E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Krohn Rosas Rückkehr
1. Auflage 2007
ISBN: 978-3-86474-029-9
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-86474-029-9
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Juni 1991. Rosa Liebmann, jüngste von fünf Geschwistern, steckt in der ersten großen Krise ihres Lebens. Ihr Freund hat sie verlassen, nun kehrt sie, nach fast zwanzig Jahren in San Francisco, zurück nach Deutschland, ins Ostseebad Scharbeutz. Als sie in Hamburg den Zug nehmen will, entdeckt sie auf dem Bahnsteig ihre fast siebzigjährige Mutter - in den Armen eines fremden Mannes. Am nächsten Morgen, beim ersten Strandspaziergang, spürt Rosa, wie sehr sie sich nach ihrer Heimat gesehnt hat. Doch die Idylle trügt. In einem Strandkorb findet Rosa ihren Vater, den wohlhabenden Ladenbesitzer, Patriarchen und Herzensbrecher Friedrich Liebmann - aus nächster Nähe erschossen. Abgründe tun sich auf, als jedes Mitglied der Familie in Verdacht gerät und die Vergangenheit wieder einmal nicht vergangen ist. Zumal Rosas Jugendfreund Hanno Finn die Ermittlungen leitet ... INGRID NOLL ÜBER ROSAS RÜCKKEHR 'Barbara Krohns neuer Roman 'Rosas Rückkehr' schildert äußerst subtil die Gefühle einer jungen Frau, die nach langem Aufenthalt zurück in ihre Heimat kommt und dort bereits am ersten Morgen mit einem Mord konfrontiert wird. Nach und nach lernt man eine vielköpfige Familie kennen, in der es nicht nur brodelt, sondern richtig kocht. Fünf Geschwister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, die in Liebe entbrannte siebzigjährige Mutter, ein gutaussehender Polizist und die Ostsee spielen die Hauptrollen. Ich habe dieses Buch nur zum Essen und Schlafen aus der Hand gelegt.'
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1
Der Mann links neben ihr, der in New York zugestiegen war, benutzte dasselbe After Shave wie Steven – und Steven war das allerletzte, woran Rosa erinnert werden wollte. Seit ihrem Abflug ging das so: Seit sie morgens in San Francisco ins Flugzeug gestiegen war, schlich die Vergangenheit sich an, überfiel sie ohne Vorwarnung, geradezu hinterhältig. Und ohne zu differenzieren, zu gewichten: die einen ins Kröpfchen, die andern ins Töpfchen. Hier oben in der Luft schienen sämtliche Abwehrmechanismen außer Kraft gesetzt zu sein. Freie Bahn für Erinnerungen jeder Art.
Eine Zumutung, dachte Rosa. Wenn sie das geahnt hätte, hätte sie gleich da bleiben können. Nach Stevens unrühmlichem Verschwinden aus ihrem Leben war sie lange genug ziellos in dieser trüben Brühe aus Gestrigem und Vorgestrigem getrieben, ohne Land in Sicht, geschweige denn festen Boden unter den Füßen. Überall, wohin sie auch ging, hatte die Rosa-und-Steven-Vergangenheit gelauert: bedrohlich, fratzenhaft, manchmal verzerrt wie die unkenntlich gemachten Stimmen und Gesichter geständiger Verbrecher in irgendeinem Fernsehsender. Stevens Verbrechen war anderer Natur und vor allem nicht strafbar. Steven hatte Rosa verlassen. Wegen einer anderen Frau. Nach acht gemeinsamen Jahren. So etwas passierte wirklich. Nicht nur auf dem Bildschirm. Und nicht nur den anderen.
Alles halb so wild, sagten Rosas Freundinnen, just forget it. Jede von ihnen kannte mindestens zwei andere hundsgemeine Fälle, neben denen sich Rosas Misere wie eine leichte Verkühlung ausnahm: Bei ihr waren schließlich keine Kinder mit im Spiel. Steven hatte sie nicht geschlagen, ihr nicht die letzten Ersparnisse aus den Rippen geleiert. Er war doch nur gegangen. Nur. Damit würde sie schon klarkommen. Ein paar Tage Auszeit, Schwamm drüber, neue Liebe, neues Glück, und bald würde die Welt wieder rosiger aussehen.
