Krohn | Der Tote unter der Piazza | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 280 Seiten

Reihe: Neapel-Krimi

Krohn Der Tote unter der Piazza


1. Auflage 2007
ISBN: 978-3-86474-028-2
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 4, 280 Seiten

Reihe: Neapel-Krimi

ISBN: 978-3-86474-028-2
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Pizza, Pasta, Dolce Vita - Marlen freut sich auf Erholung in der Stadt am Vesuv. Doch mit der erhofften Ruhe ist es schon bald vorbei. Salvatore, der attraktive Taxifahrer, legt sich mächtig ins Zeug, um Marlen zu erobern. Als Highlight seiner speziellen Stadtführung zeigt er ihr das Labyrinth unterirdischer Gänge. Und hier, im Bauch Neapels, stoßen die beiden auf einen grausamen Fund: die Leiche eines nicht ganz Unbekannten. Während die Polizei noch im Dunkeln tappt, ist die Neugier der beiden Frauen (wer ist die zweite Frau, es ist von einem Taxifahrer die Rede?) längst entfacht. Mit Raffinesse und weiblicher Intuition recherchieren sie im undurchsichtigen Milieu der Kunstraubmafia, aber bald steht auch Salvatores Leben auf dem Spiel. Und welche Rolle spielt die Tabakfrau von gegenüber, die den Frauen wichtige Tipps zukommen lässt, sich aber in der Unterwelt gut auszukennen scheint ...?

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2


Eintauchen in ein Gefunkel nächtlicher Lichter, am Himmel die Sterne, links die dunkle Silhouette des Vesuv, dann das Gelände der AGIP; heruntergeschobene Zugfenster, im Schneckentempo in die Bahnhofshalle, und dort steht Livia, rufend, winkend, lachend – so in etwa hatte Marlen sich ihre Ankunft vorgestellt.

Wie der Mensch sieh täuschen kann. Lektion Nummer soundsoviel: Hier ist alles anders als du denkst, und wenn du denkst, du hast dich darauf eingestellt, läuft es wieder anders, oder: ein Hoch auf die Improvisation. Marlen starrte durch das Busfenster, innen beschlagen, außen mit Regentropfen besprenkelt, und wischte mit der Handkante über die Scheibe. Neapel sehen und sterben. Eine hauchdünne Schicht aus kondensiertem Atem bedeckte das soeben freigewischte Loch. Vorbei Goethes Zeiten, in denen man Neapel sah und sich selig zur allerletzten Ruhe begab. Zum Glück. Leider. Noch eine Lektion: Die Extreme liegen näher beieinander, als man glaubt, oder: ein Hoch auf die leibhaftigen Gegensätze. Für heute reichte es. Nach knapp zwanzig Stunden Fahrt hatte sie sich etwas anderes gewünscht als ausgerechnet einen Stromausfall. Ab Formia war nichts mehr vorangegangen wegen des Unwetters. Keiner der Mitreisenden hatte eine Ahnung, wie oder wann es weitergehen würde, man arrangierte sich, redete, las, aß, strickte, schimpfte, schwieg, schlief. Dann ein Aufschrei, »a carreggrazia!«, ein Wunder: Die Eisenbahngesellschaft hatte in kürzester Zeit zwei Sonderbusse bereitgestellt, die alle Fahrgäste nach Neapel bringen würden, gleichgültig, ob das ihr Fahrziel war oder nicht.

Kurz nach Mitternacht stand Marlen also auf dem Platz vor der Stazione Centrale. Es regnete noch immer. Längst fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr. Die Taxischlange vor dem Bahnhofsgebäude saugte gierig einen Reisenden nach dem anderen auf, während Marlen die Vorhalle betrat, in der vereinzelt Penner auf plattgetretenen Kartons lagen und schliefen. Von Livia keine Spur, sie mußte wieder nach Hause gefahren sein. Was wiederum kein Wunder war, denn Marlens Zug hätte laut Fahrplan bereits vor über drei Stunden eintreffen sollen. Die Bar war bereits geschlossen, und von den drei Telefonen in der Vorhalle funktionierte nicht ein einziges, herausgerissene Schnüre, tote Leitung. Großartig, dachte Marlen halb grimmig, halb amüsiert, und: Livia, ich komme, auch ohne Zug, ohne Telefon, ohne Bus, aber ich komme.

