E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Land Ich bin böse
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-18806-1
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychologischer Spannungsroman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-641-18806-1
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ali Land hat Psychologie studiert, ihr Hauptforschungsgebiet war die Psyche von Heranwachsenden, und ihre Doktorarbeit trägt den Titel "Children Who Kill". Für ihren ersten Roman "Ich bin böse" hat sie sich von "Der Herr der Fliegen", "Die Wespenfabrik" und dem wahren Fall der britischen Serienmörderin Rosemary West inspirieren lassen.
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3
In der ersten Nacht schlief ich in meinen Kleidern. Der Seidenpyjama, von Saskia ausgesucht, blieb unangetastet. Ich fasste ihn nur an, um ihn vom Bett zu nehmen. Der Stoff fühlte sich glatt an auf meiner Haut. Inzwischen schlafe ich besser, wenn auch nur einen Teil der Nacht. Seit ich von dir weg bin, habe ich viel geschafft. Die Leute in der Klinik sagten, ich hätte die ersten drei Tage nicht gesprochen. Ich hätte mit dem Rücken zur Wand auf dem Bett gesessen. Vor mich hingestarrt. Stumm. Schock nannten sie das. Etwas viel Schlimmeres, hätte ich gern entgegnet. Etwas, das jedes Mal, wenn ich mir das Schlafen erlaubte, in mein Zimmer kam. Sich unter der Tür hereinschlängelte, mir zuzischte, sich Mummy nannte. Und das ist immer noch so.
Wenn ich nicht schlafen kann, zähle ich keine Schäfchen, sondern die Tage bis zur Verhandlung. Ich gegen dich. Alle gegen dich. Am Montag in zwölf Wochen. Achtundachtzig Tage, der Countdown läuft. Ich zähle vorwärts und rückwärts. Ich zähle, bis ich zu weinen anfange, und dann, bis ich wieder aufhöre. Ich weiß, dass das falsch ist, aber irgendwo beim Zählen beginnst du mir zu fehlen. Zwischen jetzt und dann werde ich hart arbeiten müssen. Für meine Aussage vor Gericht muss ich gewisse Dinge im Kopf sortieren. So viel kann schiefgehen, wenn die Blicke aller auf einen gerichtet sind.
Mike wird eine wichtige Rolle spielen. Der Behandlungsplan, den er mit den Leuten von der Klinik ausgearbeitet hat, enthält im Vorfeld der Verhandlung eine wöchentliche Therapiesitzung mit mir. Gelegenheit für mich, meine Sorgen und Nöte mit ihm zu besprechen. Gestern hat er den Mittwoch vorgeschlagen. Ich habe Ja gesagt, nicht weil ich es wollte. Sondern weil er es von mir wollte. Er glaubt, dass es hilft.
Morgen beginnt die Schule. Wir sind alle in der Küche. Phoebe sagt, Gott sei Dank, ich kann’s kaum erwarten, endlich komm ich aus diesem Haus raus. Mike tut ihre Bemerkung mit einem Lachen ab, Saskia wirkt traurig. Im Lauf der vergangenen Woche habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt zwischen ihr und Phoebe. Sie leben nebeneinanderher. Mike ist Übersetzer und Vermittler. Manchmal nennt Phoebe sie Saskia, nicht Mum. Als ich das das erste Mal hörte, dachte ich, sie würde dafür bestraft, aber nichts passierte. Jedenfalls nicht in meiner Anwesenheit. Ich habe noch nie gesehen, dass sie sich anfassen, und ich finde, Berührungen sind ein Ausdruck der Liebe. Allerdings nicht die Art von Berührung, die du erlebt hast, Milly. Es gibt gute Berührungen und schlechte, haben die Leute in der Klinik gesagt.
Phoebe will sich mit einer Izzy treffen, die gerade aus Frankreich zurück ist. Mike meint, sie soll mich mitnehmen, mich ihr vorstellen. Phoebe verdreht die Augen und sagt: Ne, ich hab Iz den ganzen Sommer nicht gesehen, morgen ist auch noch ein Tag. Es wäre schön, wenn Milly eine deiner Freundinnen kennenlernt, beharrt er. Nimm sie mit zu euren Treffpunkten. Alles schön und gut, entgegnet sie, aber das ist nicht mein Job.
