E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Krüger kaltgestellt
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7407-0090-4
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7407-0090-4
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Krüger wuchs in Deutschland und Namibia auf, studierte in Berlin Wirtschaftswissenschaften und spezialisierte sich auf Internationales Marketing von Investitionsgütern. Ende der 90-er Jahre wechselte er in den Bereich Wirtschaftsförderung und gründete 2002 sein eigenes Beratungsunternehmen mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsförderung für deutsche und internationale Kunden. Michael Krüger ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. Kaltgestellt ist sein erster Roman.
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Kapitel 2
„Kaltgestellt.“
Seit dem Gespräch im Großen Rat des Kanton Zürich in der vorvergangenen Woche beherrschte dieses eine Wort das Leben von Oberrichter Urs Conradt. Es dominierte sein gesamtes Fühlen, Denken und Handeln. Er lebte mit diesem Wort, er erwachte morgens mit ihm, er träumte es, er konnte es schmecken und riechen, sehen, fühlen und hören. Es war kalt, emotionslos und allgegenwärtig.
„Kaltgestellt“, bestätigte Maike Kaldenhoff lapidar, wenn auch nicht ohne Mitgefühl, am Telefon, als er ihr von dem Gespräch erzählte. Als ob er das nicht schon verstanden hätte! Dr. Maike Kaldenhoff, Staatsanwältin am Oberlandesgericht Hamburg, war eine der wenigen Personen seines Vertrauens, die die ganze Tragweite dieses Vorganges erfassen konnten. Unglauben schwang in ihrer Stimme mit und Unglauben beherrschte die ersten Tage nach der Freistellung. Doch inzwischen war aus dem Unglauben schiere Gewissheit geworden.
„… haben wir uns entschieden, Sie mit sofortiger Wirkung … und in Anbetracht Ihrer ohne jeden Zweifel enormen Verdienste … natürlich bei vollen Bezügen … freizustellen.“
Es war nicht so, dass er das Risiko nicht gekannt hätte. Sie hatten irgendwann reagieren müssen. Aber als es kam, traf es ihn doch unerwartet. Freigestellt! Ab sofort!
Das System steht über allem. Das System gebiert seine eigene Führung und diese wird alles daransetzen, das System, das sie nährt, am Leben zu erhalten. Es ist ein sozialwirtschaftliches Perpetuum Mobile. Führen kann nur, wer das System fördert. Das System infrage zu stellen heißt, das System zu gefährden. Das System ändern zu wollen, heißt, das Gleichgewicht zu stören, und Störungen sind zu beseitigen.
Urs Conradt war eine Störung. Die Art, wie er sein Richteramt ausübte, seine unnachgiebige Ahndung gesellschaftlichen Fehlverhaltens, seine Kompromisslosigkeit, ja, sein Unwille, „politische“ Lösungen zu finden oder ihnen zuzustimmen, war eine Störung. Es ging ihm gar nicht um die Abschaffung oder Zerstörung des Systems, sondern um die Beseitigung systemischer Störungen. Diese waren in seinen Augen die eigentliche Gefahr für das von ihm grundsätzlich geschätzte Wertesystem Schweiz mit all seinen für Außenstehende vielleicht skurril wirkenden Besonderheiten. Systemische Störungen waren in seinen Augen die zunehmende Verfilzung von Staat und Wirtschaft, die Korruption, die geheimen Absprachen bei öffentlichen Ausschreibungen, die Besetzung öffentlicher Ämter als Gefälligkeit und für Gefälligkeiten, die stetige Durchsetzung der politischen und wirtschaftlichen Führung des Landes mit Profiteuren dieses Filzes. Die Schweiz ist mit ihren etwa acht Millionen Einwohnern ein vergleichsweise kleines Land. Die Führungsschicht rekrutiert sich aus einer kleinen Clique. Man kennt sich. Aus dem Lyceum, dem Studium, der Militärzeit, familiärer Verbundenheit. Da weiß man, auf wen man sich verlassen kann.
Das Anprangern solcher Missstände gilt als Verrat am System an sich.
Er verstand, dass „freigestellt“ der ziemlich durchsichtige Versuch war, seine Kooperation für die Zukunft sicherzustellen.
Es war nicht so, dass er die nun unfreiwillig gewonnene Zeit nicht sinnvoll nutzen konnte und zu nutzen bereit war. Mit Mitte fünfzig fühlte er sich auf dem Höhepunkt seines beruflichen Schaffens. Er würde sein Leben nicht dem Golfspiel oder einem allgemeinen Müßiggang widmen. Ganz im Gegenteil. Aber seine Veröffentlichungen, die Kommentare und Kolumnen in der , , in der oder der , die Vorträge und Beratungsleistungen für diverse Think Tanks hatten doch längst nicht die direkte, die unmittelbare Wirkung auf unrechtmäßiges Handeln wie sein Richteramt. Allenfalls eine mittelbare, wobei sich auch diese vermutlich auf die Befriedigung eines vagen allgemeinen gesellschaftlichen Bedürfnisses nach Gerechtigkeit beschränkte.
Er fühlte sich seiner wirksamsten Waffen beraubt. Die Nadelstiche, die er der Wirtschaftskriminalität in der Schweiz, in Italien, Deutschland und Frankreich hatte versetzen konnte, waren schmerzhaft gewesen. Gegen käufliche Politiker, illegale Parteienfinanzierung, Korruption und Verdacht auf Geldwäsche war er erfolgreich vorgegangen: Rücktritte namhafter korrupter Beamter und Manager, Inhaftierung, öffentliche Bloßstellung undurchsichtiger Machenschaften und Verbindungen. Je tiefer er gebohrt hatte, je höhergestellt die betroffenen Personen waren, desto schärfer war der Gegenwind gewesen.
