E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Krohn Weg vom Fenster
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86474-084-8
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-86474-084-8
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Ines Klövenstrüpp ihren zwei Monate jungen Sohn im Kinderwagen durch die Regensburger Altstadt schiebt, wird sie in einer der mittelalterlich engen Gassen Zeugin eines Mordes. Leibhaftig weg vom Fenster ist Literaturprofessor und Frauenheld Paul Breitkreuz. Wer hat ihn aus dem Weg geräumt? Eine Frau, ein Kollege, ein Schulfreund? Spielt sein Plan für ein Literaturhaus in der Provinz eine Rolle? Ines, kurze Zeit selbst unter Verdacht, beginnt der Geschichte nachzugehen (und nachzuschieben). Auch Freya Jansen von der Kripo ist an dem Fall dran. Mit weiblicher Logik und entsprechendem Spürsinn ermitteln die beiden Frauen parallel - bis auch ihre Wege sich kreuzen: in einem verhängnisvolles Geflecht von allzu Menschlichem.
Autoren/Hrsg.
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1
Das gleichmäßige Rauschen der beiden Springbrunnen hatte etwas Prickelndes und zugleich Beruhigendes. Johnny jedenfalls schlief. Auf dem Bismarckplatz gab es etwas umsonst: einen Hochsommerabend, der leicht bekleidet zelebriert wurde. Das Geräusch des Wassers dämpfte die Gespräche. Alle Stühle und Bänke waren belegt, man stand und hockte auf den Stufen, saß dicht an dicht auf der steinernen Umrandung des Brunnens. Ein paar jüngere Leute tauchten die Füße hinein, die meisten aber drehten dem Geplätscher den Rücken zu.
Getränke musste sich jeder selbst besorgen. Schlechte Karten für Ines, die unmöglich mit dem Kinderwagen bis zum Tresen vordringen, geschweige denn Johnny mutterseelenallein inmitten der von was auch immer trunkenen Menge zurücklassen konnte. Außerdem musste der Wagen in Bewegung gehalten werden, sonst wachte der Kleine auf. Aber Ines hatte Durst. Sie wollte auch dabei sein, wollte teilhaben an diesem Sommerabend, sich an den Brunnen setzen, schauen, Gedanken freilassen und andere dafür einfangen. Sie sprach eine Frau an, die soeben mit einem leeren Bierglas in der Hand auf den Kneipeneingang zusteuerte. Ob sie ihr ein Alsterwasser mitbringen könne?
.„A wos?“
.„Ein Alsterwasser“, wiederholte Ines, korrigierte sich dann selbst: .„Ein Radler.“
.„Ah so. Passt scho.“
Ines drückte ihr ein Fünfmarkstück in die Hand. Sie hatte dazugelernt. Inzwischen wusste sie, dass es sich bei Donauwellen nicht um ein bräunliches Getränk handelte, sondern um Gebäck, dass ein Blödmann ein Depp war und der Schnuller Dutzel hieß, dass Rundstücke als Semmeln verkauft wurden, Wurzeln als gelbe Rüben und Bratklopse als Fleischpflanzerl. Kleinigkeiten. Zumal das Ding an sich gleich blieb. Manchmal fühlte Ines sich mit ihrer klaren, unschnörkeligen norddeutschen Aussprache wie eine Fremde. Wie eine, die hörbar nicht dazugehört. Eine Zugereiste, wie es hier hieß. Ein Fischkopf, wie Toms Mutter bei der ersten Begegnung festgestellt hatte. Ohne es böse zu meinen: Sie denkt sich nichts dabei, hatte Tom, nur halb überzeugt, später richtigzustellen versucht.