Aus den Tagen aber waren Wochen und Monate geworden, und ein Tag war so trüb gewesen wie der andere. Rosa hatte gar nicht klarkommen wollen mit der neuen Situation. Sie war nicht aus dem Haus gegangen, hatte die alten Freunde nicht mehr getroffen, die alten Wege gemieden, vor allem das For Roses. Sie hatte sich eingeigelt, das Essen per Telefon bestellt, im Bett gelegen, gegessen, geheult, geschlafen, auf den Bildschirm gestarrt, ohne etwas zu sehen. Eines Morgens hatte sie im Spiegel die ersten weißen Haare an den Schläfen entdeckt. Sie war zum Friseur gegangen, um die Haare tönen zu lassen. Ein erster Schritt hinaus, zurück in die Welt. Und welch ein Genuß, die sanft auf der Kopfhaut kreisenden Fingerspitzen der Friseurin, das lauwarme Wasser, dieses einmalige Gefühl, den eigenen Kopf in die Hände eines anderen Menschen zu legen. Von da an war sie zweimal pro Woche zu Jane gegangen, hatte sich auf dem blauem Diwan ausgestreckt und sich professionell die Wunden lecken lassen. Seelenmassage. Das Leben geht weiter. Die Zeit arbeitet für dich. Die Zeit heilt alle Wunden, hatte Jane gesagt. Rosa solle nach vorn blicken, nicht zurück.
Sie hatte es versucht, sie hatte es wirklich versucht – aber es war so verdammt schwer in einer Stadt, in der man seit über zehn Jahren lebte, in der in allen Himmelsrichtungen genau jene Erlebnisse auf Rosa lauerten, die sich nach Janes weisem Ratschluß in Vergangenheit verwandeln würden: Steven im Golden Gate Park, Steven am Pazifik, Steven in der J-Church, Steven im Delikatessenladen in der Haight Street. Überall Steven. Wie eine gigantische Werbekampagne, die exklusiv für Rosa lanciert worden war. Ganz von selbst war Rosa also zu einem, wie sie fand, mindestens ebenso weisen Ratschluß gekommen: Wenn sie nach vorn blicken und alles hinter sich lassen sollte, dann mußte sie San Francisco völlig den Rücken kehren. San Francisco war die Vergangenheit, und die neue Gegenwart würde, für einige Zeit zumindest, Deutschland heißen, genauer gesagt Scharbeutz an der Ostsee. Vor sechzehn Jahren war es genau umgekehrt gewesen. Damals hatte Rosa es kaum erwarten können, endlich wegzukommen von zu Hause, aus der Enge von Familie und Dreitausendseelengemeinde, und zwar so weit weg wie möglich. Damals war Scharbeutz die Vergangenheit gewesen, der sie den Rücken kehrte, und die Gegenwart hieß Amerika. Und nun retour das Ganze. Back to the roots. Der Weg zurück als Weg voran? Es klang zumindest vielversprechend.
Doch schon beim Abheben des Flugzeugs erste flash backs, die wie Wolkenfetzen an Rosa vorbeitrieben. Kurz blitzten Bilder früherer Flüge, Abflüge, Ankünfte auf: Wer sie wann wo zum Flughafen gebracht und wer sie wann wo abgeholt hatte, in welchem Jahr das jeweils gewesen war, welchen Job sie hatte, wo sie wohnte. Rosa war machtlos: Die Situationen blätterten sich in wilder Reihenfolge vor ihrem inneren Auge auf, sie konnte gar nicht anders, sie mußte hinschauen, und natürlich landete sie dabei automatisch doch wieder bei Steven. Bei ihrer gemeinsamen Wohnung, der gemeinsamen Kneipe, bei seinen Rosen, seinen Küssen ...
Sie versuchte sich abzulenken, blätterte in der Bordzeitschrift, sah dann dem Film zu, einer Liebeskomödie, die an der Ostküste spielte. Die Frau war reich und sympathisch, der Mann arm und attraktiv, die Geschichte harmlos und absehbar. Gegenwart, pure Gegenwart. Rosa vergaß sogar, darauf zu achten, auf keinen Fall das After Shave des Nachbarn einzuatmen.
Sie bestellte einen Wodka Tonic mit Eis. Der junge Steward, der Rosas Sitzreihe bediente, ähnelte auf verblüffende Weise ihrem Ex-Mann: Gesichtsschnitt, Haarfarbe, Augen, auch Alans Lächeln, seine ganze Art, sich zu bewegen – und schon war die Vergangenheit wieder am Zug. Rosa fühlte sich um anderthalb Jahrzehnte zurückversetzt, in die Zeit, als sie sich noch von rauchig riechenden Karohemden, rauhen, zupackenden Händen, James-Taylor-Look und Straßenkreuzern hatte betören lassen.
