Kostova | Der Historiker | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 832 Seiten

Kostova Der Historiker


10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8270-7143-9
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 832 Seiten

ISBN: 978-3-8270-7143-9
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein junges Mädchen findet in der Bibliothek ihres Vaters ein Konvolut mit vergilbten Briefen. Das Geheimnis um den Vater und das Schicksal der Mutter verbinden sich zu einem Drama, das weit in die Vergangenheit zurückreicht. Die Briefe fragen nach der Herkunft von Vlad dem Pfähler, dem Urbild der Dracula-Legende. Eine atemberaubende Suche in Klöstern, Bibliotheken und Archiven beginnt, bei der Grausamkeiten Draculas zutage treten, die sich bis heute fortsetzen ...

Elizabeth Kostova hat an den Universitäten von Yale und Michigan studiert. Ihr erster Roman »Der Historiker« war in den USA Bestseller Nr. 1 mit mehr als 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Übersetzungsrechte wurden in 44 Sprachen verkauft, die Filmrechte gingen an Sony.
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Im Jahr 1972 war ich sechzehn – zu jung, sagte mein Vater, um ihn auf seinen Reisen in diplomatischer Mission zu begleiten. Er zog es vor, mich aufmerksam im Unterricht der Internationalen Schule von Amsterdam sitzen zu wissen. In jenen Tagen arbeitete seine Stiftung von Amsterdam aus, und die Stadt war schon so lange meine Heimat, dass ich unser früheres Leben in den Vereinigten Staaten fast vergessen hatte. Es kommt mir heute eigenartig vor, dass ich auch als Halbwüchsige noch so gehorsam gewesen sein soll, während der Rest meiner Generation mit Drogen herumexperimentierte und gegen den imperialistischen Krieg in Vietnam protestierte. Aber ich war so behütet aufgewachsen, dass mein Leben als Erwachsene in der Wissenschaft dagegen abenteuerlich wirkt. Das lag mit daran, dass ich keine Mutter mehr hatte und mich mein Vater aus dem Gefühl doppelter Verantwortung heraus stärker beschützte, als er es sonst wohl getan hätte. Ich war noch ein Baby, als meine Mutter starb. Das war, bevor mein Vater das Zentrum für Frieden und Demokratie gründete. Mein Vater sprach nie von meiner Mutter und wandte sich schweigend ab, wenn ich ihm Fragen über sie stellte. Ich verstand sehr früh, dass es zu schmerzvoll für ihn war, mit mir über sie zu reden. Stattdessen kümmerte er sich hingebungsvoll um mich und versorgte mich mit einer Reihe von Kindermädchen und Haushälterinnen – Geld spielte keine Rolle, wenn es um meine Erziehung ging, obwohl wir unseren Alltag durchaus einfach bestritten.

Die letzte dieser Haushälterinnen war Mrs Clay, die sich um unser schmales Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert an der Raamgracht im Herzen der Altstadt kümmerte. Jeden Tag nach der Schule öffnete Mrs Clay mir die Tür. Sie diente als Elternersatz, wenn mein Vater, wie so oft, auf Reisen war. Sie war Engländerin, älter, als es meine Mutter gewesen wäre, und so geschickt sie sich mit dem Staubwedel anstellte, so unbeholfen war sie mit Teenagern. Wenn ich am Esstisch ihr vor Mitgefühl zerfließendes Gesicht mit den langen Zähnen darin sah, glaubte ich, dass sie gerade an meine Mutter dachte, und hasste sie dafür. Wenn mein Vater nicht da war, hallte es in dem hübschen Haus. Niemand konnte mir bei Algebra helfen, niemand bewunderte meinen neuen Mantel, rief mich zu sich und drückte mich an sich, niemand zeigte sich erschreckt, wie sehr ich gewachsen war. Wenn mein Vater von einem der Orte auf der Europakarte, die bei uns im Esszimmer hing, zurückkam, roch er nach anderen Zeiten und Plätzen, würzig und müde zugleich. In den Ferien fuhren wir nach Paris oder Rom und studierten sorgfältig alle Sehenswürdigkeiten, von denen mein Vater annahm, dass ich sie kennen sollte, aber ich sehnte mich nach jenen anderen Orten, wohin er verschwand, jenen sonderbaren alten Orten, die ich nie gesehen hatte.

Wenn er auf Reisen ging, machte ich mich auf den Weg zur Schule und ließ bei meiner Rückkehr die Bücher mit einem Knall auf den polierten Tisch in der Diele fallen. Weder Mrs Clay noch mein Vater ließen mich abends ausgehen, sah man von einem gelegentlichen, sorgsam begutachteten Film ab, in den ich mit sorgsam begutachteten Freunden gehen durfte, und in der Rückschau erstaunt es mich, dass ich diese Regeln niemals missachtet habe. Ich war sowieso am liebsten allein, das Alleinsein war das Element, in dem ich aufgewachsen war und in dem ich mich wohl fühlte. Ich tat mich im Lernen hervor, nicht im Umgang mit Gleichaltrigen. Mädchen meines Alters versetzten mich in Schrecken, besonders die smarten, kettenrauchenden Alleswisser aus den diplomatischen Kreisen, in denen sich mein Vater bewegte. In ihrer Gegenwart hatte ich immer das Gefühl, mein Kleid sei zu lang oder zu kurz, oder dass ich etwas völlig anderes tragen sollte. Jungen gaben mir Rätsel auf, obwohl ich vage von Männern träumte. Am Ende war ich in der Bibliothek meines Vaters am glücklichsten, allein in diesem großen, gepflegten Raum im ersten Stock unseres Hauses.

