Krohn | Die achte Todsünde | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten

Reihe: Neapel-Krimi

Krohn Die achte Todsünde


1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-86474-025-1
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten

Reihe: Neapel-Krimi

ISBN: 978-3-86474-025-1
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Weihnachten steht vor der Tür. Sonja Zorn hat ihre Stelle in der Redaktion in Hamburg gekündigt und ist probeweise zu Commissario Gennaro Gentilini nach Neapel gezogen - beide haben die Nase voll vom aufreibenden Wechsel zwischen Nähe und Distanz in einer Fernbeziehung. Doch auch zur besinnlichen Adventszeit macht das Verbrechen in Neapel keine Pause: Zwei Kinderschänder, nach kurzer Haft wieder auf freiem Fuß, werden erschossen. Ein Geschäft mit Krippenfiguren geht in Flammen auf - es gehörte der Mutter eines der fünf missbrauchten Jungen. Am Fest der Liebe stehen Sonja, Gentilini und die Kollegen aus dem Kommissariat für Sexualdelikte vor verzwickten Fragen nach Gerechtigkeit, Strafe, Selbstjustiz - und Blutrache hat in Neapel Tradition...

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1


Es gab einfach alles. Die Verkaufstische draußen vor den vielen kleinen Läden zu beiden Seiten der Gasse waren beladen mit allen Köstlichkeiten, die je nach Saison auf den Märkten Neapels zu finden waren: saftige aufgeschnittene Wassermelonenhälften, Körbe voll mattglänzender Maronen, ganze Hügellandschaften aus frisch gepflückten Orangen und Zitronen, Artischocken, Zucchini, Auberginen in Hülle und Fülle, Salatköpfe, Tomaten, Bananen, Feigen und Kaktusfrüchte, Granatäpfel, Körbe mit Eiern, Schälchen mit Waldbeeren, einladende Käsesorten, Caciotta, Parmesan, Provolone in unterschiedlichen Reifegraden. Gleich daneben ein Stand mit Schinken, Mortadella, Salami und appetitlich um die Aufbauten gewundenen Wurstketten, dann wieder Platten voll hellroter Schalentiere, Langusten, Krebse und Hummer nebst flachen Schüsseln voll silberglitzernder Fische in diversen Größen und Formen, Miesmuscheln, Herzmuscheln, Taschenmuscheln, Schnecken, Calamari, Verkaufsstände für Tripa, aufgeschichtetes Weißbrot, ofenfrische Pizzen, reichverzierte Torten – was immer das Herz begehrte.

Was aber fehlte, war der unverkennbare, derbe, zuweilen übelkeiterregende Geruch nach Meer und Salz und Fisch, auf den Märkten ein verlässlicher Vorbote der Stände der Fischverkäufer. Was nicht in der Luft lag, war das gelborange, säuerlich prickelnde Aroma der Zitrusfrüchte, der köstliche, durch nichts zu ersetzende Duft nach frisch gebackenem Brot, der beißende Rauch aus dem mit Kohlen befeuerten Öfchen, auf dem Esskastanien geröstet wurden. Eine ganze Dimension mediterranen Marktgeschehens, die dem Besucher das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, die Lust weckte, die Waren in die Hand zu nehmen und gleich zu verspeisen, oder aber zu waschen, zu putzen, zu schneiden, zu würzen, zu braten, zu kochen, zu backen – fehlte. Ja, es gab alles: aber ohne Geruch und in Miniaturformat.

Via San Gregorio Armeno. Die Weihnachtsgasse. Die Krippengasse. Hier wurden die neapolitanischen Weihnachtskrippen bestückt. Sonja war überwältigt. Konnte sich kaum sattsehen, während sie sich neben Livia im Schneckentempo an den Ständen entlangschob, immer wieder angerempelt wurde, sich gegen den Druck der Menschenmenge stemmte. Fülle des Südens.

Es war Samstag, an diesem Wochenende waren Gennaros Kinder bei ihnen, gegen Mittag war überraschend Livia aufgetaucht. Sie war Gennaros älteste Freundin und seit ein paar Jahren auch Kollegin bei der Kripo, nur dass Livia Picone für die »abhandengekommene schöne Kunst« zuständig war und Gennaro Gentilini für die »aufgetauchten hässlichen Leichen«, wie sie es spaßeshalber nannten. Beim Essen hatte Gennaro vorgeschlagen, sie könnten alle fünf gemeinsam in die historische Altstadt gehen, sich in ein paar Kirchen die Weihnachtskrippen ansehen und danach durch die Via San Gregorio Armeno schlendern.

