E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Lauenroth Despektion: Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7521-3574-9
Verlag: Empire-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7521-3574-9
Verlag: Empire-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Eine experimentelle Behandlungsmethode verspricht Erfolg: Ein künstliches geckoähnliches Wesen wird fortan mit ihm in Symbiose leben, auf seiner Haut, unter seinen Shirts. Der Biss des Wesens injiziert ihm die Medizin, im Gegenzug ernährt sich das Wesen von seinem Blut.
Fast hätte er die Erbschaftsklausel vergessen, dem ,Simon-Club' beitreten zu müssen. Doch je tiefer er in die Spiele des Clubs involviert wird, desto deutlicher werden auch die Schatten seiner Vergangenheit und der Triebfeder hinter allem: Despektion!
Frank Lauenroth wurde 1963 in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) geboren. Nach dem Gewinn des Romanwettbewerbs 'Deutschland schreibt' im Jahre 2005 widmete er sich vorrangig Thrillern und SF-Kurzgeschichten. Letztere wurden zwischen 2013 und 2018 viermal für den Deutschen Science-Fiction-Preis und einmal für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert.
Autoren/Hrsg.
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Leuchtend hell hängt der Vollmond über New York City. Ein seltenes Schauspiel, denn normalerweise verhüllt der Smog den klaren Himmel. Doch an einem kalten Winterabend wie diesem geschieht hin und wieder ein kleines Wunder, und der Blick vom Grund der Fifth Avenue hinauf zu den Sternen ist unverschleiert. Trevor Man ist auf dem Weg nach oben. Allerdings nur zur Aussichtsplattform des Empire State Building. Und selbst das nicht aus eigenem Antrieb. Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Aber wie heißt es so schön? Versprochen ist versprochen. Und immerhin war es der letzte Wunsch seiner Mutter. Als sie vor fünf Tagen starb, da hatte er an ihrem Bett gestanden, hatte ihre Hand gehalten und sah sie ins Jenseits gleiten. Zwei Jahre hatte er sie davor nicht gesehen. Als sie sich damals trennten, geschah es im Zorn.
Für einen Moment denkt Trevor zurück und ihm ist heute wie damals unverständlich, warum seine Mutter aus ihm unbedingt ein Vorbild für die Gesellschaft machen wollte. Im Leben hatte sie sich klare, für ihn kaum nachvollziehbare Grundsätze auferlegt. Sie führte ihm gegenüber ein hartes Regiment und stellte Regeln auf, an die andere Eltern nicht einmal gedacht hätten. So nötigte sie ihn, sich täglich zwei Mal komplett zu waschen. Morgens, damit ihn die ‚Gesellschaft’ gut riechen konnte, und abends, damit die Bettwäsche nicht ständig gewechselt werden musste. Kaum einer von Trevors Freunden konnte Ähnliches berichten. Und das war nur ein Beispiel. Ihre Ansichten wurden nach dem Tod seines Vaters nur noch schlimmer, geradezu unerträglich. Sein Beruf war nicht gut genug, sein Lebensstil nicht, seine Freundinnen … Sein Job als Journalist hatte in ihren Augen kaum etwas Edles, Gewinnendes. Sein Loft erschien ihr protzig, und zu guter Letzt hatte sie sich für ihren Sohn eine ‚stete’ Partnerin gewünscht.
Obwohl seine Mutter und er in Brooklyn wohnten, waren sie sich die besagten zwei Jahre aus dem Weg gegangen, und das Treffen an ihrem Krankenhausbett wurde ein trauriges Wiedersehen. Sie saßen sich eine lange Weile stumm gegenüber, ehe er sich vorsichtig nach ihrem Zustand erkundigte. Als sie von der Möglichkeit eines nahen Todes sprach, hatte Trevor sie belächelt ? selbst als sie ihm den Schlüssel zu ihrer Wohnung gab. Sie nahm ihm das Versprechen ab, dass er ihre Asche vom höchsten Punkt der Stadt aus verstreuen würde. Sie, die doch immer so betont rechtschaffen war, erlegte ihm bewusst auf, etwas Verbotenes zu tun!
