E-Book, Deutsch, 285 Seiten
Lehner Seestadt
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-902924-65-0
Verlag: Seifert Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 285 Seiten
ISBN: 978-3-902924-65-0
Verlag: Seifert Verlag
Format: EPUB
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Fritz Lehner, geb. 1948 in Freistadt, Oberösterreich. Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen in Wien. Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, Frankfurt. Mitglied der Akademie der Künste, Berlin. Zu Lehners Filmen zählen: 'Schöne Tage' (Buch und Regie), 'Mit meinen heißen Tränen' (Buch und Regie), 'Jedermanns Fest' (Buch und Regie). Für seine Werke wurde er vielfach ausgezeichnet. Sein erster Roman, 'R', erschien 2003 im Seifert Verlag. Es folgten die Metropol-Trilogie ('Hotel Metropol: Ankunft', 'Hotel Metropol: Tage und Nächte', 'Hotel Metropol: Abreise'), 'Der Schneeflockenforscher' (2008), 'Margolin' (Buch und Blu-ray, 2012) und 'Vor dem Angriff' (2014).
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Sonnenallee
Die Flammen loderten auf und erfassten die Papiere. Belangloses Zeug, aber doch aus Kellermanns Vergangenheit. Dann kamen die ersten Briefe, einer nach dem anderen wurde ins Feuer geworfen. Sie alle trugen noch die alte Anschrift und den Namen eines Menschen, der Kellermann nicht mehr sein wollte. Dr. Hannes Kittel verbrannte nicht nur auf Kuverts, sondern auch in einem Packen von Rechnungen, Dokumenten und Einladungen zu Ärztekongressen. Die Änderung seines Namens hatte Kellermann einiges gekostet, wenn es ihn auch erstaunte, wie leicht es war, ein anderer zu werden. Jeder in diesem Land konnte sich durch entsprechende Anträge bei den Behörden verwandeln, sein früheres Dasein abwerfen, ein neues Leben beginnen. Dr. Hannes Kellermann, bis zu seinem 40. Lebensjahr Dr. Hannes Kittel, war zur Verwandlung gezwungen gewesen, wenn er mit Zuversicht in seine Zukunft blicken wollte. Das betraf nicht nur das Äußere, auch der Mensch in ihm musste ein anderer werden. Dem glücklichen Leben zugewandt, weg von diesen Gedanken, die mit dem Tod zu tun hatten.
Kellermann zögerte, aber dann warf er doch die Zeitungen auf den Scheiterhaufen. Sie fächerten und blähten sich auf, und für ein letztes Mal kamen die Schlagzeilen und Bilder zum Vorschein. Die Flammen ergriffen das Gesicht des Angeklagten, aber in keinem war Kellermann erkennbar, denn auf den Fotos trug er als Dr. K. schwarze Balken über den Augen, und er war in den letzten Jahren um einiges schlanker geworden. Das Training im Gefängnis hatte sich gelohnt. Er hatte nicht nur die sechs Jahre überlebt, sondern war attraktiver geworden. Noch mehr Anthony Perkins. So hatten ihn schon damals seine Studienkollegen genannt, später die Assistentinnen im Operationssaal, nur seine Zellengenossen waren nie auf diese Idee gekommen. Hier, in seinem neuen Leben, dachte bei seinem Anblick niemand an Anthony Perkins, dazu waren dessen Filme zu alt und das Schauspielergenie auch schon zu lange tot. In der Seestadt hätte er Bruce Willis ähnlich sehen müssen, um aufzufallen, oder Tom Cruise. Aber Dr. Kellermann war weder der eine noch der andere sondern ein neuer Mensch mit einem neuen Lebensgefühl in einer neuen Stadt.