»Es wäre trotzdem nett von dir«, mischt sich Saskia ein.
Phoebe starrt ihre Mutter an. Bis Saskia den Blick abwendet. Mit geröteten Wangen.
»Ich hab gerade gesagt, wie nett das wäre.«
»Dich hat aber niemand gefragt, oder?«
Ich warte auf den Gegenschlag, eine Hand oder einen Gegenstand. Doch nichts geschieht. Nur Mike reagiert.
»Bitte sprich nicht so mit deiner Mutter.«
Als wir das Haus verlassen, sitzt auf einer Mauer gegenüber unserer Auffahrt ein Mädchen. Sieht uns nach. Phoebe sagt, verpiss dich, du kleines Arschloch, such dir ’ne andere Mauer. Das Mädchen zeigt ihr den Stinkefinger.
»Wer war das?«, frage ich.
»So ’ne schräge Type aus der Sozialsiedlung.«
Sie nickt in Richtung der Hochhäuser links von unserer Straße.
»Gewöhn dich gar nicht erst dran, dass ich dich begleite. Sobald die Schule richtig angefangen hat, mach ich mein eigenes Ding.«
»Okay.«
»Der Weg da drüben führt an unserm Garten vorbei, da ist nichts Interessantes, bloß ein paar Garagen und so. Ist ’ne Abkürzung zur Schule.«
»Wann gehst du morgens los?«
»Kommt drauf an. Meistens treff ich mich mit Iz, und wir gehen zusammen. Manchmal schauen wir bei Starbucks vorbei und bleiben ’ne Weile da, aber es ist grade Hockey-Saison, und ich bin Mannschaftskapitän. Ich muss morgens oft schon früh los wegen dem Fitnesstraining.«
»Wenn du Kapitän bist, musst du ziemlich gut sein.«
»Möglich. Und wie schaut’s bei dir aus? Wo sind deine Eltern?«
Eine unsichtbare Hand schiebt sich in meine Magengrube, drückt, lässt nicht locker. Ich spüre, wie mein Kopf sich erneut mit Watte füllt. Ruhig, rede ich mir zu, solche Fragen hast du doch mit den Leuten in der Klinik geübt, wieder und wieder.
»Meine Mum hat sich abgesetzt, als ich klein war. Ich hab bei meinem Vater gelebt, aber der ist kürzlich gestorben.«
»Scheiße, echt hart.«
Ich nicke, belasse es dabei. Weniger ist mehr, hat man mir gesagt.
»Wahrscheinlich hat Dad dir das alles schon letzte Woche gezeigt. Am Ende von unserer Straße, da drüben, ist noch ’ne Abkürzung zur Schule.«
Sie deutet nach rechts.
»Überquer die Straße, nimm die erste links und dann die zweite rechts. Von da sind’s nur noch fünf Minuten.«
Ich will ihr danken, doch sie ist abgelenkt. Auf ihrem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. Als ich ihrem Blick folge, sehe ich ein blondes Mädchen auf uns zukommen, das ihr theatralisch Kusshändchen zuwirft. Phoebe lacht und winkt. Das ist Iz, sagt sie. Ihre Beine schimmern braun unter ihren ausgefransten Jeansshorts. Sie ist wie Phoebe hübsch. Sehr hübsch. Ich beobachte, wie sie sich begrüßen, sich umarmen, gleich wie ein Wasserfall zu plappern beginnen. Fragen werden gestellt und beantwortet, sie ziehen ihre Handys aus der Tasche, vergleichen Fotos. Sie kichern über Jungs und über ein Mädchen namens Jacinta. Von Jacinta behauptet Izzy, dass sie im Bikini der absolute Horror ist: Ich schwör’s, alle sind aus dem Scheißpool raus, als sie rein ist. Das Ganze dauert nur ein paar Minuten, aber weil ich unbeachtet danebenstehe, kommt es mir vor wie Stunden. Am Ende sieht Izzy mich an und fragt Phoebe: »Und wer ist die da? Der letzte Neuzugang in Mikes Auffangstation?«
Phoebe lacht und antwortet: »Sie heißt Milly. Sie bleibt eine Weile bei uns.«
»Ich dachte, dein Dad nimmt keine mehr auf?«
»Keine Ahnung. Du weißt doch, was für ein weiches Herz er hat.«
»Fängst du in Wetherbridge an?«, will Izzy von mir wissen.
