E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Kröger Kyai! Kriminalroman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-944818-54-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-944818-54-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
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Über das Buch In Berlin wird das erste Bollywood-Musical geprobt. Mit mondänem Prunk und dickem Budget verspricht die Inszenierung an der Spree ein Hit zu werden. Kino-Expertin Mattie Junghans soll als Begleitprogramm eine feine Filmreihe zusammenstellen. Herrliche Aussichten für die chronisch abgebrannte Wanderkinobetreiberin. Doch Mattie, die Norddeutsche mit dem indischen Gesicht, bekommt bei einer Open-Air-Feier in der Provinz bösen Ärger: Ihr Wanderkino wird zerstört und nur dank Jasmin Assadi, Leibwächterin und Kampfkunst-Ass, kommt sie selbst mit heiler Haut davon. Dann legt sich Mattie ausgerechnet mit der Bundeswehr an ... Bald treibt eine Leiche in der Ostsee, und hinter blühendem Raps und Windenergie lauern dunkle Geheimnisse. Ein fulminanter Kriminalroman um indisches Kino, deutsche Politik, große Illusionen und Kung-Fu. »Dieser zweite Roman um die rastlose Kino-Expertin Mattie Junghans ist eine süffige Mischung aus Krimi, Drama, Pop-Märchen und klugem Blick hinter die Kulissen deutscher Politik und Kultur. Hinzu kommt Merle Krögers wunderbare Erzählsprache, mal trocken, mal urkomisch, dann wieder emotionsgeladen, immer flüssig, lebendig und wahrhaftig. Mir schenkt diese Lektüre, was ich an deutschen Krimis oft vermisse: ein Feuerwerk aus Realitätsnähe, multikultureller Opulenz, pointiertem Witz und turbulenter Action.« Else Laudan »So beherzt wie überzeugend ... Merle Krögers Krimi ist auf der Höhe der Zeit, ihre Figuren sind so rund und bunt wie das Leben.« Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau »Ein üppiger Genreroman, der alles hat, was des Krimilesers Herz begehrt: Action, Intelligenz, Wortwitz, Situationskomik, Liebe, Verzweiflung, Leidenschaft, Kampf, Korruption, Bedrohung, Aufbegehren, Abschied, Erkenntnis, Aufklärung. Respekt!« Ulrich Noller im WDR (Funkhaus Europa) Über die Autorin Merle Kröger, geb. 1967 in Plön/Schleswig-Holstein, studierte Filmwissenschaft und Publizistik an der FU Berlin, macht seit 1987 eigene Videos und Filme, ist in Künstlergruppen aktiv, konzipiert und realisiert Film- und Videoscreenings, Seminare, Ausstellungen, Konzerte. Mitgründerin der Produktionsfirma »dogfilm« und der Medienkunst-Plattform »pong«. Merle Kröger macht Produktion, Buch, Regie, Dokumentarfilm, Essay und Videokunst, ist als Cutterin, Autorin und Produktionsleiterin sowie als Kuratorin tätig und arbeitet frei für ZDF, Arte, 3Sat, Deutsche Welle u. v. a. Sie erhielt etliche Auszeichnungen auf Film- und Videofestivals im In- und Ausland.
Merle Kröger, geb. 1967 in Plön/Schleswig-Holstein, studierte Filmwissenschaft und Publizistik an der FU Berlin, macht seit 1987 eigene Videos und Filme, ist in Künstlergruppen aktiv, konzipiert und realisiert Film- und Videoscreenings, Seminare, Ausstellungen, Konzerte. Mitgründerin der Produktionsfirma »dogfilm« und der Medienkunst-Plattform »pong«. Merle Kröger macht Produktion, Buch, Regie, Dokumentarfilm, Essay und Videokunst, ist als Cutterin, Autorin und Produktionsleiterin sowie als Kuratorin tätig und arbeitet frei für ZDF, Arte, 3Sat, Deutsche Welle u. v. a. Sie erhielt etliche Auszeichnungen auf Film- und Videofestivals im In- und Ausland. Mit ihrem Partner Philip Scheffner schuf sie u. a. den Dokumentarfilm »Revision«, dessen Handlung Krögers zuletzt erschienener Kriminalroman »Grenzfall« zugrunde liegt.