Auch sozial hatte er sich durch seine Beharrlichkeit und Kompromisslosigkeit ins Abseits manövriert. Er wurde respektiert, aber bei allen Zusammenkünften schwang stets eine gewisse Zurückhaltung mit. Das hatte er billigend in Kauf genommen. Zufrieden und von der Richtigkeit seines Handelns und des Nutzens für die Allgemeinheit zutiefst überzeugt, suchte er nicht nach öffentlicher Anerkennung. Die Freundschaft einiger weniger war ihm unendlich wichtig, aber den Rest? Brauchte er nicht.
Das sollte nun alles ein Ende finden? Bestimmt nicht. Es musste andere Wege geben.
Das System glaubte, ihn mit diesem goldenen Löffel ruhigstellen zu können. Es wollte ein Exempel statuieren. Er sollte eine Warnung für andere sein. Aber für diese Rolle wollte er nicht zur Verfügung stehen. Wenn er offiziell seines Einflusses beraubt wurde, dann musste er einen anderen Weg gehen.
„Ich stelle das System über seine Eliten. Ich werde einen Weg finden, Missstände aufzudecken oder zu beseitigen. Die Wirkung wird wahrscheinlich ebenso begrenzt sein wie in meinem Richteramt, aber ich werde einzelne Geschwüre beseitigen. Ich werde nicht grundsätzlich verhindern können, dass Geschwüre entstehen. Aber damit werde ich leben können.“
Diese Sätze wiederholte er immer wieder, wenn er, durch die Freistellung schlagartig mit sehr viel Zeit ausgestattet, entschlossenen Schrittes die Wanderwege oberhalb von Küsnacht und Meilen am Nord-Ost-Ufer des Zürichsees ablief. Arbeitete sich an den Sätzen, Gedanken und Formulierungen ab, bis sie für ihn stimmig wurden.
Ein großer, fast athletischer Mann, mit wachem Blick, aufrecht und raumgreifend das Gelände erobernd. Er war für diese Wanderungen adäquat, nicht modisch gekleidet. Auf den gelegentlichen Spaziergänger wirkte er in seiner Zielstrebigkeit, hin und wieder halblaut vor sich hinsprechend, etwas befremdlich. Es war erkennbar, dass hier jemand mit sich ins Reine kommen musste. Die kühle und feuchte Herbstluft, nur selten von wärmenden Sonnenstrahlen durchbrochen, störte ihn nicht. Vielmehr gab sie den passenden Rahmen für seine ernsten, das Grundsätzliche seiner Existenz berührenden Gedanken.
Im Laufe der Tage und langen Wanderungen wuchs in ihm aus den ersten Bruchstücken möglicher Handlungsalternativen eine „Jetzt-erst-recht-Haltung“ heran, die ihn zu einer Grundsatzentscheidung zwang. Es waren nicht Rache oder Zorn, die ihn antrieben, sondern Trotz und die Gewissheit, an dem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens zu stehen. Es gab nur eine mögliche, für ihn tragbare Richtungsentscheidung, auch wenn er noch nicht genau erkannte, wie er diesen Weg gehen sollte oder welche Risiken damit verbunden sein würden.
******
Beat Glauser leitete die kantonale Baudirektion. Er hatte in den vergangenen Jahren die Liberale Partei der Schweiz – kurz LPdS – mit massiver Unterstützung aus der Industrie von einer kaum beachteten Splitterpartei zu einer stark positionierten Kraft im Kantonsrat geführt. Er galt als eloquent, rücksichtlos und extrem ehrgeizig. Er kam aus einer Molkereidynastie, die heute von seinem Bruder geleitet wurde. Glauser hatte früh den Weg in die Politik gesucht und, da er bei den existierenden Parteien keine politische Heimat gefunden hatte, seine eigene Partei gegründet. Das Programm war ein wenig diffus, sehr wirtschafts- und industriefreundlich, ein wenig ausländerfeindlich, ein wenig nationalistisch. Es gab eine ganze Reihe von Gerüchten über seine engen Beziehungen zu einzelnen Bauunternehmen, die von den Aufträgen der öffentlichen Hand abhingen. Aber nie konnte etwas bewiesen werden.
Die Staatsanwaltschaft war auf ihn aufmerksam geworden, als bei Untersuchungen wegen möglicher Konkursverschleppung eines kleineren Bauunternehmens, das sich bei der Ausführung eines Straßenbauprojektes verhoben hatte, Unterlagen auftauchten, die den Anfangsverdacht einer illegalen Parteienfinanzierung ergaben. Die Staatsanwaltschaft begann zu ermitteln. Je länger diese Ermittlungen dauerten, desto deutlicher zeichnete sich ein Geflecht gegenseitigen Gebens und Nehmens im Dreieck aus kantonaler Baudirektion, LPdS und Bauindustrie ab. Aber es fehlten die konkreten Beweise, die eine Anklage ermöglicht hätten. Anscheinend wurden die Absprachen ausschließlich mündlich getroffen.
Beat Glauser gehörte der sogenannten Sauna-Connection an. Regelmäßig traf sich eine ausschließlich aus...




