E-Book, Deutsch, 292 Seiten
Lehner 13A
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-902924-83-4
Verlag: Seifert Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 292 Seiten
ISBN: 978-3-902924-83-4
Verlag: Seifert Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fritz Lehner, geb. 1948 in Freistadt, OÖ. Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen, Wien. Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, Frankfurt sowie der Akademie der Künste, Berlin. Vielfach ausgezeichnetes Filmschaffen, u. a. : 'Schöne Tage', 'Mit meinen heißen Tränen', 'Jedermanns Fest'. Bisherige Publikationen: '?' (2003), Metropol-Trilogie (2004-2006), 'Der Schneeflockenforscher' (2008), 'Margolin' (2012), 'Vor dem Angriff' (2014), 'Seestadt' (2016, Shortlist zum Leo-Perutz-Preis der Stadt Wien) und 'Nitro' (2017).
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1
Helmut-Zilk-Park
Als Lisa ihn sah, wusste sie es. Das war der Mann, den sie töten wollte. Das Warten hatte sich gelohnt. Niemand war geeigneter als er. Wagner kam ihr vor wie ein Geschenk des Himmels. Oder der Hölle. Dort, wo Kellermann jetzt schon war. Ihr Geliebter. Seit einem Jahr tot. Auf den Tag genau. Deswegen war sie heute auch hier, im Urnenhain des Wiener Zentralfriedhofs, im großen Hof, zwischen den Arkaden, bei den Birken. Nach einem Anruf von Wagner. Der alte Mann hatte um ihr Kommen gebettelt. Er wollte nicht allein sein, wenn er das Grab des Serienkillers besuchte. Kellermann war nach insgesamt sieben Morden in der Seestadt auf der Janis-Joplin-Promenade verreckt, im eigenen Blut ertrunken. Lisa hatte sich über ihn gebeugt, über seine noch warme Leiche, alles ausgekostet, ihren Mantel noch immer nicht gereinigt. Wagner hatte den großen Augenblick versäumt, die Befreiung der Seestadt von ihrem Serienmörder. Wahrscheinlich war der alte Mann jetzt darauf aus, dass sie ihm alles erzählte, angefangen von den ersten Schneeflocken an diesem 17. November auf dem Gesicht des toten Killers bis zu seiner Iris, weit geöffnet, himmelblau, alles begreifend, daran konnte sich Lisa besser erinnern als an die eigenen Schreie.
Der alte Mann kam auf sie zu, reichte ihr die Hand, eine noch immer kalte Hand. Fast hätte er sie umarmt. Lisa beglückte diese Zutraulichkeit, sie würde alles leichter machen, die Suche nach der Vene, das Setzen der Spritze, das Töten. Schon als Krankenschwester hatte sie einige Male daran gedacht, nicht nur bei Wagner, wenn er sie als anhänglicher Patient bis aufs Blut quälte, auch bei anderen war ihr das Auslöschen eines Lebens in den Sinn gekommen. Lysthenox hätte sich am besten geeignet. Noch immer. Lisa hatte in ihrem Versteck genug davon, elegant gestohlen, ohne Mühe oder Kontrolle in ihrer großen Handtasche aus dem Spital nach Hause gebracht. Was machte es da aus, dass sie für den Diebstahl von Psychopax und Morphin gekündigt worden war? Sogar Kellermann hatte sie dafür geschätzt und bewundert, weil sie anfing, zu ihm zu gehören, weil sie fast ein Killerpaar geworden wären.
»Lisa, Sie sehen gut aus, sehr gut, Sie haben sich nicht verändert.«
»Doch, doch, innerlich.«
»Der Schmerz, das Trauerjahr, ich weiß. Auch mir fehlt Kellermann. Sie hätten nicht wegziehen dürfen aus der Seestadt. Ich sterbe vor Langeweile ohne Sie, ohne Serienmorde.«
»Wo ist das Grab?« Lisa blickte sich um.
»Kein Grab, nichts mit Erde, eine Nische. Ein Loch in der Mauer. Kommen Sie! Mein Gott, was würde ich dafür geben, hätten wir in der Seestadt richtige Bäume, unsere sind zu jung, ich muss auf den Friedhof kommen, wenn ich in meinem Alter noch ausgewachsene Birken sehen will. Sie wohnen jetzt beim neuen Hauptbahnhof?«
Wagner führte Lisa die Mauer entlang.
