie kein Interesse zeigte, schaute dann bei der Buchhandlung vorbei und blieb erst vor dem Schaufenster eines Küchengeschäfts stehen. Sie schien sich für den gleichen Milchkocher zu interessieren, den ich letztes Jahr gekauft hatte. Es war schade, dass man keinen Tierfilm über Wiens Ratten gemacht hatte. Sie waren aber nun mal nicht so graziös und elegant wie Antilopen.
Kurz bevor ich zum Rathaus kam, erblickte ich noch eine Wiener Eigenheit, die in keinem Reiseführer stand, aber doch an der Tagesordnung war. Ein unsympathischer Bettler redete auf eine elegante ältere Frau ein, die aussah, als wollte sie jeden Moment die Polizei rufen. Nach kurzer Überlegung griff sie in ihre Tasche und holte zur Verblüffung aller einen großen Geldschein heraus. Man darf hier die Leute nie nach ihrem Äußeren beurteilen. Die Wiener sind erstklassige Schauspieler, und man weiß nie so recht, was in ihnen vorgeht.
Als ich wenig später vor dem Rathaus ankam, kettete ich mein Rad neben einem Baum an und marschierte zum Eingang. Dort saß hinter Glas ein Beamter in einer grauen Uniform. Er hatte mächtige Vorderzähne wie ein Feldhase, die sozusagen ständig an der frischen Luft waren, weil seine Oberlippe zu klein geraten war. Er fragte mich nach meinem »Ansinnen«. Er sagte tatsächlich: »Was ist Ihr Ansinnen?«, und ich fand ihn gleich sympathisch. Wenn jemand Wörter verwendet, die vom Aussterben bedroht sind, dann muss man ihn einfach mögen. Sogar, wenn er eine Uniform anhat.
Er überflog mein Schreiben und gab mir dann einen Plan des Rathauses. »Die Zeremonie findet in Saal 7 statt. Halten Sie sich an die Pfeile, und versuchen Sie keine Abkürzungen«, belehrte er mich und präsentierte sein Gebiss. »Uns sind schon deswegen ein paar Staatsbürger auf dem Weg zur Verleihung verloren gegangen.«
Ich bedankte mich und versuchte, nicht zu sehr auf seine Hasenzähne zu starren.
Der Plan war wirklich hilfreich. Wer immer das Rathaus gebaut hatte, er war ein naher Verwandter des Dädalus. Oder er hatte einen defekten linken Scheitellappen, der bekanntlich für das räumliche Denken verantwortlich ist. Ich verlief mich nur einmal und fand schließlich in den Gebäudeteil, in dem die Zeremonie stattfinden sollte.
Ich betrat ein großes Wartezimmer, in dem noch zwei andere Staatsbürgerschaftsanwärter saßen. Es war ein türkisches Ehepaar mittleren Alters. Gemessen daran, wie nervös die Frau ständig ihr Kopftuch zurechtzupfte, musste sie diejenige sein, um die es ging. Der Mann wirkte vollkommen ruhig und war bestimmt nur ihre Begleitung. Ich hatte einmal gelesen, dass türkische Männer Weltmeister im Begleiten ihrer Frauen waren. Sie begleiteten sie praktisch überallhin.
Die beiden nickten mir zur Begrüßung freundlich zu, ich nickte zurück und nahm auf der Bank vor Saal 7 Platz. Nachdem ich mich hingesetzt hatte, tat ich das, was alle Wartenden tun. Ich sah mich um, ob es etwas Interessantes im Raum gab, und nahm anschließend die Wände ins Visier. Sie waren aus schönem dunklen Holz, und überall hingen Bilder von ehemaligen österreichischen Präsidenten. Es gibt nichts Langweiligeres als ein Politikergesicht, aber da ich nichts Besseres zu tun hatte, fing ich an, die Präsidentengesichter auf gemeinsame Merkmale zu untersuchen. Politikergesichter sind sich auf magische Art ähnlich, und ab dem fünfzigsten Lebensjahr sehen sie praktisch identisch aus. Das einzige auffällige Merkmal ist der überentwickelte Unterkiefer, den Politiker bekommen, weil sie alle in denselben versnobten Restaurants stundenlang einen überteuerten Tafelspitz kauen.
