Krausser Melodien
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8321-8825-2
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 862 Seiten
Reihe: DuMont Taschenbücher
ISBN: 978-3-8321-8825-2
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmut Krausser, geboren 1964, lebt in Berlin. Bei DuMont erschienen neben dem Gedichtband >Plasma< (2007), >Verstand und Kürzungen< (2014), die Romane >Eros< (2006), >Die kleinen Gärten des Maestro Puccini< (2008), >Einsamkeit und Sex und Mitleid< (2009) >Die letzten schönen Tage< (2011) und >NIcht ganz schlechte Menschen< (2012) sowie die Tagebücher >Substanz< (2010) und >Deutschlandreisen< (2014) und der Kriminalroman >Aussortiert< (DuMont Taschenbuch 2011). Seine Romane >Der große Bagarozy<
Autoren/Hrsg.
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XIII
Am nächsten Morgen, dem letzten Augusttag, brachte Pietro einen Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren vorbei, mit kantigem, gebräuntem Gesicht, struppig dunkelblonden Haaren und derben, an Arbeit gewöhnten Händen. Die Farben seines Gewandes waren ausgewaschen, die Strumpfhose von Flicken übersät, das ehemals weiße Hemd bräunlich getönt, an den Füßen trug er Holzpantoffeln. Erstaunlicherweise besaß sein Ledergürtel eine silberne Schnalle, in die ein Wappen eingearbeitet war – zwei Adler und zwei Löwen um einen Schild aus Karos.
Der Mönch zog Castiglio beiseite.
»Das wird Euer Gehilfe sein. Ein im Geiste simpler Bursche, bei Bauern aufgewachsen, mit dem habt Ihr bestimmt keine Schwierigkeiten. Pico läßt ihm jedes Jahr zum Geburtstag etwas Geld zukommen … Ihr versteht, was ich meine?«
»Er ist …«
»Genau. Einer seiner Hurensöhne. Aber darauf kann er sich wenig einbilden, hier laufen Scharen seiner Sorte herum.«
Der Mönch klopfte Castiglio beim Gehen auf die Schulter, was in der Gestik dieses steifen Menschen gravierende Bedeutung besaß; Signal zu einem neuen Stadium der Vertraulichkeit.
Der Bursche lehnte unbeholfen an der Tür, ein Bündel im Arm, den Blick schräg auf die Bodenplatten geheftet. Der Oberkörper schaukelte langsam hin und her.
Ein Fürstenfehlschuß! Der Magier knurrte beleidigt. Man hatte ihm einen verwilderten Bankert geschickt! Und einen Trottel dazu! Na schön.
Castiglio pflanzte sich vor ihm auf.
»He! Steh grade! Wie heißt du?«
»Andrea, Herr.«
»Das ist alles?«
»Ich versteh’ nicht …«
»Du weißt, wer dein Vater ist?«
»Ich weiß es schon, nur …« Der Bursche wirkte sehr verlegen, er rieb sich die Nase, und seine Augen hingen an der Tür, als zerrte jemand auf der Straße mit einem Strick an ihnen. Der Magier setzte ein bemühtes Lächeln auf und beendete die peinliche Situation.
»Ich bin Castiglio. Nichts weiter.« Er reichte ihm die Hand, die der Bursche hastig ergriff, ohne den mißglückten Fraternisierungsversuch zu begreifen.
Sein Gesicht war nicht sehr schön. Die gebrochene Nase saß breit und verpickelt über der ausgeprägten Kieferpartie, und die dicken Lippen waren ganz verkrustet, weil er dauernd darauf herumbiß.
»Du trägst einen teuren Gürtel, Andrea.«
»Ja, da ist das Wappen von Mirandola drauf. Der Fürst hat mir den geschenkt.«
»Siehst du ihn oft, deinen … Fürsten?«
»Nein, fast nie. Aber die Gürtel schenkt er, damit … damit …«
»Ihr euch ein bißchen vom Volk unterscheidet? Du und deine Geschwisterbande?«
»Ja.«
»Sehr nett von ihm.«
»Ja! Er ist gut, der Fürst.«
»Setz dich! Kannst eine Birne haben, wenn du willst.«
Andrea, dessen linkisch-schüchternes Auftreten seinem kräftigen Körper etwas Plumpes verlieh, nahm Platz in einem der hohen Lehnstühle. Mit leicht verändertem Habitus hätte er einen Athleten darstellen können.
