E-Book, Deutsch, Band 2, 360 Seiten
Reihe: Neapel-Krimi
Krohn Was im Dunkeln bleibt
1. Auflage 2007
ISBN: 978-3-86474-026-8
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 360 Seiten
Reihe: Neapel-Krimi
ISBN: 978-3-86474-026-8
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Endlich ein Wiedersehen für zwei frisch Verliebte: Die Journalistin Sonja Zorn und Commissario Gennaro Gentilini würden zu gern den Spätsommer in den verwinkelten Gassen und den lauschigen Buchten am Golf von Neapel genießen. Aber dann wird in den antiken Ruinen Pompejis die Leiche einer unbekleideten Afrikanerin gefunden. Ein Wachmann verschwindet ebenso spurlos wie wertvolle Gegenstände pompejischer Kunst. Gennaro ist rund um die Uhr gefordert und hat keine Zeit mehr für Sonja, die selbst zu recherchieren beginnt. Das Schicksal der illegal in Neapel lebenden schwarzen Frauen lässt sie nicht mehr los. Im deutschen Konsulat knüpft sie Kontakte, die sich schnell als hintergründiger erweisen als geahnt...
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Es gab nur die Gegenwart, hier und jetzt, im halb abgedunkelten Schlafzimmer, nackte Gegenwart, die neben ihm lag. Ihr Atem ging ruhig und regelmäßig, ihr Mund war leicht geöffnet, die Haare fielen wirr aufs Laken, auf die braungebrannte Schulter. Sie hatte sich auf die Seite gedreht, ein Bein angewinkelt. Es zeigte in seine Richtung, es meinte ihn.
Gennaro Gentilini war glücklich. Er hatte Sonja morgens um kurz nach zehn vom Flughafen abgeholt. Bevor sie sich in seine Wohnung zurückzogen, waren sie auf Sonjas Wunsch in einer kleinen Bar in den Quartieri Spagnoli eingekehrt, um ihre Ankunft zu feiern: mit einem frischen Cornetto und einem caffé mit Blick auf die engen Gassen, den Gemüsestand an der Ecke, im Ohr die Geräusche des neapolitanischen Alltags, Vespagelärme, die gutturalen Rufe der Händler. Um bei einem Glas Prosecco den Übergang leichter zu machen, den Übergang zwischen dem Norden und dem Süden in ihnen. Zwischen Sehnsucht und Wunscherfüllung, stundenlangen Telefonaten und dem Wiedersehen, Auge in Auge. Zwischen dem quirligen, alle Sinne beanspruchenden Leben draußen und der Stille drinnen, in seiner Wohnung. Wo es nur noch sie beide gab. Sie beide, Haut an Haut, ihren Atem, ihr Verlangen, gesprenkelt von Momenten der Fremdheit.
Ja, er war glücklich. Er lag auf dem Bett, die Arme unter dem Kopf verschränkt. Ihm fehlte nichts. Nicht einmal die Zigarette, die er früher in dieser Situation geraucht hätte. Er hatte keinen Termin. Er war entspannt. Er würde nicht plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufspringen, um ins Wohnzimmer zu laufen und schnell eine überfällige Mail zu schreiben. Er würde nicht einmal im Geiste die Stichpunkte für den längst fälligen Halbjahresbericht notieren, den der Polizeipräsident wieder einmal ihm aufs Auge gedrückt hatte.
»Sie machen das einfach am besten, Gentilini, und im August ist doch sonst nichts los. Wenn sogar das organisierte Verbrechen Ferien macht, hahaha!«, klang ihm Dottore Paganos Stimme noch in den Ohren.
Gentilini hatte es nichts ausgemacht, zu den wenigen Kollegen zu gehören, die der Questura im August ein wenig Leben einhauchten. Er hatte die Ruhe im Büro und in der Stadt genossen, abends lange auf der Terrasse gesessen, Musik gehört, gelesen, mit Sonja telefoniert. Den Bericht hatte er nicht geschrieben. Er hatte eine Art Allergie gegen das Schreiben von Berichten. Außerdem gab es auch sonst genug zu erledigen. Alles, was in den restlichen elf Monaten des Jahres liegen blieb. Typisch Pagano, so zu tun, als wäre der Kriminalerjob im August eine Art Heilkur. Als würden die übrig gebliebenen Kollegen eine ganz ruhige Kugel schieben und in den Gängen des Polizeipräsidiums Boccia spielen. Oder pokern, auf wie durch einen Zauber leergefegten Schreibtischen.