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6 Country Life
Cal ließ die Hängematte mit geschlossenen Augen auspendeln. Aber er konnte sich nicht entspannen. In seinem Kopf ging alles drunter und drüber. Er machte die Augen wieder auf. Über sich sah er die verzierten Balken der Veranda und dann blauen Himmel, in den rechts oben ein paar Palmblätter hineinragten. Er musste sich zwingen, an etwas anderes zu denken. Irgendwann würde er auch so ein Haus haben und so ein Leben. Er sah hinüber zu der zweiten Hängematte, die im spitzen Winkel zu seiner hing. Leider lag darin nicht Nick, sondern Mohan Kapur, übergewichtiger Spross der einflussreichsten Filmdynastie Bombays. Cal hob vorsichtig den Kopf, um zu sehen, ob Mohan schon schlief. Ein lautes Räuspern, gefolgt von einer halben Umdrehung des massigen Körpers ließ ihn wieder zurücksinken. Noch konnte er sich nicht gefahrlos aus dem Staub machen. Also legte er den Kopf in den Nacken und betrachtete das Anwesen, das sich, natürlich verkehrt herum, in sanften Wellen bis hinunter zum See erstreckte, wo die Hütten der Gärtner lagen. Bunte Fähnchen an Holzstangen markierten die neun Löcher des hauseigenen Golfplatzes. Mohan hatte sich hier ein künstliches Paradies geschaffen, das aus einem seiner eigenen Filme hätte stammen können. Und Cal hatte er als Hauptdarsteller nominiert. Der Film hatte begonnen, als Cal – der natürlich den armen Helden verkörperte – am Tag zuvor aus dem grellen Licht des staubigen Bahnhofsvorplatzes von Pune in den Fond eines schwarzen Maybach sank. Der Fahrer bot ihm eisgekühlte Getränke an und fragte, ob er auf dem Weg eine DVD anzuschauen wünsche. Aber Cal sah lieber aus dem Fenster, wo die rote Erde von Maharashtra wirkungsvoll mit den grünen Hügeln und klaren Seen außerhalb der Stadt kontrastierte. Frauen in bunten Saris, die Heuballen auf dem Kopf an der Straße entlangtrugen, fügten sich ebenso nahtlos in die Filmszene ein wie die bewaffneten Wächter am Tor der Residenz, die salutierten, als er vorbeirollte. Leise knirschend kamen die Räder im Kies zum Stehen. In der Haustür erschien – im Film würde der Held jetzt anfangen zu singen – Cals beste Freundin Nitya in engen Jeans und einem Tank-Top mit Tarnmuster, wie man es trug, seit Shahrukh Khan darin in Main Hoon Naa die Terroristen besiegt hatte. Sie nahm die Sonnenbrille ab, rannte in Nike-Sneakers die Stufen des Portals herunter, riss die Autotür auf und ließ sich neben ihm in die Polster fallen. »Hi, Handsome. Wie geht es deinem liebsten Hunnen?« Ab hier würde der Film natürlich anders weitergehen, denn es kam auf keinen Fall in Frage, dass die Heldin sich nach dem Lebensgefährten des Helden erkundigte. »Nitya, ich warne dich!«, zischte Cal. »Ein falsches Wort und ich kläre deinen Vater darüber auf, dass du seit drei Jahren mit einem verheirateten Mann schläfst!« Aber Nitya lachte nur und zog ihn aus der kühlen Luft des Autos in die Hitze draußen. Arm in Arm betraten sie das Haus, dessen Erdgeschoss aus einem einzigen Raum bestand, der bis unter die freigelegten Deckenbalken reichte. Er bildete das kombinierte Ess- und Wohnzimmer. In den Seitenflügeln befanden sich neben einem separaten Küchentrakt die Schlafzimmer der Familie sowie ein Büro, in dem Mohan seine Geschäfte auch von Pune aus kontrollieren konnte. Als Nitya und Cal hereinkamen, saß er vor einem Flatscreen, der die halbe Breite der Wand einnahm, und sah sich die gerade synchronisierte Fassung seines neuen Films an. Über eine Freisprechanlage brüllte er in ein unsichtbares Telefon. »Das geht so nicht! Wir sind doch hier nicht in Madras!