E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Knoch Würmfreiheit
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-1349-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Region und Erinnerung
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
ISBN: 978-3-7481-1349-2
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Peter Knoch, Architekt und Stadthistoriker. 1961 als Architekt und Stadtplaner in der Schweiz. 1967 Stadtplanungsamt München. 1968 bis 2000 Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL, ISW München); wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent. 1971 bis 1981 Konzept und Durchführung Didaktischer Planspiele in der Fortbildung von Stadtplanerinnen und Stadtplanern. 1974 Lehrauftrag Universität Kassel. 1999 Promotion Universität Dortmund, Fakultät Raumplanung. Wettbewerbe Architektur und Städtebau. Zahlreiche Vorträge und Publikationen. Peter Knoch lebt in München.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1.2 Exkurs Interpretationsgeschichte;
Aus alter Zeit der Würmregion.
Reginpert, tritt 763 unter dem Herzog Tassilo III (741 – 794) auf die historische Bühne als Stifter umfangreichen Grundbesitzes und als Gründer des Klosters Scharnitz, Stützpunkt auf der Transitroute nach Italien und Rom. Überliefert ist für diese Zeit im Jahr 763 die erste schriftliche Erwähnung von Gräfelfing und Pasing, sowie 104 Jahre später im Jahr 817 von Menzing, im Würmtal. Damit ist angesprochen die Route der Merowinger über die Alpen nach Süden, kurz vor und nach der Entmachtung (788) des Herzogs Tassilo III. im seinerzeitigen Bayern durch Karl den Großen. Dieser, einer Sage zufolge im Würmtal geboren, führt einen 33jährigen Krieg gegen den Stamm der heidnischen Sachsen, den er, zeitgemäß, um 4000 Häupter köpfen lässt, die sich weigern, Christen zu werden. Dann zieht Karl über die Alpen zum Krieg gegen die Langobarden. Im Jahr 800 folgt seine Krönung in Rom zum römischen Kaiser durch Papst Leo III, dem der große Karl seinen Schutz angedeihen lässt.
Wer seinerzeit nicht spurt wandert geblendet und geschoren in ein vom jeweiligen Schauplatz der Macht entferntes Kloster. Andererseits wird dem in Salzburg ein Dom gebaut, der es wagt, als der Freiheit verpflichtete Person die Welt als Kugel zu interpretieren.35 Herrschaft, Grundbesitz und Unterdrückung, Kultur, Forschung und Freiheit liegen im Widerstreit.
Fest steht, der Name Reginpert steht auf einem Pergament auf dem auch die Namen „Pasing“ und „Gräfelfing“ im Würmtal zum ersten Mal schriftlich bezeugt sind. Es handelt sich aber weder in diesem, noch im Falle der benachbarten Ortschaft Menzing, um eine „Gründungsurkunde“.
Außer Betracht bleibt in der Regel der Jahrhunderte alte Antijudaismus; so etwa derjenige des Kirchenvaters Augustinus (354 – 430), wenngleich wirkungsmächtig bis in die Neuzeit.
Im Weiteren gehe ich zunächst der Frage nach, welche Interpretationsmuster lassen sich in Forschung und Politik 1200 Jahre später zur Geschichte des Nationalsozialismus erkennen, der Geschichte des bisher größten Menschheitsverbrechens?
Kapitel 1.2.1 Exkurs: wie waren Nationalsozialismus und Holocaust möglich?
Bei Versuchen, diese Fragen zu beantworten, gibt es verschiedene “Interpretationsmodelle“. Darüber hinaus geht die Geschichte nach 1945 siebzig Jahre weiter bis zum heute erreichten Stand der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen. Ihre Anwendung würde im globalen Konfliktfall nahezu alles Menschenleben unwiederbringlich abräumen. Unsere Apokalypse - Blindheit36 bedroht uns nach wie vor.
Möglichen Folgen gilt es vorzubeugen.
Daher versuche ich hier, mich zunächst einem kurzen Überblick verschiedener Interpretationsvarianten zu der Eingangsfrage zu nähern „Wie war der NS möglich?“. Dies in zeitlicher Reihenfolge und zwecks Orientierung in gebotener Kürze, sowie als Anregung zu Kritik und zu weiterem Studium.
Marxistische Interpretationsmodelle gehen ursprünglich auf Karl Marx‘ und Friedrich Engels These von 1848 zurück, alle Geschichte sei die Geschichte von Klassenkämpfen37. Als deren Folge sei der Nationalsozialismus, so nachfolgende Interpreten, ein Produkt von Überproduktionskrisen, das in die terroristische Klassenherrschaft des bürgerlichen Imperialismus führe. Die, von heute aus gesehen, gleichsam religiöse Endzeiterwartung einer „Weltrevolution“ bewirkt den Voluntarismus ihrer Betreiber und scheitert an der Wirklichkeit38.
