E-Book, Deutsch, Band 5, 418 Seiten
Lautenschläger Gerechte Strafe
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96655-019-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman | Ein Fall für Engel und Sander, Band 5 - Die große Bestsellerreihe aus Hamburg
E-Book, Deutsch, Band 5, 418 Seiten
Reihe: Ein Fall für Engel und Sander
ISBN: 978-3-96655-019-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Angela Lautenschläger arbeitet seit Jahren als Nachlasspflegerin und erlebt in ihrem Berufsalltag mehr spannende Fälle, als sie in Büchern verarbeiten kann. Ihre Freizeit widmet sie voll und ganz dem Krimilesen, dem Schreiben und dem Reisen. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Katzen in Hamburg. Bei dotbooks erscheinen die Bände ihre »Engel und Sander«-Reihe im eBook, sie sind auch als Hörbücher von SAGA Egmont erhältlich: »Stille Zeugen« »Geheime Rache« »Tödlicher Nachlass« »Blindes Urteil« »Gerechte Strafe« »Brennende Angst« »Stummer Zorn« Die ersten drei Bände sind auch im Sammelband »Das dunkle Herz von Hamburg« erhältlich. Ebenso erscheint bei dotbooks ihre »Sommer und Kampmann«-Reihe im eBook und Print: »Kalter Neid« »Blendende Gier« »Fatale Lüge« »Dunkle Jagd« Alle Bände sind auch als Hörbücher erhältlich. Weitere Bücher sind in Planung.
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Kapitel 2
Sander betrat die Fahrstuhlkabine und zog den Reißverschluss seiner Lederjacke auf, dann drückte er auf den Knopf für den dritten Stock. Für einen Moment dachte er, dass im Fahrstuhl des Polizeipräsidiums neuerdings leise Musik gespielt wurde, bis ihm auffiel, dass er selbst es war, der eine kleine Melodie summte.
Auf dem Flur grüßte er einige Kollegen, POM Gabler sah ihn irritiert an, als er ihn gutgelaunt abklatschte. Die Tür zu seinem Dienstzimmer stand offen.
Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als er die fellgefütterte Jacke seines Kollegen Gernot an der Garderobe hängen sah, der Schal steckte im Ärmel. Darunter standen seine ebenfalls fellgefütterten Stiefel ordentlich nebeneinander. Gernot saß völlig in Gedanken versunken an seinem Schreibtisch und sah erst auf, als Sander ihm die Hand auf die Schulter legte.
»Gernot, mein Lieber.« Sander wusste, dass er pathetisch klang, aber tatsächlich hatte er einen Kloß im Hals. Er hatte Gernot, der in guten wie in schlechten Zeiten zu ihm hielt, tatsächlich vermisst.
»Oh, Gott sei Dank bist du da.« Gernot tätschelte Sanders Hand auf seiner Schulter. »Das wird mir hier langsam zu heiß.«
Sander hängte seine Jacke über die Lehne seines Bürostuhls und warf einen Blick zu Gernot hinüber. Der sah tatsächlich schlecht aus. Er war blass und hatte Ringe unter den Augen. Auf seinem Schreibtisch sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, und das war für jemanden, der seine Büroklammern nach Größe sortierte, tatsächlich noch ein viel schlechteres Zeichen als die ungeordnete Frisur. Sander betrachtete seinen Schreibtisch, der vollkommen leer war. Verkehrte Welt. Vor seinem Urlaub war der Zustand der Arbeitsplätze umgekehrt gewesen.
»Mach dir mal keine Sorgen.« Sander schaltete seinen PC ein. »Das kriegen wir schon in den Griff.«
Gernot, der sich mit allen zehn Fingern durchs Haar fuhr, sah ihn mit einem traurigen Blick an. »Hoffentlich. Um fünf haben wir eine Konferenz.«
»Was, wir beiden Hübschen?« Sander klickte sein eMail-Postfach an.