« Cal lächelte. In Bollywood machte man immer noch Witze über die Qualität der Filme von der südindischen Konkurrenz, dabei waren die längst auf demselben technischen Standard wie die Produktionen des Hindi Cinema im Norden. Mohan winkte seine Tochter und Cal zu einer Sitzecke und brüllte ungeniert weiter. Obwohl Cal das erste Mal ins Landhaus der Familie eingeladen war, kannte er Nityas Vater gut. Es war noch nicht allzu lange her, dass er seine Zukunft als Abkömmling einer langen Ahnenreihe von Tablaspielern in Calcutta hinter sich gelassen hatte. Ohne Kontakte und ohne Geld war er in Bombay angekommen, besessen von der Idee, Filmmusik zu komponieren. Es war Nitya Kapur, die einem Nobody wie ihm einen Job als Sound-Designer in ihrem Tonstudio gab. Und Nitya hatte ihn erwischt, als er nachts, wenn alle weg waren, am Computer Songs komponierte. Statt ihn rauszuschmeißen, hatte sie die Songs ihrem Vater vorgespielt, und so war Cal zu einem der neuen Hot Shots im schnell rotierenden Karrierekarussell von Bollywood geworden. In letzter Zeit arbeitete er mehr mit jüngeren Regisseuren, die nicht so sehr auf den klassischen Familienfilm setzten wie Mohan, aber die Loyalität der ersten Stunde verband ihn immer noch mit dem mächtigen Tycoon. Seine Freundschaft mit Nitya war kurzzeitig abgekühlt, als im letzten Jahr Mattie und Nick in Bombay auftauchten und mit ihren wilden Geschichten um Matties indischen Vater und einen verrückten alten Nazi sein Leben in Beschlag nahmen. Als Nick ein paar Wochen später tatsächlich nach Bombay zurückkam, hatte Cal es nicht mehr ausgehalten und war das Risiko eingegangen, Nitya in sein Doppelleben einzuweihen. Sie hatte ihn lange und ernst angesehen, und Cal hatte schon das Schlimmste befürchtet. Dann war sie plötzlich in wildes Gelächter ausgebrochen. »Hallo, Cal! Du bist viel anständiger als der Rest der Welt! Willkommen im Club der Abtrünnigen!« Sie erzählte ihm von ihrer schon zwei Jahre andauernden Beziehung zu Sohan Roy, der nicht nur einer der bekanntesten Schauspieler Bollywoods, sondern leider auch verheiratet und Vater dreier Kinder war. Am Anfang hatte Nitya Sohan noch geglaubt, wenn er beteuerte, seine Familie zu verlassen, wenn der richtige Zeitpunkt da wäre. Aber irgendwann musste sie einsehen, dass dieser Zeitpunkt niemals kommen würde, denn es gab immer einen neuen Film, der keine schlechte Publicity vertrug, eine plötzliche Krankheit seiner Frau oder Probleme mit den Kindern. Sie hatte sich nicht nur um der Liebe willen arrangiert, sondern den festen Entschluss gefasst, niemals selbst zu heiraten. Seit diesem Abend war Cals Freundschaft zu Nitya noch enger geworden, denn sie teilten den Balanceakt zwischen dem, was die konservative indische Gesellschaft von ihnen erwartete, und dem, was sie für richtig und lebenswert erachteten. Wie üblich rückte Mohan mit