Aber etwas Interessantes fand ich doch. Alle Präsidenten trugen die gleiche rot-weiß-rote Krawatte. Als wäre diese Krawatte ein Wanderpokal, den einer dem anderen nach dem Tod vermachte. Leider konnte ich über dieses Detail nicht allzu lange nachgrübeln, weil die Tür zum Zeremoniensaal aufging und ein kleinwüchsiger Beamter auf den Flur trat. Er war etwa in meinem Alter und steckte in einem gelben Anzug. Er besaß die gleiche rot-weiß-rote Krawatte wie die Präsidenten auf den Bildern. Und er wirkte, als wäre er in Eile.
Er nahm mich und das türkische Ehepaar ins Visier und fragte: »Wer von Ihnen ist Ludwik Wiewurka?«
Ich hob die Hand. Ich wollte etwas antworten, aber dann passierte etwas Merkwürdiges mit meinen Stimmbändern. Sie hörten auf zu existieren. Der Beamte warf mir einen prüfenden Blick zu, und auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln, das das Spektrum von zurückhaltend bis angenehm überrascht abdeckte.
»Darf ich Sie dann hereinbitten.« Er zeigte in sein Büro. »Es ist unüblich, Staatsbürgerschaften auf dem Flur zu verleihen.«
Das war zwar als Scherz gemeint, aber irgendwie steckte darin die unausgesprochene Aufforderung, dass ich in Galopp verfallen sollte.
Wir betraten ein geräumiges Büro mit imposanten alten Möbeln. In die Zimmerdecke war der österreichische Adler von der Größe einer Cessna eingearbeitet, sodass man sich instinktiv bückte.
Der Beamte nahm an seinem Schreibtisch Platz und zeigte auf den leeren Sessel, der für mich bestimmt war.
»Bitte setzen Sie sich. Wir werden uns dann erheben, wenn es der Anlass erfordert. Aber vorher müssen wir noch ein paar Formalitäten erledigen …« Er machte eine schwer zu deutende Handbewegung. »Darf ich annehmen, dass Sie das Deutsche beherrschen?«
Ich nickte. Ich räusperte mich und sagte laut: »Das tue ich. Ja.«
»Wunderbar. Uns sind nämlich die Übersetzer ausgegangen.« Er zeigte auf eine verschlossene Tür zu seiner Rechten, als warteten dort normalerweise ein Dutzend Übersetzer auf ihren Einsatz.
»Bevor wir zur Tat schreiten, möchte ich, dass Sie mir folgende Daten bestätigen. Es ist, wie gesagt, nur eine Formalität.« Der Beamte zog eine Mappe hervor, auf der mein Name stand. Er blätterte darin und hielt auf einer Seite inne. »Korrigieren Sie mich bitte, wenn etwas nicht stimmt. Sie sind mit zwölf zusammen mit Ihrer Mutter nach Wien gekommen, Sie haben einige Male die Schule abgebrochen und verschiedene Gelegenheitsjobs ergriffen. Zurzeit sind Sie als technische Hilfskraft in einer Heizungsfirma beschäftigt. Ist das so weit richtig?«
»Das ist so weit richtig«, sagte ich.
Meine Mutter war offensichtlich kooperativer gewesen als die CIA. Ich fragte mich, was sie noch alles ausgeplaudert hatte.
Der Beamte beugte sich über die Akte, als hätte er dort auf einmal etwas Wichtiges entdeckt: »Ich sehe gerade, Sie sind auf die Handelsakademie am Karlsplatz gegangen. Stimmt das?«
»Das ist richtig.«
»Da war ich auch«, informierte er mich und wurde kurz sentimental: »Diese Schule war eine Wucht. Erstklassige Lehrer und fantastische Schulkollegen. Da würde man sofort wieder hin, wenn man könnte, nicht wahr?«
»Allerdings«, log ich. Vielleicht war die Handelsakademie für ihn ein Paradies gewesen, aber für mich war es die Hölle. Abgesehen von der Börse, gab es in der ganzen Stadt keinen Ort, wo so viel über Geld geredet wurde wie auf der Handelsakademie. Selbst der Physiklehrer hatte mehr...




