E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Kreißler Das vergessene Fest
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-446-25961-4
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-446-25961-4
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lisa Kreißler, 1983 bei Hannover geboren, arbeitete als Journalistin in Stockholm und Berlin und studierte u. a. am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2014 erschien ihr Debütroman Blitzbirke. Sie lebt mit ihrer Familie auf einem Hof in Niedersachsen.
Autoren/Hrsg.
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Es ist schade, dass Verbotene Liebe abgesetzt wird, denkt Arif und wischt mit einem feuchten Lappen über den Fernseher. Niemand scheint bemerkt zu haben, dass sich die Qualität der Serie eine Zeitlang auf amerikanischem Niveau bewegt hat. Nur dass sie eben auf Deutsch war und nicht amerikanisch sein wollte, sondern pragmatisch, schwärmerisch und tragisch, wie die deutsche Sprache es nun mal ist.
Arif taucht den Lappen in den kleinen roten Eimer, der neben seinen nackten Füßen steht, wringt ihn gründlich aus und wendet sich vom Fernseher ab, um eine Reihe fragiler Porzellanfiguren vom Regalbrett zu nehmen.
Auf dem Bildschirm in seinem Rücken bewegen sich zwei stark gepuderte Gesichter im Profil aufeinander zu. Zärtliche Klaviermusik begleitet die Szene. Arif wischt zweimal sorgfältig über das Regal. Die Konzentration, mit der er sich dem Putzen widmet, verleiht seinem Gesicht einen besorgten Ausdruck. Mit einem gezielten Stoß pustet er jeder Porzellanfigur ein Staubhäubchen vom Kopf. Dann stellt er sie eine nach der anderen zurück auf die langsam trocknende Regalfläche.
Es ist noch früh am Morgen. Die tiefstehende Sonne flutet das Zimmer mit goldenem Licht.
Im Fernseher ringen zwei Männer in billigen Anzügen vor einem bunt bemalten Bauwagen miteinander.
»Du hättest mir lieber gleich die Wahrheit sagen sollen!«, schreit der eine.
»Aber du warst doch mit Kim in Puerto Rico!«, schreit der andere.
Die Kamera zoomt auf sein Gesicht. Der Schauspieler hat Nasenbluten und versucht, indem er die Augenbrauen zusammenzieht und seinen Unterkiefer zittern lässt, zu gleichen Teilen Angst und Reue auszudrücken.
Arif tut es weh, mit anzusehen, wie lieblos die Konflikte in diesen letzten Folgen aufgebaut und gelöst werden. Fabrikarbeit ohne Gespür für das richtige Tempo und die richtige Emotion. Ihm fehlen die verstörenden Elemente der früheren Folgen. Da gab es sonderbare Nahaufnahmen von Füßen, rasante Schwenks durch die Straßen von Düsseldorf oder verspielte Nebenhandlungen wie das Drama einer missglückten Dauerwelle, die sich auch mit Hilfe eines ganzen Arsenals von Chemikalien nicht wieder rückgängig machen ließ. Diesen intuitiv gesetzten Brücken, die von der Haupthandlung wegführten, hatten die Figuren ihre Schönheit zu verdanken und ihre Tragik.
Arif zieht seine Boxershorts hoch und stößt den Staubsauger energisch über den Teppich. In Gedanken ist er bei seinem Lieblingshandlungsstrang von Verbotene Liebe.
Diese Wahnsinnsgeschichte um Juri Adam und Martha. So einfach und so genial. Die gutmütige, übergewichtige, in formlose Strickpullover gekleidete Praktikantin Martha will den schönen, kriegstraumatisierten Modedesigner Juri Adam. Eine unmögliche Konstellation. Juri Adam fliegen wie von selbst perfekt modellierte Frauenkörper ins Bett. Er sieht in Martha den Kumpel, und dieses Wort tut ihr so weh. Aber Marthas Liebe ist größer als alle Demütigung. Sie bleibt dran!