»Wir beiden Hübschen, Mühle, Dr. Hornecker, Gabler und Berger.«
»Hu«, machte Sander. Das bezog sich zum einen auf Gernots Mitteilung, dass an der Konferenz neben dem Gerichtsmediziner und zwei weiteren Kollegen der Polizeipräsident teilnehmen würde, zum anderen auf sein Postfach, das sich vor Wiedersehensfreude überschlug. Er ging mit der Nase dichter an den Bildschirm heran. »Wir sollen die Arbeitszeit minutengenau erfassen? Ich glaube, es hackt. Wochen- oder monatsweise trifft es wohl eher.«
»Wie? Ach so, ja. Da geht’s darum, den Personalbedarf zu ermitteln.«
»Hä? Dass wir unterbesetzt sind, kann ich denen auch sagen, ohne über jede Minute Rechenschaft abzulegen.«
Gernot lehnte sich zurück. »Genau genommen ist das auch eine Chance. Wenn wir uns Mühe geben, kriegen wir vielleicht einen dritten Mann.«
Sander verschränkte die Arme vor der Brust. »Wir sollen also noch mehr Zeit aufwenden, um rauszufinden, was wir jetzt schon wissen, nämlich dass wir unterbesetzt sind? Und um dann ganz vielleicht personelle Unterstützung zu kriegen? Die glauben uns wohl nicht, dass wir jetzt schon viel arbeiten. Offenbar geht irgend so ein Klugscheißer am grünen Tisch davon aus, dass wir unsere Mordfälle problemlos während der Bürozeiten lösen. Jetzt müssen wir uns auch noch dafür rechtfertigen, oder wie?«
Gernot grinste.
»Ich weiß wirklich nicht, was es da zu grinsen gibt!«
»Na ja«, sagte Gernot, der nicht aufhörte zu grinsen. »Ich hatte vorhin ganz kurz das Gefühl, dass dich diese Haussache irgendwie rührselig gemacht hat. Aber jetzt bist du wieder ganz der Alte.«
»Gut. Ich hab hier nämlich einen Ruf zu verteidigen, und zwar den eines toughen Burschen.«
Gernot kramte auf seinem Tisch herum und stand auf. »Und den eines guten Kriminalisten. Das hier sind die Akten der ersten drei Mordfälle.«
Sander nahm ihm die Akten ab. »Die drei ersten?«
Gernot rückte mit verlegener Miene den Locher auf Sanders Schreibtisch gerade. »Ich hab irgendwie so ein Gefühl, als wenn mehr dahintersteckt.«
Sander musste an Friedelindes Bemerkung denken, dass alte Leute nun einmal starben. Aber Gernot würde Gründe für seine Vermutung haben, und vermutlich gab es auch Gründe dafür, dass für den Nachmittag eine Konferenz einberufen worden war.
»Ich guck mir das mal an.« Sander nahm die drei Akten und legte sie auf seinen Tisch. »Aber erst mal hole ich mir eine Cola. Willst du auch eine?«, fragte er auf dem Weg zum Automaten auf dem Gang.
»Nein, lieber nicht. Betty hat mir eine Teemischung besorgt, mit der ich erkältungsfrei über den Winter komme.«
»Das ist auch viel gesünder«, bestätigte Sander. Die gute Betty. Für jedes Problem ein Hausmittel.
Sander war gerade bis zur Hälfte der zweiten Akte gekommen, als Gernot seinen Stuhl zurückschob und aufstand.
Sander sah auf. »Hm?«
Gernot klopfte auf seine Armbanduhr. »Fünf vor fünf.«
Sander blätterte durch die Akte. »Ich bin hier noch nicht durch.«
Gernot schaltete seinen PC aus. »Wie sagte Scarlett so richtig? Morgen ist auch noch ein Tag.«
»Ich nehme an, dass du kürzlich mit Betty Vom Winde verweht gesehen hast?« Sanders Blick fiel auf Gernots braune Halbschuhe. Eines Tages würde sein Kollege sich Hausschuhe mit einem Puschel drauf unter den Schreibtisch stellen.
»Wurde am Sonntagnachmittag wiederholt. Wir haben Tee getrunken und selbst gebackene Plätzchen gefuttert«, verkündete Gernot auf dem Weg zur Tür.
Sander klemmte sich alle drei Akten unter den Arm. Am Sonntag hatte er mit einer geliehenen Schleifmaschine die Holzböden im Wohnzimmer geschliffen. Er knipste das Licht aus und folgte Gernot auf den Flur.