Gleich nach Ferragosto, als sein Freund und Kollege Stefano di Maio, Vater von fünf Kindern, vom Strandurlaub in Kalabrien zurückkam, war Gentilini zehn Tage mit seinen Kindern nach Sardinien gefahren. Giorgio hatte sich im Internet einen Tauchkurs ausgesucht, der extrem teuer war, aber Gentilini war froh gewesen, dass sein vierzehnjähriger Sohn, seit ein paar Monaten fest in den Klauen der Pubertät, überhaupt die Initiative zu irgendetwas ergriff. Also hatte er sich überreden lassen und sich ebenfalls in einen engen Taucheranzug gezwängt. Hatte Erinnerungen an missglückte Schnorchelversuche in der eigenen Kindheit, an den Gummigeschmack im Mund und die Angst zu ertrinken verdrängt. Was tat man nicht alles für seinen Sohn. Für eine positive Bilanz der Vater-Sohn-Erlebnisse.
Es war überwältigend gewesen. Nicht die Enge, sondern die so völlig andere Welt unter Wasser. Die gedämpften, gluckernden Geräusche, die wie in Zeitlupe zu den Strömungen des Wassers tanzenden bizarren Unterwasserpflanzen, die schwarzen Seeigel auf den Felsen, die dunkelroten Seeanemonen. Die Fische, die vereinzelt und in Schwärmen vorbeizogen, bunt, leuchtend oder ganz unscheinbar, lang, dick, winzig klein, wie sie in scheinbarer Ruhe vor sich hin schwammen, dann mit jähen, unvorhersehbaren Bewegungen davonschossen. Kein Lärm, niemand, der einen vollquatschte.
Durch das Tauchen war zwischen Giorgio und ihm eine neue Gemeinsamkeit entstanden, die Gentilini froh machte. Wehmütig dachte er daran, dass gleichzeitig die Kluft zu Isabella größer geworden war. Sie hatte von Anfang an nicht mit Vater und Bruder verreisen wollen, sondern mit fünf Mädchen aus ihrer Clique. Gentilini hätte nichts einzuwenden gehabt, aber seine Exfrau Rosaria war strikt dagegen gewesen. Isabella sei erst sechzehn, und Gennaro solle ja nicht glauben, dass er sich drücken könne. Wovor? Vor seiner Verantwortung. Vor dem zehn Tage lang beleidigten, gequälten Gesicht seiner Tochter. Die Nummer hatte sie, zumindest in seiner Gegenwart, konsequent durchgezogen, das musste er ihr lassen. Aber einmal hatte er sie im Vorbeigehen in einer Eisdiele gesehen, in Gesellschaft anderer Jugendlicher, ausgelassen und bester Stimmung – das hatte ihn mächtig beruhigt.
Jetzt war der August vorbei und alle vorübergehenden Meeres- und Strandbewohner zurückgekehrt in die Stadt. Und wie auf Termin hatte sich auch das organisierte Verbrechen aus der Sommerpause zurückgemeldet – mit einer Autobombe und einer Schießerei in Secondigliano. Vier Tote. Dazu kam die Frauenleiche, die vorgestern in einer Bucht in Trentaremi angespült worden war, vermutlich ein Flüchtling aus Afrika, eine der vielen unglücklichen Seelen, die über den Seeweg versuchten nach Europa zu gelangen.
Gentilini wollte nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt. Jetzt war hier und heute. Jetzt ist Sonja, dachte er in stiller Übereinkunft mit dem Glück der letzten Stunden.