Als niemand mehr damit rechnet, zeichnet sich plötzlich die wunderbare Wendung ab: Juri Adam fühlt sich zu Martha hingezogen. Und obwohl sie nicht abnimmt und ihren bizarren Kleidungsstil nur minimal verändert, tritt mit jeder Folge mehr von der Schönheit in ihre Augen, die Juri Adam am Ende zu einem besseren Menschen werden lässt.
Die Geschichte hatte von Anfang an etwas Elektrisierendes.
Beim Gedanken an den ersten Auftritt von Juri Adam bekommt Arif eine Gänsehaut.
Während der Präsentation von LCL, dem Modelabel, für das sie beide arbeiteten, riss Marthas Kleid und sie stand entblößt im hautfarbenen Schlüpfer auf der Treppe. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Aber dann ist da plötzlich das Gesicht dieses schönen fremden Mannes auf dem Bildschirm, das sich auf Martha zubewegt. Der Zuschauer sieht ihn durch ihre Augen. Juri Adam zieht in einer wild entschlossenen Geste seine Lederjacke aus, bedeckt damit Marthas Schultern. Dann nimmt er sie hoch und trägt sie auf beiden Armen wie eine Braut an den glotzenden Modeuschis vorbei. Alles in Zeitlupe natürlich. Juri Adam steuert auf einen dicken roten Vorhang zu, schiebt ihn beiseite und verschwindet mit Martha hinter dem schwingenden Samt.
Arif hatte diese Folgen fiebrig mitverfolgt. Den ganzen Tag über freute er sich auf die Fortsetzung am Abend. So sehr war er mit der Frage beschäftigt, wie es mit Martha und Juri Adam weitergehen würde, dass er sich im Büro nur schwer auf seine Artikel konzentrieren konnte. Manchmal steckte er mitten in einem Satz und hatte plötzlich Juri Adam vor Augen, der wieder total inspiriert war von irgendwelchen Müllteilen oder Graffiti. Wie er sich dann durch die Haare fuhr, mit beiden Händen, und dieser wilde künstlerische Gesichtsausdruck. Er hatte eine aufregende Physis, das kam noch dazu. Die Darstellung war aber vor allem deshalb so interessant, weil der Schauspieler alle Gefühle unbefangen übertrieb. Fast wie im Stummfilm.
Arif ist beim Staubsaugen ins Schwitzen gekommen. Er stellt das Gerät ab, läuft zur Spüle und trinkt ein paar Schlucke direkt aus dem Hahn. Als er sich wieder aufrichtet, fällt sein Blick auf das Foto, das ungerahmt über der Spüle hängt. Er hat es lange nicht mehr angesehen.
Ein Schnappschuss, in einer dunklen Kneipe aufgenommen. Stark angeblitzt blicken sie in die Kamera: Nina, Ronda und Arif selbst. Nina trägt die Haare extrem kurz, dazu ein hochgeschlossenes Männerhemd. Die Schminke um ihre Augen ist verwischt, etwas Fragendes geistert durch ihre rot spiegelnden Pupillen. Aber sie lächelt. Ronda sieht unglaublich schön aus. Sie hat das Kinn ein Stück angehoben, führt eine Zigarette zu ihren Lippen und blickt herausfordernd in die Kamera.
Arif steht zwischen Ronda und Nina. Er hat einen blau schimmernden Sahne-Cocktail in der Hand, blondierte Strähnchen in den Haaren und sieht in seinem türkisfarbenen Hemd zugleich sehr schwul und sehr siegessicher aus. Seine Augen haben einen dringlichen Glanz. Arif fällt es schwer, sich selbst in diesem jugendlichen Gesicht zu erkennen.
Er hat keine exakte Erinnerung an den Abend. Aber er weiß, dass er damals, vor fünfzehn Jahren, ganz zu Beginn ihres Studiums, süchtig nach diesen Nächten zu dritt war. Sie tranken, tanzten und gaben sich hemmungslos ihren Sehnsüchten hin, träumten davon, wie ihr Leben später einmal aussehen würde. Im ersten Tageslicht liefen sie gemeinsam nach Hause, kauften sich buttrige, ofenwarme Croissants und waren einfach glücklich darüber, dass sie einander kennengelernt hatten.