»Ja.«
»Bist du aus London?«
»Nein.«
»Hast du ’nen Freund?«
»Nein.«
»Mann, redest du immer wie ’n Roboter? Ja. Nein. Nein.« Sie fuchtelt mit den Armen und macht ein mechanisches Geräusch wie der Dalek aus der Dr. Who-Episode, die ich einmal im Theaterkurs in meiner alten Schule gesehen habe. Sie brechen beide in Lachen aus und wenden sich wieder ihren Handys zu. Ich würde ihnen gern erklären, dass ich so langsam und bedächtig spreche, wenn ich nervös bin und Nebengeräusche ausblenden muss. Rauschen, durchbrochen von deiner Stimme. Sogar jetzt, besonders jetzt, bist du hier, in meinem Kopf. Dir bereitete normales Verhalten wenig Mühe. Für mich ist es eine Sisyphosaufgabe. Mich hat es immer gewundert, wie beliebt du in der Arbeit warst. Keine Aggressivität oder Wut, sanftes Lächeln, beruhigende Stimme. Du hast sie an dich gebunden, sie isoliert. Hast die Frauen, von denen du wusstest, dass sie sich überreden lassen würden, beiseitegenommen, ihnen ins Ohr geflüstert. Sicher zu sein. Geliebt zu werden. Dieses Gefühl hast du ihnen vermittelt, deswegen haben sie dir ihre Kinder anvertraut.
»Ich glaube, ich geh wieder heim, ich fühl mich nicht so gut.«
»Okay«, meint Phoebe. »Aber mach mir bloß keinen Stress mit Dad.«
Izzy hebt den Blick mit einem provozierenden Lächeln. »Wir sehen uns in der Schule«, sagt sie. Als ich mich entferne, höre ich, wie sie hinzufügt: »Das wird ein Spaß.«
Das Mädchen im Jogginganzug sitzt nicht mehr auf der Mauer. Ich bleibe stehen und schaue hinüber zu der Sozialsiedlung, lege den Kopf in den Nacken, folge der Linie der Hochhäuser mit dem Blick bis zum Himmel. In Devon gab es keine Hochhäuser, nur einfache Gebäude und Felder. Jede Menge Privatsphäre.
Als ich heimkomme, fragt Mike mich, wo Phoebe ist. Ich erkläre ihm, dass wir Izzy begegnet sind. Er lächelt, entschuldigend, glaube ich.
»Die beiden sind seit Ewigkeiten befreundet«, sagt er. »Sie müssen sich erzählen, was den Sommer über passiert ist. Möchtest du in meinem Arbeitszimmer kurz mit mir reden, bevor morgen die Schule anfängt?«
Ich antworte mit Ja – das sage ich jetzt ziemlich oft. Es ist ein gutes Wort, hinter dem ich mich verstecken kann. Mikes Arbeitszimmer ist groß und hat Erkerfenster mit Blick auf den Garten. Ein mahagonifarbener Schreibtisch, ein Fotorahmen und eine altmodische grüne Leselampe, stapelweise Papier. Eine Hausbibliothek, Einbauregale voller Bücher, die anderen Wände malvenfarben gestrichen. Es fühlt sich stabil an. Sicher. Er sieht, wie ich die Regale betrachte, lacht. Ich weiß, ich weiß, sagt er, viel zu viele, aber unter uns: Ich finde, man kann gar nicht genug Bücher haben.
Ich nicke, pflichte ihm bei.
»Hatte deine Schule eine gute Bibliothek?«, erkundigt er sich.
Die Frage gefällt mir nicht. Ich denke nicht gern über das Leben nach, wie es vorher war. Trotzdem antworte...