Kellermann konnte die Seestadt jetzt nicht sehen, weil es Nacht war, weil das Feuer ihn blendete und er sich zudem an die zehn Gehminuten entfernt in einer tiefen Baugrube befand. In dieses Loch, das so groß war wie zwei oder drei Häuser, die erst erbaut werden mussten, hatte es ihn verschlagen, weil es in seiner Wohnung in der Sonnenallee zwar alles gab, was man für das neue Leben brauchte, aber keinen herkömmlichen Ofen mit einem Abzugskamin für den Rauch eines Feuers, keine Möglichkeit, seine Vergangenheit zu verbrennen. Auch der Grill auf dem Balkon wäre keine Lösung gewesen, denn Papierstapel und Zeitungen machten höllisch viel Asche, und Teile flogen sogar durch den Auftrieb und bei leichtestem Wind davon. In den engen und blankgefegten Gassen der Seestadt könnte ihm das zum Verhängnis werden. Hier hingegen waren die halb verkohlten Blätter Krähen ähnlich, die irgendwohin flatterten, zerbrachen und keinen Schaden anrichteten. Der Flammenschein lockte nicht einmal Jugendliche an. Wenn sie Feuer sehen wollten, machten sie es sich normalerweise selbst, zu laut dröhnender Musik, irgendwo am Rand des Sees oder auch auf der winzigen Insel inmitten des grünlichen Wassers, das auf allen Prospekten im herrlichsten Blau schimmerte.
Das Grundwasser der Baugrube hatte längst seine Schuhe durchnässt. Es war Zeit, dass er das von Baggern und Caterpillars gegrabene Tal mit den hohen Wänden aus Sand und Schotter verließ und nach Hause ging, vielleicht besser zurück in die Sonnenallee lief, denn er konnte es sich nicht leisten, zu spät in seine Wohnung zu kommen. Obwohl, noch gab es widerborstige Dokumente, die nicht brennen wollten, die keinem in die Hände fallen durften. Ein Blick darauf, und schon konnte ihm ein bis heute gut gesinnter Nachbar zum Feind werden. Jeder in der neuen Stadt. Jeder von den paar tausend neuen Bewohnern, die ihre Seestadt liebten, weil sie sich für sie entschieden hatten. Alles Pioniere, vor dem Einzug in die noch nach Farbe riechenden Wohnungen hatte keiner den anderen gekannt, und ihr Zuhause sah auch etwas nach Wildem Westen aus. Rundum Steppe, nichts als Ebene, und die hohen Häuser standen so eng beisammen, dass man an eine Wagenburg denken musste. In der man sicher war, nur umgeben von friedlichen Menschen. Da und dort vielleicht ein kleiner Überfall, eine Wand mit Graffities, eine heruntergerissene Fahne, ab und zu Schläge ins Gesicht eines Menschen, aber noch keine Messerstecherei, keine Schwerverletzten, nicht ein einziger Toter. Einen Mörder würde es in der Seestadt noch lange nicht geben. Vielleicht nie, denn auf dem Zeichenbrett der Planer und Architekten war ein solcher nicht vorgesehen, und auch in den Prospekten konnte Kellermann keinen entdecken. Er selbst war auch keiner. Verurteilt hatte man ihn wegen Totschlags. Aber das war ein Irrtum der Geschworenen gewesen. Acht Frauen und Männer hatten sich blenden lassen.
Im Halbdunkel suchte Kellermann nach einem Ast oder Holzstock. Und er fand etwas, das viel geeigneter war: Ein verrostetes Stück Eisen, fast wie mit Korallen bewachsen, die es hier natürlich nicht gab. Das Ding war so lang wie sein Unterarm, dick wie drei oder vier Finger, vielleicht ein verwachsenes Rohr von der Baustelle oder eine abgebrochene Stange, wie sie aus anderen Gruben schon aus dem Stahlbeton ragte. Auf jeden Fall ein Fund, mit dem Kellermann die widerspenstigen Papiere bequem in die Glut drücken konnte. Auch die krähenartigen Aschenblätter am Rand des Feuers erschlug er damit. Er kam sich vor, als würde er Dr. Hannes Kittel so gründlich auslöschen, dass er nie wieder auferstehen konnte. Noch ein Hieb, dann noch einer und noch einer. Zum Abschied. Aber auch wie im Zorn. Das Stück Eisen in Kellermanns Hand fühlte sich gut an. Trotzdem warf er es weg. Es kollerte ins Sickerwasser, verschwand darin.