»Geduld, Geduld, Lisa! Seine Asche läuft uns nicht davon. Mitten in Wien, ist es da besser?«
»Ja. Hier kennt mich niemand. Die Geliebte des Serienkillers.«
»Sieben Tote, was für eine schöne Zahl, eine Gnade. Trotzdem schade, dass es nicht mehr geworden sind, die Seestadt hätte eine Zugabe verdient. Aber wer weiß, vielleicht steigt Kellermann aus der Asche und kommt wieder.«
»Oder ein anderer tut es für ihn. Setzt seine Morde fort. Oder beginnt von vorne. Nicht in der Seestadt, sondern hier, mitten in Wien.«
»Aussichtslos. Alles jämmerlich. Die toten Mädchen am Donaukanal, erbärmlich! Zu wenige! Hilflose Geschöpfe, Spraylack in den Mund, ich bitte Sie! An Kellermann kommt niemand heran. Niemand. Von Mann zu Mann, wie in einer Schlacht, das ist es. Ein Bajonett ist nicht brutal, denn wenn man es kann, ist es sauber, es riecht nach Blut und nicht nach Farbe. Kellermann konnte es. Das ist seine Nische.«
Lisa dachte an ihre Spritze. Sie würde alles überbieten. Sauberkeit. Die Nadel selbst war haardünn, der Einstich kaum zu spüren. Oder doch? Sie sah auf der kleinen Marmorplatte keinen Namen.
»Ja, inkognito.« Wagner hatte ihre Verwunderung gemerkt. »Wenn ich Kellermann draufschreiben lasse, setzt ein Pilgerstrom ein. Nicht nur Seestädter, ganz Wien kommt, die halbe Welt. All die Frauen, die ihn nie gesehen haben und dennoch von ihm schwärmen. Noch verheerender wäre ein Erdgrab mit seiner Leiche. Sie wäre nicht sicher. Vor ihr hatte man mehr Angst als vor dem Serienkiller, keiner wollte sie haben, ich habe alle Friedhöfe angefleht. Lisa, hören Sie mich?«
Lisa hatte eben an die Nacht gedacht, als Kellermann nach einem Mord in ihre Wohnung in der Sonnenallee gekommen war. Der Beginn einer großen Liebe. Über den Tod hinaus. Ohne Trauerjahr, ganz im Gegenteil. Voller Ungeduld und Hoffnung. Schaffe ich es? Immer wieder hatte sich Lisa das gefragt. Zu werden wie er. Zu töten. Nicht viele, nur einen. Wäre sie nach dem Mord auch so glücklich wie damals Kellermann? Nicht viele, nur einen. Diesen hier. Alt, alleinstehend. Die Venen breit und prächtig auf dem Handrücken. Rechts oder links? Vor allem, wann und wo?
»Genug der Andacht, Lisa, ich friere.« Wagner riss sie aus ihren Gedanken. »Sie wissen ja jetzt, wo er ist. Und wir sehen uns wieder, hier, im nächsten Jahr, zur selben Zeit. Einverstanden?«
Mindestens einen Tag brauchte sie zur Vorbereitung. Oder zwei. Nur nicht zu lange, der Alte konnte jederzeit umfallen und eines natürlichen Todes sterben. Wie ihre Patienten. In ein Krankenhaus würde sie nie wieder kommen, sie wäre auch nicht glücklich darüber. Die Freiheit eines Killers war alles. Auch das hatte sie von Kellermann gelernt.
»Nächstes Jahr? Einverstanden?«, hörte sie den Alten wieder fragen.
»Früher. Bei mir. Im Sonnwendviertel«, erwiderte sie.