Arif geht zurück ins Wohnzimmer, greift nach dem Staubsauger und beginnt, die Couch abzusaugen. Sein Blick streift den Fernseher. Tanja liegt zum wiederholten Male im Koma. An ihrem Krankenbett plaudern Sebastian und Eva ein Geheimnis aus. Tanja blinzelt. Gleich wird sie erwachen.
Arif schüttelt den Kopf und wendet sich dem Teppichstück unter der Couch zu. Obwohl es ihn traurig macht zu sehen, wie wenig von dem früheren Esprit der Serie geblieben ist, schafft er es nicht, eine einzige Folge zu verpassen. Wie heute schaut er sich zwar oft erst die Wiederholung an, aber er muss sehen, wie es zu Ende geht. Das ist er den Figuren schuldig. Jahrelang haben sie ihn darin bestärkt, dass es sich lohnt, auf etwas wirklich Großes zu hoffen. Auch wenn es mittlerweile so aussieht, als sei ihm selbst der dramatische Saft ausgegangen.
Die Männer, mit denen er sich seit der Scheidung von Gordon trifft, befeuern seine erotische Fantasie kein bisschen. Er sitzt ihnen gegenüber, zählt ihre Nasenhaare und denkt sich lustige Spitznamen für sie aus: nuttiges Subjekt, Zander, Teigrolle, Meerschweinchenmann.
Der neu vertonte Song des Abspanns von Verbotene Liebe mischt sich unter das Donnern des Staubsaugers. Arif stellt den Fernseher aus und saugt noch einmal gründlich die Ecken des Zimmers. Dann zieht er den Stecker und lässt das Kabel zurück in die Trommel fahren.
Nach dem Lärm kommt Arif die morgendliche Stille in seiner Wohnung poetisch vor. Er hört den samtigen Klang seiner nackten Füße auf dem Teppich. Ein Kind in der Nachbarschaft schreit und beruhigt sich wieder. Weiter oben im Haus wird die Klospülung betätigt. Ein Kissen, das er beim Saugen auf die Sofalehne gelegt hat, rutscht ab und landet knisternd auf dem Teppich. Sein Herzschlag tönt wie ein weit entferntes Trommeln irgendwo in seinem Innern.
Arif stellt den Staubsauger in die Ecke neben den Kleiderschrank und streicht mit der rechten Hand über den Yves-Klein-blauen Anzug. Sauber und gestärkt hängt er auf einem Bügel an der Schranktür. Arif freut sich auf den Moment, wenn er gleich frisch geduscht, rasiert und eingecremt hineinschlüpfen wird. Er freut sich darauf, auf der Hochzeit neben Ronda zu sitzen, ihr vertrautes Profil zu betrachten und mit ihr über alles zu lachen, was in den letzten Jahren schiefgelaufen ist. Und natürlich freut sich Arif auch darauf, in seinem neuen Anzug mit der Braut zu tanzen.
Er sieht sich Nina gegenüberstehen, am Ende dieses Tages. Ninas Kleid ist verschmutzt, über ihrem Gesicht liegt ein blasser Schleier. Sie macht einen Schritt auf ihn zu und legt ihr Kinn schwer auf seiner Schulter ab. Ganz dicht an seinem Ohr flüstert sie mit heiserer Stimme: »Ich hatte einfach ein bisschen Pech!«
Als hätte ihn jemand gerufen, dreht Arif sich um. Er blickt in seinem Wohnzimmer umher, dann läuft er wieder zu dem Foto über der Spüle. Er beugt sich so weit nach vorne, dass seine Nase fast das Papier berührt. Und erst jetzt bemerkt er die Unschärfe von Ninas Gesicht. Ronda und er selbst stechen scharf umrissen aus dem Bild hervor. Ninas Konturen hingegen scheinen sich im dunklen Hintergrund der...