Ein Sturm des Protests.

»Nur über meine Leiche!« Isabella, seit einer Woche siebzehn, war mit zwei Freundinnen verabredet, der Rest der Welt ging sie nichts an.

Giorgio, Gennaros vierzehnjähriger Sohn, hatte gemault, sein Vater habe schon seit Ewigkeiten versprochen, mit ihm zu einem Ligaspiel des SSC Napoli zu gehen. Und Sonja hatte ebenso spontan wie entgeistert gemurmelt: »Weihnachtskrippen? Wieso das denn?«

Sollten der Rummel in den Straßen, die sich in jeder Kaffeebar stapelnden Panettone-Packungen, die batteriebetriebenen, jinglebells-quäkenden Weihnachtsmänner, die einen in der Via Roma gnadenlos in Empfang nahmen, sobald man das Gassengeflecht der Quartieri Spagnoli verließ, auch in ihrem geliebten Gennaro eine Art Vorweihnachtsmann geweckt haben? Den Romantiker, der einmal im Jahr süße Kindheitserinnerungen ins harte Kriminalerleben einließ? – lasst mich ein, ihr Kinder, ist so kalt der Winter –, wozu Weihnachten sich doch anbot, glöckchensüße Erinnerungen an in der Familie verbrachte Stunden, an Melodien von Weihnachtsliedern, deren Texte (meistens nur der Refrain und die erste Strophe) ebenso urplötzlich aus den Tiefen des Gedächtnisses auftauchten wie Fragmente aus einem der vier Evangelien – und es begab sich aber zu der Zeit ...

»Wieso nicht?«, hatte Gennaro herausfordernd in die Runde gefragt. Isabella war mit gezücktem Handy in ihrem Zimmer verschwunden. Livia zeigte sich zu allen Schandtaten bereit, wie sie es nannte.

Sonja, stirnrunzelnd: »Eine Ausstellung mit Dutzenden von Jesussen und ebenso vielen Marias und Josefs und noch mehr Stallgetier?«

Gennaro, auflachend: »Was wären wir ohne unsere Vorurteile, oh nordische Geliebte aus dem Lande der Barbaren. Lass dich überraschen!«

»Aber Papa, heute spielen sie doch gegen Pisa ...«, hatte Giorgio heftig protestiert und mit dem Fuß aufgestampft, »versprochen ist versprochen, du hast sonst sowieso nie Zeit, immer kommen irgendwelche blöden Leichen dazwischen, aber heute ...«

Dagegen ließ sich nichts einwenden. Zu oft waren Wochenendunternehmungen in letzter Sekunde vereitelt worden, weil ein Anruf aus der Questura kam und Commissario Gennaro Gentilini dringend am Tatort gebraucht wurde. Auch Sonja und Livia fanden, dass Vater und Sohn unter den ausnahmsweise einmal günstigen Umständen ins Stadion gehörten. Gennaro, der kein Fußballfan war und Menschenmassen hasste, musste sich geschlagen geben, unterfütterte diese Schlappe aber mit einem längeren Monolog darüber, wie anders das alles früher gewesen war: als er noch ein Junge war, da hätte er wer-weiß-was dafür gegeben, mit den Eltern über den Weihnachtsmarkt zu schlendern, den ganzen November hätten er und seine Brüder sich darauf gefreut, etceterapepe. Blieben nur Sonja und Livia übrig.

Als die beiden Männer aus dem Haus waren, hatte Livia gesagt: »Beschreib mir deine Krippe.«

»Wieso meine?«

»Wie sieht sie aus, was ist drin?«

»In meinem Kopf?«

»In deinem Kopf, in deiner Krippe.«

Vor Sonjas innerem Auge nahm ein Stall Gestalt an, aus Holz und strohgedeckt, darin Maria, Joseph, Ochs und Esel und in der Krippe das Jesuskind, zusätzlich ein paar Schafe, ein, zwei Hirten, eventuell auch, zwecks kirchenkalenderlichem Zeitraffer, die Weisen aus dem Morgenland.