Ein Pärchen am Springbrunnen stand auf. Schnell schob Ines den Kinderwagen wie eine Barrikade an den Brunnenrand, um zu verhindern, dass jemand ihr den Platz wegschnappte. In den meisten Situationen stellte der Kinderwagen eine Behinderung dar. Also galt es, Nachteile in Vorteile zu verwandeln. Schon saß sie zufrieden auf der Steinumrandung und wippte den gut gefederten Wagen mit dem Fuß auf und ab. Sie kam sich dabei ein wenig vor wie an der altmodischen, pedalbetriebenen Nähmaschine, die ihre Mutter im Herbst und im Frühjahr hervorgeholt hatte, um zu große Mädchenkleider zu kürzen und enger zu nähen, bei zu klein gewordenen Kleidern den Saum herauszulassen und so viele Stoffzentimeter wie möglich aus der Naht herauszuholen. Ines hatte fast alle Kleider von Marlen geerbt, der älteren Schwester. Ines war die zweite. Die dritte und jüngste, Karolin, hatte Glück gehabt: Nach zwei Vorbenutzerinnen waren die Kragen der Kleider meist durchgescheuert, die Farben verblasst, die Ellbogen dünn geworden, sodass die Mutter bei bestem Geschick kein >hübsches Kleidchen< mehr daraus zaubern konnte - Karolin bekam etwas Neues, Gnade der späten Geburt. Und ein Grund, weshalb Ines trotz chronisch leeren Bankkontos um Second-Hand-Läden einen Bogen machte. So hatte jeder seine Delle weg. Oder wie sagte man hierzulande?
Die Frau brachte ihr das Radler und den Rest von den fünf Mark. Ines bedankte sich. Und wieder: .„Passt scho.“
Passt scho - der erste, zugegebenermaßen kurze Satz der ersten Lektion eines imaginären Sprachlehrbuchs, in dem Ines seit ihrer Ankunft im Freistaat zu blättern gezwungen war. Passt scho, mit weichem P oder hartem B, konnte, je nach Situation, so viel heißen wie: Ist schon in Ordnung oder: Danke, gut oder Macht nichts und wurde vor allem dann aktiviert, wenn jemand keine Lust hatte, ausführlicher zu antworten.
.„Wie geht’s?“ - .„Passt scho!“
Ein verblüffend oft benutzter Kurzsatz, um jemanden formvollendet abzubügeln.
.„Wie sind die Nächte mit dem Kleinen?“
.„Passt scho!“
Von wegen: eine Katastrophe! Da passte aber auch rein gar nichts. Die Nächte waren immer zu kurz, zerrissen, die Nerven blank gelegt, der Kraftvorrat allmählich erschöpft. Auch deshalb war Ines jetzt unterwegs. Um die Katastrophe in andere Bahnen zu lenken, Schlaflosigkeit umzumünzen in Stadtansichten. Johnny war vor Kurzem zweieinhalb Monate alt geworden und litt nach wie vor unter den Dreimonatskoliken. Fehlten demnach ein halber Monat, genau genommen nur noch elf Tage und morgen nur noch zehn. Läppische zehn Tage, bis die Tortur für Kind und Eltern ausgestanden sein dürfte. Aber diese konkrete Zeitvorgabe war nur ein schwacher Trost, denn es hatte auch geheißen, nach drei Schwangerschaftsmonaten sei es mit der Übelkeit schlagartig vorbei. Ines hatte sich satte fünf Monate damit herumgequält, und ihr wurde ganz anders bei der Vorstellung, mit den Blähungen ihres Sohnes könnte es sich ähnlich verhalten.
Zum Glück war Sommer. Ines mochte sich gar nicht ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn sie ihr Kind durch Novembernebelschwaden oder eiskalte Winternächte hätte schieben müssen. Denn zuverlässig schlief Johnny nur, wenn er im Kinderwagen geschoben wurde. Er wurde ruhig, wenn er in Bewegung war. Was umgekehrt zur Folge hatte, dass Ines oder Tom wach sein mussten, wenn der Nachwuchs schlafen sollte. Tom fand es eine Zumutung, aber als noch größere Zumutung sah er den Vorschlag seiner Mutter an, das Baby nachts schreien zu lassen, um ihm auf diese brutale Weise von Anfang an einzutrichtern, wie es zuging im Leben. So war es früher üblich gewesen - .„und aus dir ist doch auch ein Mensch geworden.“
Mit diesem Vorschlag hatte sich die Hilfsbereitschaft der Oma diesbezüglich leider erschöpft, denn wer nicht auf ihren Rat hörte, musste alleine klarkommen und .„in den sauren Apfel beißen“. .„Geschenkt“ werde einem im Leben nichts, es sei an der Zeit, dass ihr Sohn diese Erfahrung auch mache, alt genug sei er ja. Leider gehörte auch Toms Vater nicht zu der potenziell einsatzfreudigen Sorte von Großvätern, die die eigenen Versäumnisse in späten Jahren, eine Generation später, nachholen wollten. Zumal Johnny das dritte Enkelkind war. Ohne den Reiz des Neuen also. Alles schon mal dagewesen. Ihr schafft das schon. Das haben schon andere vor euch geschafft. Wir doch auch.