Trevor steigt um in den Fahrstuhl zur Aussichtsplattform. Sein Atem geht schneller. Bis er das 101. Stockwerk erreichen wird, sind es nur noch Sekunden. Dann wird er hinaustreten müssen, die Urne aus seinem Rucksack nehmen und etwas tun, was ihn bei seiner Entdeckung seinen Ruf und damit seinen Job kosten könnte. Als Filmkritiker beim New York Guardian sind seine Kolumnen zumindest berüchtigt. Das macht ihn noch nicht zu einer Berühmtheit, aber wenn er sich hier erwischen ließe, dann würde er selbst die Headline des Guardian füllen. Sein Rauswurf wäre unvermeidbar. Keine Reisen mehr zu den Filmfestspielen von Cannes und Venedig. Sein Loft wäre unbezahlbar, ganz zu schweigen von seinen Medikamenten. Ein fast schon zu großes Risiko.
Die Fahrstuhltür öffnet sich. Zwei Schritte, und Trevor steht im Innenraum der Aussichtsplattform. Nur ein Bediensteter des Empire sitzt hinter einem Tresen. Er trägt die gleiche dunkelblaue Uniform wie seine Kollegen in der Lobby – einfarbig, mit einem in Brusthöhe aufgenähten Logo des Gebäudes. Trevor würdigt den Sicherheitsbeamten keines weiteren Blickes und geht durch die Tür, die ihn vom Abendhimmel über Manhattan trennt. Endlich befindet er sich auf der Plattform. Sein Atem geht stoßweise. Er weiß, dass das nicht gut ist. Normalerweise hat er sein Leben so eingerichtet, dass Anstrengung und Aufregung jeglicher Art ausgeschlossen sind. Bekäme er hier oben einen asthmatischen Anfall, würde das seine ungeliebte Aufgabe nur erschweren. Er sieht sich um, und die Plattform zeigt das erhoffte Bild. Trevor hatte den Zeitpunkt seiner New-York-Besteigung bewusst gewählt. Seit Schlaflos in Seattle weiß jeder, der den Film gesehen hat, dass kurz vor Schließung des Gebäudes kaum noch Besucher die Aussicht genießen wollen. Das stimmt natürlich nicht immer, aber an kalten Winterabenden und noch dazu an Werktagen ist die Chance auf Privatsphäre hier, in rund 400 Metern Höhe, ziemlich groß.
Er nimmt seinen Rucksack vom Rücken und greift zuerst zu dem kleineren Mitbringsel: dem Inhalator. Seit er dieses Gerät einmal aus seiner Jackentasche verloren hatte, trägt er den Inhalator immer im Rucksack bei sich. Der Rucksack selbst ist klein und handlich, bietet aber dennoch genügend Platz für die Dinge, die ein Reporter des Guardian im Alltag benötigt, und für einen Inhalator. Zwei kurze Atemzüge ? und das Kortison-Präparat bringt wieder Ruhe in seinen kranken Körper.
Immer wieder hatte er sich gefragt, welche Art der Krankheit wohl das kleinere Übel wäre. Die allergische Form hätte er wahrscheinlich leichter in den Griff bekommen. Beim Anstrengungsasthma ist Trevor jedoch ein Leben lang zur Passivität verurteilt. Ein Tanz auf dem Drahtseil, denn jede Anstrengung kann einen Anfall hervorrufen. Und jeder Anfall kann bei der Schwere seiner Erkrankung das Ende bedeuten.
