E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Kreutzer Der Grenzgänger
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7633-0105-8
Verlag: Bergverlag Rother
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7633-0105-8
Verlag: Bergverlag Rother
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Seit Eddy Zett vor zwanzig Jahren an der italienischen Grenze einen Wilderer zur Strecke gebracht hat, gilt der Alpinpolizist aus dem Gailtal als Legende. Als sich einige Fälle von grässlichen Tierverstümmelungen in den Bergen häufen, befällt Eddy eine dunkle Ahnung: Der Täter geht genauso vor wie der Wilderer damals. … Dann stirbt die Käserin der Sternberg-Alm auf dieselbe Weise. Als sich die grausamen Taten bis in die Dolomiten ausweiten, werden Eddy und sein Kletterfreund Fredo von der italienischen Alpinpolizei als Sonderermittler auf den Fall angesetzt. Was geht in dem Mörder vor? Was steckt hinter den ritualisierten Tötungen? Und wie hängen die Ereignisse der Vergangenheit damit zusammen? Ein weltbekannter Kriminalpsychologe hilft Eddy auf die Sprünge. Doch was Eddy und seine Familie dann ereilt, stellt alles in den Schatten, was die Dolomitenregion an Kriminalfällen je erlebt hat. Eddy und Fredo stehen vor einem Fall, der all ihre Kräfte aufzuzehren droht – und Eddys Leben in den Grundfesten erschüttern wird. Ein Gänsehaut-Kriminalroman für Bergsteiger und Bergliebhaber.
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UNTER DEM SASS MAOR
Eddy lehnte an dem groben Holzgeländer vor der Eingangstür. Die Hütte war komplett aus den grauen Steinen der Umgebung gebaut. Rot-weiße Fensterläden ließen das Rifugio Pradidali in fast zweitausenddreihundert Metern Höhe aus der Rauheit dieser kahlen Hochebene herausstechen. Wie Kathedralen umringten die Dolomitberge mit ihren Pfeilern den Kessel, der sich vom Passo di Ball bis hierher hinabzog.
Eddy sah nach Süden, wo sich unter der senkrechten Ost wand des mächtigen Sass Maor das Val Pradidali erstreckte. Am Horizont traf sein Blick auf den Monte Pavione, den höchsten Berg der Feltriner Dolomiten, dessen Gipfel jedoch nur unwesentlich höher war als die Terrasse, auf der er sich befand.
»Weißt du, dass die Pradidali-Hütte hier schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut worden ist?«, fragte Eddy.
»Na, wusst i net«, sagte Fredo, der fast einen halben Kopf kleiner war als Eddy.
»Du wirst staunen, vom Dresdner Alpenverein.«
»Ma, die Deutschen, überall san’s umanant. Mir wurscht, Hauptsach is, sie steht da. Jetzt g’hört sie uns«, sagte Fredo grinsend und verwies auf das Schild der Abteilung Treviso des Club Alpino Italiano an der Außenmauer. Diese Hütte wurde wegen ihrer Lage an der südlichen Öffnung des Pradidali-Kessels von vielen Bergsteigern als die schönste der gesamten Dolomiten bezeichnet. Und das hatte etwas mit ihrer Umgebung zu tun, dem prächtigsten Fleck der Pale di San Martino. Große Wände aus grauem Riffkalk und gelbem Dolomit, wohin die beiden blickten: Cima Canali, Cima Wilma und vor ihnen der Koloss des Sass Maor, hinter dem die Cima della Madonna wie verschämt ihren Schleier aus Fels versteckte.
Jetzt konnten sie all diese Wände sehen, deren Strukturen aus Pfeilern, Rissen und Kanten sich allmählich aus den Wolken herausschälten. Das fast alltägliche Juli-Gewitter war vorüber, im Himmel hing noch ein entferntes Grollen. Eddy und Fredo waren auf den letzten Metern zur Hütte noch tropfnass geworden.
Eddy hielt ein Glas Rotwein in der Hand und prostete der Cima della Madonna zu, von der nur der Gipfelgrat zu erkennen war.
Fredo legte seine Hand auf Eddys Schulter und fragte:
»Eddy, alles okay?«
»Ja, danke. Passt schon.«
»Du siehst nachdenklich aus«, sagte Fredo, dessen schwarze Haare im blassen Abendlicht glänzten.