Die Bibliothek meines Vaters war wahrscheinlich einmal ein Wohnzimmer gewesen, das er jedoch nur zum Lesen benutzte, und in seinen Augen war eine große Bibliothek wichtiger als ein großes Wohnzimmer. Seit langer Zeit schon gewährte er mir freien Zugang zu seinen Büchern. Wenn er nicht da war, saß ich stundenlang über meinen Hausarbeiten am Mahagonischreibtisch der Bibliothek oder stöberte in den Regalen, die rundum liefen. Ich begriff erst später, dass mein Vater entweder halb vergessen haben musste, was sich auf einem der obersten Regalbretter befand, oder dass er – was wahrscheinlicher ist – davon ausging, ich würde es nicht erreichen. Eines Abends holte ich nicht nur eine Übersetzung des herunter, sondern auch einen weit älteren Band und einen Umschlag mit vergilbten Papieren.

Ich kann auch heute noch nicht sagen, was mich dazu brachte, beides aus dem Regal zu nehmen. Aber die Abbildung, die mitten auf dem Buch prangte, der Geruch des Alters, den es verströmte, und meine Entdeckung, dass es sich bei den Papieren um persönliche Briefe handelte, all das machte mich äußerst aufmerksam. Ich wusste, ich sollte die Nase nicht in die persönlichen Dinge meines Vaters stecken, oder die eines anderen, und ich hatte Angst, dass Mrs Clay plötzlich hereinschneien würde, um zu dieser Stunde den staubfreien Schreibtisch abzustauben – weshalb ich wahrscheinlich immer wieder über die Schulter zur Tür sah. Aber ich konnte nicht anders, ich musste den ersten Absatz des zuoberst liegenden Briefes lesen, und stand minutenlang mit dem Brief in der Hand vor dem Regal.


An diesem Punkt veranlasste mich mein Schuldgefühl – und noch etwas anderes –, den Brief hastig zurück in seinen Umschlag zu stecken, aber ich dachte den ganzen Tag über an ihn, und auch den nächsten über. Als mein Vater von seiner Reise zurückkehrte, suchte ich nach einer Gelegenheit, ihn nach den Briefen und dem merkwürdigen Buch zu fragen. Ich wartete darauf, dass er Zeit hatte und wir beide allein waren, aber er war in jenen Tagen sehr beschäftigt, und etwas an dem, was ich da gefunden hatte, ließ mich zögern, ihn darauf anzusprechen. Schließlich bat ich ihn eindrücklich, mich auf seine nächste Reise mitzunehmen. Es war das erste Mal, dass ich ein Geheimnis vor ihm hatte, und auch das erste Mal, dass ich auf etwas bestand.

Widerstrebend erklärte sich mein Vater einverstanden. Er sprach mit meinen Lehrern und mit Mrs Clay und erinnerte mich daran, dass ich reichlich Zeit für meine Hausaufgaben haben würde, während er in Besprechungen war. Das wunderte mich nicht, denn als Diplomatenkind war ich Warten gewöhnt. Ich packte meinen marineblauen Koffer und nahm meine Schulbücher und viel zu viele Kniestrümpfe mit. Statt an diesem Morgen zur Schule zu gehen, reiste ich mit meinem Vater und ging schweigend und glücklich neben ihm zum Bahnhof. Ein Zug brachte uns nach Wien; mein Vater hasste Flugzeuge, die, wie er sagte, das Reisen um die Reise betrogen. In Wien verbrachten wir eine kurze Nacht in einem Hotel. Ein weiterer Zug brachte uns über die Alpen, vorbei an all den weißen und blauen Gipfeln unserer Landkarte zu Hause. Vor einem staubigen gelben Bahnhof startete mein Vater schließlich unseren Mietwagen, und ich hielt den Atem an, bis wir durch das Tor einer Stadt kamen, von der er mir so oft erzählt hatte, dass ich sie schon in meinen Träumen hatte sehen können.

Am Fuß der slowenischen Alpen hält der Herbst früh Einzug. Noch vor September folgt auf die reiche Ernte ein plötzlicher heftiger Regen, der mehrere Tage anhält und die ersten Blätter auf die Straßen der Dörfer fallen lässt. Heute, in meinen Fünfzigern, wandern meine Gedanken alle paar Jahre dorthin, und ich durchlebe noch einmal meine erste Begegnung mit der slowenischen Landschaft. Es ist altes Kulturland. Jeder Herbst lässt es etwas weicher werden, – in alle Ewigkeit. Es beginnt immer mit denselben drei Farben: einer grünen Landschaft und zwei, drei gelben fallenden Blättern an einem grauen Nachmittag. Ich nehme an, dass die Römer – die ihre Mauern hier zurückgelassen haben und im Westen an der Küste ihre gewaltigen Arenen – den gleichen Herbst erlebten und den gleichen Schauder. Als der Wagen meines...


Löcher-Lawrence, Werner
Werner Löcher-Lawrence studierte Journalismus, Literatur und Philosophie, arbeitete an der Universität München und als Lektor in verschiedenen Verlagen. Heute ist er als literarischer Agent und Übersetzer tätig (www.loecher-lawrence.de). Zu den von ihm übersetzten Autoren gehören u.a. John Boyne, Nathan Englander, Hilary Mantel, Hisham Matar, Lionel Shriver und Meg Wolitzer.

Kostova, Elizabeth
Elizabeth Kostova hat an den Universitäten von Yale und Michigan studiert. Ihr erster Roman »Der Historiker« war in den USA Bestseller Nr. 1 mit mehr als 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Übersetzungsrechte wurden in 44 Sprachen verkauft, die Filmrechte gingen an Sony.



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