Aber wann schliefen die frischgebackenen, trotz allem natürlich überglücklichen Eltern? Was vorher eine Selbstverständlichkeit gewesen war, eine Nebensache, der mehr oder weniger intensive nächtliche Schlaf, den man, zumindest am Wochenende, nach Belieben verkürzen oder verlängern konnte, wurde zum Mittelpunkt des Begehrens. Zum Dauermangel. Mit Mitte zwanzig, der Ansicht war zumindest Tom, hätte er das lässig weggesteckt, aber mit Ende dreißig?
So anstrengend hatten beide sich die Sache nicht vorgestellt. Genau genommen hatten sie sich gar nichts vorgestellt. Und wenn man den bereits erfahrenen Elternpaaren Glauben schenkte, dann konnte man sich das Elterndasein auch gar nicht vorstellen: Es sei eine Erfahrung, die sich nicht einmal annäherungsweise vermitteln lasse. Recht hatten sie. Und Tom und Ines hatten sich in dieser Unvorstellbarkeit eingerichtet.
Wenn Tom abends im Oblomow hinter der Theke stand, kam er zwischen eins und halb zwei nach Hause, schlief eine Runde, übernahm gegen halb sieben Uhr den Wach- und Schiebedienst für seinen Sohn, drehte eine Runde durch den Dörnbergpark, ging Semmeln kaufen. Nach bewegter Nacht konnte Ines wenigstens von sieben bis halb elf ungestört schlafen. Das machte für jeden von ihnen rund vier Stunden Schlaf am Stück. Früher, in Berlin, waren sie Nachtschwärmer gewesen und oft erst ins Bett gegangen, wenn die Vögel frühmorgens erwachten. Jetzt träumten sie bereits davon, abends mit den Vögeln zu Bett gehen zu können. Auszuschlafen. Wenigstens einmal. Solange Johnny Blähungen hatte: undenkbar.
An fünf Abenden und an einem Nachmittag stand Tom hinter der Theke und mindestens an einem der beiden freien Abende in der Dunkelkammer, zu der das kleine Badezimmer jedes Mal eigens umgebaut wurde. Fotografieren war seine alte Leidenschaft. Und das Zillefahren seine neue. Ines hingegen hatte alle Leidenschaften über Bord geworfen. Aber war nicht Johnny ihre neue Liebe?
Ines ging jeden Abend mit Johnny in die Altstadt, abgrundtief müde und hellwach zugleich, um nicht zu Hause mit ihm im Arm immer wieder dieselben Wände abzulaufen, immer im Kreis, zum Durchdrehen. Sie war froh, dass es die Altstadt gab und nicht nur Hauptverkehrsachsen und öde Wohnviertel und den Slalom durch die diversen Häufchen Hundescheiße. Sie erlief sich Schritt um Schritt die fremden Straßen, studierte Speisekarten, Inschriften an Häusern, Schaufenster, Plakate, sie blieb vor den Auslagen der Geschäfte stehen, las Straßennamen, vergaß sie gleich wieder.
Das sei auf das Stillen und den Schlafentzug zurückzuführen, hatte eine mit dieser Art von Gedächtnisschwund erfahrene Mitmutter berichtet, das gehe wieder vorbei. Was nur zu hoffen war! Ines schätzte diese abendlichen Spaziergänge sehr. Es tat nichts zur Sache, dass sie sich Straßennamen nicht merken konnte. Sie hatte noch keine eigene Geschichte in und mit...