Draußen ließ soeben das letzte gelbe Vehikel den Motor an und verschwand in die Nacht.

»Da kommt heute kein Taxi mehr, Signorina«, nuschelte ein älterer Mann hinter ihrem Rücken, die erloschene Zigarette zwischen den Zähnen. »Kommt kein Zug an, fährt auch keiner ab. Un tempo della madonna!« Er deutete ein Lachen an und wies mit der Hand auf eins der heruntergekommenen Bahnhofshotels.

Währenddessen ging von der Seite ein weiteres Angebot ein. »Vuoi un passaggio? Dove devi andare, ti ci porto io, davvero, no problem!« Der Eifer in der Stimme verriet die Absicht. Marlen sah sich nicht danach um, wie das männliche Wesen aussah, das sich da so großzügig gab. Grazie, lieber ging sie zu Fuß.

Nicht daß sie etwas gegen Männer hatte. Im Gegenteil. Aber sie suchte sich Ort, Zeit und Mann doch lieber selbst aus. Vielleicht konnte sie von einem der Hotels aus telefonieren. Also, hinaus, vom Regen in die Traufe. Sie nahm die Reisetasche, kam vielleicht zehn Meter weit. Wieder ein Hupen. Unbeirrt ging sie weiter. Per la madonna, wie aufdringlich! Und wenn es Livia war? Sie zögerte, wollte sich umdrehen, sah dann aus dem Augenwinkel etwas Gelbes heranrollen und direkt neben ihr halten. Eine Tür ging auf: »Taxi?« Sesam, öffne dich, ein Taxi. Ein Retter in Blech.

Die Stadt wirkte wie eine einzige schwarze Pfütze. Rechts und links spritzte das Wasser hoch, das sich auf dem Basaltpflaster staute und nur unter Schwierigkeiten abfloß. Die Straßen waren menschenleer, alle Fensterläden zugeklappt, die meisten Bars geschlossen. Das Taxi brauste den Corso Umberto I. entlang wie ein Motorboot. Marlen wurde in die leicht ramponierten Polster gedrückt. Einen Schirm hatte sie nicht dabei, wozu auch. Wenn sie sich allerdings ihre letzten Besuche in Neapel in Erinnerung rief, mußte sie zugeben, daß es jedesmal geregnet hatte. Wie gut das Vergessen in mancher Hinsicht klappte. Sie legte den Kopf zur Seite, lächelte vor sich hin, nickte den Häuserfassaden, den geschlossenen Fensterläden, der abblätternden Farbe zu wie alten Bekannten. Zwei Jahre lang war sie nicht hier gewesen – ein Sprung in der Ewigkeit. Ob sich viel verändert hatte? Idiotisch, dachte sie, warum sollte sich etwas verändern, nur weil ich weg bin?

Der Taxifahrer, er war Mitte bis Ende dreißig, musterte sie von der Seite. »Zum ersten Mal hier?«

»Nein.«

»Ah.« Er schwieg. »Sie kennen die Stadt?«

»Ein wenig«, sagte Marlen wortkarg.

Der Mann stieg auf die Bremse und brachte das Taxi an einer roten Ampel zum Stehen, obwohl gar kein Verkehr war.

»Nicht zu fassen«, entfuhr es Marlen.

»Was?«

»Daß Sie bei Rot halten.«

»Warum? Hält man etwa bei Ihnen zu Hause an einer roten Ampel nicht?«

»Doch.«

»Na sehen Sie.«

Der Regen trommelte aufs Autodach, der Taxifahrer trommelte auf das Lenkrad. Kräftige Hände, lange Finger. »Wir sind hier mitten in Europa, in einer zivilisierten Welt, Neapel war einmal die Hauptstadt Europas, hier gab es schon Straßenlaternen, noch bevor im Norden die Petroleumlampe erfunden wurde, und wo fuhr die erste Eisenbahn? Von Neapel nach Portici.« Der Taxifahrer legte richtig los: »In den letzten hundert Jahren aber ging es bergab mit der Stadt und der Moral, hinein in den Morast, ins Chaos, viele meinen, daß Regeln extra für sie außer Kraft treten oder daß es Spaß macht, sie zu überschreiten, bei Rot über die Ampel, Autofahren ohne Führerschein, Arbeit nur nach Bestechung, den Müll vor die Tür des Nachbarn kehren, Statuen den Kopf abschlagen, und nach mir die Sintflut.« Es klang auf gebracht, zornig, dann zuckte er mit den Schultern. »C’aggie ‘a fa’

»Eine wahre Sintflut«, stimmte Marlen zu.