»Du wirst dein Lager hier in diesem Raum aufschlagen und fürs Feuer sorgen. Kannst du kochen?«
»Ich? Nein.«
»Dann wird kalt gegessen. Du erledigst die Einkäufe. Das Geld hierfür holst du jede Woche vom Haushofmeister Carafa, der weiß Bescheid. Ich will immer frisches Brot haben, hörst du? Gemüse, Milch, Obst. Nur roten Wein. Vom Fleisch bevorzugt Wild. Keinen Fisch!«
»Es gibt hier wenig Fisch, Herr, nur aus der Secchia, der ist teuer, und die im Wassergraben gedeihen nicht.«
»Um so praktischer. Traust du dir zu, Lämmer zu schlachten?«
»Schon.«
»Werden wir des öfteren tun müssen. Verstehst du mit einer Waffe umzugehen? Mit einem Schwert?«
»Gewiß, ich besitz’ aber keins.«
»Du wirst eins erstehen. Ich will nicht, daß du einschläfst ohne Schwert neben dir. Bist du bereit, das Haus gegen Eindringlinge zu verteidigen?«
Dem Burschen fiel die Kinnlade herab. »Auch gegen mehrere?«
»Ja, sicher.«
»Auch gegen fünf oder sechs?«
»Auch dann!«
»Ich weiß nicht, Herr …«
Castiglio fixierte ihn scharf und schmunzelte.
»Scheint, du hast mehr Grips im Kopf, als du einen glauben machst. Kannst du lesen?«
»Nein.« Dieses Nein seufzte er in wehleidigem Ton und senkte den Kopf beinah bis zur Tischplatte, als ob er sich dafür schämte.
Castiglio grinste kurz, fragte dann knapp und sachlich: »Möchtest du’s lernen?«
»O ja, Herr!«
»Macht keine Umstände. Wird allerdings Zeit brauchen.«
»Gewiß, gewiß.«
»Bis dahin wirst du dir ein paar Dinge im Kopf merken müssen.«
»Ja.«
»Wir werden jetzt nämlich eine Liste erstellen von allem, was wir brauchen.« Etwas träumerisch fügte er hinzu: »Von den eitlen Dingen und Werken …«
»Wie?«
»Nichts. Ich dachte an etwas … lang Vergangenes. Aus einem anderen Jahrhundert …«
Wieder sah er das Bild jenes Knaben vor sich, der seine Florentiner Stube untersucht hatte. Auch dessen Haar war blond gewesen; selten genug, um eine Assoziation auszulösen. Dieser Bengel mußte inzwischen auf die Fünfzig zugehn. Hätte Castiglio interessiert, was aus dem geworden war. Nichts Besonderes wahrscheinlich. Ein Schuhmacher. Ein Färber. Ein Henker. Irgendwas. Umberto vertrat ja vehement die These, ein Schuhmacher schaffe an der Welt ebensoviel wie ein Philosoph. Bücher hätten nur eine andere Haltbarkeit als Schuhe. Wenn man in relativen Zeiträumen denke, sei beides ein Wegwerfprodukt. Aber Aristoteles? Proklos? Seneca? Laërtius? Würde man das jemals wegwerfen? Nein, sicher gab es einen Grad von Tradition, der Sterblichkeit überwand. Ewigkeit wird niemandem aufgrund von ein paar Stiefeln verliehen. Allerdings hatte der Phrasendrescher Seneca Ewigkeitswert erlangt und sogar der stillose Laërtius, mangels besserer Überlieferer. Was zeigt, daß Qualität nicht unbedingt Kriterium für Ewigkeit sein muß, daß das Vergessen jeden treffen kann, den großen Philosophen ebenso wie den kleinen Schuhmacher, zugegeben mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit. Ewigkeit ist Glückssache! Vielleicht meinte Umberto das damit? Was hatte er Castiglio immer erzählt: Ein Paar guter Schuhe könnten dem Philosophen einen schmerzfreien Spaziergang verschaffen, und deshalb … Blabla! Schuhe sind nur Schuhe, werden