Der Wiener Arzt und Naturwissenschaftler Sigmund Freud analysiert 1921 den Zusammenhang zwischen Ich-Analyse und Massenpsychologie39. Freud zufolge haben „die Massen nie den Wahrheitsdurst gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten können“40. Er formuliert1938 – bereits im Londoner Exil - „Das Gemeinschaftsgefühl der Massen braucht zu seiner Ergänzung die Feindschaft gegen eine außenstehende Minderheit.“41
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno entwickeln seit 1944 eine “Dialektik der Aufklärung“42 als Theoriebeiträge zu einem kritischen, jedoch hilflosen, historischen Kulturpessimismus43.
Theodor W. Adorno und andere (1950) sehen, im amerikanischen Exil vor Ort erhobene, autoritäre Persönlichkeitsstrukturen als Quellen von Feindschaft gegenüber Minderheiten sowie für das Entstehen faschistischer Gesellschaften44. Diese Feindseligkeit führen sie auf soziale Frustration und Ungerechtigkeit zurück.
Hannah Arendt (1951)45 legt eine weit in die Geschichte zurückgreifende Interpretation des Antisemitismus vor als europäische Dimension totalitärer Herrschaft. Sie ergänzt diese Sicht um ihre Imperialismustheorie. „Ideologie und Terror
Auch Raul Hilberg47 sieht 1961 eine lange Entwicklungsepoche des christlichen Abendlandes, die in den - später von Goldhagen (1996)48 präzisierten -„eliminatorischem“ Antisemitismus der Nationalsozialisten münde. Nur unter dieser Einbeziehung der abendländischen Vorgeschichte49 des NS, lässt sich m.E. die Massenmobilisierung der Nationalsozialisten in nur fünf Jahren bei den Wahlen vor 1933 glaubwürdig deuten. Hilberg (1994)50 muss sich jedoch, nach bitterem eigenem Bekenntnis, zeitlebens als Überbringer „unerbetener Erinnerung“ fühlen. Aktuell ergänzt wird Hilbergs wissenschaftlich-analytische Leistung durch Hubert Wolf (2008)51 und Antonia Leugers (2013)52.
Horkheimer (1961) problematisiert die Methode, Vorurteile als Auslöser für mörderischen Antisemitismus in Anspruch zu nehmen als „Euphemismus“. „Der Gebrauch des harmlosen Wortes verdankt sich der Scheu, das Furchtbare zu benennen.“
Eine Wiederaufnahme der Forschungen und Überlegungen Sigmund Freuds erfolgt in Deutschland erst 1967 durch Margarete und Alexander Mitscherlich mit ihrer Studie „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens“53. Auch sie sehen Vorurteile, als “stabil gewordene Wahrnehmungstäuschungen“, die den „unfreundlichen Deutschen“ und unsere Intoleranz konditionieren würden.
Jacob Katz (1980; b.A: deutsche Fassung 1989) beschreibt und interpretiert eine Geschichte des Antisemitismus von 1700 – 1933 als die der Entwicklung vom Vorurteil bis zur Vernichtung von Juden.
Einen unvermittelten Umbruch der Geschichte in Bayern ohne ideologischen und/oder religiösen Vorlauf sieht die Forschungsgruppe um Martin Broszat am Institut für Zeitgeschichte in München. Sie beleuchtet in sechs Bänden (1977 – 1983) “Bayern in der NS-Zeit“54. Zu den Quellen des NS machen die zahlreichen Autoren, entsprechend dem Titel der Gesamtausgabe der VI Bände, kaum Aussagen.
Deist, Messerschmidt u.a. (1979), ursprünglich eine Forschergruppe im militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr, legen eine umfangreiche Untersuchung vor über „Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges“55. Sie lassen Antisemitismus als wesentlich für die Entwicklung des NS außer Acht. Die Autoren konzentrieren sich überwiegend auf Militärtradition und „Kriegstheologie“ im deutschen Nationalstaat seit 1871, sowie auf das Versagen der christlichen Kirchen gegenüber dem Nationalsozialismus. Eine einheitliche „Weltkriegstheologie“ kennzeichne darüber hinaus die Kriegspredigten aller Weltreligionen.
Dan Diner (Hrsg. 1988)56 versucht, für die Zeit 1933 – 45 einen „Zivilisationsbruch“ zu markieren ohne eine diesen Bruch vorbereitende Entwicklung zu benennen. Lediglich Micha Brumlik gelingt es im selben Band, die „Apokalypse-Blindheit“57 des Zeitalters zukunftsbezogen zu thematisieren58.
Jürgen Falter (1991) versucht das Stimmverhalten der NSDAP-Wähler und die Massenbasis der Nationalsozialisten zu ergründen59. Falter misst seiner statistischen Methode einen hohen Schwierigkeitsgrad bei, nachdem Personen als Basis der nötigen Befragungen zwecks Absicherung seiner Statistiken kaum noch vorhanden seien. Einen Zusammenhang von hoher Arbeitslosigkeit und Wählerverhalten der 4,5 - 6,5 Mio. Arbeitslosen in der Weimarer Republik zu Gunsten des NS kann Falter nicht bestätigen. Was als Erklärungsmuster bleibe, sei Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg.
Auch Sybille Steinbacher (1993)60 stellt am Beispiel der Stadt Dachau den Zusammenhang von Massenarbeitslosigkeit und sprunghaftem Anstieg der Wählerstimmen von...