dem tatsächlichen Grund für die Einladung an Cal erst heraus, nachdem sie gegessen, geschlafen und eine Runde Golf gespielt hatten – wobei Cal feststellte, dass er weder Spaß daran noch Talent dafür hatte, in der Hitze einem kleinen Ball hinterherzulaufen. Vielleicht brauchten die Briten diesen Sport, um auf ihrer feuchten nebligen Insel die rheumatischen Glieder zu wärmen, aber hier in Indien gab es sinnvollere Arten der Fortbewegung, beispielsweise in einem Maybach mit Klimaanlage. Aber er hielt durch bis Loch neun und verbuchte das Golfen als einmalige Erfahrung, die er seiner prall gefüllten gedanklichen Schublade mit Anekdoten über das unheilvolle koloniale Erbe hinzufügte. Endlich hatte auch Mohan genug, wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ eisgekühlte Drinks an die beiden Hängematten auf der Veranda bringen. Er nahm einen tiefen Schluck und startete einen seiner berühmten Monologe, die lang und verschlungen waren wie das Drehbuch eines dreistündigen Bollywood-Films. Er war ein guter Erzähler, und Cal sah vor seinem inneren Auge, wie Mohan seinen Traum wahrmachte und persönlich bei DaimlerChrysler den Maybach bestellte. Man hatte ihn zum Direktor des kleinen Werks in Pune gebracht, in dem die Limousinen für den indischen Markt montiert wurden. Bei der Werksführung überzeugte er sich von der deutschen Gründlichkeit, mit der die indischen Arbeiter gelernt hatten die hohen Qualitätsstandards zu erfüllen. »Ich habe die Zukunft gesehen!«, erklärte Mohan dem staunenden Cal. Der Qualitätsstandard von Cals Wohnung litt erheblich, seit Nick überall volle Aschenbecher, dreckige T-Shirts und halb ausgetrunkene Kingfisher-Flaschen hinterließ. »Diese deutsche Technologie und unser indisches Wirtschaftswachstum sind eine hochkarätige Verbindung. Die laufen uns hinterher wie die Hündchen, um hier Fuß zu fassen!« Der Manager versprach Mohan, die hohen Einfuhrzölle für einen Maybach zu übernehmen, wenn er dafür in seinem nächsten Film ein paar Mercedesse durchs Bild fahren ließe. »Eine Hand wäscht die andere. Wir sind im Zeitalter des Product-Placement angekommen!« Cal begann sich langsam zu fragen, wo die Geschichte hinführen würde, als sie eine überraschende Wendung nahm. Mohan wurde eingeladen, bei der nationalen indischen Ausscheidung der DaimlerChrysler Golf Trophy mitzumachen, und kam auf Platz zwei. Drei Monate später flog er auf Kosten der Firma nach Stuttgart, um dort als Mitglied des indischen Teams am Finale teilzunehmen. Nach weiteren begeisterten Ausführungen über die Heimat des besten Automobils der Welt, die Cal jedoch teilweise verpasste, weil er einnickte, kam Mohan endlich auf den Punkt. Cal wurde wieder wach. »Bei einem dieser exotischen Volksfeste in einem Bierzelt kam ich mit einem deutschen Teilnehmer aus Berlin ins Gespräch, der eine große Veranstaltungshalle besitzt. Und, Cal, du wirst es nicht glauben«, Mohan versuchte sich in der Hängematte aufzusetzen, wurde aber von seinem eigenen Gewicht wieder in die Waagerechte gedrückt, »die haben dort noch nie eine Bollywood-Show gemacht! Und das ist einzig und allein unsere Schuld. Für uns war Europa immer nur Großbritannien, die anderen Märkte haben uns nicht interessiert, weil die...