»Sie bleiben sich treu«, sagte Wagner. »Von der Sonnenallee in das Sonnwendviertel.«
»Es sieht aus wie in der Seestadt. Zum Verwechseln.«
»Wieder im Erdgeschoss?«
»Nein. Ganz hoch oben. Morgen Abend? Ravioli aus der Dose. Wie immer.«
Wagner nickte. »Abgemacht.«
Er ging voran. Einmal musste er sich an der Mauer abstützen. Kleiner Schwindel, sonst alles in Ordnung, behauptete er, und natürlich die kalten Hände, doch die hätte er ja schon vor Jahren im Krankenhaus gehabt, bestens betreut von seiner Lieblingskrankenschwester Lisa. Höchste Zeit für Lysthenox. Hochkonzentriert. Aber in den verdammten Ampullen war nur eine schwache Lösung, die für Infusionen geeignet war, nicht für tödliche Spritzen.
Lisa wandte sich um. Sie bat die Asche hinter der Marmorplatte ohne Namen um Hilfe, um eine Eingebung. Kellermann war und blieb eben noch immer der Beste, er hatte trotz Fußfessel seine Morde in der Seestadt geschafft. In nur zehn Minuten. Immer. Lisa durfte ihm keine Schande machen. Er hatte sein Bajonett gehabt, Lisa hatte nur ein Narkosemittel. Sie könnte das Zeug aufkochen, wie es Junkies machten, um zu einem ordentlichen Schuss zu kommen. Diese Idee hatte ihr Kellermann geschickt, daran konnte kein Zweifel bestehen.
Sie fuhren jetzt stadteinwärts. Wagner schwärmte von Napoleon, während Lisa überlegte, ob sie das Lysthenox über ihrem Feuerzeug oder in der Mikrowelle erhitzen sollte. Am romantischsten wäre eine Kerzenflamme. Bei einem Glas Wein. Am Ende würde es ein Konzentrat geben, das den alten Mann schon beim Einstich wie einen Kartoffelsack zu Boden fallen lassen würde. Nicht zufällig verwendete man in Amerika solche Mittel für Todesspritzen. Aber Lisa würde ihn nicht hinrichten, sondern ihm einfach seine Zukunftsträume ersparen. Ein Museum in seiner kleinen Wohnung! Mit monatlich einem Besucher. Vielleicht verirrte sich ein Tourist in sein Haus, oder eine Schulklasse wurde hineingetrieben. Um Knöpfe zu sehen. Knochen.
Auf der Fahrt in die Stadt begriff Lisa, dass sie nach Gründen suchte, warum Wagner wegmusste. Ein Fremder wäre vielleicht besser gewesen, Kellermann hatte ja auch keine Bekannten umgebracht, nie den Atem seines Opfers gespürt, nie das Geschwätz eines Todgeweihten gehört. Wagner redete gerade über die Zukunft, als gehörte sie ihm. Sie dachte an das Aufbrechen der Ampullen und wie viele sie für das Aufkochen verwenden musste. Wagner sollte ja nicht leiden, auch nicht schreien, höchstens stöhnen. Der letzte Atemzug, das Aushauchen eines langen Lebens. Wo? Auf keinen Fall in ihrer Wohnung.
Lisa schrieb ihre Adresse auf einen Zettel, überreichte ihn Wagner.
»Mein Haus ist leicht zu finden, den Park entlang, dann rechts. Wenn wir Glück haben und keinen Nebel, gibt es den schönsten Ausblick. Bis zur Seestadt. Um acht Uhr?«
Jetzt ertönte die Ansage »Unteres Belvedere«. Lisa drückte Wagners Hand, sie spürte die Venen, dann stieg sie aus und winkte dem 71er nach. Was, wenn der alte Mann gelogen hatte und doch nicht so einsam war, in der Seestadt heute Abend Freunde anrief und vom morgigen Treffen mit der Geliebten von Kellermann erzählte? Sie würde schon Stunden nach seinem Tod verhaftet werden. So einfach war das. Sie bekäme lebenslänglich. Für Mord. Weil sie alles geplant hatte. Wirklich alles?
Beim Gang durch die Gärten des Belvederes fragte sie sich, wie lange die Euphorie nach einem Mord dauerte, dieses besondere Glück, und sah man es einem an? Kellermann selbst hatte oft Angst vor seinem Gesicht gehabt, sich im Spiegel kaum wiedererkannt. Konnte Lisa am Montag in die Kanzlei gehen, ohne sich verdächtig zu machen?...