Vielleicht war das ja der Plan seiner Mutter? Nein, damit würde er ihr Unrecht tun. Natürlich weiß er, dass sie immer nur sein Bestes wollte. Nur die Wahl ihrer Mittel war unglücklich. Immer wieder musste er herunterleiern, welche Gabel für den Salat war, welches Messer für den Fisch, welcher Löffel für das Eis. Dabei gab es nur selten Eis im Hause Man. Er verflucht sie im Stillen. Trevor ist Filmkritiker, er arbeitet fast ausschließlich zuhause, geht jeder Form von Anstrengung aus dem Weg, und nun soll er, vom Kopf der Stadt aus, die Asche seiner Mutter in alle Winde verstreuen! Trevor greift wieder in den Rucksack und fördert die Urne zutage: »Danke, Ma!«
Auch kann er beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum sie nicht neben seinem Vater beerdigt werden wollte. Zwar hatte er ihr diese Frage noch gestellt, doch war sie ihm in der letzten Minute vor ihrem Tod ausgewichen. »Du wirst es verstehen. Bald wirst du es verstehen …«
Von diesem ‚bald’ scheint er eine Unendlichkeit entfernt zu sein. Trevor geht in die vom Lifteingang am weitesten entfernte Ecke und prüft, ob er tatsächlich allein ist. Kein Mensch weit und breit. Vollmondnacht über Manhattan, so wie seine Mutter es wollte. Er geht an die Brüstung und öffnet die Urne. Über ihm ragt das Gitter einen halben Meter weit nach innen. Auf Augenhöhe jedoch wirkt es nur wie ein überdimensionaler Maschendrahtzaun. Er schiebt die Urne durch das Absperrgitter direkt vor ihm. Die Urne passt gerade so hindurch, und für einen Moment hält er sie einfach nur mit seinen beiden ausgestreckten Armen über der Stadt. Dann dreht Trevor sie um. Ohne Schweigeminute, ohne Pathos. Der Wind greift hinein und stürzt die feinen Aschepartikel hinab in die Schluchten aus Stein und Glas, reißt sie wenige Meter von ihm entfernt nach oben und dann fort aus seinem Blick. Binnen weniger Sekunden ist die Urne nahezu geleert, und die restliche Asche verkommt zu einem herausrieselnden Rinnsal.
Mühsam fingert Trevor die leere Urne durch das Gitter zurück und schließt sie eilig. Da hört er Schritte. Der Schreck treibt seinen Puls sofort hoch. Hastig stopft er das Gefäß in seinen Rucksack. Sein Oberkörper krampft sich zusammen, und ein erster Hustenreiz überwältigt ihn, zwingt ihn auf die Knie.
»Sir, wir schließen gleich. Kann ich Ihnen helfen?«
Trevor bemüht sich aufzusehen. Er kann aber nur die blaue Uniform erkennen. Es ist der Mann, der im Innenraum saß. Natürlich muss er nun die letzten Besucher einsammeln. Trevor winkt ab, versucht dabei seinen Rucksack zu nehmen und gleichzeitig aufzustehen. Ein zweiter Hustenreiz drängt nach oben.
»Kommen Sie, ich helfe Ihnen.«
Der Mann stützt ihn und geleitet ihn zum Fahrstuhl.
Trevor flucht lautlos. Er muss lediglich die Ruhe bewahren. Es besteht kein Grund zur Aufregung. Es ist vorbei. Er hat es überstanden. Sein Kopf versteht das. Sein Körper aber spricht eine andere Sprache. Kochende Lava scheint durch seine Bronchien zu fließen. Mit zitternden Fingern zieht er den Inhalator erneut aus dem Rucksack und nimmt einen tiefen Zug. Fast augenblicklich wird es besser. Er fühlt sich nicht, als könne er Bäume ausreißen, aber die Angst weicht, und gleichzeitig kehrt die Kraft zurück.
Der Bedienstete des Hauses ist mit ihm heruntergefahren. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Umsteigen in den zweiten Lift. Der bringt ihn zwar noch nicht hinunter zur Lobby, aber es ist die erste Etappe. Der Transport im Empire ist in verschiedene Ebenen eingeteilt. Trevor wird nochmals umsteigen müssen. Aber es ist fast überstanden … Sirenen! Verdammt, was ist das für ein Lärm?
»Feueralarm, Sir! Wenn Sie mir bitte folgen wollen!« Der Mann in Uniform öffnet die Tür zum Treppenhaus und macht eine einladende Geste.
Trevor rührt...