zerschlissen, wen interessierten spitzfindige Zweckentfremdungen, Umberto? Umberto würde antworten, ein Wurm könne den Lauf der Welt verändern, stell dir vor, würde er sagen: Ein großer Denker denkt unter dem Birnbaum über große Dinge nach, während oben in den Ästen der Wurm so an einer Birne nagt, daß sie auf die Denkerstirn plumpst, und der wichtige Mann verbreitet fortan lauter Blödsinn, aber die Welt glaubt ihm … Nein! würde Castiglio sagen, pure Sophisterei, Beschwichtigungsmoral für zum Vergessen Verdammte, der Gedanke hinter den Jahrhunderten besteht nicht aus Fabeln von der Maus und dem Löwen, der Schuhmacher ist weg, seine Schuhe sind weg, und sogar der Philosoph ist weg, aber das Buch, das ist noch da und wirkt weiter, selbst wenn Blödsinn drinsteht, manchmal in die Ewigkeit hinein, diese Chance besteht, und kein großer Denker legt sich unter einen Birnbaum, an dem reife Früchte hängen, das wär’ ja bescheuert! Der Löwe frißt die Maus und basta. Oder? Umberto würde sagen: Der Löwe war das einsamste Tier geworden, ohne Feind, verdammt, seine Kinder zu fressen, um nicht an sich selbst zu ersticken. Nun ist es der Mensch – aus der Kette der Wesen gestoßen, haßt er sich selbst und tötet sich, und du, Castiglio, bastelst an Zeltplänen, an Kuppelbauten für die Sumpfregion, wagst die Schuhmacher zu verlachen und Agrippa zu verfluchen und wirfst den Stein?
Umberto war wirklich eine Nervensäge. Innerhalb kürzester Zeit konnte er einem das Hirn vergällen, jede Begeisterung verwässern, ohne sagen zu können, wem damit gedient sein sollte. Einsamkeit? Totschlag? Kannibalen? Wenn schon! Was soll’s? Jetzt, im neuen Domizil, fiel es wieder leicht, dem mörderischsten Todeskampf noch Amüsement, Spannung und Witz abzugewinnen. Hic Hades, hic Olympos, wie der Dichter Ferri schrieb. Ferris Werk wurde von Savonarola verbrannt. Tja, das ist Pech.
»Herr!«
»Was?«
»Ihr wart in Gedanken.«
»Ist das ein seuchengefährdeter Ort? Mußtest du mich da rausholen?«
»Entschuldigt.«
Die Scham in Andreas Antlitz, die Scham, die ihn die Lippen schürzen und seine Finger zittern ließ, war bar jeglicher Schauspielkunst. Castiglio, gefesselt von soviel Maskenlosigkeit, musterte den Burschen noch einige Momente, ohne Bewußtsein, ihn damit zu quälen.
»Gut, wir wollen eine Liste machen. Was werden wir brauchen?«
»Ich weiß nicht.«
»Junge, das war eine rhetorische Frage!«
Eingeschüchtert schwieg Andrea. Man hatte ihm erzählt, er würde Lehrling bei einem Metallurgen werden, er hatte nicht gewußt, was das ist, und dann hatten Kinder es über die Straße geschrieen: Ein Alchemist, ein neuer Alchemist! Und Andrea hatte Angst bekommen und die ganze Nacht nicht schlafen können; die Freude über das Verlassen des Bauernhofs war dahin gewesen.
Castiglio hielt den Moment für günstig, sein Herz zu gewinnen.
»Hör mal, Andrea – eine rhetorische Frage – das ist, wenn man etwas fragt, aber eigentlich keine Antwort erwartet, verstehst du?«
»Man tut nur so, als ob man fragt?«
»Genau.«
»Wozu tut man das?«
Castiglio bemerkte erfreut, daß die Neugier des Jungen offensichtlich fähig war, seine Schüchternheit zu überwinden....