»Schlechte Karten für Touristen.« Ironischer Unterton, eine Prise Schadenfreude.

»Ich bin ja nicht wegen des Wetters hier«, sagte Marlen, was nur die halbe Wahrheit war.

»Das kann man nur hoffen«, brummte der Taxifahrer. »Sie fahren vermutlich weiter auf die Inseln, Capri, Ischia.«

»Ich bin auch nicht hier, um Urlaub zu machen«, stellte Marlen klar. Was ebenfalls nicht unbedingt der Wahrheit entsprach. Doch wer kannte schon die Wahrheit… Klar, sie wollte an einigen Artikeln arbeiten, recherchieren, sich umtun, aber Urlaub vom Alltag in Deutschland und von Luzie, ihrer Tochter, war eine Fahrt nach Neapel allemal. Ganz abgesehen davon, daß die Trennung von Fritz verdaut werden wollte, zehn zähe und auch zärtliche Jahre, abgelaufen, aus und vorbei.

»Nein?« Die Stimme des Taxifahrers klang bedauernd, erstaunt. Dann, als sei endlich der Groschen gefallen: »Sie haben einen Freund. Un amico

»Genau«, sagte Marlen, mit dieser Art von Mißverständnis vertraut. »Sogar mehrere. Sie etwa nicht?«

Der Taxifahrer warf ihr einen belustigten Blick zu, der besagte, daß er den kleinen Seitenhieb wohlwollend registriert hatte. Er hatte ein offenes, waches Gesicht, in dem jetzt erstmalig eine Spur von Begehren aufblitzte. Marlen verspürte ein wohlbekanntes Ziehen auf der Haut. Attenzione!

»Sie sprechen ausgezeichnet Italienisch.«

»Bisher habe ich noch nicht viel gesagt.«

»Aber Komplimente kommen immer gut an«, konterte der Taxifahrer lachend.

»Kommt drauf an, wer sie macht«, sagte Marlen.

»Sehen Sie, ich habe es ja gesagt.«

»Was?«

»Daß Sie ausgezeichnet Italienisch sprechen. Mit dem harten R, das so erotisch klingt.«

Marlen runzelte die Stirn. Das war nun doch ein wenig zu viel des Guten: »das erotische harte R«. Wie oft wurde aus ihrem rollenden ein stolperndes R, das sie verärgert lieber gleich dort ließ, wo die meisten Deutschen ihr R nun einmal sprechen: im Rrrrrachen. Um das Thema zu wechseln, fragte sie den Taxifahrer, ob er immer nachts mit dem Taxi unterwegs sei.

»Nicht immer.« Jetzt war er es, der einsilbig antwortete.

»Machen Sie das schon lange?«

Als Antwort wiegte er bloß den Kopf.

»Und Sie?«

»Wie, ich?«

»Was machen Sie?«

»Ich bin Journalistin.«

»Und schreiben über Neapel?« Wieder der leicht spöttische Tonfall. »Über das schöne oder über das häßliche Neapel? Camorra, Drogen, Gewalt, Verkehrschaos und die malerischen Wäscheleinen hoch oben unter einem azurblauen Himmel? Verwitterte Häuser, heruntergekommene Kirchen, Blumen unter dem Heiligenaltar an der Straßenecke?«

»Genau«, sagte Marlen in einem Anflug von Trotz. »Und über den Regen, leere Straßen und freche Taxifahrer, die bei Rot halten.«

Er lachte auf. »Schon mal von dem Schriftsteller Malaparte gehört? La pelle?«

Sie nickte.

»Eine Art Vorbild«, sagte er. »Nicht einzuordnen. Geht unter die Haut. Sarkastisch, humorvoll, geistreich, im richtigen Moment böse, dann wieder weich wie Büffelmozzarella. Wußten Sie, daß er seine rote Villa auf Capri den roten Chinesen vermacht hat? Ein Liebhaber Neapels, ein Liebhaber der Kunst. – Und der Frauen«, ergänzte er nach einer Pause.

Sie fuhren am Castel Nuovo vorbei in Richtung San Carlo. Der Taxifahrer wies mit der Hand nach rechts und streifte dabei wie...



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