Im Besprechungsraum saß bereits Dr. Mühlenbeck am Tischende und trug eine besorgte Miene zur Schau. Flankiert wurde er von den beiden Kollegen Gabler und Berger, die ein wenig gehemmt wirkten. Es war auch kein Vergnügen, mit dem Polizeipräsidenten am Tisch zu sitzen. Seine Anwesenheit hatte immer etwas von einem gestrengen Vater, der mit dem Lebenswandel seiner Söhne nicht einverstanden war. Die beiden Kollegen sahen so aus, als hätten sie mindestens die Wäsche der Nachbarin von der Leine geklaut.
Überrascht stellte Sander fest, dass der Polizeipräsident bei seinem Eintreten freundlich aufsah. »Herr Sander, wie schön, Sie zu sehen.«
Er musste sich unbedingt auf dem Heimweg einen Kalender kaufen und den heutigen Tag darin rot anstreichen. Es hatte Tage, ach Monate gegeben, in denen sein oberster Dienstherr ihn noch nicht mal von hinten hatte sehen wollen.
Dr. Mühlenbeck deutete auf den freien Platz neben Berger. »Setzen Sie sich. Und dann gehen Sie morgen früh gleich in die Personalabteilung und lassen sich die beiden Urlaubstage gutschreiben.«
Sander legte die Akten auf den Tisch und setzte sich. »Genau genommen ist das heute kein ganzer Tag.«
»Nein, nein, mein Lieber.« Dr. Mühlenbeck schüttelte energisch den Kopf. »Das machen wir nicht. Jetzt sind Sie extra noch heute Mittag früher aus dem Urlaub zurückgekehrt, und da wollen wir nicht wegen drei oder vier Stunden kleinlich werden.«
Berger machte ein merkwürdiges Geräusch, und Gabler hatte Augen groß wie Untertassen. Konnte die Belegschaft auch schon mal verwirren, wenn Sanders Personalakte keine Abmahnungen füllten, sondern Formulare, mit denen Urlaubstage gutgeschrieben wurden.
»Herr Hagemann«, wandte sich der Polizeipräsident an Gernot. »Ich schlage vor, dass Sie als bisheriger Sachbearbeiter über unsere drei Fälle referieren und die Kollegen ins Bild setzen.«
Gernot, dessen Hinterteil kurz über der Sitzfläche geschwebt hatte, sprang wie von der Tarantel gestochen auf. »Ich?«
Dr. Mühlenbeck machte eine einladende Handbewegung. »Ja sicher, Sie haben sich doch bisher ausführlich mit den Fällen beschäftigt und können das sicher aus dem Effeff vortragen.«
Gernot sah eher so aus, als wäre ihm das Gedicht entfallen, das er jetzt aufsagen sollte. Er stand mit unglücklicher Miene am Tisch.
»Setz dich mal, Gernot«, kam Sander ihm zu Hilfe. »Ich habe die Akte vom ersten Fall ja schon gelesen. Das können wir auch zusammen machen.« Er erntete einen dankbaren Blick von Gernot, der sich aufwendig an seinem Platz einrichtete.
»Schön.« Dr. Mühlenbeck sah auf seine Armbanduhr. »Wir warten jetzt noch auf den Dr. Honecker, äh Hornecker, dann würde ich erst mal ein paar einleitende Worte sprechen.«
Das Ganze schien sich zu einer ziemlich großen Angelegenheit zu entwickeln. Sanders Blick glitt zum Fenster. Draußen war es stockduster. Das Badezimmerfenster im neuen Haus würde er erst am Samstagvormittag streichen können. Das war dann die nächste Belastungsprobe für seine Beziehung zu Friedelinde. Allerdings brauchte er sich darüber eigentlich keine Sorgen zu machen. Streiten mit ihr machte genau genommen Spaß und kam ziemlich selten vor.
Als die Tür geöffnet wurde, sahen alle erwartungsvoll auf, aber es war nicht der Gerichtsmediziner, der eintrat, sondern ein junger Mann, der einen beachtlichen Stapel Pizzakartons hereinschleppte.
»Ah, sehr schön, sehr schön.« Dr. Mühlenbeck deutete auf die Mitte des Tisches. »Stellen Sie die einfach dort ab. Wir verteilen das dann alles selbst.« Er kramte sein Portemonnaie aus der Hosentasche und reichte dem Pizzaboten einen Geldschein. Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes legte die Vermutung nahe, dass darin ein beachtliches Trinkgeld enthalten war.
»Ich hol mal was zu trinken.« Sander bearbeitete den Getränkeautomaten auf dem Flur, und kurz...