Eddys Blick fiel wieder auf den Gipfel der Cima della Madonna. »Eigenartig. Wenn ich den Namen des Bergs höre«, sagte er leise, »dann muss ich an die Madonna des Monte Peralba daheim in den Karnischen denken.« Er richtete sich auf. »Wir sind heute auf dem Schleier der Madonna geritten, Fredo. Und wir haben es übertrieben. Ich hoffe, das ist kein schlechtes Omen«, scherzte er.
»Den Monte Peralba machen wir demnächst mal wieder. Mit unseren Familien. Dann wird uns die Madonna am Gipfel sicher verzeihen.« Fredo lachte und gab ihm einen Klaps auf die Schulter.
Eddys schlanker Oberkörper machte einen kurzen Ruck nach vorn. Er nickte. »Schöne Idee.«
Fredo hob sein Glas mit verbundener Hand und stieß mit Eddy an. »War eine verdammt gute Sache heut, Eddy. Aber irgendwie hast du recht. Ein Glück, dass wir hier noch stehen.«
»Wie geht’s der Hand?«, fragte Eddy.
»Na ja, hab schon Schlimmeres erlebt.«
»Schulter und Kopf?«
Fredo machte eine abwehrende Bewegung. Eddy blickte ihn dankbar an, sein Freund hatte ihm heute das Leben gerettet. Jetzt sah er nach Osten, wo seine Augen mal wieder an dem grandiosen Riss hängenblieben, der pfeilgerade die Westwand der Cima Canali zerschnitt. »Hermann Buhl. Dieser Teufelskerl. 1950 hat er den Italienern da ein richtiges Ei gelegt«, sagte Eddy und grinste. »Bei schlechtem Wetter eingestiegen und einfach seinen Kumpel den Riss hochgezogen.«
Fredo tat gelangweilt. »Jaja, ihr heldenhaften Österreicher!«
Eddy zog die Augenbrauen hoch, dann lachte er leise. Er legte den rechten Arm um seinen Freund und sagte: »Fredo, ohne dich wär ich jetzt tot!«
»Ja, und ohne dich wär ich auch tot. Ich würd mich nämlich zu Tode langweilen.« Sie lachten und tranken einen Schluck.
Die beiden hatten sich morgens um vier in Corvara getroffen. Eddy hatte von zu Hause aus zweieinhalb Stunden dort hin gebraucht. Fredo übernahm das Steuer, und Eddy war bald eingeschlafen. Unterwegs hatten sie daher kaum ein Wort gesprochen. Um sechs waren sie in San Martino angekommen.
Die Tour danach war enorm. Erst die tausend Höhenmeter bis zum Fuß der Cima della Madonna, um halb neun waren sie am Einstieg und deponierten ihre Rucksäcke in der Nähe. Dann die Schleierkante, und trotz Eddys Sturzeinlage waren sie um kurz vor zwei am Nachmittag am Gipfel. Und dann noch die zweieinhalb Stunden Abstieg und Abseilpiste. Am Wandfuß im sicheren Gelände angekommen, war Eddy versucht, die nahe Velo-Hütte aufzusuchen und dort zu übernachten. Doch Fredo wollte trotz seiner verletzten Hand am nächsten Tag noch eine Tour am Campanile Pradidali gehen. Deshalb hatten sie auf der Pradidali-Hütte gebucht. Sie holten ihre Rucksäcke und machten sich auf den Weg. Für den Klettersteig dorthin hatten sie kaum noch Augen, lang und kraftraubend war er und hatte sie noch einmal zweieinhalb Stunden gekostet, Drahtseile und Eisenkrampen, ein langwieriges Auf und Ab in teilweise steiler Wand.
Jetzt war es acht Uhr am Abend. Der Sass Maor zeichnete sich deutlich vor dem klaren Himmel ab. Eddy prostete Fredo noch einmal zu. »Fredo, ich freu mich, hier mit dir sein zu können.«
Fredo hob die Hand und Eddy wollte einschlagen. Im letzten Moment hielt er jedoch inne. »Wir wollen doch deine Bremshand nicht überfordern.« Er grinste. »Sag mal, glaubst du, dass du damit morgen klettern kannst?«
»Ach, der Kratzer. Wird wohl gehen«, meinte Fredo, wobei er seine verletzte Hand vorsichtig berührte. Er zuckte zusammen und verzog schmerzverzerrt sein Gesicht.