»Mehr nicht?« Livia wirkte enttäuscht, beinahe empört.

»Mehr nicht. Das heißt, eigentlich ...«

Als Sonja mit siebzehn zu Hause auszog, hatte sie geglaubt, der Weihnachtsrummel liege für immer hinter ihr. Ihretwegen sollte keine Tanne dran glauben müssen, sie würde nie wieder im Leben eine einzige Weihnachtskugel kaufen, Engel, Lametta, das ganze Glitzerzeug, womöglich auch noch Krippenfiguren, im Brustton der Überzeugung: Nie! Aber als Luzie auf die Welt kam und zwei oder drei Jahre alt war, hatte Oma Hilde ungefragt die Krippe wieder eingeführt, guck mal, Luzielein, was für schöne Püppchen, und Luzies Kinderhand hatte nach dem Schaf gegrabscht und ihr Mund hatte sssaaf gesagt und ihre Augen hatten gestrahlt, und seither gehörte die Weihnachtskrippe wieder dazu. Und mit ihr der Baum, denn eine Krippe gehörte unter einen Baum, und ein Baum war ohne Ausstattung langweilig und ungeschminkt. Und alle Supermärkte, Baumärkte, Kaufhäuser überboten sich in Farbe und Glitzer, wie sollte ein Kind da widerstehen können? Irgendwann hatte Luzie die Krippenlandschaft mit Gummitieren bestückt: Elefanten, Löwen, Kamelen, Zebras, Kängurus, Affen sowie jede Menge Pferde und Hunde und Katzen marschierten auf den Stall zu, drängten sich um die Krippe, hockten auf dem Dach, Wolf und Schaf, Tiger und Antilope, Seite an Seite als Demonstration des Weltfriedens, Arche Noah meets Bethlehem. In einer dritten Phase waren die Bewohner der Luft dazugestoßen, blaue, rote, grüne, mit Silber-oder Goldglitzer verzierte, kleine, mittlere, große Vögel, kunstvoll in hauchdünnes Glas geblasen und prächtig herausgeputzt mit goldenen oder silbernen Schnäbeln und bunt gefiederter Schwanzpracht, die auf den Zweigen hockten.

Die Vögel waren geblieben, der jährliche Nadelbaum ebenfalls, Oma Hildes solide Krippe aber wurde in den Keller abgeschoben.

Livia hatte nachsichtig gelächelt. »0 presebbio ...«

Die Krippe – sie hatte das Wort fast wehmütig in den Mund genommen, gedreht und gewendet – il presepe napoletano war ein ganzer Kosmos für sich.

Jede Familie hat zu Hause ihre eigene Krippenlandschaft. Anfang Dezember wird sie aufgestellt und immer wieder umgebaut und erweitert. Nicht Bethlehem ist der Mittelpunkt der Welt, sondern Neapel. Mit all seinen Schätzen und all seinen Widersprüchen.«

»Gennaro hat keine.«

»Die Familienkrippe wird bei der Scheidung in Rosarias Besitztum übergegangen sein.«

»Und du?«

»Ich habe auch keine. Ich lebe ja allein. Aber meine Familie, meine Eltern, meine Geschwister mit ihren Kindern, sie haben alle eine riesige Krippe.«

Livia war ins Schwärmen geraten: über weite Landschaften aus Pappmache, Pappe, Kork mit Dutzenden, ja Hunderten von Figuren aus dem neapolitanischen Alltag, Pizzabäcker mit in den Fels gebauten Öfen, Weinhändler, Bettler, Fischer, Konditoren, Kartenspieler, Musikanten, Pulcinellas, Mägde, Hirten mit Schafen über den Schultern. Zu den historischen Figuren kamen jedes Jahr neue hinzu, Politiker wie Berlusconi, Bush, sogar Osama bin Laden, bekannte Sportler, Filmstars. Im Jahr zuvor hatten zwanzig neapolitanische Konditoren gemeinsam eine riesige Weihnachtskrippe aus Schokolade hergestellt.

»Die größte Schokokrippe der Welt. Aus drei Tonnen Schokolade!« Sie fuhr fort: »In der Via San Gregorio Armeno sind die besten Krippenbauer der Stadt, ihre Läden und Werkstätten, dort gibt es alles, was das Herz begehrt....



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