Wie jung sie damals gewesen war, unerschrocken, unerfahren, naiv. Damals war sie mit dem Geld, das sie auf Long Island beim Tellerwaschen verdient hatte, eine Zeitlang die Ostküste entlanggereist und war schließlich mit zehn Dollar in der Tasche in Pittsburgh gelandet. Den nächsten Job fand sie in einem Drive-in, zuerst in der Küche, dann an den Tischen, nur die Bezahlung war lausig, besser als gar nichts zwar, aber schlechter als auf Long Island. Da kam Alan wie gerufen und gleich an drei Tagen in Folge. Er setzte sich stets an denselben Tisch, wo sie ihm Bacon and Eggs servierte, und am dritten Tag ließ sie alles stehen und liegen, verzichtete sogar auf den noch ausstehenden Wochenlohn, holte ihre Siebensachen aus dem dunklen Loch, das sie mit noch zwei anderen Mädchen teilte, und stieg erhobenen Hauptes in Alans staubigen dunkelblauen Cadillac, der direkt vor der Eingangstür hielt, einen Fleetwood »Sedan«, Baujahr 1956 – Rosas Geburtsjahr, das mußte einfach Glück bringen. Auf dem langen Weg nach Westen mit ihrem Fleetwood Mac, wie Rosa Alan eine Zeitlang zärtlich nannte, liebten sie sich auf allen sieben Sitzen, ließen nonstop die Songs der gleichnamigen Popgruppe laufen, rauchten Marihuana. Ein paar Kilometer vor Las Vegas gab der Fleetwood den Geist auf – kaputter Kühler. Sie mußten über Nacht in der Stadt bleiben und beschlossen kurzerhand zu heiraten. Was war schon dabei? Abends gingen sie dann ins Casino, um die letzten hundert Dollar zu setzen, Rosa fünfzig, Alan fünfzig, les jeux sont faits. Alan gewann, Rosa verlor, den Spaß war es allemal wert, außerdem konnte die Kühlerreparatur bezahlt werden.
Auch die Ehe war den Spaß wert gewesen, und der hielt immerhin ein ganzes Jahr lang an. Dann verlief sich die Geschichte ebenso leichtfüßig, wie sie begonnen hatte. Wie man beschloß, sich ein neues Paar Joggingschuhe zuzulegen. Das Spiel war aus – undramatisch und ohne wesentliche Konsequenzen. Man vollzog schlicht eine minimale Kurskorrektur und ging ebenso freundschaftlich auseinander, wie man sich begegnet war, zufällig und unbeschwert, neuen Abenteuern entgegen. Rosa hatte nur selten an ihren ersten Mann gedacht, und als sie es jetzt tat, wußte sie nicht einmal mehr, warum sie Alan damals geheiratet hatte, vom Spaß, dem Geruch des Karohemds und dem dunkelblauen Fleetwood einmal abgesehen. Sie waren sich seither nie wieder begegnet. Alan lebte irgendwo in Oregon. Weshalb sollte man auch die rissigen, abgewetzten Joggingschuhe Jahr für Jahr aufs neue hervorholen und begutachten und womöglich obendrein erwarten, daß sie sich in der hintersten Ecke des Schrankes ganz von allein rundum erneuert hatten?
Damals war alles so einfach gewesen. Jedenfalls stellte es sich rückblickend so dar. Mit achtzehneinhalb war Rosa in New York gelandet – in der Tasche vierhundert Dollar, die sie sich in den Sommerferien in Vaters Bernsteinladen verdient hatte. Zukunft? Es gab nichts, das ihr damals gleichgültiger gewesen wäre. Das Abenteuer lockte überall und hatte ein lachendes Gesicht. Eine Zeitlang hatte es ausgesehen wie der Fleetwood Mac, nach der Scheidung wechselten Landschaften und Gesichter. Rosa war kreuz und quer durch den Kontinent getrampt, ohne jemals in eine Leib und Seele gefährdende Situation zu geraten. Kein Autounfall, kein Erdbeben, kein neugieriger Nationalparkbär, kein handgreiflicher Wüstling. Ein Lastwagenfahrer hatte sie statt in Denver, wo sie einen Erntejob auf einer Farm antreten sollte, in Salt Lake City abgesetzt. Ein attraktiver Mittdreißiger in einem ebenso attraktiven Thunderbird hatte sie über Hunderte von Meilen mit seinen Impotenzproblemen vollgesülzt, zum Abschied dann ein feuchter Händedruck, thanks for listening, good luck. Sie hatte einfach Glück gehabt. Auch was Jobs betraf: Irgend etwas fand sich immer. Popcorn verkaufen im Baseballstadion. Deutschstunden für die Enkel einer noch...