Ihre Augen hingen am Abendhimmel. Sie schwiegen. Dann machte Eddy den Vorschlag, in der Dämmerung ein paar Schritte den Weg entlang zu gehen.
»Schau, die kommen vielleicht aus dem Buhl-Riss!«, sagte Eddy und deutete mit dem Kopf zu den beiden Bergsteigern, die man jetzt am unteren Ende der Schuttrinne aus der Scharte südlich der Cima Canali erkennen konnte. Sie schienen zu kriechen, als wären sie Ameisen.
Als sie die beiden beobachteten, pochte Eddys Herz schnel ler. Diese Tour wollte er immer schon machen. »Mann, Fredo, wann sind wir dran?«
Fredo grinste. Nach einer halben Stunde konnten sie die beiden Bergsteiger erkennen. Sie trugen knallrote Jacken. Ihre Seile hingen über den Rucksäcken, oben waren die Helme draufgeschnallt sowie ihre leichten Kletterschuhe. An den Fü ßen trugen sie Turnschuhe.
»Oh, die Elite kehrt ein«, sagte Eddy und setzte eine respektvolle Miene auf. »Das sind Scoiattoli.« Eddy zeigte mit dem Kopf auf die roten Eichhörnchen-Embleme auf ihren Jacken, dem Erkennungszeichen des Ampezzaner Elite-Bergsteigerclubs.
Fredo sah auf die Uhr. »Das Essen«, sagte er, und sie kehrten um.
Die beiden Bergsteiger überholten sie kurz vor der Hütte, der Ältere grüßte verhalten. Er war kräftig und groß, seine Haare waren silbergrau, Eddy schätzte ihn auf Anfang sechzig. Er grüßte zurück. Der Jüngere lächelte freundlich, sagte aber nichts. Er war von ähnlicher Größe und Statur und etwa Anfang dreißig.
Als sie außer Hörweite waren, sagte Fredo voller Abscheu:
»Oje! Der hat mir grad noch gefehlt!«
»Hey, nicht neidisch werden!«, erwiderte Eddy. »Die Jungs haben’s drauf!«
»Den Alten kenn ich, na ja, entfernt. Ehemaliger Kollege. Hohes Tier gewesen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den mag. Weiß der Teufel, wie der zu den Scoiattoli kommt.«
Fredo war bei den Carabinieri, der italienischen Exekutiveinheit, die mit der ehemaligen österreichischen Gendarmerie vergleichbar war. Wie auch Eddy bei der österreichischen Polizei, gehörte Fredo der Alpinen Einsatzgruppe der Carabinieri an, als Leiter der Kommandostation in Corvara im Rang eines Maresciallo Luogotenente, womit ihm die Funktionen eines Polizeikommissars übertragen waren.
»Glaubst du, der hat sich bei den Scoiattoli eingeschlichen?«, fragte Eddy witzelnd.
Fredo grummelte. »Keine Ahnung, aber ich will nicht wissen, wer da mitgemauschelt hat. Seine Jacke ist vielleicht echt, aber der Typ ist ein Arsch!«
Die beiden Männer vor ihnen betraten die Hütte. Eddy sah ihnen hinterher. »Na, wenigstens sind sie freundlich, deine Jungs.«
»Das sind nicht meine Jungs«, protestierte Fredo. »Und das war nicht freundlich, das war überheblich. Der Alte, das ist ein echter Widerling. Guckt jedem Rock hinterher und ...«
»… und du nicht?«, spottete Eddy.
Fredo warf Eddy einen scharfen Blick zu. »Ich hab den mal an der Sella getroffen, hat die Kellnerin übel belästigt. Ein echtes Schwein, Eddy!«
»’tschuldige, war nicht so gemeint.« Eddy grinste über Fredos Aufregung.
»Dieser eingebildete Hund«, zischte Fredo verächtlich.
»Erinnere dich, Fredo, als du jung warst und ich dich kennengelernt habe. Da warst du so was von eingebildet, dass du nicht mal gemerkt hast, dass der Hubschrauber einen Piloten hatte.« Eddy lachte.
Fredo wusste, worauf Eddy anspielte. Vor über zwanzig Jahren hatten die Alpinen Einsatzgruppen der Carabinieri und der österreichischen Gendarmerie eine Trainingswoche am Brenner zusammen verbracht. Dort waren sich Eddy und Fredo zum ersten Mal begegnet. Fredo war damals über die Maßen stolz auf seine...