Er blickte auf seine Uhr. Früher hatte er nicht einmal eine getragen, jetzt war sie einer seiner wichtigsten Begleiter. Neben dem Handy, das er ständig bei sich haben musste, auch nachts war es in der Reichweite seines Armes, sogar beim Duschen lag es statt der Seife in der Ablage aus Acryl. Jederzeit konnte es losschrillen, ihn aufschrecken, ihn daran erinnern, dass er Bereitschaft hatte. Dann kam stets eine Anweisung. Wo er sich einzufinden habe und wann. Dass ein neuer Zeitplan zu erstellen sei. Aber es wurde auch manchmal gefragt, wie er mit seinem neuen Leben zurechtkomme. Das war dann sein Betreuer. Oder sogar sein großer Mentor Hofstätter. Ihm hatte Kellermann alles zu verdanken. Was wie eine beglückende Freiheit aussah, war aber eine, bei der man ständig auf dem Sprung sein musste. Oft mit Herzrasen, nur weil man auf das Klingeln des Telefons wartete, das dann aber ausblieb. Und eine Stunde nach dem Einschlafen war es nicht nur einmal zu diesen schrecklichen Sekunden gekommen, in denen Kellermann aus Albträumen in eine noch bedrohlichere Welt gestoßen wurde. Durch das Versehen eines Beamten. Oder einen technischen Defekt. Weil in der Überwachungszentrale wieder einmal das Signal aufgeleuchtet hatte. Dann schrillte das Telefon, und sie kam, die Frage, die Kellermann so fürchtete: »Wo sind Sie?«
Jetzt eben würde er alles unternehmen, um sie nicht zu hören. Aber dafür war es fast zu spät. Er hatte die Zeit übersehen. Schuld daran waren die widerspenstigen Papiere, das lahme Feuer, das sie nicht auffressen wollte, aber auch sein Herumrätseln, welches Stück Eisen er bis vor ein paar Minuten in der Hand gehalten hatte. Es war etwas Besonderes gewesen, kein magischer Stab, aber auch nicht bloß irgendetwas von einer der größten Baustellen Europas für eine Stadt der Zukunft, wie es in den Prospekten hieß. Bodenfunde wirft man nicht weg, man trägt sie nach Hause, reinigt sie, erforscht ihre Herkunft, taucht ein in ihre Geschichte, dachte er und merkte sich die Stelle in der Wasserlacke, wo er diesen geheimnisvollen Stachel versenkt hatte.
10 vor 10. Er konnte es schaffen, er musste. Das war sein fester Wille. Man sollte ihm nichts anhängen können, keinen Schlechtpunkt in eine Liste eintragen, nach der man ihn dann negativ beurteilte. Ein anderer würde verzweifeln, weil die zusammengeschobene Seestadt zu weit weg war, doch er war als Sprinter gut. Zu seinem schnellen Denken kamen die schnellen Beine. Und eine Fantasie, die ihn dabei durch die Parks der Stadt, über Wiesen und sogar durch die Straßen von Los Angeles schweben ließ, hatte er ohnehin. Gerne stellte er sich dabei vor, neben dem dahintuckernden Peugeot Inspektor Columbos einherzulaufen und sich dabei sogar noch mit seinem liebsten Serienhelden zu unterhalten. Aber das waren nur Gedankenspiele gewesen, um sich die sechs Jahre zu verkürzen. Sie hatten trotzdem eine Ewigkeit gedauert.
Kellermann lief noch schneller, weg von diesem Gedanken, hin zu seiner Stadt, in der er sein eigener Herr war, ohne Primar, ohne offene Herzen, dafür aber mit einer Heilmethode, welche die Medizin revolutionieren konnte. Mit Patienten, denen ohne Blutvergießen geholfen wurde, im größten Zimmer seiner neuen Wohnung, das Menschen mit schmerzverzerrtem Gesicht betraten und lachend verließen, mit Freudentränen in den Augen, mit einer unendlichen Dankbarkeit ihm gegenüber, dem Wunder Dr. Kellermann, dem Mann mit den heilenden Händen, dem Aura-Chirurgen, der mit seinen Skalpellen ohne Schnitt in das Fleisch in das Innerste der Menschen vordringen konnte. In das wahre Innerste. Auch die...