Sonja … Dieses Wort hatte nicht nur einen besonderen Klang, sondern auch einen Körper und eine Seele, es war ein Wort mit Flügeln und einer Geschichte, von der er nur einen winzigen Ausschnitt kannte, ein Wort aus einem Land, in das er noch nie einen Fuß gesetzt hatte. Aber das konnte ja noch kommen. Sonnnn-jaa… Er versuchte ihren Namen in Gedanken so auszusprechen, wie sie es in ihrer Sprache tat. »Doch nicht wie eine Tochtergesellschaft von Sony«, hatte sie am Anfang ihrer Bekanntschaft protestiert. »Zuerst Sonne mit zwei n, Sonne heißt sole, und danach ja, also sì, und nicht I-Ah wie der Esel!«
Ihr Haar war gewachsen, seit er sie das letzte Mal so betrachtet hatte. Das war auf den Tag genau sechs Wochen her, aber es kam ihm vor wie Monate, ach was, Jahre – und zugleich schien nicht einmal eine Sekunde vergangen zu sein, so selbstverständlich war Sonjas Gegenwart. Sie lag neben ihm auf dem Bett, als wäre sie nie fort gewesen. Ihr Haar war das Indiz für die Zeit, die er ohne sie verbracht hatte. Zwei bis drei Zentimeter, schätzte er und folgte dabei mit den Augen einer dunklen Strähne, die quer über ihrem Gesicht lag.
Gegenwart: Er brauchte nur den Arm auszustrecken und mit dem Finger über Sonjas Haut zu streichen, sonnengebräunte Haut auf einem weißen Laken, doch etwas hielt ihn zurück, vielleicht die Vorfreude, die man immer noch ein paar Augenblicke länger auskosten konnte, vielleicht ihr Körper, der so uneingeschränkt dem Schlaf hingegeben dalag, samtig, selbstvergessen, dass es ihm wie ein Akt der Gewalt vorgekommen wäre, jetzt zuzugreifen und sie aus diesem Zustand zu vertreiben.
Er hatte frei. Heute, morgen und übermorgen auch. Drei Tage große Freiheit.
Seit der Scheidung von Rosaria hatte Gentilini sich nicht mehr mit einer Frau eingelassen. Er konnte nicht oder wollte nicht, was auf dasselbe hinauslief. Alle Versuche seiner Freunde, ihn auf plumpe oder subtile Weise zu verkuppeln, waren schon im Vorfeld gescheitert. Die Frauen, die sie ihm bei allen möglichen Gelegenheiten vorgestellt hatten, waren alle irgendwie okay gewesen, hübsch, attraktiv, nett, sympathisch, klug, interessant, manchmal etwas schrill, manchmal etwas dominant oder eine Spur zu eindeutig auf der Suche nach einem Mann. Was er ihnen nicht zum Vorwurf machte. Dass es nicht gefunkt hatte, lag nicht an den Frauen, sondern an ihm selbst, dessen war er sich bewusst. Frauen hatten ihn über einen längeren Zeitraum ganz einfach nicht interessiert. Sendepause. Auszeit. Ersatzlos gestrichen. Eine Phase, die ihn viel weniger beunruhigt hatte als seine unmittelbare Umgebung.
»Du hast eine Wahrnehmungsstörung«, hatte Stefano di Maio diagnostiziert und Gentilini unermüdlich mit Frauen zusammenzubringen versucht, zumeist Freundinnen seiner Frau Stefania. »Was sagst du zu der von gestern Abend?«
»Ja, sie war ganz nett«, hatte Gentilini gemurmelt und sich nicht einmal daran erinnert, wie die Frau aussah. War es die Blonde oder die Brünette gewesen? Die kleine Mollige oder die sportliche Schlanke?
»Ganz nett?«, schrie daraufhin Stefano, als ginge es um seine eigene Schwester, als habe Gentilini den Ehrenkodex der Familie verletzt. »Die war nun wirklich top. Bellissima! Intelligente! Sexy! Un amore! Wo zum Teufel hast du deine Augen?!«
»Man muss sich doch nicht gleich in jede nette Frau verlieben …«
»Verlieben, wer redet denn von verlieben?? Dann eben nicht, du Blindgänger, du Kostverächter… Was ist nur los mit deinem Schwanz, Mann?«
»Was soll damit los sein?«, hatte Gentilini nur geknurrt. Er mochte zwar vorübergehend gegen weibliche Reize unempfindlich sein, aber das hieß noch lange nicht, dass er zum geschlechtslosen Neutrum mutiert war.
»Ma, che ne so … Was weiß ich …? Also, ich an deiner Stelle hätte sie noch am selben Abend…«
»Bitte sehr, nur zu, ich steh dir nicht im Weg!«
»Basta, Gennaro! Krieg endlich deinen...




